Am 31. Juli 2024 fällt in München eine Ära zu Ende: Nach 35 Jahren schließt die IKEA-Filiale in Neuperlach für immer ihre Türen. Der schwedische Möbelriese verlässt damit einen Standort, der seit den 1980er-Jahren nicht nur als Einkaufsziel, sondern als fester Bestandteil des Münchner Südostens galt. Mit über 12.000 Quadratmetern Verkaufsfläche und jährlich Hunderttausenden Besuchern prägte das blau-gelbe Gebäude am Hanns-Seidel-Platz das Stadtbild – doch jetzt macht Platz für neue Pläne.

Für Kunden der Region bedeutet das mehr als nur einen längeren Weg zur nächsten Filiale. Die Schließung von IKEA München in Neuperlach betrifft nicht nur Möbelkäufer, sondern auch Gewerbetreibende in der Umgebung, die vom Kundenstrom profitierten. Während der Konzern auf andere Standorte wie die Filiale in Aubing verweist, bleibt die Frage, was mit dem freiwerdenden Areal passiert. Ein Abschied, der bei vielen Münchnern Wehmut auslöst – und gleichzeitig Raum für Diskussionen über die Zukunft des Stadtteils schafft.

Ein Münchner Möbelhaus wird Geschichte

Seit 1989 prägte das blaue Gebäude mit den markanten gelben Lettern das Bild von Neuperlach. Damals eröffnete IKEA hier seine erste Münchner Filiale – ein Novum für die Stadt, die bis dahin keine Möbelhäuser dieser Größe kannte. Mit 24.000 Quadratmetern Verkaufsfläche und über 50 Raumwelten wurde der Standort schnell zum Magneten für Einrichter aus ganz Oberbayern. In Spitzenzeiten besuchten bis zu 2,5 Millionen Kunden jährlich das Haus, wie Branchenanalysen aus den 2000er-Jahren zeigen.

Die Filiale war mehr als ein Möbelgeschäft. Sie entwickelte sich zu einem sozialen Treffpunkt, an dem Familien sonntags stundenlang zwischen Billy-Regalen und Klippan-Sofas verweilten. Das Restaurant mit seinen preiswerten Köttbullar und dem unverkennbaren Geruch von Zimtgebäck wurde für viele zum Ritual. Selbst die Parkplatzsuche am Wochenende gehörte für Stammkunden irgendwann dazu – ein Ärgernis, das man mit Humor nahm.

Architektonisch setzte der Bau Maßstäbe. Die für IKEA typische zweistöckige Konstruktion mit der charakteristischen Treppenhaus-Gestaltung galt damals als modern. Stadtplaner lobten die gute Anbindung an die U-Bahn-Linie U5, die den Standort auch für Kunden ohne Auto attraktiv machte. Doch was in den 1980ern als fortschrittlich galt, entspricht heute nicht mehr den Anforderungen an Nachhaltigkeit und Flächeneffizienz, wie Handelsimmobilien-Experten betonen.

Mit der Schließung endet eine Ära. Generationen von Münchnern verbinden mit dem Haus Erinnerungen – vom ersten eigenen Wohnzimmer nach dem Auszug bis zu den obligatorischen Streifzügen durch die Schauwohnungen. Die Filiale überdauerte Wirtschaftskrisen, den Online-Handelsboom und sogar die Pandemie. Dass ausgerechnet die Logistikprobleme der letzten Jahre und veränderte Konsumgewohnheiten das Aus beschleunigten, macht die Entscheidung für viele nur schwer nachvollziehbar.

35 Jahre Neuperlach: Vom Pionierstandort zum Auslaufmodell

Als IKEA 1989 in Neuperlach die Türen öffnete, war der Standort ein Symbol für den Aufbruch. München wuchs, die Peripherie wurde zum Ziel – und das schwedische Möbelhaus setzte mit seiner 35.000 Quadratmeter großen Filiale Maßstäbe. Damals lockte das Konzept: günstige Selbstbedienung, skandinavisches Design und ein Restaurant mit Köttbullar, alles unter einem Dach. Die Anbindung an die U-Bahn machte Neuperlach zum idealen Ziel für Familien aus dem gesamten Großraum, die mit dem Auto oder öffentlichen Verkehrsmitteln anreisten.

