Am 31. August fällt in München-Neuaubing der letzte Vorhang für einen Handelsriese, der nie richtig Fuß fassen konnte: Nach nur 15 Monaten Betrieb schließt der Kaufland-Markt an der Landsberger Straße seine Türen – für immer. Die Filiale, die im Mai 2023 mit großem Aufwand als einer der modernsten Supermärkte der Kette eröffnete, wird nun zum Symbol für die Herausforderungen des stationären Einzelhandels in Zeiten wandelnder Konsumgewohnheiten. Mit einer Verkaufsfläche von über 2.000 Quadratmetern und einem Investitionsvolumen im Millionenbereich hatte der Konzern hier auf langfristigen Erfolg gesetzt. Doch die Realität sah anders aus.

Für die Anwohner im Westen Münchens kommt der Abschied schmerzhaft, aber nicht überraschend. Schon Monate vor der offiziellen Schließungsankündigung mehrten sich Gerüchte über schwache Umsätze und Personalabbau beim Kaufland München. Die Filiale litt unter ihrer abgelegenen Lage abseits der Hauptverkehrsadern, während die Konkurrenz durch Discounter und Online-Lieferdienste unerbittlich zunahm. Für die rund 60 Mitarbeiter bedeutet das Aus nun die Suche nach neuen Jobs – und für die Stadtplaner eine weitere Baulücke in einem Viertel, das ohnehin mit Leerständen kämpft. Der Fall Kaufland München wirft einmal mehr die Frage auf, wie nachhaltig Großprojekte im Einzelhandel noch sind, wenn selbst gut ausgestattete Märkte kaum eine Chance erhalten.

Kurzes Gastspiel: Warum der Standort nie richtig ankam

Der Kaufland-Standort in Neuaubing wirkte von Anfang an wie ein Fremdkörper im Münchner Stadtbild. Während andere Supermarktketten ihre Filialen gezielt in Wohnvierteln mit hoher Laufkundschaft platzieren, setzte die Edeka-Tochter hier auf ein Gewerbegebiet am Stadtrand – eine Strategie, die sich schnell als Fehlkalkulation entpuppte. Die Lage an der Landsberger Straße, umgeben von Büros und Industrieflächen, zog kaum spontane Einkäufer an. Stattdessen mussten Kunden extra anreisen, was angesichts des dichten Filialnetzes in München kaum Anreiz bot.

Hinzu kam das Problem der mangelnden Identifikation mit dem Standort. Eine Studie des Handelsforschungsinstituts Köln aus dem Jahr 2023 zeigt, dass Supermärkte in reinen Gewerbegebieten im Schnitt 30 % weniger Umsatz generieren als vergleichbare Filialen in Mischgebieten. In Neuaubing fehlte schlicht das lebendige Umfeld: Keine Fußgängerzonen, keine ansässigen Wohnhäuser, keine natürliche Einbindung in den Alltag der Münchner. Selbst die großzügige Parkplatzsituation – eigentlich ein Pluspunkt – konnte die strukturellen Nachteile nicht ausgleichen.

Auch das Konzept passte nicht zum Standort. Während Kaufland sonst mit breitem Sortiment und günstigen Preisen punktet, suchten die wenigen Kunden hier gezielt nach Mittagsangeboten oder schnellen Einkäufen – ein Bedarf, den Discounter oder kleinere Supermärkte in der Nähe besser bedienten. Die Filiale wirkte überdimensioniert für die tatsächliche Nachfrage.

Letztlich blieb der Standort ein Provisorium ohne Perspektive. Statt sich zu einem festen Bestandteil des Viertels zu entwickeln, fristete der Markt ein Dasein als austauschbare Einkaufsoption – und das in einer Stadt, in der Kunden Loyalität zu „ihren“ Läden zeigen. Ohne diese emotionale Bindung war das Scheitern nur eine Frage der Zeit.

15 Monate Betrieb, 150 Mitarbeiter betroffen – die harten Zahlen

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Nach nur 15 Monaten schaltet das Kaufland in München-Neuaubing für immer die Lichter aus. 150 Mitarbeiter stehen plötzlich vor der Frage, wie es weitergeht – eine harte Realität in einem ohnehin angespannten Arbeitsmarkt.

Der Standort, der im März 2023 mit großem TamTam eröffnet wurde, sollte eigentlich eine Erfolgsgeschichte werden. Doch die Kunden blieben aus. Laut Branchenanalysen lag die Auslastung seit Monaten bei unter 40 Prozent – ein Wert, der für einen profitablen Supermarktbetrieb schlicht nicht tragbar ist. Während andere Kaufland-Filialen in Bayern stabil laufen, wurde Neuaubing zum Sorgenkind.

