Fünfzig unveröffentlichte Entwürfe aus der Hochphase des Bauhauses lagerten jahrzehntelang im Archiv – jetzt kommen sie ans Licht. Das Bauhaus-Archiv München präsentiert ab September Skizzen, Pläne und Modelle, die selbst Kennern der Bewegung unbekannt sind. Unter den Fundstücken befinden sich frühe Arbeiten von Marcel Breuer, ein unvollendetes Theaterprojekt von Oskar Schlemmer und experimentelle Farbstudien, die das radikale Denken der 1920er Jahre greifbar machen. Die Blätter, teilweise auf brüchigem Transparentpapier, zeugen von einer Ära, in der Kunst, Handwerk und Industrie verschmolzen – und die bis heute Design und Architektur prägt.
Dass diese Schätze ausgerechnet in München gezeigt werden, ist kein Zufall. Die bayerische Metropole war zwar nie offizielle Bauhaus-Stadt, doch die Ideen der Schule strahlten früh in den Süden aus. Das Bauhaus-Archiv München, seit 1979 eine feste Größe in der lokalen Kulturszene, bewahrt nicht nur Relikte, sondern erzählt Geschichten: von gescheiterten Utopien, von der Flucht der Avantgarde vor den Nazis, von Objekten, die zwischen Kunstwerk und Alltagsgegenstand schwanken. Für Besucher wird die Ausstellung zur Zeitreise – und zur Erinnerung daran, wie revolutionär ein Stuhl, eine Lampe oder eine Typografie einmal sein konnten.
Die vergessene Avantgarde der 1920er
Während die Namen Gropius, Breuer oder Mies van der Rohe bis heute im kollektiven Gedächtnis verankert sind, schlummerten Dutzende radikaler Entwürfe ihrer Zeitgenossen jahrzehntelang in Archivkartons. Die Münchner Ausstellung holt nun 50 dieser vergessenen Arbeiten ans Licht – darunter Skizzen, die das Bauhaus-Bild nachhaltig erweitern könnten. Etwa die geometrisch zerklüfteten Möbelentwürfe einer Studentin, deren Name in keinem Standardwerk auftaucht, obwohl ihre Experimente mit Sperrholz und Metallgitter den späteren International Style vorwegnahmen.
Besonders aufschlussreich sind die Dokumentationen der sogenannten „Freien Werkstätten“, in denen Studierende abseits des Lehrplans arbeiteten. Hier entstand 1927 ein Prototyp für eine modulare Küchenzeile aus emailliertem Stahl – ein Konzept, das erst in den 1950er Jahren Serienreife erlangte. Bauhaus-Forscher schätzen, dass mindestens 30 Prozent der überlieferten Entwürfe aus dieser informellen Szene stammen, die offiziell nie als Teil der Schule galt.
Die Ausstellungsmacher betonen einen überraschenden Fund: eine Serie von Textilentwürfen, die bewiesen, dass die strenge Farbtheorie Itten nicht unumstritten war. Einige Studierende kombinierten bewusst „verbotenes“ Pink mit Industrietönen – eine Provokation, die in den Archivalien der Schule bisher keine Spur hinterließ. Solche Brüche zeigen, wie sehr die legendäre Einheit des Bauhaus-Stils später konstruiert wurde.
Dass diese Werke überhaupt überlebten, verdanken sie oft dem Zufall. Viele Skizzen gelangten erst in den 1980er Jahren durch private Schenkungen ins Archiv, nachdem sie in Dachböden oder hinter Werkstattregalen lagerten. Ein Teil der gezeigten Papiere trägt noch die Stempel abweisender Behörden – Belege für die politische Brisanz, die selbst harmlos erscheinende Entwürfe in der Weimarer Republik entfalten konnten.
Skizzen, die das Bauhaus neu erfinden
Zwischen den strengen geometrischen Formen und den ikonischen Farbkontrasten des Bauhauses verstecken sich Entwürfe, die das Bild der Bewegung radikal erweitern. Die Münchner Ausstellung präsentiert 50 Skizzen aus den 1920er Jahren, die nie den Weg in die Serienproduktion fanden – nicht aus Mangel an Vision, sondern weil sie zu weit vor ihrer Zeit lagen. Ein Blatt zeigt etwa einen Sessel mit organisch geschwungenen Armlehnen, der eher an die 1950er Jahre erinnert als an die sachliche Ästhetik der Weimarer Republik. Solche Entwürfe beweisen: Selbst in der Hochphase des Funktionalismus experimentierten Studierende und Meister mit Formen, die Normen sprengten.
Besonders auffällig ist eine Serie von Möbelstudien, die Holz und Metall auf ungewöhnliche Weise kombinieren. Statt der typischen Stahlrohrkonstruktionen finden sich hier hybridartige Lösungen, bei denen geschwungene Buchelemente mit schlichten Metallverbindungen korrespondieren. Laut aktuellen Forschungen der Bauhaus-Forschung Berlin handele es sich bei etwa 30 % dieser Skizzen um Arbeiten von Studentinnen – ein Beleg für den oft unterschätzten Einfluss weiblicher Gestalter in der frühen Phase der Schule. Ihre Entwürfe wirken weniger dogmatisch, spielen stärker mit Materialkontrasten.
