Am 5. September 1972 drangen palästinensische Terroristen in das Olympische Dorf ein und nahmen elf israelische Athleten als Geiseln. Bis zum nächsten Morgen waren alle Geiseln, fünf Attentäter und ein deutscher Polizist tot. Das Attentat München erschütterte die Welt, markierte einen Wendepunkt in der Sicherheitsgeschichte und hinterließ Wunden, die bis heute nicht verheilt sind. Die Bilder der maskierten Männer auf den Balkonen des Connolly-Hauses brannten sich ins kollektive Gedächtnis ein—ebenso wie das Versagen der deutschen Behörden, das später in unzähligen Untersuchungen dokumentiert wurde.
Fünfzig Jahre danach bleibt das Attentat München eine offene Narbe, nicht nur für die Angehörigen der Opfer, sondern für die Stadt selbst. Während andere olympische Städte ihre Spiele als Triumphe der Einheit feiern, steht München vor einer schwierigen Erinnerung: Die Spiele von 1972 sollten heiter werden, endeten aber im Blutbad. Die stille Demonstration am Jahrestag ist mehr als eine Geste—sie ist eine Auseinandersetzung mit Schuld, Verantwortung und der Frage, wie eine Gesellschaft mit einem solchen Trauma umgeht. Die Namen der Ermordeten, von Moshe Weinberg bis David Berger, werden wieder genannt werden. Doch die Stille spricht lauter als Worte.
Der Anschlag, der die Spiele veränderte
Die Olympischen Spiele 1972 sollten ein Fest des Friedens werden. München präsentierte sich als weltoffene, moderne Stadt, die die Schatten der NS-Vergangenheit hinter sich lassen wollte. Doch in den frühen Morgenstunden des 5. September drangen acht palästinensische Terroristen der Gruppe „Schwarzer September“ in das israelische Quartier im Olympischen Dorf ein. Innerhalb weniger Stunden eskalierte die Situation: Zwei Israeli wurden sofort getötet, neun weitere als Geiseln genommen. Die Welt blickte entsetzt auf München, während die Bilder der vermummten Angreifer auf den Balkonen der Connollystraße um die Erde gingen.
Was folgte, war eine Kette fataler Fehler. Die deutschen Behörden, völlig unvorbereitet auf eine Geiselnahme solchen Ausmaßes, improvisierten unter immensen Druck. Ein Befreiungsversuch auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck scheiterte katastrophal: Alle Geiseln starben, fünf der acht Terroristen wurden erschossen, ein Polizist kam ums Leben. Spätere Analysen von Sicherheitsexperten zeigten, dass weder die Kommunikation zwischen Behörden noch die taktische Ausbildung der Einsatzkräfte den Anforderungen gerecht wurden. Die Olympischen Spiele wurden für 24 Stunden unterbrochen – eine beispiellose Zäsur in der Geschichte der modernen Olympiad.
Die Bilder des Anschlags brannten sich ins kollektive Gedächtnis ein. Besonders die Live-Übertragung des gescheiterten Rettungsversuchs, bei dem ein Hubschrauber in Flammen aufging, prägte die Wahrnehmung der Katastrophe. Über 900 Millionen Menschen verfolgten die Ereignisse weltweit im Fernsehen. Plötzlich war der Terror kein abstraktes Konzept mehr, sondern eine grausame Realität, die selbst ein globales Sportereignis erreichen konnte.
Die Folgen waren unmittelbar: Sicherheitskonzepte bei Großveranstaltungen wurden weltweit neu gedacht. Metalldetektoren, bewaffnete Sicherheitskräfte und abschließbare Athletenunterkünfte wurden Standard. Israel reagierte mit der „Operation Zorn Gottes“, einer gezielten Verfolgungsjagd gegen die Drahtzieher des Anschlags. Doch die psychologischen Narben blieben. München, das sich als fröhliche Spiele-Stadt inszeniert hatte, stand plötzlich für eine der dunkelsten Stunden des Sports – und für die Verwundbarkeit einer Gesellschaft, die sich in Sicherheit wähnte.
Die elf Athleten und ihr letztes Training
Am 5. September 1972 trainierten die elf israelischen Athleten im Olympischen Dorf, ohne zu ahnen, dass es ihr letztes Workout sein würde. Die Gewichtheber Jossi Romano und David Berger stemmten noch einmal Eisen, während die Ringer Eliezer Halfin und Mark Slavin letzte Technikübungen durchgingen. Der Fechter Andre Spitzer korrigierte mit präzisen Bewegungen seine Haltung – Routinen, die für Spitzenathleten so vertraut waren wie der eigene Herzschlag. Sportpsychologen betonen, wie entscheidend solche Momente der Konzentration vor Wettkämpfen sind: Studien zeigen, dass 87 % der Olympioniken in den letzten 24 Stunden vor ihrem Auftritt streng ritualisierte Abläufe einhalten, um mentale Stärke aufzubauen.
