Mit einem Schlag erweitert das Deutsche Museum München seine weltberühmte Luftfahrtsammlung um 50 historische Exponate – darunter seltene Originalteile des ersten Motorflugzeugs der Brüder Wright, ein restauriertes Cockpit einer Ju 52 aus den 1930er-Jahren und sogar ein Fragment der Hindenburg. Die Neupräsentation markiert den größten Zuwachs in diesem Bereich seit der Wiedereröffnung des Museums nach der Sanierung 2023. Besonders bemerkenswert: Erstmals werden auch bisher unveröffentlichte Dokumente zur frühen deutschen Raumfahrt gezeigt, darunter Skizzen von Wernher von Braun aus den 1940er-Jahren.

Für Technikbegeisterte und Geschichtsinteressierte gleichermaßen wird das Deutsche Museum München damit zum Pflichttermin. Die neuen Exponate spannen einen Bogen von den waghalsigen Anfängen der Fliegerei bis zur modernen Raumfahrt – und erzählen dabei nicht nur von technologischen Meilensteinen, sondern auch von den Menschen hinter den Maschinen. Ob der originalgetreue Nachbau des ersten Hubschraubers von 1936 oder die interaktive Simulation eines Düsenjet-Cockpits: Die Ausstellung macht Luftfahrtgeschichte greifbar wie selten zuvor. Die Kuratoren betonen, dass viele Stücke erstmals öffentlich zugänglich sind – ein seltener Einblick in Archive, die sonst Forschern vorbehalten bleiben.

Vom Flugpionier zum Düsenzeitalter: Eine Zeitreise

Wer durch die neuen Luftfahrthallen des Deutschen Museums schreitet, betritt eine Zeitmaschine. Zwischen originalgetreuen Nachbauten der ersten Gleiter Otto Lilienthals und den stromlinienförmigen Rümpfen der 1950er-Jahre wird greifbar, wie radikal sich die Technik innerhalb weniger Jahrzehnte wandelte. Lilienthals Hängegleiter von 1893 – mit einer Spannweite von gerade einmal sieben Metern – wirkt neben der 1955 vorgestellten Messerschmitt Me 262, dem ersten serienmäßigen Düsenjäger der Welt, wie ein Spielzeug aus Pappe. Doch genau diese bescheidenen Anfänge machten den Weg frei für die Revolution in der Luft.

Besonders eindrucksvoll dokumentiert die Ausstellung den technologischen Sprung während des Zweiten Weltkriegs. Während die Junkers Ju 52 aus den 1930er-Jahren noch mit ihrem charakteristischen Wellblechrumpf und drei Kolbenmotoren die Ära der Propellerflugzeuge verkörpert, markiert die Me 262 mit ihren zwei Jumo-004-Turbinen den Beginn des Düsenzeitalters. Historische Aufzeichnungen belegen: Die Höchstgeschwindigkeit der Me 262 lag bei 870 km/h – fast doppelt so schnell wie die schnellsten alliierten Jagdflugzeuge ihrer Zeit. Dieser Quantensprung in der Antriebstechnik veränderte nicht nur die Kriegsführung, sondern legte den Grundstein für die zivile Luftfahrt nach 1945.

Die Kuratoren des Museums haben bewusst auf eine chronologische Inszenierung verzichtet. Stattdessen stehen sich Exponate aus verschiedenen Epochen direkt gegenüber, um die Kontinuität und die Brüche in der Entwicklung zu betonen. So thront etwa ein Modell des Zeppelins LZ 129 „Hindenburg“ über den ersten Versuchsflugzeugen der Brüder Wright – eine ironische Gegenüberstellung, wenn man bedenkt, dass die Ära der Starrluftschiffe gerade in dem Moment ihr Ende fand, als die Flugzeuge leichter, schneller und sicherer wurden. Luftfahrt-Historiker weisen darauf hin, dass dieser Wandel nicht zuletzt durch Materialinnovationen wie Duraluminium möglich wurde, das ab den 1920er-Jahren die Holz- und Stoffkonstruktionen ablöste.

Ein oft übersehener Aspekt der Ausstellung ist die Rolle Münchens als Drehscheibe der deutschen Luftfahrtindustrie. Firmen wie Bayerische Flugzeug-Werke (die spätere Messerschmitt AG) oder Dornier prägten hier ab den 1910er-Jahren die Branche. Ein Original-Exponat, der Dornier Do X – das größte Flugboot der 1920er-Jahre –, erinnert daran, wie ambitioniert die Ingenieure damals träumten: Mit einer Reichweite von 1.700 Kilometern sollte es transatlantische Flüge ermöglichen, lange bevor die Passagierluftfahrt Alltag wurde.

