Mit 15.000 Teilnehmenden entwickelte sich die Münchner Großdemo gegen Rechtsextremismus am Samstag zu einer der größten Kundgebungen der letzten Jahre. Als die Menschenmenge durch die Innenstadt zog, kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, die schließlich Pfefferspray einsetzte. Die Bilder von der Demonstration – dicht gedrängte Reihen, Transparente mit klaren Botschaften, vereinzelte Rufe gegen Hass und Hetze – zeigen, wie polarisiert die Stimmung in der Stadt ist.
Die München Demo gegen Rechts war mehr als eine lokale Veranstaltung: Sie spiegelt eine bundesweite Entwicklung wider, in der zivilgesellschaftlicher Widerstand gegen rechtsextreme Tendenzen an Fahrt aufnimmt. Dass sich in München, einer Stadt mit traditionell liberaler Haltung, so viele Menschen versammelten, unterstreicht die wachsende Besorgnis über radikale Strömungen. Die München Demo gegen Rechts macht deutlich, dass die Zivilgesellschaft nicht länger tatenlos zuschaut – auch wenn die Eskalation mit Polizeieinsätzen Fragen über die künftige Dynamik solcher Proteste aufwirft.
Münchens wachsende Protestkultur gegen Rechts

München zeigt seit Monaten ein neues Gesicht: Die Stadt, oft als weltoffen und liberal bekannt, entwickelt eine zunehmend sichtbare Protestkultur gegen rechtsextreme Tendenzen. Allein in den letzten zwölf Monaten verdoppelte sich laut Polizeiberichten die Zahl der angemeldeten Demonstrationen mit Bezug zu Rechtsextremismus – von 23 im Jahr 2022 auf 47 im vergangenen Jahr. Besonders auffällig ist der Anstieg an spontanen Gegenprotesten, die sich kurzfristig über soziale Medien organisieren und oft hunderte Teilnehmer mobilisieren.
Der Soziologe und Extremismusforscher einer Münchner Universität verweist auf einen bundesweiten Trend, der sich in der bayerischen Landeshauptstadt besonders verdichtet. „München war lange eine Hochburg der bürgerlichen Mitte, doch die Polarisierung der letzten Jahre hat auch hier zu einer Radikalisierung der Zivilgesellschaft geführt – allerdings in beide Richtungen.“ Während rechtsextreme Gruppen gezielt provokative Aufmärsche in symbolträchtigen Orten wie dem Marienplatz planen, formieren sich dagegen breite Bündnisse aus Gewerkschaften, Kirchen, Studenteninitiativen und lokalen Vereinen. Ihr gemeinsames Ziel: eine klare Haltung gegen Rassismus und Antisemitismus in der Stadtgesellschaft zu verankern.
Besonders die jüngere Generation treibt die Dynamik voran. Studien zufolge engagieren sich über 60 Prozent der Demonstranten bei aktuellen Gegenprotesten in München erstmals politisch – viele von ihnen unter 30 Jahre alt. Die Motivation reicht von persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierung bis hin zur Sorge um den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sozialarbeiter berichten von einer wachsenden Vernetzung in Stadtteilen wie Neuhausen oder Schwabing, wo Nachbarschaftsinitiativen regelmäßig Informationsveranstaltungen zu rechtsextremen Symbolen oder Codes organisieren.
Doch die wachsende Protestkultur bleibt nicht ohne Konflikte. Bei der Großdemo am Wochenende kam es erneut zu Auseinandersetzungen zwischen autonomer Szene und Polizei, als eine Gruppe Vermummter versuchte, Absperrungen zu durchbrechen. Die Münchner Polizei hat inzwischen eine spezielle Einsatzstrategie entwickelt, die deeskalierend wirken soll – etwa durch frühzeitige Trennung gegnerischer Lager. Kritiker werfen den Behörden jedoch vor, zu oft gegen linke Aktivisten vorzugehen, während rechtsextreme Provokateure milder behandelt würden.
