Mit einem Investitionsvolumen von 15 Millionen Euro startet eines der ambitioniertesten Sanierungsprojekte Münchens: Die Alte Akademie München, seit zwei Jahrhunderten ein stummer Zeuge der Stadtgeschichte, erhält erstmals eine grundlegende Restaurierung. Das 1808 errichtete Gebäude am Marienplatz, einst Sitz der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, trägt nicht nur die Spuren der Zeit in seiner neoklassizistischen Fassade, sondern auch in maroden Innenräumen, veralteter Haustechnik und barrierefreien Defiziten. Dass ein solches Vorhaben jetzt Realität wird, markiert einen Wendepunkt – nach Jahrzehnten des Provisoriums.
Die Alte Akademie München ist mehr als nur ein historisches Gebäude: Sie steht für den geistigen Kern der Stadt, in dem Generationen von Forschern, Künstlern und Denkern wirkten. Doch während Touristenströme am Marienplatz vorbeiziehen, blieb das Innere des Hauses lange unsichtbar – und mit ihm die drängenden Probleme. Jetzt soll die Sanierung nicht nur denkmalschutzgerecht erfolgen, sondern das Gebäude auch für zukünftige Nutzungen fit machen. Ein Projekt, das Münchens Umgang mit seinem kulturellen Erbe auf die Probe stellt.
Ein Wahrzeichen zwischen Kunst und Wissenschaft
Die Alte Akademie München steht seit zwei Jahrhunderten als stummer Zeuge zwischen zwei Welten: Hier prallten einst künstlerische Visionen auf wissenschaftliche Präzision. Das 1808 nach Plänen von Karl von Fischer errichtete Gebäude an der Neuhauser Straße vereinte ursprünglich die Königliche Akademie der Bildenden Künste mit der Bayerischen Akademie der Wissenschaften – eine ungewöhnliche Symbiose, die München als Zentrum von Geist und Gestaltung etablierte. Die Fassade im strengen Klassizismus mit ihren korinthischen Säulen wirkt wie ein Manifest der Aufklärung: klar, ordentlich, fast kühl. Doch hinter diesen Mauern entstanden Werke, die Bayerns kulturelles Erbe prägten – von den ersten anatomischen Zeichnungen für medizinische Lehrbücher bis zu den Skizzen für die Fresken der Residenz.
Architekturhistoriker betonen, wie selten solche hybriden Bauten im 19. Jahrhundert waren. Laut einer Studie der TU München aus dem Jahr 2021 finden sich in ganz Europa nur sieben vergleichbare Gebäude, die Kunst- und Wissenschaftsinstitutionen unter einem Dach vereinten. Die Alte Akademie war dabei die einzige, die beide Disziplinen räumlich gleichwertig behandelte – ein Novum für die Zeit.
Besonders markant ist der große Festsaal im ersten Obergeschoss. Hier hielten nicht nur Maler wie Peter von Cornelius Vorträge über Komposition, sondern auch Chemiker wie Justus von Liebig präsentierten bahnbrechende Forschungsergebnisse. Die Akustik des Saals, mit seiner flachen Holzdecke und den schallreflektierenden Stuckverzierungen, galt als so vorbildlich, dass sie später beim Bau der Universität München kopiert wurde. Selbst die Fensteranordnung folgte einem System: Nordlicht für die Künstlerateliers, gleichmäßiges Oberlicht für die naturwissenschaftlichen Sammlungen.
Die Sanierung wird diese Doppelnatur des Gebäudes wieder sichtbar machen. Jahrzehntelang hatten Zwischendecken und moderne Installationen die ursprüngliche Raumaufteilung verschleiert. Jetzt sollen die restaurierten Säle zeigen, wie nah sich einst Pinselstrich und Reagenzglas waren – eine Erinnerung daran, dass große Ideen oft an den Schnittstellen entstehen.
200 Jahre Geschichte in bröckelndem Putz
Die Alte Akademie an der Neuhauser Straße trägt die Spuren von zwei Jahrhunderten wie kaum ein anderes Gebäude Münchens. Gebaut 1807 nach Plänen von Karl von Fischer als Sitz der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, überstand sie Kriege, Umnutzungen und den Zahn der Zeit – wenn auch mit sichtbaren Narben. Der bröckelnde Putz an der Fassade erzählt von Jahrzehnten ohne grundlegende Sanierung, während im Inneren noch originale Stuckdecken aus der Gründungszeit die Decken zieren. Historiker verweisen auf die seltene Kontinuität des Baus: Seit 1826 beherbergt er durchgehend die Akademie, selbst als umliegende Straßen im 19. Jahrhundert mehrfach umgebaut wurden.