Die Highlights der neuen Ausstellung – von Lilienthal bis Airbus

Wer die neue Luftfahrtausstellung im Deutschen Museum München betritt, steht zunächst vor einem fast vergessenen Pionierstück: dem originalgetreuen Nachbau des Gleiters von Otto Lilienthal aus dem Jahr 1893. Das filigrane Gerüst aus Weidenholz und Baumwollstoff wirkt fragil, doch genau mit solchen Konstruktionen legte Lilienthal den Grundstein für die moderne Aerodynamik. Nur wenige Meter weiter kontrastiert dazu die imposante Nasenkappe eines Airbus A380 – ein greifbarer Beweis dafür, wie weit die Technik in gut 120 Jahren gekommen ist. Die Gegenüberstellung dieser Exponate macht die Ausstellung besonders: Sie zeigt nicht nur Fortschritt, sondern auch die kühnen Ideen, die ihm vorangingen.

Ein weiteres Highlight ist die originalgetreue Replik der „Bleriot XI“, jenes Eindeckers, mit dem Louis Blériot 1909 als erster Mensch den Ärmelkanal überquerte. Das Flugzeug, dessen Motor gerade einmal 25 PS leistete, wirkt neben modernen Jets wie ein Spielzeug – doch es markiert den Moment, in dem die Luftfahrt von der Experimentierphase in die Praxis überging. Flugenthusiasten werden auch die detaillierten Konstruktionszeichnungen und Patentschriften zu schätzen wissen, die zeigen, wie Blériot durch präzise Berechnungen der Flügelform die Stabilität verbesserte.

Besonderes Augenmerk liegt auf der Entwicklung der Passagierluftfahrt, die anschaulich an einem originalen Abschnitt der Druckkabine einer Boeing 747-200 aus den 1970er-Jahren erklärt wird. Experten des Museums verweisen darauf, dass diese Generation von Großraumflugzeugen die globale Mobilität revolutionierte – allein zwischen 1970 und 1980 verdreifachte sich die Zahl der jährlichen Flugpassagiere weltweit auf über 500 Millionen. Die Ausstellung macht diese Zahlen greifbar, indem sie die Kabine mit historischen Bordmenüs, Sicherheitsanweisungen und sogar einem originalen Pilotensitz der Ära kombiniert.

Abgerundet wird der Rundgang durch interaktive Stationen, an denen Besucher etwa die Steuerung eines Segelflugzeugs simulieren oder die Aerodynamik verschiedener Flügelprofile testen können. Besonders beliebt ist der Windkanal, in dem kleine Modelle historischer und moderner Flugzeuge auf ihre Flugtauglichkeit geprüft werden – eine spielerische Annäherung an die komplexen Prinzipien der Strömungslehre.

Interaktive Stationen: Technik zum Anfassen und Ausprobieren

Wer dachte, Flugtechnik sei trockene Theorie, wird im Deutschen Museum München eines Besseren belehrt. Die neuen interaktiven Stationen zur Luftfahrtgeschichte laden Besucher ein, selbst Hand anzulegen – ob beim Steuern eines virtuellen Flugsimulators oder beim Testen von Aerodynamik-Modellen im Windkanal. Besonders beliebt ist das 1:1-Cockpit eines Airbus A320, in dem man Original-Schalter betätigen und die Reaktionen auf dem Bildschirm verfolgen kann. Die Stationen sind so konzipiert, dass sie komplexe physikalische Prinzipien durch direktes Erleben begreifbar machen.

Ein Highlight ist der Flugsimulator mit originalgetreuer Nachbildung einer Boeing 737-Steuerung. Studien der Technischen Universität München zeigen, dass solche praxisnahen Erlebnisse das Verständnis für Flugmechanik um bis zu 40 % steigern können. Hier lässt sich nachvollziehen, wie Piloten auf Turbulenzen reagieren oder warum bestimmte Manöver in der Luftfahrt tabu sind.

Für Technikbegeisterte gibt es zudem eine Station, an der man selbst Tragflächenprofile entwerfen und deren Auftrieb im Miniatur-Windkanal testen kann. Ein Touchscreen erklärt dabei die physikalischen Zusammenhänge zwischen Form, Geschwindigkeit und Luftwiderstand. Die Exponate sind bewusst niedrigschwellig gestaltet – vom Laien bis zum Hobby-Piloten findet jeder einen Zugang.

Auch die jüngeren Besucher kommen auf ihre Kosten: An einer kindgerechten Station können sie mit einfachen Materialien eigene Papierflugzeuge bauen und deren Flugverhalten analysieren. Die interaktiven Elemente ergänzen die historischen Exponate perfekt – sie zeigen, dass Luftfahrt nicht nur Vergangenheit, sondern lebendige Technik ist.