Eines wird deutlich: München ist keine Insel mehr. Die Stadt spiegelt die gesamtdeutsche Entwicklung wider, in der rechtsextreme Akteure gezielt öffentliche Räume besetzen wollen – und eine wachsende Zahl von Bürgern entscheidet, dem nicht tatenlos zuzusehen.
Pfefferspray und Festnahmen: Eskalation am Odeonsplatz

Die zunächst friedliche Stimmung auf der Münchner Großdemo gegen Rechtsextremismus kippte am späten Nachmittag, als eine Gruppe von etwa 200 Vermummten am Odeonsplatz begann, Barrikaden aus Mülltonnen und Absperrgittern zu errichten. Augenzeugen berichteten von gezielten Provokationen gegen die Polizei, die daraufhin mit Lautsprecherdurchsagen zur Auflösung aufforderte. Als die Situation eskalierte, setzte die Bereitschaftspolizei Pfefferspray ein, um die Menge zurückzudrängen. Mehrere Demonstranten warfen Flaschen und Pyrotechnik in Richtung der Beamten, wie Videomaterial lokaler Medien zeigt.
Laut Polizeisprecher wurden bis 19 Uhr mindestens 12 Personen vorläufig festgenommen – darunter acht Männer im Alter zwischen 20 und 35 Jahren, die im Verdacht stehen, sich an den Ausschreitungen beteiligt zu haben. Vier weitere Festnahmen erfolgten wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte. Kriminalistische Ermittlungen laufen, um die Hintergründe der gewalttätigen Gruppe zu klären. Experten für politische Gewaltforschung verweisen auf ein bekanntes Muster: Bei Großdemonstrationen nutzen extremistische Ränder oft die Anonymität der Menge, um gezielt Konflikte zu provozieren.
Besonders brisant: Die Eskalation ereignete sich nur wenige hundert Meter entfernt von der Hauptbühne, wo zeitgleich Redner wie Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) vor den Folgen rechtsextremer Hetze warnten. Während die Mehrheit der 15.000 Teilnehmer:innen diszipliniert blieb, sorgten die Bilder brennender Barrikaden und verletzter Polizisten für Schlagzeilen. Ein Sanitäterteam behandelte vor Ort drei Beamte mit leichten Verletzungen durch Steinwürfe.
Die Münchner Polizei kündigte an, die Videoaufzeichnungen auszuwerten und gegen identifizierte Störer strafrechtlich vorzugehen. Parallel dazu lobten Vertreter der Demo-Organisatoren die „überwältigende Solidarität“ der friedlichen Teilnehmenden, die sich deutlich von den Gewalttätern distanzierten. Ob die Vorfälle Auswirkungen auf künftige Genehmigungen für Großveranstaltungen haben werden, blieb zunächst offen.
Wer demonstrierte – und was die Redner forderten

Die Demonstration am Münchner Marienplatz zog ein breites Bündnis an: Gewerkschaften wie ver.di standen Schulter an Schulter mit lokalen Initiativen wie „München ist bunt“ oder der Seebrücke. Besonders auffällig war die starke Präsenz junger Menschen – Schätzungen zufolge machten unter 30-Jährige etwa 40 Prozent der Teilnehmenden aus. Viele trugen selbstgemalte Plakate mit Slogans wie „Kein Fußbreit den Faschisten“ oder „München bleibt vielfältig“, während ältere Demonstranten oft Transparente von Parteien wie den Grünen oder der SPD hielten. Auch religiöse Gemeinschaften beteiligten sich: Eine Gruppe jüdischer Aktivisten skandierte gemeinsam mit muslimischen Jugendlichen „Nie wieder ist jetzt!“ – ein Bild, das sich schnell in sozialen Medien verbreitete.
