Zwei Jahre lang blieben die Türen geschlossen, Tausende Anträge stapelten sich un bearbeitet: Das afghanische Konsulat in München hatte seinen Betrieb 2022 abrupt eingestellt – mit gravierenden Folgen für die afghanische Community in Deutschland. Ohne konsularische Dienstleistungen hingen Familienzusammenführungen in der Schwebe, Pässe liefen ab, und dringende Dokumente wie Geburtsurkunde oder Heiratsnachweise konnten nicht beglaubigt werden. Die Schließung traf besonders hart die rund 270.000 in Deutschland lebenden Afghan:innen, für die München als zentraler Anlaufpunkt galt.

Jetzt gibt es Bewegung. Seit dem 15. Juli hat das afghanische Konsulat München seinen Betrieb wiederaufgenommen – wenn auch unter strengen Auflagen und mit eingeschränktem Service. Die Wiedereröffnung kommt zu einem kritischen Zeitpunkt: Seit der Machtübernahme der Taliban 2021 ist die Nachfrage nach konsularischen Dienstleistungen explodiert, gleichzeitig gestalten sich die Abläufe mit den neuen Machthabern in Kabul kompliziert. Wer jetzt einen Termin beim afghanischen Konsulat München sucht, muss mit langen Wartezeiten und bürokratischen Hürden rechnen. Doch für viele ist es die einzige Option, um überhaupt noch offizielle Papiere zu erhalten.

Zwei Jahre ohne diplomatische Vertretung in Bayern

Zwei Jahre lang blieb der Schreibtisch des afghanischen Honorarkonsuls in München verwaist. Seit der Schließung der Vertretung im August 2022 hatten Tausende Afghan:innen in Bayern keine lokale Anlaufstelle mehr für konsularische Dienstleistungen. Betroffen waren vor allem die rund 15.000 in Bayern lebenden afghanischen Staatsbürger:innen, die für Pässe, Beglaubigungen oder familienrechtliche Angelegenheiten auf die Botschaft in Berlin oder Konsulate in anderen Bundesländern ausweichen mussten – mit langen Wartezeiten und hohen Reisekosten.

Die Lücke traf besonders hart in humanitären Fällen. Flüchtlingsorganisationen berichteten von verzweifelten Familien, die monatelang auf die Ausstellung von Dokumenten für nachziehende Angehörige warteten. Laut einer Erhebung des Bayerischen Flüchtlingsrats verdreifachten sich in dieser Zeit die Anfragen an überlastete Beratungsstellen, da viele Antragsverfahren ohne lokale konsularische Unterstützung ins Stocken gerieten.

Auch die bayerische Wirtschaft spürte die Folgen. Unternehmen mit Handelsbeziehungen nach Afghanistan sahen sich mit bürokratischen Hürden konfrontiert, da Handelsdokumente nicht mehr vor Ort beglaubigt werden konnten. Besonders mittelständische Exporteure klagten über verzögerte Lieferketten, da Zollpapiere oft wochenlang in Berlin bearbeitet werden mussten.

Diplomatische Vertretungen der Nachbarländer übernahmen zwar in Einzelfällen Notfallhilfe, doch ohne offizielle afghanische Präsenz blieb Bayern eine graue Zone. Erst mit der erneuten Eröffnung des Konsulats kehrt nun allmählich Normalität ein – und mit ihr die Hoffnung auf schnellere Lösungen für die seit Jahren wartenden Antragsteller:innen.

Wie die Neueroffnung des Konsulats ablief

Die Wiedereröffnung des afghanischen Konsulats in München verlief unter strengen Sicherheitsvorkehrungen und mit einer klar strukturierten Ablaufplanung. Bereits Wochen vor dem offiziellen Termin koordinierten bayerische Behörden, das Auswärtige Amt und Vertreter der afghanischen Übergangsregierung die logistischen Details. Am Eröffnungstag selbst kontrollierten Polizeikräfte den Zugang zum Gebäude an der Nymphenburger Straße, während eine begrenzte Anzahl von Medienvertretern und geladenen Gästen – darunter Vertreter afghanischer Gemeinschaften in Deutschland – Einlass erhielten. Die feierliche Zeremonie begann pünktlich um 10 Uhr mit einer kurzen Ansprache des bayerischen Innenministers, gefolgt von einer Videobotschaft des afghanischen Außenministeriums.

