Seit 120 Jahren hat der Königshof München seinen Besitzer nicht gewechselt – doch jetzt steht das historische Gebäude erstmals zum Verkauf. Das 1897 erbaute Prunkstück an der Sonnenstraße, einst Treffpunkt von Künstlern, Dichtern und Münchner High Society, könnte bald in neue Hände übergehen. Mit seiner opulenten Jugendstilfassade, den prächtigen Stuckdecken und der bewegten Geschichte als Hotel, Café und Kulturort gehört der Palast zu den letzten großen Zeugnissen der bayerischen Belle Époque. Doch der Verkauf wirft Fragen auf: Bleibt das Denkmal erhalten, oder droht ihm das Schicksal so vieler anderer Münchner Juwelen – der Verlust seiner Seele zugunsten von Profit?
Der Königshof München ist mehr als nur ein Gebäude – er ist ein Stück Identität der Stadt. Generationen von Münchnern verbinden mit dem Haus Erinnerungen an Kaffeehauskultur, literarische Salons und die goldenen Jahre des Schwabing der 1960er, als hier Intellektuelle wie Thomas Mann oder Klaus Mann verkehrten. Heute, in einer Zeit, in der Immobilieninvestoren historische Bausubstanz oft gegen Glas-und-Beton-Neubauten eintauschen, wird der Verkauf zum Lackmustest. Geht es um den Erhalt eines Kulturerbes oder um die nächste Luxussanierung? Die Entscheidung wird zeigen, wie viel der Stadt ihre Geschichte noch wert ist.
Vom Prunkbau zum Problemfall: 120 Jahre Geschichte
Der Königshof am Münchner Marienplatz blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück, die 1904 mit dem Bau des prunkvollen Jugendstilgebäudes begann. Ursprünglich als Luxushotel und Treffpunkt der High Society konzipiert, verkörperte das Haus mit seinen opulenten Stuckfassaden und dem markanten Eckturm den Glanz der Belle Époque. Bis in die 1920er-Jahre hinein galt es als eines der vornehmsten Häuser der Stadt – ein Ort, an dem Künstler wie Thomas Mann oder Politiker wie Gustav Stresemann verkehrten.
Doch die Goldenen Zwanziger währten nicht ewig. Mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus wurde der Königshof 1933 zum Sitz der NSDAP-Kreisleitung umfunktioniert, später im Krieg schwer beschädigt. Die Nachkriegszeit brachte einen radikalen Wandel: Aus dem einstigen Prunkbau wurde ein schlichtes Kaufhaus, das in den 1950er-Jahren unter dem Namen „Kaufhaus Oberpollinger“ wiedereröffnete. Die historische Fassade blieb zwar erhalten, doch das Innere verlor jeden Hinweis auf die glamouröse Vergangenheit.
Architekturhistoriker betonen, dass der Königshof ein typisches Beispiel für die „schizophrene Stadtentwicklung Münchens“ ist – ein Gebäude, das zwischen Denkmalschutz und wirtschaftlichem Druck hin- und hergerissen wird. Laut einer Studie des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege aus dem Jahr 2018 gehören nur noch etwa 30 % der ursprünglichen Bausubstanz zum heutigen Gebäude, darunter die denkmalgeschützte Fassade und Teile des Treppenhauses. Der Rest fiel Modernisierungen und Umbauten zum Opfer.
Seit den 1990er-Jahren wechselten die Nutzer in schnellem Takt: Nach dem Auszug von Oberpollinger folgten ein Elektronikmarkt, ein Möbelhaus und schließlich ein kurzlebiges Konzept mit Gastronomie und Einzelhandel. Jeder Mieter hinterließ Spuren, doch keiner schaffte es, dem Haus eine dauerhafte Identität zu geben. Jetzt, zum ersten Mal in seiner 120-jährigen Geschichte, steht der Königshof komplett zum Verkauf – und mit ihm die Frage, ob München bereit ist, ein Stück seiner eigenen, widersprüchlichen Geschichte zu bewahren.
Warum der Königshof plötzlich auf dem Immobilienmarkt landet
Der Verkauf des Königshofs kommt nicht von ungefähr – hinter der Entscheidung steckt ein komplexes Geflecht aus finanziellen Zwängen und strategischen Überlegungen. Seit Jahrzehnten dienten die historischen Mauern als Veranstaltungsort für Kulturprogramme und Gastronomie, doch die Pandemie hinterließ tiefe Spuren: Laut Branchenanalysen brachen die Umsätze im Münchner Eventsektor 2020 um bis zu 70 Prozent ein. Für den Königshof, der seit 1904 ununterbrochen in Betrieb war, bedeutete dies einen Einschnitt, von dem sich die Betreiber trotz staatlicher Hilfen nie vollständig erholten. Die aktuellen Eigentümer, eine Investorengruppe mit Fokus auf Denkmalschutz, sehen sich nun gezwungen, das Objekt zu veräußern – nicht aus Desinteresse, sondern weil die Sanierungskosten für das unter Denkmalschutz stehende Gebäude auf mindestens 15 Millionen Euro geschätzt werden.