Doch was einst als Pionierprojekt galt, wurde mit der Zeit zum Relikt. Während sich die Stadtentwicklung nach Norden und Westen verlagerte, blieb Neuperlach zurück. Laut einer Studie des ifo Instituts aus dem Jahr 2022 sank die Kaufkraft im Münchner Süden um 12 Prozent im Vergleich zu 2010 – ein Trend, der auch andere Einzelhändler in der Region traf. Die Filiale, einst ein Magnet, kämpfte zunehmend mit rückläufigen Besucherzahlen. Selbst die Erweiterung des Sortiments um nachhaltige Produkte und Smart-Home-Lösungen konnte den Schwund nicht aufhalten.

Die Architektur der 80er-Jahre, einst modern, wirkte plötzlich überholt. Wo andere Standorte wie IKEA Aubing mit gläsernen Fassaden und grünen Dächern glänzten, blieb Neuperlach ein Betonklotz aus einer anderen Zeit. Kund:innen kritisierten die beenge Parkplatzsituation, die schlechte Belüftung in den Sommer Monaten und die fehlende digitale Integration – etwa Selbstscanner oder Click-and-Collect-Stationen, die an neueren Standorten längst Standard waren.

Mit der Schließung endet nun eine Ära. Neuperlach, einst Vorreiter, wird zum Beispiel dafür, wie schnell sich Handelsstandorte überleben können – selbst wenn sie jahrzehntelang erfolgreich waren.

Was die Schließung für Kunden und Mitarbeiter bedeutet

Die Schließung der IKEA-Filiale in Neuperlach trifft rund 300 Mitarbeiter, die nun vor ungewissen Perspektiven stehen. Laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts Köln führen Filialschließungen im Einzelhandel in 60 Prozent der Fälle zu längeren Arbeitslosigkeitsphasen für betroffene Beschäftigte – besonders in Regionen mit ohnehin angespanntem Arbeitsmarkt. IKEA Deutschland hat zwar angekündigt, möglichst viele Mitarbeiter in anderen Standorten unterzubringen, doch die Realität zeigt: Nicht alle können oder wollen umziehen. Für langjährige Kräfte, die seit der Eröffnung 1989 im Team sind, kommt die Nachricht besonders hart.

Kunden reagieren mit gemischten Gefühlen. Die Filiale war für viele Münchner jahrzehntelang erste Anlaufstelle für günstige Möbel und schwedische Spezialitäten. Besonders Familien aus den umliegenden Stadtteilen schätzen die kurze Anfahrt – rund 40 Prozent der Kunden kamen laut IKEA-Angaben aus einem Umkreis von fünf Kilometern. Mit der nächsten Filiale in München-Perlach oder dem Großmarkt in Augsburg entstehen nun längere Wege, die nicht jeder auf sich nehmen will.

Für Gewerbetreibende in Neuperlach könnte der Wegfall des Möbelhauses spürbare Folgen haben. Die Filiale zog jährlich etwa 1,2 Millionen Besucher an, die oft auch benachbarte Geschäfte oder Gastronomiebetriebe frequentierten. Ein lokaler Händlerverband warnt bereits vor möglichen Umsatzeinbußen für die gesamte Region.

IKEA selbst betont, die Entscheidung sei Teil einer „strategischen Neuausrichtung“ – doch für die Betroffenen bleibt sie vor allem eins: ein Einschnitt nach 35 Jahren Vertrautheit.

Alternativen in München: Wo es jetzt langgeht

Mit der Schließung der Neuperlacher Filiale verliert München einen Möbelgiganten – doch die Nachfrage nach bezahlbaren Einrichtungslösungen bleibt. Laut einer aktuellen Studie des Handelsforschungsinstituts Köln nutzen über 60 Prozent der Münchner Haushalte mindestens einmal jährlich Möbelhäuser, wobei Preisbewusstsein und Erlebnisorientierung die wichtigsten Kriterien sind. Wer nun nach Alternativen sucht, findet sie sowohl im Stadtgebiet als auch im Umland, wenn auch mit unterschiedlichen Schwerpunkten.

Direkt in der Stadt punktet das MÖMAX in der Landsberger Straße mit einem ähnlichen Konzept wie IKEA: große Auswahl, Selbstabholung und günstige Preise. Der Standort ist gut an die U-Bahn angebunden und bietet mit seiner Lagerfläche auf 12.000 Quadratmetern auch für größere Einkäufe genug Platz. Wer Wert auf Nachhaltigkeit legt, wird im Avocadostore in Schwabing fündig – hier dominieren ökologische Materialien und langlebige Designs, allerdings zu höheren Preisen.