Laut Angaben des Münchner Polizeipräsidiums waren über 50 Beamte im Einsatz, um mögliche Störungen zu verhindern. Besonders im Fokus stand die Absicherung der Umgebung, nachdem in den Vorwochen vereinzelt Proteste afghanischer Exilgruppen angekündigt worden waren. Tatsächlich blieb es ruhig: Nur eine kleine Gruppe von Demonstranten hielt etwa 200 Meter entfernt Transparente hoch, ohne den Ablauf zu beeinträchtigen. Im Inneren des Konsulats unterzeichneten unterdessen deutsche und afghanische Vertreter ein Protokoll zur Wiederaufnahme konsularischer Dienstleistungen – ein Schritt, den Migrationsexperten als „wichtiges Signal für die etwa 250.000 in Deutschland lebenden Afghanen“ bewerten.

Die ersten Bürger konnten noch am selben Nachmittag Termine für Passangelegenheiten und Visa buchen. Ein neu eingerichtetes Online-Portal ermöglichte die Registrierung, um Wartezeiten zu verkürzen. Konsularbeamte betonten, dass zunächst Priorität auf dringenden Fällen wie Familienzusammenführungen oder verlorenen Dokumenten liege. Bis Ende der Woche waren bereits über 400 Anträge eingegangen – ein Beleg für den hohen Bedarf.

Hinter den Kulissen arbeitete ein Team aus acht afghanischen und drei lokalen Mitarbeitern daran, die Abläufe zu optimieren. Besonders die digitale Infrastruktur musste kurzfristig angepasst werden, da viele Antragsteller aus ländlichen Regionen Afghanistans nur eingeschränkten Zugang zu technischen Geräten haben. Hier sprang das Bayerische Staatsministerium für Digitales ein und stellte vorübergehend Tablets für die Bearbeitung zur Verfügung.

Dokumente, Termine, Öffnungszeiten: Was Antragsteller jetzt wissen müssen

Mit der Wiedereröffnung des afghanischen Konsulats in München ändern sich die Abläufe für Antragsteller grundlegend. Wer Pässe, Visa oder andere Dokumente beantragen möchte, muss sich auf längere Bearbeitungszeiten einstellen – aktuell liegen diese bei durchschnittlich vier bis sechs Wochen, wie aus internen Quellen des Auswärtigen Amts hervorgeht. Die Wartezeit für Termine beträgt mindestens drei Monate, da die Kapazitäten begrenzt sind und die Nachfrage nach der zweijährigen Schließung extrem hoch bleibt.

Öffnungszeiten gibt es nur nach Voranmeldung: Montags bis donnerstags von 9:00 bis 12:00 Uhr für konsularische Dienstleistungen, freitags bleibt das Konsulat geschlossen. Spontanbesuche sind nicht möglich – jeder Termin muss über das Online-Portal der Botschaft in Berlin gebucht werden. Wer ohne Buchung erscheint, wird abgewiesen.

Besondere Aufmerksamkeit erfordert die Dokumentenliste. Für Reisepassanträge sind nun biometrische Fotos im Format 35×45 mm Pflicht, zudem muss der Antragsteller persönlich erscheinen. Bei Visa für Familienzusammenführungen verlangen die Behörden zusätzlich eine beglaubigte Einladung aus Afghanistan sowie einen Nachweis über die finanzielle Absicherung in Deutschland. Fehlende Unterlagen führen automatisch zur Ablehnung.

Experten von Flüchtlingsorganisationen raten dringend, alle Papiere vorab von einem anerkannten Übersetzer ins Dari oder Paschtu übertragen zu lassen. Rund 30 % der Anträge scheitern aktuell an formellen Fehlern – ein Risiko, das sich durch sorgfältige Vorbereitung vermeiden lässt.

Reaktionen aus der afghanischen Community in München

Die Wiedereröffnung des afghanischen Konsulats in München hat in der lokalen Community eine Welle der Erleichterung ausgelöst. Viele der etwa 12.000 in Bayern lebenden Afghan:innen hatten seit der Schließung 2021 mit bürokratischen Hürden zu kämpfen – von abgelaufenen Pässen bis zu unklaren Aufenthaltstiteln. Besonders betroffen waren Familien, die auf konsularische Dienstleistungen für Geburtsurkunden oder Heiratsdokumente angewiesen waren. Vor dem Konsulatsgebäude bildeten sich bereits am ersten Tag lange Schlangen, ein Zeichen für den dringenden Bedarf.