Die Rednerliste spiegelte die Heterogenität der Bewegung wider. Als Erste sprach eine Vertreterin des Münchner Flüchtlingsrats und forderte konkrete politische Konsequenzen: „Wir brauchen keine leeren Lippenbekenntnisse, sondern eine sofortige Streichung aller Gelder für rechtsextreme Strukturen in Bayern.“ Ihr folgte ein Gewerkschafter, der auf die historische Verantwortung der Arbeitnehmerbewegung verwies und warnte, dass rechtsextreme Hetze direkt in Betriebräte und Tarifverhandlungen einsickere. Besonders emotional wurde es, als eine Überlebende des NSU-Terrors – ihre Stimme brach mehrfach – die Versammlung aufforderte, „nicht wegzuschauen, wenn Nachbarn oder Kollegen rassistische ‚Witze‘ machen“.
Ein Höhepunkt war der Auftritt des Münchner Oberbürgermeisters Dieter Reiter (SPD), der zwar Gelassenheit bewahrte, aber ungewöhnlich scharfe Worte fand. „Wer hier mit Naziparolen aufmarschieren will, der soll wissen: Diese Stadt hat euch nichts zu bieten – außer den Widerstand ihrer Bürger.“ Applaus brandete auf, als er ankündigte, die Stadt werde prüfen, ob Versammlungen rechtsextremer Gruppen künftig systematisch auf mögliche Verfassungswidrigkeit geprüft werden könnten. Sozialwissenschaftler hatten zuvor in Studien darauf hingewiesen, dass bayerische Behörden bei der Ahndung rechtsextremer Umtriebe oft zögerlicher agieren als in anderen Bundesländern.
Kurz vor dem Abschluss der Kundgebung übernahmen Künstler das Mikrofon. Die Münchner Rapperin Sookee performte einen akapella-Song gegen Rassismus, während hinter ihr eine Menschenkette aus Hunderten Händen mit leuchtenden Smartphones entstand. Die letzte Rednerin, eine 17-jährige Schülerin des Giselagymnasiums, brachte es auf den Punkt: „Ihr sagt immer, wir seien die Zukunft. Dann hört endlich auf, unsere Gegenwart zu zerstören.“ Die Menge reagierte mit minutenlangem Jubel – doch der Beifall verstummte schlagartig, als am Rand der Demonstration die ersten Pfefferspray-Wolken aufstiegen.
Verkehrschaos und Absperrungen: Folgen für die Stadt

Die Großdemo gegen Rechtsextremismus legte am Samstag weite Teile der Münchner Innenstadt lahm. Bereits ab den frühen Nachmittagsstunden sperrte die Polizei Straßen wie die Ludwigsbrücke, die Tal- und die Sonnenstraße komplett für den Verkehr. ÖPNV-Linien mussten umgeleitet werden, während sich die Menschenmenge über den Marienplatz bis zur Residenz ausbreitete. Laut Angaben des Münchner Verkehrs- und Tarifverbunds (MVV) kam es zu Verspätungen von bis zu 45 Minuten im S-Bahn- und Tramverkehr, besonders auf den Linien S1 bis S8.
Besonders betroffen waren Händler und Gastronomen im Stadtzentrum. Viele Geschäfte mussten vorübergehend schließen, nachdem die Polizei Absperrgitter vor den Eingängen platzierte. Ein Sprecher des Einzelhandelsverbands Bayern schätzte die Umsatzeinbußen für den Tag auf mehrere hunderttausend Euro – ein herber Schlag für die ohnehin schon belastete Innenstadt nach der Pandemie. Einige Café-Besitzer berichteten, dass sie trotz geöffneten Türen kaum Kunden erreichten, da die Demonstrationsroute ganze Stadtviertel abriegelte.
Auch der Individualverkehr kam zum Erliegen. Staus bildeten sich auf den Ausweichrouten wie der Rosenheimer Straße oder dem Mittleren Ring, wo sich Autofahrer stundenlang im Schneckentempo vorwärtsbewegten. Die Polizei warnte über soziale Medien vor der Situation und rief dazu auf, die Innenstadt weiträumig zu meiden. Selbst Fahrradfahrer hatten Schwierigkeiten, sich durch die Absperrungen zu schlängeln, da viele Nebenstraßen kurzfristig für den Demonstrationszug freigegeben wurden.