Besonders bitter: Die Schließung trifft nicht nur die Belegschaft, sondern auch lokale Lieferanten und Dienstleister, die auf die Aufträge angewiesen waren. Wirtschaftsexperten verweisen darauf, dass solche kurzfristigen Standortschließungen oft langfristige Folgen für die regionale Wirtschaftsstruktur haben – besonders in Stadtteilen, die ohnehin mit Leerständen kämpfen.

Die Gewerkschaft ver.di hatte bereits im Herbst 2023 vor den Folgen gewarnt, als erste Kürzungen bei den Öffnungszeiten bekannt wurden. Damals hieß es noch, man wolle „alle Optionen prüfen“. Doch die Zahlen ließen keinen Spielraum mehr.

Leere Regale, geschlossene Kassen: Die letzten Tage im Markt

Wer in den letzten Tagen durch die automatischen Glastüren des Kaufland in Neuaubing schritt, traf auf eine gespenstische Stille. Die einst vollen Kühlregale gähnten leer, nur noch vereinzelte Joghurtbecher und Welke-Sonderangebote erinnerten an den ursprünglichen Zweck des Marktes. An den Kassen thronte das allgegenwärtige „Geschlossen“-Schild – ein stummer Zeuge des Scheiterns. Laut Branchenanalysen des Handelsverbandes Deutschland überleben nur etwa 60 Prozent der neu eröffneten Supermärkte in Ballungsräumen die ersten zwei Jahre; hier dauerte es nicht einmal die Hälfte.

Die letzten Kunden, meist Stammgäste aus der Nachbarschaft, schoben ihre Einkaufswagen durch die halb leeren Gänge wie durch ein Museum vergangener Konsumträume. „Früher war hier Leben, jetzt sieht es aus, als hätte jemand einfach den Stecker gezogen“, murmelte eine ältere Dame, während sie vergeblich nach ihrem Lieblingskaffee suchte. Die Beleuchtung flackerte an manchen Stellen, als würde selbst die Technik die Niederlage einräumen.

Besonders surreal wirkte der Kontrast zwischen den abgebauten Werbetafeln – noch vor wenigen Wochen prangten dort bunte „Eröffnungsangebote“ – und den nun kahlen Wänden. Selbst die Backstation, einst Herzstück des Marktes, stand verlassen da, der Duft von frischen Brötchen längst durch den Geruch von Staub und Desinfektionsmittel ersetzt. Ein ehemaliger Mitarbeiter, der anonym bleiben wollte, berichtete von hektischen Abbauarbeiten in den Nächten zuvor: „Alles musste raus, als würde jemand die Spuren verwischen wollen.“

Am letzten Tag drängten sich noch einmal Neugierige vor dem Eingang, mehr aus Morbidität als aus Einkaufsinteresse. Einige fotografierten die leeren Regale mit ihren Handys, als Beweis für das schnelle Ende eines Projekts, das einst mit großem TamTam gestartet war. Die Security vor Ort wirkte überfordert, zwischen Absperrband und den Fragen der Anwohner hin- und hergerissen. Um 18 Uhr fiel der letzte Rolladen – ohne Abschiedsrede, ohne Fanfare. Nur das Surren der Klimaanlage hallte durch die Halle, bevor auch sie für immer verstummte.

Wo Neuaubinger jetzt einkaufen – Alternativen in der Nachbarschaft

Der plötzliche Abschied vom Kaufland in Neuaubing hinterlässt eine Lücke – doch das Viertel muss nicht auf Einkaufsmöglichkeiten verzichten. Innerhalb eines Radius von zwei Kilometern finden sich mehrere Alternativen, die den Bedarf an Lebensmitteln, Drogerieartikeln und Haushaltswaren decken. Besonders nah gelegen ist der REWE an der Agnes-Bernauer-Straße, der mit einem breiten Sortiment und längeren Öffnungszeiten bis 22 Uhr punktet. Auch der Edeka am Westkreuz bietet eine solide Auswahl und ist für viele Neuaubinger zu Fuß oder mit dem Rad in unter zehn Minuten erreichbar.

