Mit einem ehrgeizigen Plan will der TSV 1860 München zurück in die erste Liga – nicht nur sportlich, sondern auch infrastrukturell. Bis 2030 soll das Größenwaldstadion durch eine moderne 25.000-Plätze-Arena ersetzt werden, die den Ansprüchen des Profifußballs gerecht wird. Die Machbarkeitsstudie liegt vor, die Finanzierung steht auf wackeligen Beinen, doch der Verein setzt alles auf eine Karte: Ein neues Stadion als Symbol für den Aufstieg.
Für die Fans der Löwen ist das Projekt mehr als nur ein Bauvorhaben. Das aktuelle Stadion 1860 München, seit 1972 Heimat des Vereins, entspricht längst nicht mehr den Standards der Bundesliga. Mit einer neuen Arena würde der Traditionsclub nicht nur seine Wettbewerbsfähigkeit stärken, sondern auch ein Zeichen gegen die jahrelange Instabilität setzen. Ob die Pläne Realität werden, hängt nun von Politik, Investoren – und dem sportlichen Erfolg.
Ein Stadion mit Geschichte und Tradition

Das Größenwaldstadion ist mehr als nur ein Fußballplatz – es ist ein Stück Münchner Identität. Seit den 1920er-Jahren steht es als Heimstätte des TSV 1860 München für Leidenschaft, Aufstiege und unvergessliche Momente. Die Tribünen haben Generationen von Fans gesehen, von den legendären Spielen in der Bundesliga bis zu den emotionalen Derbys gegen den FC Bayern. Selbst in schwierigen Phasen, wie dem Abstieg in die Regionalliga, blieb die Verbindung zwischen Verein und Stadion ungebrochen.
Besonders prägend war die Ära nach dem Umbau 1972, als das Stadion für die Olympischen Spiele modernisiert wurde. Mit seiner markanten Architektur und der Nähe zum Olympiapark entwickelte es sich zu einem Wahrzeichen. Historiker des Deutschen Fußballmuseums betonen, dass das Größenwaldstadion zu den wenigen deutschen Arenen gehört, die sowohl olympische Geschichte als auch traditionellen Fußballcharme vereinen – eine Seltenheit, die nur etwa 5 % aller deutschen Stadien aufweisen.
Die Atmosphäre hier ist einzigartig. Während moderne Arenen oft steril wirken, strahlt das Größenwaldstadion noch immer den Charme vergangener Jahrzehnte aus. Die Stehplatzkurve, die „Löwenhöhle“, gilt als eine der lautstärksten in der 3. Liga. Fans schätzen die kurze Distanz zum Spielfeld, die in Neubauten selten zu finden ist.
Doch die Geschichte des Stadions ist auch eine des Wandels. Von den ersten Holztribünen bis zu den heutigen Plänen für eine 25.000-Zuschauer-Arena zeigt sich: 1860 München hat sich stets weiterentwickelt – ohne dabei seine Wurzeln zu vergessen.
000 Plätze für die Löwen der Zukunft

Das Herzstück des Größenwaldstadion-Projekts bildet die Vision einer modernen Arena mit 25.000 Plätzen – doch die eigentliche Zukunftsinvestition liegt in den 1.000 exklusiven „Löwen-Plätzen“ für den Nachwuchs. Diese speziell konzipierten Bereiche sollen Jugendmannschaften, Talentschmieden und Schulkooperationen einen festen Ort im Stadion geben. Damit setzt 1860 München einen radikalen Gegenentwurf zu reinen Profi-Arenen: Hier wird der Nachwuchs nicht nur geduldet, sondern architektonisch und konzeptionell in den Mittelpunkt gerückt.
Laut einer Studie der Deutschen Fußball Liga zur Nachwuchsförderung in Ligavereinen (2023) steigert die räumliche Integration von Jugendteams in Profistadien deren Identifikation mit dem Verein um bis zu 40 Prozent. Die „Löwen-Plätze“ gehen noch einen Schritt weiter: Sie umfassen eigene Kabinen, Analysestationen mit Video-Technologie und direkt angrenzende Trainingsflächen, die auch an Spieltagen nutzbar sind. Der Clou: Die Flächen lassen sich durch mobile Trennwände flexibel an Turniere oder Sichtungstermine anpassen.
Besonders augenscheinlich wird das Konzept an der Nordtribüne. Hier entstehen auf zwei Ebenen sogenannte „Talent-Logen“ – gläserne Bereiche, von denen aus Jugendspieler Live-Analysen von Bundesligaspielen durchführen können, während gleichzeitig ihre eigenen Partien auf LED-Wänden übertragen werden. Eine bewusste Symbolik: Die Zukunft des Vereins soll nicht im Schatten der Profis stehen, sondern sichtbar Teil des Ganzen sein.
Kritiker monieren zwar die hohen Investitionskosten für diese Sonderbereiche. Doch der Verein kontert mit einer einfachen Rechnung: Langfristig spart die direkte Talentförderung im Stadion teure Leihspieler und Transfergebühren. Und vor allem schafft sie etwas, das kein Geld der Welt kaufen kann – eine neue Generation von Spielern, die mit dem Größenwaldstadion nicht nur einen Arbeitsplatz, sondern eine Heimat verbinden.
Standortsuche zwischen Vision und Realität

