Genau 1.826 Tage sind vergangen, seit der 22. Juli 2016 Münchens kollektives Gedächtnis für immer veränderte. An jenem Abend erschoss ein 18-jähriger Attentäter vor dem Olympia-Einkaufszentrum neun Menschen, bevor er sich selbst richtete. Die meisten Opfer waren Jugendliche – zwischen 14 und 45 Jahren alt. Fünf Jahre später bleibt der Anschlag München eine offene Wunde in der Stadtgeschichte, eine Erinnerung an den Moment, in dem Terror mitten im urbanen Alltag zuschlug.
Während die politischen Debatten über Sicherheitslücken und radikalisierte Einzeltäter längst in Archiven verschwunden sind, trägt die Trauer weiter. Jedes Jahr am 22. Juli versammeln sich Angehörige, Überlebende und Münchner:innen am OEZ, um der Opfer zu gedenken. Der Anschlag München markiert nicht nur einen Einschchnitt für die Landeshauptstadt, sondern wirft bis heute Fragen auf: Wie geht eine Gesellschaft mit dem Verlust unschuldiger Leben um? Und wie bewahrt man die Erinnerung, ohne die Wunde immer wieder aufzureißen? Die stille Trauerfeier an diesem Freitag gibt darauf eine Antwort – nicht in Worten, sondern in gemeinsamem Schweigen.
Der Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum: Was damals geschah
Der 22. Juli 2016 begann wie ein gewöhnlicher Freitagabend in München. Gegen 17:52 Uhr durchbrach dann ein lauter Knall die sommerliche Ruhe vor dem Olympia-Einkaufszentrum (OEZ). Ein 18-jähriger Attentäter eröffnete das Feuer auf Besucher eines McDonald’s-Restaurants, tötete neun Menschen und verletzte fünf weitere schwer, bevor er sich selbst richtete. Die Tat erschütterte die Stadt bis ins Mark – nicht nur wegen der brutalen Gewalt, sondern weil sie gezielt Jugendliche traf: Die Opfer waren zwischen 14 und 45 Jahre alt, viele von ihnen mit Migrationshintergrund.
Ermittlungen ergaben später, dass der Täter, ein in München geborener Deutsch-Iraner, seit Monaten radikale rechtsextreme und rassistische Ideologien verinnerlicht hatte. Er lockte seine Opfer gezielt in eine Falle, indem er sie über soziale Medien mit dem Versprechen auf kostenloses Essen in das Fast-Food-Restaurant köderte. Forensische Psychologen wiesen daraufhin, dass solche Taten oft monatelange Planung erfordern – ein Muster, das auch bei anderen rechtsextremen Anschlägen in Europa beobachtet wurde.
Besonders grausam: Drei der Getöteten waren Jugendliche aus einer Clique, die sich zufällig an diesem Abend traf. Augenzeugen berichteten von panischen Schreien, von Menschen, die sich hinter Mülltonnen versteckten, während die Polizei mit einem Großaufgebot anrückte. Die ersten Einsatzkräfte trafen bereits nach vier Minuten ein, doch der Attentäter war zu diesem Zeitpunkt bereits tot – er hatte sich nach der Tat selbst erschossen.
Die Folgen des Anschlags reichen weit über den Tatort hinaus. Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München zeigte 2018, dass fast 30 Prozent der befragten Münchner:innen auch zwei Jahre später noch unter traumatischen Erinnerungen litten. Viele vermieden bewusst das OEZ oder andere belebte Orte. Die Stadt reagierte mit verstärkten Sicherheitsmaßnahmen, doch die psychischen Narben blieben.
Stille Gedenkfeier für die neun Opfer am Tatort
Fünf Jahre nach dem Anschlag am Olympiaeinkaufszentrum (OEZ) versammelten sich am Freitagabend Hunderte Münchner an der Stelle, an der neun Menschen ihr Leben verloren. Um 17:52 Uhr – dem Zeitpunkt der ersten Schüsse – legten sie Blumen nieder, zündeten Kerzen an und hielten inne. Die Stille war greifbar, unterbrochen nur vom gelegentlichen Schluchzen oder dem Rascheln der Blumenpapierhüllen. Viele trugen weiße Rosen, andere hatten selbstgemalte Plakate mit den Namen der Opfer dabei: Gülistan, Can, Sevda, Hüseyin, Sabiha, Armela, Dijamant, Selçuk und Roberto.
Psychologen der Krisenintervention München hatten im Vorfeld darauf hingewiesen, dass solche stillen Gedenkformen für Angehörige und Überlebende oft wichtiger sind als große Reden. Studien zeigen, dass kollektives Schweigen in Trauerritualen die Verarbeitung von Gewalterfahrungen erleichtern kann – besonders, wenn es an einem Ort stattfindet, der direkt mit dem Geschehen verbunden ist.