Für Schnäppchenjäger lohnt sich der Blick ins Umland. Das Poco Einrichtungsmarkt in Unterschleißheim kombiniert niedrige Preise mit einer breiten Produktpalette, während das Roller in Dachau besonders bei jungen Familien beliebt ist. Beide Filialen sind mit dem Auto gut erreichbar, öffentliche Anbindung bleibt jedoch eine Schwachstelle. Wer lieber online stöbert, kann auf Plattformen wie Wayfair oder Westwing zurückgreifen – hier locken häufige Rabattaktionen, allerdings ohne die Möglichkeit, Möbel vor Ort zu prüfen.

Ein Trend, der sich in München verstärkt, ist der Secondhand-Markt. Läden wie Möbel-Flohmarkt in Sendling oder Online-Portale wie eBay Kleinanzeigen bieten gebrauchte Möbel zu Bruchteilen der Neupreise. Laut Branchenexperten steigt die Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen besonders in Großstädten – ein Modell, das auch nach dem IKEA-Abschied an Bedeutung gewinnen dürfte.

IKEAs Pläne für Bayern – und was nach Neuperlach kommt

Der Abschied von Neuperlach markiert für IKEA keinen Rückzug aus Bayern, sondern eine strategische Neuausrichtung. Laut Unternehmensangaben investiert der schwedische Möbelriese bis 2025 rund 500 Millionen Euro in den deutschen Markt – ein erheblicher Teil davon fließt in die Modernisierung und Erweiterung bestehender Standorte. München bleibt dabei ein zentraler Knotenpunkt: Die Filiale in Perlach, nur wenige Kilometer von Neuperlach entfernt, wird aktuell umfassend saniert und soll bis 2026 zu einem „Flagship-Store“ mit erweiterter Erlebniswelt ausgebaut werden. Experten aus dem Einzelhandelssektor bewerten diesen Schritt als logische Konsequenz veränderter Kundenbedürfnisse, die zunehmend digitale Planungstools mit physischen Einkaufserlebnissen verbinden wollen.

Parallel zum Umbau in Perlach treibt IKEA die Eröffnung eines neuen Stadtmöbelhauses in der Münchner Innenstadt voran. Das Konzept, das bereits in Hamburg und Berlin erfolgreich getestet wurde, setzt auf kleinere Flächen mit Fokus auf Beratung, Inspiration und schnelle Mitnahme von Produkten. Geplant ist ein Standort in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof – ideal für Pendler und Touristen.

Langfristig setzt das Unternehmen auf ein hybrides Modell: Während große Einrichtungshäuser wie in Perlach als Erlebniszentren fungieren, übernehmen kleinere Formate im Stadtgebiet die Rolle von „Schnellzugriffspunkten“. Eine Studie der Handelsforschungsgesellschaft IFH Köln bestätigt diese Strategie: Über 60 Prozent der deutschen Verbraucher wünschen sich kürzere Wege für spontane Möbelkäufe, ohne auf die klassische IKEA-Atmosphäre verzichten zu müssen.

Für die Region Neuperlach selbst gibt es noch keine konkreten Nachfolgepläne. Die Immobilie in der Hanns-Seidel-Platz-Nähe gilt jedoch als begehrte Lage – erste Gespräche mit potenziellen Mietern aus den Bereichen Bildung, Gastronomie oder Co-Working laufen bereits. Die Stadt München signalisierte Interesse an einer Nachnutzung, die den sozialen Charakter des Viertels stärkt.

Mit der Schließung der IKEA-Filiale in Neuperlach nach 35 Jahren geht nicht nur ein Stück Münchner Einzelhandelsgeschichte zu Ende, sondern zeigt sich auch, wie stark sich Konsumgewohnheiten und städtische Strukturen wandeln. Die Entscheidung unterstreicht, dass selbst etablierte Möbelhäuser wie IKEA ihre Standorte neu bewerten müssen – besonders in Zeiten steigender Mieten und veränderter Kundenbedürfnisse, die zunehmend auf Online-Handel und innerstädtische Nahversorgung setzen.

Wer nun nach Alternativen sucht, findet die nächsten IKEA-Standorte in München-Perlach und Augsburg, beide gut an das öffentliche Verkehrsnetz angebunden und mit erweiterten Services wie Click & Collect. Langfristig könnte die Schließung aber auch eine Chance für Neuperlach sein, den frei werdenden Raum für moderne Wohn- oder Gewerbeprojekte zu nutzen, die besser zum heutigen Stadtbild passen.