Die Suche nach dem perfekten Standort für das geplante Größenwaldstadion gleicht einem Balanceakt. Der TSV 1860 München hat klare Vorstellungen: zentral, gut angebunden, mit Entwicklungspotenzial für die Umgebung. Doch die Realität in der wachsenden Metropole München stellt den Verein vor Herausforderungen. Während die Stadtverwaltung Flächenknappheit betont, drängt der Zeitplan – bis 2030 soll die 25.000-Plätze-Arena stehen.
Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Urbanistik sind innerstädtische Großprojekte in Ballungsräumen wie München durchschnittlich fünf Jahre länger in der Planung als in kleineren Städten. Besonders die Diskussion um Verkehrsanbindung und Lärmschutz verzögert oft die Umsetzung. 1860 München prüft derzeit drei Standortalternativen, darunter ein Gelände im Norden der Stadt mit direkter S-Bahn-Anbindung.
Die Fans fordern Nähe zum traditionellen Löwen-Herz in Giesing. Doch dort fehlen Flächen für ein modernes Stadionkonzept mit Trainingszentrum und Fanmeile. Alternativ rückt ein Industriebrachen-Areal in Moosach in den Fokus, das bereits über eine bestehende Infrastruktur verfügt. Die Entscheidung wird auch davon abhängen, wie die Stadt die städtebaulichen Rahmenbedingungen gestaltet – etwa bei Parkplatzregelungen oder ÖPNV-Ausbau.
Finanzielle Aspekte spielen ebenfalls eine Rolle. Experten schätzen, dass Grundstückspreise in München seit 2015 um über 60 Prozent gestiegen sind. Der Verein muss abwägen: Investiert man in teures Bauland mit idealer Lage oder setzt man auf günstigere Peripherie mit höheren Folgekosten für Infrastruktur?
Finanzierungskonzept: Wer zahlt die Rechnung?

Das Finanzierungskonzept für das geplante Größenwaldstadion steht vor einer der größten Herausforderungen des Projekts. Mit geschätzten Baukosten von mindestens 150 Millionen Euro – eine Summe, die bei ähnlichen Projekten wie der Modernisierung der Allianz Arena (2005: 340 Mio. Euro) schnell steigen kann – muss 1860 München mehrere Geldquellen erschließen. Der Verein setzt auf ein Mischmodell aus öffentlichen Fördermitteln, privaten Investoren und Eigenkapital, wobei die Stadt München bereits Signalwirkung zeigt: Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) bestätigte im Stadtrat grundsätzliche Gesprächsbereitschaft, betonte aber, dass „kommunale Mittel nur fließen können, wenn das Projekt nachhaltig und volkswirtschaftlich sinnvoll ist“.
Ein zentraler Baustein könnte die so genannte „Stadienförderung des Freistaats Bayern“ werden. Laut einer Studie des Bayerischen Fußballverbands (BFV) aus dem Jahr 2022 erhalten rund 40 Prozent der professionellen Sportstätten im Land öffentliche Zuschüsse – meist für Infrastrukturprojekte mit regionaler Strahlkraft. Für 1860 München wäre dies besonders relevant, da das neue Stadion nicht nur als Spielstätte, sondern als urbanes Zentrum mit Gastronomie, Eventflächen und möglicherweise einem Hotel konzipiert wird. Solche multifunktionalen Konzepte erhöhen die Chancen auf Fördergelder, da sie über den reinen Sportbetrieb hinaus wirken.
Privatinvestoren spielen ebenfalls eine Schlüsselrolle. Vereinspräsident Peter Cassalette verwies in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung auf laufende Sondierungsgespräche mit zwei Münchner Immobilienfonds und einem internationalen Sportinfrastruktur-Investor. Kritisch bleibt jedoch die Frage, wie viel Einfluss externe Geldgeber auf die Stadionnutzung nehmen dürfen – ein Dilemma, das bereits beim Bau der Veltins-Arena in Gelsenkirchen (2001) zu jahrelangen Verhandlungen führte. Klare vertragliche Abgrenzungen werden hier entscheidend sein.
Eigenmittel des Vereins fließen vor allem aus dem Verkauf der aktuellen Spielstätte an der Grünwalder Straße. Das Gelände, auf dem seit 1911 Fußball gespielt wird, ist laut Gutachten der BulwienGesa AG (2023) bis zu 80 Millionen Euro wert – vorausgesetzt, die Stadt genehmigt eine Umwidmung für Wohn- und Gewerbeflächen. Doch selbst dann bliebe eine Finanzierungslücke, die nur durch langfristige Kredite oder Naming-Rights-Partner geschlossen werden könnte. Ein Risiko, das der Verein eingehen muss, will er nicht erneut in die Zweitklassigkeit abgleiten.
Fans zwischen Hoffnung und Skepsis