Einige Besucher hatten sich bereits am Nachmittag eingefunden, um die Namen der Opfer auf dem Boden mit Kreide nachzuzeichnen. Gegen 18:30 Uhr bildete sich spontan ein kleiner Chor, der leise das Lied „Imagine“ sang. Die Polizei sicherte die Veranstaltung diskret ab, ohne die Atmosphäre zu stören. Ein Sprecher der Stadtwache betonte später, dass es keine Zwischenfälle gegeben habe – ein Zeichen dafür, wie respektvoll die Menschen der Erinnerung begegneten.
Als die Dämmerung hereinbrach, leuchteten Hunderte Kerzen auf dem Platz. Einige Angehörige der Opfer hatten kleine Zettel mit persönlichen Botschaften dabei, die sie zwischen die Blumen legten. Ein Vater, der seinen Sohn verloren hatte, stand lange regungslos da, die Hände in den Taschen vergraben. Seine Anwesenheit sprach Bände – ohne Worte.
Wie München die Erinnerung an den 22. Juli 2016 bewahrt
Fünf Jahre nach dem Anschlag am Olympiaeinkaufszentrum (OEZ) hat München die Erinnerung an die neun Opfer auf vielfältige Weise in den Stadtraum eingebettet. Der zentrale Gedenkort am OEZ selbst – ein schlichter Kreis aus dunklem Granit mit den eingravierten Namen der Getöteten – bleibt Ort der stillen Einkehr. Doch die Erinnerungskultur geht darüber hinaus: Seit 2018 erinnert eine digitale Dokumentation der Stadt im Münchner Stadtmuseum an die Ereignisse, die über 120.000 Besucher:innen nutzten, um die Aufarbeitung des Anschlags nachzuvollziehen.
Besonders prägnant ist die jährliche Gedenkveranstaltung am 22. Juli, die bewusst ohne politische Reden auskommt. Stattdessen lesen Angehörige, Überlebende und Vertreter:innen lokaler Initiativen Texte – mal literarische Zitate, mal persönliche Worte. Psycholog:innen betonen, wie wichtig solche Rituale für die kollektive Trauerbewältigung sind, besonders in einer Stadt, die sonst für ihr lebendiges Treiben steht.
Auch im Bildungskontext bleibt der Anschlag präsent. An Münchner Schulen wird der 22. Juli seit 2019 im Rahmen des Projekts „Demokratie leben“ thematisiert, das Extremismusprävention mit Erinnerungsarbeit verbindet. Einer Studie der Ludwig-Maximilians-Universität zufolge kennen heute 87 % der Münchner Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren die grundlegenden Fakten zum OEZ-Anschlag – eine Quote, die über dem bundesweiten Durchschnitt bei vergleichbaren Ereignissen liegt.
Leiser, aber nicht weniger wirksam sind die dezentralen Zeichen: In mehreren Stadtteilen pflanzten Anwohner:innen zum Gedenken Bäume, während die Münchner Verkehrsgesellschaft seit 2020 jedes Jahr am Jahrestag eine Minute lang alle U-Bahnen anhält. Solche Gesten zeigen, wie eine Stadt Trauer in den Alltag integriert – ohne sie je zur Routine werden zu lassen.
Unterstützung für Angehörige: Langfristige Hilfsangebote bleiben
Fünf Jahre nach dem Anschlag am Olympia-Einkaufszentrum (OEZ) zeigt sich: Die psychologischen Folgen für Angehörige und Überlebende bleiben oft unsichtbar, doch langfristig spürbar. Studien der Bundespsychotherapeutenkammer belegen, dass rund 30 Prozent der von Terror betroffenen Familien noch Jahre später unter posttraumatischen Belastungsstörungen oder chronischen Ängsten leiden. Viele kämpfen mit Schuldgefühlen, wiederkehrenden Albträumen oder dem Gefühl, im Alltag nicht mehr Fuß fassen zu können. Die Stadt München hat darauf reagiert – nicht mit kurzfristigen Kriseninterventionen, sondern mit strukturierten Angeboten, die über Jahre hinweg greifen.
Ein zentraler Baustein ist die psychologische Langzeitbetreuung durch das Kriseninterventions- und -bewältigungsteam (KIB) der Stadt. Hier erhalten Betroffene nicht nur Einzeltherapien, sondern auch Gruppenangebote, in denen sie sich mit anderen Austauschen können, die Ähnliches erlebt haben. Besonders wichtig: Die Hilfe ist niedrigschwellig und kostenfrei. Viele Angehörige scheuen zunächst den Gang zu Therapeuten aus Sorge vor Stigmatisierung oder weil sie sich als „nicht krank genug“ empfinden. Doch die Erfahrungen der letzten Jahre zeigen, dass gerade der frühe Kontakt zu Fachkräften spätere Chronifizierungen verhindern kann.