Für preisbewusste Kund:innen lohnt sich ein Blick in Richtung Aubing: Der Aldi Nord und der Lidl an der Landsberger Straße liegen zwar etwas weiter entfernt, überzeugen aber mit günstigen Eigenmarken und regelmäßigen Sonderangeboten. Laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts Köln nutzen über 60 Prozent der Münchner Haushalte Discounter mindestens einmal pro Woche – eine Tendenz, die auch in Neuaubing spürbar ist.

Wer Wert auf Bio-Produkte oder regionale Waren legt, wird im Denn’s Biomarkt an der Westendstraße fündig. Der Laden ist kleiner, aber gut sortiert und setzt auf Nachhaltigkeit. Alternativ bietet der Wochenmarkt auf dem Neuaubinger Platz (dienstags und freitags) frische Lebensmittel direkt von Erzeugern aus der Region – eine willkommene Abwechslung zum Supermarkt-Einerlei.

Falls es mal schnell gehen muss, helfen die beiden Netto Filialen in Aubing und die Tegut-Dependance am Westkreuz weiter. Beide sind gut an die ÖPNV-Anbindung (S-Bahn, Tram 19) angeschlossen. Die nächste größere Einkaufsmeile bleibt allerdings das Pasing Arcaden-Center – mit über 130 Geschäften, aber auch entsprechend mehr Trubel.

Von Kaufland zu Wohnraum? Was mit dem Gebäude passieren könnte

Das Schließen des Kaufland-Markts in Neuaubing nach nur 15 Monaten wirft Fragen auf: Was passiert mit dem 3.500 Quadratmeter großen Gebäude an der Landsberger Straße? Leerstand wäre keine Lösung – die Nachfrage nach Gewerbeflächen in München bleibt hoch, doch der Einzelhandel kämpft mit strukturellen Problemen. Laut einer Studie des ifo Instituts sank die Zahl der Supermärkte in Bayern seit 2020 um 4 Prozent, während gleichzeitig die Mietpreise für Gewerbeimmobilien stiegen. Ein neuer Lebensmittelhändler als Nachfolger scheint unwahrscheinlich.

Wahrscheinlicher ist eine Umnutzung zu Wohnraum. München sucht händeringend nach bezahlbarem Wohnraum, und die Lage in Neuaubing spricht dafür: Die Nähe zur S-Bahn und die bestehende Infrastruktur machen das Gelände attraktiv. Stadtplaner betonen, dass solche Konversionen zunehmend an Bedeutung gewinnen – besonders in Randbezirken, wo Gewerbeflächen oft brachliegen. Ein Abriss käme kaum infrage, da die Bausubstanz solide ist und die CO₂-Bilanz eines Neubaus deutlich schlechter ausfiele.

Alternativ könnte das Gebäude zu einem gemischten Quartier werden, wie es in anderen Städten bereits erfolgt. Denkbar wären etwa Erdgeschossflächen für lokale Läden oder soziale Einrichtungen, während die Obergeschosse in Wohnungen umgewandelt werden. Das Modell hat sich in Berlin oder Hamburg bewährt, wo ehemalige Supermärkte zu Nachbarschaftszentren mit Café, Co-Working-Spaces und Kleinstwohnungen wurden. Für Neuaubing wäre das ein Gewinn – die Gegend leidet unter fehlenden Begegnungsorten.

Entscheidend wird sein, wie schnell die Stadt und Investoren handeln. Leerstand zieht Vandalismus an und entwertet das Umfeld. Doch mit klugen Konzepten könnte aus dem gescheiterten Kaufland-Projekt eine Chance für den Stadtteil werden.

Mit der endgültigen Schließung des Kaufland in Neuaubing endet ein kurzes, aber lehrreiches Kapitel für den Münchner Einzelhandel—nach nur 15 Monaten zeigt sich, wie hart der Wettbewerb um Kunden und Standorte geworden ist. Dass selbst große Ketten wie Kaufland mit ihrem breiten Sortiment und günstigen Preisen scheitern können, unterstreicht die Herausforderungen, vor denen stationäre Läden in Zeiten von Online-Handel und veränderten Konsumgewohnheiten stehen.

Für Anwohner, die nun nach Alternativen suchen, lohnt sich ein Blick auf die umliegenden Supermärkte wie Rewe oder Edeka in Laim oder Aubing—beide sind gut angebunden und bieten ähnliche Grundsortimente, wenn auch ohne die riesige Auswahl des Kaufland. Langfristig wird sich zeigen, ob der Standort Neuaubing für andere Händler attraktiv bleibt oder ob die Lücke dauerhaft bestehen bleibt.