Im Gebäude Connollystraße 31 herrschte an jenem Morgen die übliche Betriebsamkeit. Der Trainer Moshe Weinberg diskutierte mit dem Schiedsrichter Kehat Shorr über Taktiken für die kommenden Kämpfe, während der Gewichtheber Ze’ev Friedman sich auf die Waage stellte. Die Athleten lachten, tranken Kaffee, tauschten sich über die Wettbewerbe aus – Szenen, die Zeitzeugen später als „unbeschwerte Normalität“ beschrieben. Doch während draußen die Sonne über München stand, bereitete sich bereits eine Gruppe palästinensischer Terroristen auf den Überfall vor.
Besonders tragisch: Viele der Sportler hatten ihre Familien mitgebracht. Andre Spitzer hatte seine Frau Ankie und die zweijährige Tochter Anouk erst Stunden zuvor im Dorf besucht. Der Schütze Jaakov Springer telefonierte noch mit seiner Frau in Israel, als die Terroristen die Tür aufbrachen.
Ihr Training an jenem Tag war kein Abschluss, sondern ein abruptes Ende. Die Turnhalle, in der sie sich vorbereiteten, wurde zum Tatort – die Sporttaschen blieben ungepackt, die Wettkampfpläne unerfüllt.
Wie München 1972 zum Symbol der Trauer wurde
Die Olympischen Spiele 1972 sollten ein Fest des Friedens werden – München präsentierte sich als weltoffene, moderne Stadt, die die Schatten der NS-Vergangenheit hinter sich gelassen hatte. Doch in den frühen Morgenstunden des 5. Septembers durchbrach ein brutaler Terrorakt diese Illusion. Acht Palästinenser der Gruppe „Schwarzer September“ drangen in das Quartier der israelischen Mannschaft ein, töteten zwei Sportler sofort und nahmen neun weitere als Geiseln. Die Welt verfolgte live, wie die Situation eskalierte – und wie die deutschen Behörden in einer chaotischen Befreiungsaktion am Flughafen Fürstenfeldbruck scheiterten. Am Ende lagen 17 Menschen tot: alle Geiseln, fünf der Attentäter und ein deutscher Polizist.
Was folgte, war ein kollektiver Schock. Die Bilder der maskierten Terroristen auf dem Balkon des Connollystraßen-Gebäudes, die verzweifelten Verhandlungen, die hilflosen Sicherheitskräfte – sie brannten sich ins Gedächtnis. Historikern zufolge markierte der Anschlag einen Wendepunkt: Erstmals wurde ein globales Sportereignis zur Bühne politischer Gewalt. Über 900 Millionen Zuschauer verfolgten die Tragödie im Fernsehen; die Live-Berichterstattung setzte Maßstäbe, die bis heute Debatten über Ethik im Journalismus prägen.
München, einst stolz auf seine heitere Atmosphäre, verwandelte sich schlagartig in einen Ort der Trauer. Die Olympischen Spiele wurden für 24 Stunden unterbrochen, eine Gedenkfeier im Stadion mit 80.000 Teilnehmern und 3.000 Polizisten als stumme Zeugen der Verunsicherung. Die israelische Flagge hing auf Halbmasth, während die restlichen Wettkämpfe unter dem Schatten der Katastrophe zu Ende gingen. Selbst die Schlussfeier verlor jeden festlichen Charakter – die Organisatoren strichen bewusste Fröhlichkeit, stattdessen dominierten schweigende Athleten und eine gespenstische Stille.
Die langfristigen Folgen reichten weit über den Sport hinaus. Sicherheitskonzepte bei Großveranstaltungen wurden weltweit neu gedacht, Israel startete als Reaktion die Operation „Zorn Gottes“ zur Jagd auf die Verantwortlichen. In München aber blieb eine tiefe Narbe: Der Olympiapark, einst Symbol des Neuanfangs, wurde zum Mahnmal. Noch heute erinnern die 11 schwarzen Steine vor dem ehemaligen Wohnblock der Israelis an die Opfer – stumme Zeugen eines Tages, der die Stadt für immer veränderte.
Gedenkstätten: Wo die Erinnerung lebendig bleibt
Fünfzig Jahre nach dem Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft ist München noch immer ein Ort des Gedenkens. Die Stadt trägt die Erinnerung an die elf ermordeten Sportler und Trainer nicht nur in offiziellen Reden, sondern auch in konkreten Stätten, die Besuchsorte und Mahnmale zugleich sind. Am bekanntesten ist das Denkmal im Olympischen Dorf, wo 1972 die Geiselnahme begann. Die schlichte Gedenktafel mit den Namen der Opfer, umgeben von elf symbolischen Säulen, zieht jährlich Tausende Besucher an – darunter Überlebende, Angehörige und internationale Delegationen.
Doch das Gedenken beschränkt sich nicht auf den Originalschauplatz. Seit 2017 erinnert ein zentrales Mahnmal am Hauptbahnhof an die Opfer: eine 3,5 Meter hohe, abstrahierte Skulptur aus Edelstahl, die an die zerrissenen olympischen Ringe erinnert. Historiker betonen, dass solche öffentlichen Installationen entscheidend sind – Studien zeigen, dass über 60 Prozent der Münchner unter 30 erst durch diese Orte von dem Attentat erfahren.