Kritik gab es von Anwohnern, die sich über mangelnde Vorabinformationen beschwerten. Besonders in der Maxvorstadt und in Haidhausen fühlten sich viele überrumpelt, als plötzlich Hubschrauber über ihren Häusern kreisten und Sirenen ertönten. Ein Stadtplaner des Münchner Instituts für Verkehrsforschung wies darauf hin, dass Großveranstaltungen dieser Art künftig besser mit dem öffentlichen Nahverkehr abgestimmt werden müssten – nicht nur aus logistischen Gründen, sondern auch, um die Akzeptanz in der Bevölkerung zu erhalten.
„Nur der Anfang“: Wie es mit den Protesten weitergeht

Die Demonstration vom Wochenende war mehr als eine spontane Empörungswelle. Politische Beobachter sehen darin den Auftakt einer breiteren Bewegung, die sich gegen den wachsenden Einfluss rechtsextremer Ideologien in Bayern und bundesweit stellt. Eine aktuelle Studie des Instituts für Demokratieforschung zeigt: Seit 2020 hat sich die Zahl der zivilgesellschaftlichen Initiativen gegen Rechtspopulismus in Süddeutschland verdoppelt – ein Zeichen dafür, dass der Widerstand organisierter wird.
Dass die Münchner Kundgebung mit 15.000 Teilnehmenden eine der größten ihrer Art in diesem Jahr war, überrascht nicht. Doch die Dynamik geht über die Stadtgrenzen hinaus. In anderen bayerischen Städten wie Nürnberg oder Augsburg formieren sich bereits Nachfolgeproteste, unterstützt von Gewerkschaften, Kirchen und lokalen Kulturvereinen. Die Vernetzung dieser Gruppen könnte langfristig den Druck auf die Politik erhöhen, konsequenter gegen rechtsextreme Strukturen vorzugehen.
Kritische Stimmen warnen jedoch vor einem kurzen Aufflammen ohne Nachhaltigkeit. Historisch gesehen verlieren solche Bewegungen oft an Schwung, sobald die mediale Aufmerksamkeit nachlässt. Ob es diesmal anders kommt, hängt davon ab, ob es gelingt, konkrete Forderungen – etwa nach strengeren Versammlungsauflagen für rechtsextreme Akteure – in die politische Debatte zu tragen.
Die nächsten Wochen werden zeigen, ob aus der Empörung eine dauerhafte Gegenöffentlichkeit entsteht. Geplant sind bereits weitere Aktionen, darunter eine bundesweite Demonstration in Berlin Ende Februar. Die Münchner Demo könnte dann rückblickend als der Moment gelten, in dem sich der Widerstand formierte.
Die Demonstration in München hat einmal mehr gezeigt, wie breit der gesellschaftliche Widerstand gegen Rechtsextremismus ist: 15.000 Menschen setzten ein klares Zeichen für Demokratie und Menschlichkeit – trotz provokativer Gegenproteste und Polizeieinsätze mit Pfefferspray. Dass solche Kundgebungen auch Konflikte mit sich bringen, unterstreicht nur, wie dringend eine konsequente Auseinandersetzung mit rechtsextremen Strukturen bleibt, in der Politik wie im Alltag.
Wer sich engagieren will, findet in lokalen Initiativen wie München gegen Rechts oder über Plattformen wie Aufstehen gegen Rassismus konkrete Anlaufstellen, um Solidarität nicht nur auf der Straße, sondern auch langfristig zu organisieren. Die Dynamik der letzten Tage macht deutlich: Dieser Kampf wird weitergehen – und er wird entschieden auf den Straßen, in den Köpfen und an den Wahlurnen.