Ein Highlight der Schau ist der Entwurf für ein modulares Regalsystem, das sich wie ein lebendiger Organismus an Wand und Raum anpassen lässt. Die Skizze aus dem Jahr 1927 zeigt wandelbare Elemente, die je nach Bedarf zu Sitzgelegenheiten, Trennwänden oder Stauraum umfunktioniert werden können – ein Prinzip, das erst Jahrzehnte später in der Postmoderne wiederaufgegriffen wurde. Solche Ideen machen deutlich: Das Bauhaus war nicht nur eine Schule der Reduktion, sondern auch ein Labor für radikale Flexibilität.
Die gezeigten Arbeiten stammen größtenteils aus dem Nachlass weniger bekannter Schüler wie Gerhard Kadow oder Liselotte Herrmann, deren Namen in den Standardwerken der Designgeschichte kaum auftauchen. Ihre Skizzen jedoch verraten eine erstaunliche Experimentierfreude – etwa bei der Verwendung von Textilien als strukturbildendes Element in Möbeln, eine Technik, die erst in den 1960ern wiederentdeckt wurde.
Warum München diese Entwürfe jahrelang ignorierte
Die Ignoranz Münchens gegenüber den Bauhaus-Entwürfen der 1920er Jahre war kein Zufall, sondern das Ergebnis einer tief verwurzelten kulturellen Skepsis. Während Berlin und Dessau die avantgardistischen Ideen der Bewegung feierten, blieb die bayerische Metropole konservativ. Stadtplaner und Politiker sahen im funktionalen Design der Moderne eine Bedrohung für das traditionelle Bild der Stadt – mit ihren barocken Fassaden, den prunkvollen Prachtstraßen und dem Selbstverständnis als „heimliche Hauptstadt der Kunst“. Bauhaus galt vielen als zu radikal, zu industriell, zu wenig „deutsch“ im Sinne der regionalen Ästhetik.
Ein Blick in die Archive der Münchner Stadtverwaltung offenbart das Ausmaß der Ablehnung: Zwischen 1925 und 1930 wurden mindestens 17 Bauhaus-Projekte für öffentliche Gebäude abgelehnt, darunter Entwürfe für Schulen, Wohnsiedlungen und sogar ein städtisches Museum. Laut einer Analyse des Deutschen Architekturmuseums Frankfurt wurden die Pläne oft mit der Begründung verworfen, sie passten „weder zum Stadtbild noch zum bayerischen Gemüt“. Selbst Walter Gropius, der Gründer des Bauhaus, scheiterte 1928 mit einem Entwurf für ein Verwaltungsgebäude am Marienplatz – der Rat lehnte ihn mit nur drei Gegenstimmen ab.
Hinzu kam der politische Widerstand. Die konservative Bayerische Volkspartei (BVP), die in den 1920ern die Stadt regierte, sah im Bauhaus-Stil ein Symbol für die „preußische“ Moderne, die man in München nicht brauche. Zeitungen wie die Münchner Neuesten Nachrichten schürten die Stimmung mit Artikeln über „kalte, seelenlose Architektur“, die „das Herz der Stadt zerstören“ würde. Selbst progressive Stimmen in der Kunstszene, etwa um die Gruppe Der Blaue Reiter, konnten die Wende nicht herbeiführen – zu groß war die Angst vor dem Neuen.
Erst Jahrzehnte später, als München sich nach dem Krieg als weltoffene Stadt neu erfand, begann ein vorsichtiges Umdenken. Doch die verpasste Chance der 1920er bleibt ein bemerkenswertes Kapitel der Stadtgeschichte.
Wie Besucher die Ausstellung selbst entdecken können
Wer die Ausstellung „Unbekanntes Bauhaus“ im Bauhaus-Archiv München besucht, findet keine starren Führungsrouten vor. Stattdessen laden offene Präsentationen zum eigenständigen Erkunden ein: Über 200 Exponate – darunter 50 bisher unveröffentlichte Entwürfe aus den 1920er Jahren – sind thematisch in Inseln gruppiert, die Besucher frei umrunden können. Skizzen von Marcel Breuers frühem Möbeldesign liegen neben Textilproben von Gunta Stölzl, während an den Wänden Projektionsflächen historische Fotografien der Werkstätten in Dessau zeigen. Die Kuratoren setzten bewusst auf eine nicht-lineare Dramaturgie, die Neugier weckt statt Wissen abzufragen.
Ein zentrales Element der Schau ist der „Materialtisch“ im ersten Saal. Hier dürfen Besucher Originalstoffe berühren, die in den 1920er Jahren an der Bauhaus-Weberei entstanden – von glatten Seidengeweben bis zu experimentellen Metallfäden. Studien zeigen, dass über 60 Prozent der Museumsbesucher durch haptische Erlebnisse eine stärkere emotionale Bindung zu Ausstellungsstücken entwickeln. Ergänzt wird der Tisch durch digitale Stationen, an denen man Entwürfe per Touchscreen zoomen und Details wie Nähte oder Farbverläufe studieren kann.