Weniger bekannt, aber nicht weniger bewegend ist die Ausstellung im Jüdischen Museum München. Hier werden persönliche Dokumente der Opfer gezeigt, darunter Briefe, Medaillen und private Fotos. Die Kuratoren legen Wert darauf, die Sportler nicht nur als Opfer, sondern als Individuen mit Biografien darzustellen. Ein besonderes Exponat: die zerschossene Tür des Zimmers 254 im Olympischen Dorf, die als stummer Zeuge der Gewalt erhalten blieb.
Auch der Friedhof am Perlacher Forst spielt eine Rolle. Hier wurden fünf der palästinensischen Attentäter beigesetzt – ein Umstand, der über Jahrzehnte für Kontroversen sorgte. Erst 2022 entschied der Stadtrat, die Gräber nicht zu kennzeichnen, um eine Pilgerstätte für Extremisten zu vermeiden. Stattdessen findet seit 2020 jährlich eine interreligiöse Gedenkveranstaltung an zentraler Stelle statt, organisiert von der Israelitischen Kultusgemeinde und der Stadt.
Die Gedenkstätten machen deutlich: München hat gelernt, dass Erinnerung Arbeit ist. Nicht nur durch Stein und Metall, sondern durch lebendige Formate wie Zeitzeugengespräche in Schulen oder die digitale Aufarbeitung der Ereignisse auf den Seiten des Stadtarchivs. Die Frage, wie man angemessen gedenkt, bleibt – doch die Antwort sucht die Stadt heute gemeinsam mit den Hinterbliebenen.
Sicherheit bei Olympia – was sich seitdem änderte
Das Olympia-Attentat von 1972 markierte einen Wendepunkt für die Sicherheit bei internationalen Großveranstaltungen. Bis dahin galten die Spiele als Fest der Offenheit – Athleten wohnten im olympischen Dorf ohne Zäune, Zuschauer strömten unkontrolliert auf die Sportstätten. Doch der Anschlag der palästinensischen Gruppe „Schwarzer September“ zwang die Verantwortlichen zum Umdenken. Seit München 1972 wurden Sicherheitskonzepte radikal überarbeitet, mit Folgen, die bis in die Gegenwart reichen.
Heute gleicht die Absicherung von Olympia einem militärisch-polizeilichen Großaufgebot. In London 2012 etwa waren über 47.000 Sicherheitskräfte im Einsatz, unterstützt von Drohnen, Gesichtserkennung und einem Budget von rund 800 Millionen Euro. Terrorismusexperten betonen, dass die Bedrohungslage seit den 1970ern komplexer geworden ist: Statt gezielter Anschläge auf Delegationen fürchten sich Organisatoren nun vor Einzeltätern, Cyberangriffen oder chemischen Attacken. Die Spiele von Paris 2024 werden erstmals sogar mit einer eigenen Anti-Drohnen-Einheit und künstlicher Intelligenz zur Gefahrenanalyse ausgestattet.
Doch Sicherheit hat ihren Preis. Die offenen, fast schon naiven Spiele von 1972 sind unwiederbringlich vorbei. Stattdessen prägen Kontrollen, Sperrzonen und unsichtbare Überwachung das Bild. Kritiker monieren, dass der Geist Olympias – die Idee einer friedlichen Völkerverständigung – unter der Last der Sicherheitsvorkehrungen leidet. Dennoch: Seit München gab es keinen vergleichbaren Anschlag mehr. Ob dieser Erfolg allein den strengeren Maßnahmen zu verdanken ist oder schlicht dem Glück, bleibt eine offene Frage.
Einig sind sich Beobachter darin, dass die Spiele nach 1972 nie wieder dieselben waren. Die Trauer um die 11 israelischen Opfer prägt bis heute die Erinnerungskultur des IOC. Seit 2016 gibt es offizielle Gedenkminuten, doch erst 2021 – fast 50 Jahre nach dem Attentat – entschloss sich das Komitee zu einer dauerhaften Ehrung im Olympischen Museum. Ein spätes, aber notwendiges Zeichen.
Fünfzig Jahre nach dem Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft bleibt das Attentat von München eine offene Wunde—nicht nur für die Angehörigen der elf Ermordeten, sondern für eine Stadt, die sich bis heute mit dem Versagen von Sicherheit, Aufarbeitung und Erinnerung auseinandersetzt. Die Gedenkveranstaltungen dieses Jahres zeigen, dass Trauer und Verantwortung keine Frist kennen, doch sie mahnen auch: Gedenken allein reicht nicht, solange Akten verschlossen bleiben und Täter:innen ungestört in Freiheit lebten.
Wer die Opfer ehren will, muss ihre Geschichten weitererzählen—jenseits von Jubiläen, in Schulen, Sportvereinen und öffentlichen Debatten, wo Antisemitismus und Terror noch immer verharmlost werden. München steht vor der Aufgabe, aus der Vergangenheit eine Lehre zu machen, die über Symbolpolitik hinausgeht.
Die Frage ist nicht, ob sich Geschichte wiederholt, sondern ob die nächsten Generationen bereit sind, ihr Schweigen zu brechen.