Besonders die Bibliothekssäle im ersten Obergeschoss gelten als architektonisches Juwel. Hier lagerten einst die Handschriften von Jacob Grimm und Justus von Liebig, heute zeugen vergilbte Katalogkarten und holzgetäfelte Wände von der Gelehrsamkeit vergangener Epochen. Eine Studie des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege aus dem Jahr 2020 bescheinigte dem Gebäude „herausragende Bedeutung für die Wissenschaftsgeschichte Süddeutschlands“ – doch gleichzeitig warnte sie vor akutem Sanierungsbedarf, insbesondere bei der Statik der Treppenhäuser.
Kriegsbeschädigungen aus dem Jahr 1944 hinterließen ebenfalls ihre Spuren. Während die Fassade notdürftig in den 1950er-Jahren instand gesetzt wurde, blieben viele innere Schäden unbearbeitet. Erst 1983 erfolgte eine Teilrenovierung, die sich jedoch auf die elektrischen Leitungen und die Heizung beschränkte. Die jetzt anstehende Generalsanierung ist damit die erste umfassende Maßnahme seit über 140 Jahren.
Nicht nur die Bausubstanz, auch die Nutzung des Hauses spiegelt die wechselvolle Geschichte wider. Von den Debatten über die bayerische Verfassung 1818 bis zu den ersten öffentlichen Vorträgen über Quantenphysik in den 1920er-Jahren war die Alte Akademie stets Schauplatz geistiger Auseinandersetzungen. Selbst die Farbgebung der Wände folgt noch dem ursprünglichen Konzept Fischers: Ein gedämpftes Ocker im Erdgeschoss sollte die Besucher zur Besinnung einladen, während das obere Stockwerk in hellem Blau die Weite des Wissens symbolisieren sollte.
Sanierungskonzept: Denkmalpflege trifft auf moderne Technik
Die Sanierung der Alten Akademie München ist ein Balanceakt zwischen historischem Erbe und technischem Fortschritt. Das 1811 errichtete Gebäude am Marienplatz, einst Sitz der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, verlangt nach einem Konzept, das denkmalpflegerische Vorgaben mit modernen Standards vereint. Laut Angaben des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege müssen über 60 Prozent der originalen Bausubstanz erhalten bleiben – eine Herausforderung, wenn gleichzeitig Brandschutz, Barrierefreiheit und Energieeffizienz auf den neuesten Stand gebracht werden sollen.
Besondere Aufmerksamkeit gilt den prächtigen Stuckdecken und den historischen Fenstern. Während die Stuckaturen mit traditionellen Methoden restauriert werden, kommen bei den Fenstern innovative Lösungen zum Einsatz: Spezialverglasungen mit Vakuum-Isolierung reduzieren den Wärmeverlust um bis zu 40 Prozent, ohne das optische Erscheinungsbild zu verändern. Solche Hybridlösungen sind typisch für das Projekt, bei dem Handwerker und Ingenieure eng zusammenarbeiten.
Ein zentrales Element des Sanierungskonzepts ist die unterirdische Erweiterung. Um die nutzbare Fläche zu vergrößern, ohne das äußere Erscheinungsbild zu stören, entsteht ein zweistöckiger Anbau unter dem Innenhof. Diese Maßnahme ermöglicht nicht nur zusätzliche Räume für Veranstaltungen, sondern dient auch als technische Infrastrukturzone für Klima- und Lüftungsanlagen. Experten der TU München betonen, dass solche unterirdischen Lösungen bei denkmalgeschützten Gebäuden zunehmend an Bedeutung gewinnen – besonders in dicht bebauten Innenstadtlagen.
Die Kombination aus historischer Ästhetik und moderner Haustechnik macht die Sanierung zu einem Vorzeigeprojekt. Selbst die Beleuchtung wird an die neuen Anforderungen angepasst: LED-Leuchten in historischen Leuchtern sorgen für eine energieeffiziente Ausleuchtung, während die originalen Kronleuchter im Festsaal erhalten bleiben. Jede Entscheidung folgt dem Grundsatz, dass die Moderne dem Denkmal dienen muss – nicht umgekehrt.
Wer zahlt die 15 Millionen – und warum?
Die Sanierung der Alten Akademie München mit 15 Millionen Euro trägt vor allem der Freistaat Bayern. Das Finanzministerium bestätigte, dass die Mittel aus dem Haushalt für Denkmalschutz und kulturelle Infrastruktur stammen. Ein Großteil der Summe fließt in die dringend notwendige Statiksicherung, da das Gebäude nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege seit Jahrzehnten unter Setzrissen und Feuchtigkeitsschäden leidet.
Warum der Freistaat hier tief in die Tasche greift, erklärt sich mit der historischen Bedeutung des Baus. Die Alte Akademie, 1808 als erste Kunstakademie Münchens gegründet, gilt als Keimzelle der heutigen Kunst- und Kulturlandschaft. Experten verweisen darauf, dass ähnliche Sanierungen bei Denkmälern dieser Kategorie – etwa beim Schloss Nymphenburg oder der Residenz – durchschnittlich 20 bis 30 Prozent höhere Kosten verursachen, wenn sie verzögert werden.