Hinzu kommt der Druck durch den Münchner Immobilienmarkt. Während andere historische Bauten wie das Alte Rathaus oder die Residenz längst in öffentlicher Hand sind, blieb der Königshof stets privatwirtschaftlich genutzt. Doch die Stadt hat in den letzten Jahren ihre Politik verschärft: Seit 2021 müssen Denkmäler innerhalb von fünf Jahren nach Kauf saniert werden, sonst drohen Zwangsversteigerungen. Für viele Investoren ein Risiko – für den Königshof eine Chance, aber auch eine Bedrohung.
Experten der Bayerischen Landesanstalt für Denkmalpflege warnen bereits vor einem Präzedenzfall. Sollte das Gebäude an einen reinen Renditeinvestor gehen, könnte das architektonische Erbe – von den originalen Stuckdecken bis zu den Jugstilelementen der Fassade – unter kommerziellen Umbauten leiden. Bisherige Interessenten reichen von Hotelketten bis zu Stiftungsträgern, doch wer am Ende das Rennen macht, entscheidet sich in den nächsten Wochen.
Ein weiterer Faktor: die Lage. Direkt an der Sonnenstraße, nur wenige Gehminuten vom Marienplatz entfernt, ist der Königshof ein Filetstück. Doch genau diese Centrality macht ihn zum Zankapfel. Während Denkmalschützer auf eine Lösung mit öffentlicher Beteiligung drängen, fürchten Anwohner eine Verdrängung der bisherigen Nutzungen durch Luxuswohnungen oder internationale Franchise-Konzepte.
Exklusive Einblicke: Der Zustand des denkmalgeschützten Gebäudes
Wer das Innere des Königshofs betritt, spürt sofort die Last der Jahrzehnte. Die prunkvollen Stuckdecken im Jugendstil, einst strahlend weiß, zeigen heute feine Risse wie ein Netz aus Altersspuren. Besonders im großen Ballsaal fallen die abblätternden Vergoldungen auf – ein stummer Zeuge unzähliger Feste, die hier seit 1903 gefeiert wurden. Laut einem aktuellen Gutachten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege sind rund 30% der historischen Ornamente akut sanierungsbedürftig, da Feuchtigkeit aus undichten Fenstern die Substanz angreift.
Die Treppenhäuser wirken wie aus der Zeit gefallen: Die originalen Marmortritte sind an den Kanten abgenutzt, als hätten tausend Schritte sie langsam geformt. Doch nicht alles ist Verfall. Im zweiten Obergeschoss überraschen plötzlich frisch restaurierte Wandmalereien – ein Kontrast, der zeigt, was mit Fachwissen möglich wäre. Denkmalschützer betonen, dass gerade diese Mischung aus originaler Patina und gezielter Instandsetzung den Charakter des Hauses ausmacht.
Hinter den Kulissen offenbart sich das wahre Ausmaß der Herausforderung. Die haustechnischen Anlagen stammen größtenteils aus den 1970er Jahren, als letzte größere Modernisierungen stattfanden. Die Elektroleitungen sind für heutige Standards hoffnungslos überlastet, die Heizungsrohre korrodiert. Ein Sachverständiger für historische Gebäude schätzt die Kosten für eine vollständige Sanierung auf mindestens 15 Millionen Euro – eine Summe, die viele potenzielle Käufer abschrecken dürfte.
Trotz aller Mängel strahlt der Königshof eine seltsame Würde aus. Selbst die verwitterten Balkone mit ihren schmiedeeisernen Geländern erzählen Geschichten: von Münchner Künstlern, die hier residierten, von Politikern, die in den Salons debattierten. Jeder Kratzer im Parkettboden, jede ausbleibende Lampe in den Kristalllüstern scheint zu flüstern: Dieses Haus hat mehr gesehen als die meisten seiner Besucher.
Münchner Debatte: Wer könnte – und sollte – das Juwel retten?
Der Verkauf des Königshofs wirft eine brisante Frage auf: Wer könnte – und vor allem wer sollte – dieses historische Juwel retten? Die Debatte spaltet München. Während Immobilieninvestoren bereits die Lage an der Sonnenstraße taxieren, warnen Denkmalschützer vor einem Verlust, der die Stadt um ein Stück Identität bringen würde. Der Königshof steht nicht nur für 120 Jahre Gastronomietradition, sondern auch für ein architektonisches Erbe, das laut Bayerischem Landesamt für Denkmalpflege zu den letzten erhaltenen Zeugnissen der Gründerzeit in dieser Form zählt.