Vertreter afghanischer Vereine in München betonen, wie sehr die Schließung die Gemeinschaft belastet hat. Laut einer Umfrage des Bayerischen Flüchtlingsrats aus dem Jahr 2023 gaben über 60 % der befragten Afghan:innen an, aufgrund fehlender Konsulatsdienste in rechtliche oder administrative Notlagen geraten zu sein. Viele mussten auf teure Reisen in andere EU-Länder ausweichen, um einfache Anträge zu stellen.

Die Stimmung ist dennoch gespalten. Während ältere Generationen die Rückkehr konsularischer Dienstleistungen als „Licht am Horizont“ beschreiben, zeigen sich jüngere Afghan:innen skeptisch. Sie fragen sich, wie nachhaltig die Unterstützung sein wird – besonders vor dem Hintergrund der anhaltenden politischen Unsicherheit in Afghanistan. Einige befürchten, dass die Wiedereröffnung vor allem symbolischen Charakter hat.

Kulturelle Initiativen wie das Afghanische Kulturzentrum München planen bereits Informationsveranstaltungen, um über die neuen Abläufe aufzuklären. Die Nachfrage nach Beratung ist enorm, denn viele wissen nicht, welche Unterlagen sie für anstehende Anträge benötigen. Klare Kommunikationswege zwischen Konsulat und Community bleiben damit eine der größten Herausforderungen.

Ungeklärte Fragen: Visumverfahren und langfristige Perspektiven

Die Wiedereröffnung des afghanischen Konsulats in München bringt Erleichterung – doch viele praktische Hürden bleiben. Besonders das Visumverfahren wirft Fragen auf: Seit der Machtübernahme der Taliban 2021 hängen tausende Anträge in der Schwebe. Laut Angaben des Auswärtigen Amts warten allein in Deutschland über 12.000 Afghan:innen auf eine Entscheidung über Familienzusammenführungen oder humanitäre Visa. Ob das Konsulat in München diese Fälle beschleunigen kann, ist noch unklar. Die Wartezeiten für Termine betragen weiterhin Monate, und die Kommunikationswege mit den Behörden in Kabul gelten als unberechenbar.

Langfristig stellt sich die Frage, wie nachhaltig die Konsulatsarbeit sein wird. Diplomaten vor Ort betonen, dass die politische Lage in Afghanistan direkte Auswirkungen auf die Dienstleistungen hat. So hängt die Bearbeitung von Reisepässen oder Geburtsurunden oft von der Kooperation lokaler Behörden ab – und die ist seit 2021 stark eingeschränkt. Experten von Pro Asyl warnen zudem davor, dass viele Afghan:innen ohne gültige Papiere in Deutschland in einer rechtlichen Grauzone leben. Ohne klare Perspektiven droht ihnen der Verlust von Aufenthaltstiteln oder Sozialleistungen.

Ein weiteres Problem: die Anerkennung von Dokumenten. Seit der Schließung der Botschaft in Berlin 2021 fehlt eine zentrale Anlaufstelle für Beglaubigungen. Das Münchner Konsulat könnte hier entlasten, doch ob es die Kapazitäten hat, bleibt abzuwarten. Betroffene berichten von Fällen, in denen selbst notariell beglaubigte Übersetzungen afghanischer Urkunden von deutschen Behörden abgelehnt wurden – mit Verweis auf fehlende diplomatische Bestätigungen.

Die Unsicherheit wiegt besonders für diejenigen schwer, die auf legalem Weg nach Deutschland kommen wollen. Während andere Länder wie Österreich oder die Schweiz bereits Sonderregelungen für afghanische Staatsangehörige eingeführt haben, fehlt in Deutschland eine einheitliche Linie. Bis das Konsulat in München hier Klarheit schafft, bleibt für viele nur eines: warten.

Die Wiedereröffnung des afghanischen Konsulats in München nach zweijähriger Schließung markiert einen wichtigen Schritt für die hier lebende Community – endlich können dringende Anträge von Pässen über Visa bis zu Beglaubigungen wieder vor Ort bearbeitet werden, ohne umständliche Umwege über andere Standorte. Besonders für Geflüchtete und Familien mit Verbindungen nach Afghanistan bedeutet dies weniger Bürokratie und kürzere Wartezeiten, auch wenn die Kapazitäten zunächst noch begrenzt bleiben.

Wer Termine vereinbaren oder Unterlagen einreichen möchte, sollte die Website des Konsulats regelmäßig prüfen und sich auf längere Bearbeitungszeiten einstellen, da mit hohem Andrang zu rechnen ist. Die Priorität liegt nun darauf, die Abläufe zu stabilisieren – ein Prozess, der Zeit braucht, aber für Tausende in Bayern eine lang ersehnte Erleichterung bringt.