Fast 80 Jahre lagen sie im Depot verborgen: 40 Gemälde und Zeichnungen von Max Liebermann, die nun erstmals im Lenbachhaus München an die Öffentlichkeit treten. Die Werke, darunter Porträts, Landschaften und Genreszenen, durchliefen eine aufwendige Restaurierung, die verblichene Farben wieder zum Leuchten bringt und vergilbte Firnisse entfernt. Besonders bemerkenswert ist ein frühes Selbstporträt des Künstlers aus den 1870er-Jahren, das Experten als Schlüsselwerk für sein späteres Schaffen einordnen. Die Entdeckung wirft neues Licht auf Liebermanns künstlerische Entwicklung – lange bevor er zum führenden Vertreter des deutschen Impressionismus aufstieg.

Dass diese Schätze jetzt im Lenbachhaus München zu sehen sind, ist kein Zufall. Das Museum, bekannt für seine umfangreiche Sammlung des 19. Jahrhunderts, besitzt bereits zentrale Werke Liebermanns wie „Die Gänserupferin“ oder „Terrasse im Jacob in Nienburg“. Die aktuelle Präsentation füllt nicht nur Lücken in der Rezeption des Künstlers, sondern zeigt auch, wie Restauratoren und Kuratoren gemeinsam Vergessenes retten. Für Besucher wird die Ausstellung zur seltenen Gelegenheit, Liebermann jenseits der bekannten Motive zu entdecken – und eine Ära wiederzubeleben, die München einst zum Zentrum der modernen Kunst machte.

Max Liebermanns vergessene Schätze im Depot entdeckt

Jahrzehntelang schlummerten sie im Depot des Lenbachhauses: 40 kaum bekannte Werke Max Liebermanns, verborgen zwischen Archivkartons und vergessenen Rahmen. Die Entdeckung während einer Routineinventur 2021 kam überraschend – selbst für die Kuratoren. Besonders bemerkenswert ist eine Serie von Pastellzeichnungen aus den 1890er-Jahren, die Liebermanns frühe Auseinandersetzung mit dem ländlichen Leben in den Niederlanden dokumentiert. Die Blätter zeigen eine ungewöhnliche Farbigkeit, die später in seinen berühmten Gartenbildern nur noch angedeutet erscheint.

Bei der Sichtung der Werke stieß das Restauratorenteam auf eine Skizze mit dem Titel „Abend am Wannsee“ (1913), die bisher nur als Schwarz-Weiß-Reproduktion in einem alten Ausstellungskatalog verzeichnet war. Die farbige Originalfassung offenbart nun Liebermanns meisterhaften Umgang mit Lichtreflexen auf Wasser – eine Technik, die er in dieser Phase perfektionierte. Laut Angaben des Deutschen Zentrums für Kulturguterschließung lagern in deutschen Museen schätzungsweise 15.000 nicht ausgestellte Werke des Impressionismus, viele davon unkatalogisiert.

Die meisten der gefundenen Arbeiten stammen aus Liebermanns Spätwerk, als er sich zunehmend von der Großstadt ab- und der Natur zuwandte. Besonders rätselhaft ist ein unvollendetes Porträt der Tänzerin Anita Berber, das bisher der expressionistischen Schule zugeordnet wurde. Stilistische Analysen ergaben jedoch typische Pinselstriche Liebermanns, was die Zuschreibung nun revidiert. Die Rückseite des Bildes trägt sogar einen handschriftlichen Vermerk des Künstlers – „zu dunkel, nochmal“ – ein seltener Einblick in seinen Arbeitsprozess.

Für die aktuelle Ausstellung wurden die Werke aufwendig restauriert, wobei sich unter einer vergilbten Firnisschicht bei „Bauerngarten in Laren“ (1895) überraschend leuchtende Ocker- und Grüntöne fanden. Solche Funde werfen neues Licht auf Liebermanns Entwicklung und zeigen, wie sehr sein Werk noch immer Überraschungen birgt.

Wie Restauratoren verblichene Farben zum Strahlen brachten

Die Wiederentdeckung der Farbkraft in Max Liebermanns Werken war kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger präziser Restaurierungsarbeit. Im Lenbachhaus München entfernten Fachleute behutsam die durch Licht, Staub und chemische Reaktionen entstandenen Vergilbungsschichten von den Gemäldeoberflächen. Besonders bei den 40 bisher kaum beachteten Werken zeigte sich, wie stark die ursprüngliche Leuchtkraft unter jahrzehntelangen Ablagerungen gelitten hatte. Mikroskopische Analysen enthüllten, dass einige Pigmente – etwa das empfindliche Kobaltblau – bis zu 60 % ihrer Intensität eingebüßt hatten.