Führungen und Workshops für Familien und Technikbegeisterte

Das Deutsche Museum München erweitert sein Angebot für Familien und Technikinteressierte mit speziellen Führungen und Workshops, die die neuen Luftfahrtexponate lebendig werden lassen. Gezielte Programme für Kinder ab sechs Jahren verbinden spielerisches Lernen mit faszinierenden Einblicken in die Geschichte der Flugtechnik. Bei der „Flugzeugbauer-Werkstatt“ etwa konstruieren junge Besucher unter Anleitung einfache Flugmodelle – basierend auf den Prinzipien, die auch in den historischen Exponaten wie dem originalen Dornier Do 335 zu finden sind.

Für technikbegeisterte Erwachsene und Jugendliche ab 14 Jahren bietet das Museum vertiefende Workshops an. Hier stehen praktische Experimente im Vordergrund: vom Aufbau eines Miniatur-Triebwerks bis zur Simulation von Flugmanövern an originalgetreuen Cockpit-Nachbildungen. Studien zufolge steigt das Interesse an MINT-Fächern um bis zu 40 Prozent, wenn Lerninhalte mit interaktiven Elementen verknüpft werden – ein Ansatz, den das Museum konsequent umsetzt.

Besonders beliebt sind die Familienführungen am Wochenende. Sie dauern etwa 90 Minuten und führen durch die Highlights der neuen Ausstellung, darunter der erste deutsche Hubschrauber Focke-Wulf Fw 61 oder der Raketenjäger Messerschmitt Me 163. Die Guides, oft selbst Ingenieure oder Historiker, beantworten Fragen wie: Wie funktioniert ein Strahltriebwerk? oder Warum fliegt ein Flugzeug überhaupt? – und das ohne Fachchinesisch, sondern mit anschaulichen Vergleichen aus dem Alltag.

Wer es noch intensiver mag, kann an den mehrtägigen Ferienkursen teilnehmen. Hier arbeiten die Teilnehmer in kleinen Gruppen an eigenen Projekten, etwa dem Bau eines ferngesteuerten Segelflugzeugs. Die Kurse sind schnell ausgebucht – ein Zeichen dafür, wie sehr das Museum es versteht, Technikgeschichte greifbar zu machen.

Wie die Ausstellung die Zukunft der Luftfahrt mitdenkt

Die neue Luftfahrtausstellung im Deutschen Museum München geht weit über historische Meilensteine hinaus – sie wirft gezielt Fragen an die Zukunft auf. Zwischen den ikonischen Exponaten wie dem ersten Passagierflugzeug der Lufthansa oder einem originalen Triebwerk des Airbus A380 finden sich interaktive Stationen, die aktuelle Herausforderungen der Branche aufgreifen. Besonders auffällig: Ein ganzer Bereich widmet sich nachhaltigen Antrieben, von Wasserstofftechnologien bis zu hybridelektrischen Systemen. Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) könnten solche Innovationen den CO₂-Ausstoß im Flugverkehr bis 2050 um bis zu 75 Prozent senken – eine Zahl, die in der Ausstellung durch anschauliche Grafiken und Prototypen greifbar wird.

Ein Highlight ist das Modell des „Flying-V“, ein futuristisches Flugzeugdesign der TU Delft, das durch seine V-förmige Konstruktion Treibstoffverbrauch und Emissionen deutlich reduzieren soll. Die Kuratoren haben das Exponat bewusst zwischen klassischen Jets platziert, um den Kontrast zwischen bewährter Technik und radikalen Neuentwürfen zu betonen.

Auch die Rolle der Digitalisierung kommt nicht zu kurz. Ein Simulator zeigt, wie KI-gestützte Flugroutenoptimierung bereits heute Kerosin spart, während eine Medieninstallation die Vision autonomer Frachtflugzeuge skizziert. Die Ausstellung macht klar: Die Luftfahrt steht vor einem tiefgreifenden Wandel – und München wird zum Schauplatz dieser Debatte.

Die neue Luftfahrtausstellung des Deutschen Museums München beweist einmal mehr, warum die Institution zu den führenden Technikmuseen weltweit zählt: Mit 50 sorgfältig kuratierten Exponaten – von Pionierfliegern bis zu modernen Triebwerken – gelingt es, 120 Jahre Fluggeschichte nicht nur zu dokumentieren, sondern greifbar zu machen. Besonders die Kombination aus originalen Maschinen, interaktiven Stationen und persönlichen Zeitzeugenberichten schafft ein Erlebnis, das sowohl Technikbegeisterte als auch Geschichtsinteressierte faszinieren wird.

Wer die Ausstellung besucht, sollte sich Zeit für die weniger offensichtlichen Highlights nehmen, etwa die selten gezeigten Konstruktionsskizzen der Brüder Wright oder das restaurierte Cockpit einer Ju 52 – hier offenbart sich der Detailreichtum der Sammlung. Mit der geplanten Erweiterung des Luftfahrtbereichs bis 2026 wird das Museum seine Position als zentraler Ort der industriellen Erinnerungskultur weiter ausbauen.