Ein kleinerer Teil der Finanzierung kommt von der Landeshauptstadt München. Der Stadtrat bewilligte 2023 eine Zusatzförderung von 1,2 Millionen Euro, vor allem für die barrierefreie Erschließung des Gebäudes. Die Stadt argumentiert, dass die Alte Akademie nach der Sanierung als Veranstaltungsort für Ausstellungen und wissenschaftliche Tagungen genutzt werden soll – und damit langfristig auch wirtschaftliche Impulse für die Region bringt.
Private Sponsoren oder Stiftungen sind bisher nicht beteiligt. Das überrascht, denn bei vergleichbaren Projekten wie der Rettung des Lenbachhauses 2012 steuerten Unternehmen wie BMW oder die HypoVereinsbank jeweils sechsstellige Beträge bei. Ob sich das ändert, hängt davon ab, ob die geplante kulturelle Nachnutzung konkrete Formen annimmt.
Neue Nutzungsideen für Münchens älteste Akademie
Die Sanierung der Alten Akademie München eröffnet nicht nur die Chance, ein historisches Juwel zu bewahren – sie wirft auch die Frage auf, wie ein 200 Jahre altes Gebäude im 21. Jahrhundert lebendig bleibt. Stadtplaner und Denkmalschützer diskutieren bereits konkrete Konzepte, die über die klassische Nutzung als Veranstaltungsort hinausgehen. Im Fokus steht dabei die Idee eines „Hauses der Stadtgesellschaft“, das Bildung, Kultur und bürgerschaftliches Engagement unter einem Dach vereint. Ein Vorbild könnte die Volksbühne Berlin sein, wo seit der Neueröffnung 2018 über 60% der Flächen für partizipative Formate wie Bürgerwerkstätten oder offene Ateliers genutzt werden.
Besonders vielversprechend ist der Vorschlag, Teile des Gebäudes für temporäre Ausstellungen junger Künstler:innen und Wissenschaftler:innen zu öffnen. Die Landeshauptstadt München prüft derzeit Kooperationen mit lokalen Hochschulen, darunter die Akademie der Bildenden Künste und die Technische Universität, um die Alte Akademie als Schaufenster für aktuelle Forschungsprojekte zu etablieren. Denkbar wären etwa Pop-up-Labore zu Themen wie Nachhaltigkeit oder digitale Stadtentwicklung, die gezielt Schulklassen und Tourist:innen ansprechen.
Ein weiterer Ansatz zielt auf die Revitalisierung des Innenhofs als öffentlicher Begegnungsraum. Archäologische Untersuchungen während der Sanierung förderten Überreste der ursprünglichen Bepflanzung zutage – eine Chance, den Hof als grüne Oase mit historischer Tiefe neu zu gestalten. Experten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege schlagen vor, hier ein Café mit regionalen Produkten einzurichten, kombiniert mit einem kleinen Buchladen, der sich auf Münchner Stadtgeschichte spezialisiert. So ließe sich der Charakter des Ortes bewahren, ohne ihn zum reinen Museum zu machen.
Kritische Stimmen warnen allerdings vor einer Übernutzung. Die Alte Akademie stehe bereits unter enormem Druck durch den Tourismus, gibt ein Vertreter des Münchner Forum für Stadtgestaltung zu bedenken. Sein Gegenvorschlag: Ein striktes Kontingent für kommerzielle Veranstaltungen, während der Schwerpunkt auf niedrigschwelligen Bildungsangeboten liegen sollte – etwa regelmäßigen Lesungen in Kooperation mit dem Literaturhaus München oder Workshops zur Stadtgeschichte für Neu-Münchner:innen.
Mit der aufwendigen Sanierung der Alten Akademie für 15 Millionen Euro setzt München nicht nur ein architektonisches Juwel des frühen 19. Jahrhunderts instand, sondern sichert auch ein Stück lebendige Stadtgeschichte für kommende Generationen – ein klares Bekenntnis zum Erhalt kultureller Identität mitten im modernen Großstadtgefüge. Dass dabei historische Substanz mit zeitgemäßen Anforderungen an Barrierefreiheit und Energieeffizienz vereint wird, macht das Projekt zum Vorbild für den Umgang mit Denkmälern im 21. Jahrhundert.
Wer die Fortschritte selbst verfolgen möchte, sollte die begleitenden Ausstellungen und Führungen nutzen, die während der Bauphase Einblicke in die handwerkliche Präzision und die architektonischen Herausforderungen bieten. Nach Abschluss der Arbeiten wird die Alte Akademie dann nicht nur als restauriertes Bauwerk strahlen, sondern als Ort der Begegnung zwischen Tradition und Gegenwart neue Impulse für Münchens kulturelles Leben setzen.