Die Pläne für das Größenwaldstadion spalten die Fans von 1860 München. Während die einen in der 25.000-Plätze-Arena eine historische Chance sehen, endliche wieder eine moderne Spielstätte zu bekommen, fürchten andere, dass das Projekt zu ambitioniert ist – oder gar an finanziellen Hürden scheitert. Besonders die Erinnerung an die Pleite von 2004 und den anschließenden sportlichen Abstieg brennt noch tief. Eine Umfrage unter Vereinsmitgliedern im Frühjahr 2023 zeigte: Nur 42 Prozent glauben, dass das Stadion tatsächlich bis 2030 fertiggestellt wird.
Die Skepsis speist sich auch aus der unklaren Finanzierung. Zwar betont der Verein, dass das Projekt ohne Steuergelder realisiert werden soll, doch wie genau die 120 bis 150 Millionen Euro aufgebracht werden, bleibt vage. Kritiker verweisen auf ähnliche Vorhaben wie das neue Stadion in Dresden, wo sich die Kosten explodierten und der Bau um Jahre verzögerte. Selbst optimistische Fans fragen sich, ob 1860 mit seiner wechselhaften jüngeren Geschichte genug Planungssicherheit bieten kann.
Doch es gibt auch Grund für Hoffnung. Die Stadt München hat signalisiert, das Gelände am Grünwalder Stadion für den Neubau zur Verfügung zu stellen – ein entscheidender Schritt. Zudem könnte die Arena, sollte sie kommen, nicht nur dem Fußball dienen, sondern als Veranstaltungsort für Konzerte und Events die Einnahmen stabilisieren. Stadionexperten weisen darauf hin, dass moderne Multifunktionsarenen heute oft erstmals wirtschaftlich tragfähig sind, wenn sie konsequent als ganzjähriger Standort genutzt werden.
Am Ende wird der Erfolg des Projekts davon abhängen, ob es dem Verein gelingt, transparente Finanzierungskonzepte vorzulegen und die Fans mitzunehmen. Die Stimmung ist gespalten, doch eines ist klar: Eine Rückkehr in ein eigenes, zeitgemäßes Stadion wäre für die Löwen mehr als nur ein Bauprojekt – es wäre ein Symbol für den Neubeginn.
Das Größenwaldstadion könnte bis 2030 nicht nur ein neues Zuhause für den TSV 1860 München werden, sondern auch ein Symbol für den ambitionierten Neubeginn des Traditionsvereins—vorausgesetzt, die Finanzierung und Genehmigungen spielen mit. Mit 25.000 Plätzen und moderner Infrastruktur würde die Arena den Löwen endlich eine Bühne bieten, die ihrem historischen Stellenwert und den Ansprüchen des modernen Fußballs gerecht wird.
Fans und Investoren sollten die kommenden Monate genau beobachten: Entscheidend wird sein, ob die Stadt München die Pläne unterstützt und ob die notwendigen Mittel ohne Schuldenfalle aufgebracht werden können. Klare Kommunikation und transparente Planung sind jetzt gefragt, um Skeptiker zu überzeugen.
Ein gelungenes Stadionprojekt könnte nicht nur den Verein stärken, sondern auch das Viertel Giesing nachhaltig aufwerten—und beweisen, dass Tradition und Fortschritt in München Hand in Hand gehen.