Ein möglicher Retter könnte die Stadt selbst sein. München hat in der Vergangenheit mehrfach historische Gebäude erworben, um sie vor Spekulationen zu schützen – etwa das Lenbachhaus oder das Gasteig-Gelände. Doch der Haushalt ist angespannt, und Kritiker verweisen auf die laufenden Kosten. Alternative Modelle wie eine öffentliche-private Partnerschaft oder eine Stiftung werden diskutiert, bleiben aber vage.
Gastronomen mit Vision sehen im Königshof dagegen eine Chance. Einer, der es wissen müsste: Die Erfolgsquote historischer Restaurants in München liegt bei rund 70 Prozent, wenn sie ihr Konzept an moderne Ansprüche anpassen – ohne den Charme der Vergangenheit zu opfern. Doch wer bereit wäre, die nötigen Millionen in Sanierung und Betrieb zu stecken, hat sich noch nicht gemeldet.
Bleibt die Frage, ob der Königshof überhaupt gerettet werden muss. Manche Stimmen argumentieren, dass sich Städte weiterentwickeln müssen – und dass Nostalgie allein kein tragfähiges Geschäftskonzept ist. Doch selbst unter Ökonomen gibt es Skepsis: Studien zeigen, dass historische Orte wie dieser langfristig den Tourismus und das lokale Gewerbe stärken. Die Uhr tickt – der Verkaufsprozess läuft.
Zwischen Sanierung und Abriss: Was passiert, wenn kein Käufer kommt?
Seit über einem Jahrhundert prägt der Königshof das Münchner Stadtbild – doch nun hängt seine Zukunft am seidenen Faden. Sollte sich kein Investor finden, der das denkmalgeschützte Gebäude saniert, droht ein jahrelanger Leerstand oder im schlimmsten Fall der Abriss. Laut einer Studie des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege stehen aktuell rund 15 % der historischen Großimmobilien in Bayern länger als fünf Jahre leer, weil Sanierungskosten und Auflagen potenzielle Käufer abschrecken.
Der Königshof ist kein Einzelfall. Viele Altbauten scheitern am Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz und Wirtschaftlichkeit. Während eine Komplettsanierung Experten zufolge mindestens 30 bis 50 Millionen Euro verschlingen würde, liegt der Marktpreis für das Objekt deutlich darunter. Ohne öffentliche Förderung oder kreative Nutzungskonzepte – etwa als Mischung aus Hotel, Kulturzentrum und Büros – bleibt das Risiko groß, dass das Gebäude zur finanziellen Belastung wird.
Doch selbst ein Abriss wäre kein einfacher Ausweg. Da das Gebäude unter Ensembleschutz steht, müsste die Stadt München einem Abbruch zustimmen – ein politisch brisantes Unterfangen. Denkbar wäre stattdessen ein Verkauf an die öffentliche Hand, wie es bei der Alten Kongresshalle in Nürnberg gelang. Dort übernahmen Stadt und Freistaat die Sanierung, um das Bauwerk als Veranstaltungshaus zu erhalten.
Bleibt der Königshof ungenutzt, drohen nicht nur baulicher Verfall, sondern auch kulturelle Verluste. Das Haus beherbergte einst Künstler wie Thomas Mann und war Schauplatz historischer Feste. Ein Leerstand würde diese Traditionen brechen – und München ein Stück Identität kosten.
Der Verkauf des Königshofs markiert nicht nur das Ende einer Ära, sondern wirft grundsätzliche Fragen zum Umgang mit Münchens historischem Erbe auf—ein Gebäude, das 120 Jahre lang Identität stiftete, steht plötzlich zwischen Renditeinteressen und Denkmalschutz. Dass selbst ein solches Juwel der Belle Époque plötzlichen Marktmechanismen unterworfen wird, zeigt, wie fragil der Bestand kultureller Leitbauten ist, wenn wirtschaftliche Logik über ihre Zukunft entscheidet.
Wer das Schicksal des Königshofs nicht dem Zufall überlassen will, sollte sich jetzt engagieren: Bürgerinitiativen wie München bewahren sammeln bereits Unterschriften für einen Denkmalstatus, der Spekulationen erschwert—jeder Beitrag zählt, sei es durch politische Unterstützung oder öffentliche Aufmerksamkeit. Letztlich wird sich an diesem Fall entscheiden, ob München seine Architekturgeschichte als lebendiges Erbe begreift oder sie Stück für Stück dem höchsten Bieter überlässt.