Daneben gibt es konkrete Unterstützung im Alltag. Der Weiße Ring, der sich seit dem Anschlag eng mit den Opfern vernetzt hat, begleitet Familien etwa bei Behördengängen oder vermittelt Rechtsberatung. Für Kinder und Jugendliche, die Eltern oder Geschwister verloren haben, organisiert die Stiftung Münchner Kinderfonds regelmäßig Trauercamps und Mentoring-Programme. Hier geht es nicht um klassische Therapie, sondern darum, Räume zu schaffen, in denen Trauer ohne Druck gelebt werden darf – sei es beim gemeinsamen Kochen, bei Wanderungen oder in kreativen Workshops.
Trotz aller Angebote bleibt eine Lücke: die öffentliche Wahrnehmung. Während die mediale Aufmerksamkeit nachlässt, kämpfen viele Betroffene weiter im Stillen. Experten aus der Traumaforschung betonen, dass Gesellschaft und Politik langfristige Trauerprozesse oft unterschätzen. Gedenkveranstaltungen wie die stille Trauerfeier am Jahrestag sind daher mehr als nur Symbolpolitik – sie signalisieren den Angehörigen: Ihr Schmerz wird gesehen.
Sicherheitskonzepte heute: Was sich seit dem Attentat verändert hat
Der Anschlag am Olympiaeinkaufszentrum (OEZ) markierte einen Wendepunkt für die Sicherheitsarchitektur in München. Seit dem 22. Juli 2016 wurden nicht nur die Einsatzpläne der Polizei grundlegend überarbeitet, sondern auch die Zusammenarbeit zwischen Behörden neu strukturiert. Ein zentrales Ergebnis: die Einrichtung des Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums (GTAZ) in Bayern, das seither als Schnittstelle für Bund und Länder fungiert. Hier laufen Informationen aus verschiedenen Quellen zusammen – von lokalen Ermittlungen bis zu internationalen Warnmeldungen.
Besonders sichtbar wurde die Veränderung im öffentlichen Raum. Videoüberwachung an neuralgischen Punkten wie Bahnhöfen oder Einkaufszentren nahm um über 40 % zu, wie eine Studie des Bayerischen Landeskriminalamts aus dem Jahr 2022 zeigt. Doch nicht nur Technik spielt eine Rolle. Regelmäßige Übungen mit Rettungskräften, Polizei und sogar Privatfirmen – etwa Betreibern großer Veranstaltungen – sind seitdem fester Bestandteil der Präventionsstrategie. Das Ziel: Reaktionszeiten verkürzen und Handlungsabläufe automatisieren, wenn jede Sekunde zählt.
Kritische Stimmen aus der Sicherheitsforschung betonen allerdings, dass technische Aufrüstung allein keine Garantie bietet. Vielmehr rücke die psychologische Komponente stärker in den Fokus. So wurden in den vergangenen Jahren vermehrt Schulungen für Mitarbeiter in Behörden und öffentlichen Einrichtungen eingeführt, um verdächtiges Verhalten frühzeitig zu erkennen. Auch die Zusammenarbeit mit Psychologen und Extremismusforschern intensivierte sich – ein Zeichen dafür, dass die Bedrohungslage heute komplexer bewertet wird als noch vor fünf Jahren.
Ein weniger sichtbarer, aber entscheidender Schritt war die Anpassung der Notfallkommunikation. Seit 2017 nutzt München ein mehrstufiges Warnsystem, das von SMS-Alarmierungen bis zu Lautsprecherdurchsagen reicht. Während des OEZ-Anschlags hatten unklare Informationen und Gerüchte die Lage zusätzlich verschärft. Diese Erfahrung führte zu strengen Protokollen, die heute regeln, wie Behörden in Echtzeit informieren – ohne Panik zu schüren, aber mit maximaler Transparenz.
Fünf Jahre nach dem Anschlag am Olympiaeinkaufszentrum bleibt München in stummer Trauer vereint – nicht als Stadt der Angst, sondern als Gemeinschaft, die sich ihrer Verantwortung stellt. Die stillen Gedenkveranstaltungen zeigen: Erinnerung ist kein passives Schweigen, sondern aktives Bewahren der Würde für die neun Opfer, deren Leben gewaltsam abgerissen wurden.
Wer selbst Betroffene kennt oder unter den Nachwirkungen solch traumatischer Ereignisse leidet, findet Unterstützung bei Anlaufstellen wie dem Weißen Ring oder der Nummer gegen Kummer, wo professionelle Hilfe ohne Bürokratie angeboten wird.
Münchens Umgang mit diesem Tag beweist, dass Solidarität stärker ist als Hass – und dass eine Gesellschaft, die gemeinsam trauert, auch gemeinsam handeln kann, um Gewalt keine Chance zu lassen.