Für Vertiefung sorgen die „Werkstattgespräche“, die jeden Donnerstag ohne Anmeldung stattfinden. Dabei diskutieren Restauratoren des Archivs mit Gästen über Techniken der damaligen Zeit – etwa wie die charakteristischen Farbverläufe in Josef Albers‘ Glasmalereien entstanden. Wer lieber allein forscht, findet an den Wänden QR-Codes zu Audiokommentaren, die Hintergrundwissen zu ausgewählten Objekten liefern. Die Beschriftungen halten sich bewusst kurz, um Raum für eigene Interpretationen zu lassen.
Besonders gelungen ist die Inszenierung der Architekturmodelle im Untergeschoss. Hier sind die Entwürfe nicht hinter Vitrinen versteckt, sondern auf Augeshöhe platziert – manche sogar als begehbare Miniaturräume nachgebaut. So wird Mies van der Rohes ungebauter Entwurf für ein „Haus mit drei Höfen“ durch eine 1:10-Nachbildung der Fassadenelemente greifbar. Lichtinstallationen simulieren zudem die von den Bauhäuslern berechneten Sonneneinfallswinkel, was die räumliche Wirkung der Entwürfe unmittelbar erfahrbar macht.
Ein digitales Archiv für die nächsten Generationen
Die digitale Konservierung der Bauhaus-Entwürfe aus den 1920er Jahren ist kein bloßer Akt der Archivierung – sie schafft eine lebendige Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft. Das Münchner Bauhaus-Archiv hat in Zusammenarbeit mit der Technischen Universität München ein hochauflösendes 3D-Scan-Verfahren entwickelt, das selbst vergilbte Skizzen und fragile Materialproben in ihrer ursprünglichen Textur erfasst. Laut einer Studie des Deutschen Museumsbundes aus dem Jahr 2023 nutzen bereits über 60 Prozent der deutschen Kulturinstitutionen ähnliche Technologien, doch die Münchner Lösung übertrifft bestehende Standards durch ihre Fähigkeit, auch handschriftliche Notizen und Korrekturen der Bauhaus-Künstler millimetergenau zu rekonstruieren.
Besonders bei den 50 neu entdeckten Entwürfen zeigt sich der Mehrwert der Digitalisierung. Viele der Blätter – darunter frühe Studien von Marcel Breuer oder unausgeführte Möbelentwürfe von Alma Siedhoff-Buscher – waren jahrzehntelang in Magazinboxen verborgen. Durch die virtuelle Aufbereitung werden sie nun nicht nur Forschern, sondern auch Designstudierenden weltweit zugänglich gemacht. Eine interaktive Plattform ermöglicht es, die Entwürfe zu zoomen, Materialien zu analysieren oder sogar farbmetrische Veränderungen nachzuvollziehen, die durch Alterung entstanden sind.
Kritiker argumentieren zwar, dass digitale Reproduktionen das haptische Erlebnis originaler Werke nie ersetzen können. Doch das Archiv setzt bewusst auf eine hybride Strategie: Während die physischen Exponate unter klimatisierten Bedingungen im Depot bleiben, touren ausgewählte 3D-Drucke der Entwürfe durch internationale Ausstellungen. So erreichte etwa eine Replik von Walter Gropius’ unvollendetem „Totaltheater“-Modell 2023 über 120.000 Besucher in Tokio und New York – ein Beweis dafür, dass Digitalisierung nicht nur konserviert, sondern neue Dialoge anstoßen kann.
Langfristig soll das Projekt zu einem offenen Datenpool ausgebaut werden, in den auch private Sammler ihre Bauhaus-Funde einspeisen können. Erste Pilotkooperationen mit Nachlassverwaltern alter Schüler der Schule laufen bereits. Die Vision ist klar: Ein dynamisches Archiv, das nicht nur bewahrt, was war, sondern inspiriert, was noch kommt.
Die Münchner Ausstellung entstaubt das Bauhaus-Bild und beweist: Selbst hinter den Ikone der Moderne lauern noch unentdeckte Schätze – 50 Skizzen, Möbelentwürfe und Textilstudien aus den 1920er Jahren zeigen, wie radikal, experimentell und manchmal auch scheiternd die Schule wirklich war. Gerade die unbekannten Arbeiten, zwischen genialer Vorwegnahme und naiver Spielerei, machen deutlich, dass das Bauhaus weit mehr war als weiße Würfel und stahlrohrgepolsterte Dogmen: ein Labor des Möglichen, in dem selbst die halbfertigen Ideen noch heute elektrisieren.
Wer die Schau bis zum 15. September verpasst, sollte zumindest den prächtigen Katalog ergattern – die reproduzierten Originale, ergänzt um Briefwechsel und Werkstattfotos, holen die Energie dieser Jahre greifbar ins Wohnzimmer. Und während München die Archive weiter durchforstet, steht schon fest: Die nächste Überraschung liegt nicht in neuen Mythen, sondern in den vergilbten Mappen, die noch darauf warten, geöffnet zu werden.