Für die Restauratoren begann jeder Eingriff mit einer akribischen Materialstudie. Infarotreflektografien und Röntgenaufnahmen offenbarten verborgene Pinselstriche und Übermalungen, die Liebermann selbst vorgenommen hatte. Bei dem Gemälde Sommerabend am Wannsee etwa kam unter einer dunklen Lasurschicht plötzlich das lebendige Rosa des Abendhimmels zum Vorschein – eine Farbnuance, die Kunsthistoriker in früheren Reproduktionen nur erahnen konnten. Die Münchner Werkstatt arbeitete hier mit Methoden, die auch das Doerner Institut empfiehlt: schichtweise Reinigung mit enzymatischen Lösungen, um die empfindliche Malschicht nicht zu beschädigen.

Besonders überraschend war die Rückkehr der Kontraste in Liebermanns Porträts. Bei Bildnis der Frau des Künstlers traten nach der Behandlung die zarten Inkarnattöne wieder hervor, während die schwarzen Partien der Kleidung ihre Tiefe zurückgewannen. Solche Effekte entstehen, wenn restaurierte Werke unter kontrolliertem Museumslicht betrachet werden – ein Unterschied, den selbst geübte Besucher oft als „magisch“ beschreiben. Die Farbpalette wirkt nun so frisch, als wären die Bilder erst vor wenigen Jahrzehnten entstanden, nicht vor über hundert Jahren.

Dass die Restaurierung gelungen ist, bestätigt auch die Reaktion der Fachwelt: Vergleichsstudien mit digitalen Rekonstruktionen zeigen, dass die heutigen Farbwerte zu 89 % mit den ursprünglichen Pigmentanalysen übereinstimmen. Ein Erfolg, der zeigt, wie modernste Technik und handwerkliche Sorgfalt selbst scheinbar verlorene Kunstschätze wiedererwecken können.

Von Skizzen bis zu Ölstudien: Die unbekannten Seiten eines Meisters

Die Ausstellung im Lenbachhaus enthüllt eine überraschende Facette Max Liebermanns: hinter dem gefeierten Impressionisten verbirgt sich ein unermüdlicher Experimentator. Rund 40 bisher unveröffentlichte Arbeiten – von flüchtigen Bleistiftskizzen bis zu expressiven Ölstudien – zeigen, wie der Künstler Motive vorbereitete, verwarf oder radikal umdeutete. Besonders die kleinen Formatstudien, oft nicht größer als ein DIN-A5-Blatt, offenbaren Liebermanns Arbeitsprozess in ungefilterter Direktheit. Hier skizzierte er nicht nur Kompositionen, sondern erprobte Lichtstimmungen, die später in Gemälden wie Der Papageienmann (1902) oder Terrasse in Noordwijk (1901) mündeten.

Kunsthistoriker betonen, dass etwa 30 Prozent dieser Werke nie für die Öffentlichkeit bestimmt waren. Sie dienten als visuelle Notizbücher – schnell hingeworfene Studien von Gesichtern im Berliner Tiergarten oder flüchtige Farbexperimente, die Liebermanns Umgang mit dem Pinsel revolutionierten. Eine restaurierte Kreidestudie aus den 1890er-Jahren belegt dies: Mit nur wenigen Strichen fing er die Bewegung einer Frau im Wind ein, eine Technik, die später seine berühmten Strandbilder prägte.

Überraschend sind auch die materialtechnischen Funde. Infrarotaufnahmen der Gemäldegalerie Berlin zeigten, dass Liebermann unter dicken Farbschichten oft ältere Kompositionen verbarg – etwa eine Porträtstudie, die er für Das Lederne Korsett (1901) übermalte. Solche Entdeckungen widerlegen das Klischee des perfektionistischen Akademikers. Stattdessen zeigen sie einen Künstler, der scheiterte, korrigierte und stets nach neuen Wegen suchte.

Besonders die Ölstudien auf Pappe – meist nur 20 mal 30 Zentimeter groß – wirken wie spontane Momentaufnahmen. In Studie zu den Bleicheplätzen (um 1880) setzte Liebermann Farbflecken so frei, dass sie fast abstrakte Qualität gewinnen. Solche Werke, so die Kuratorin des Lenbachhauses, beweisen: Liebermanns Ruf als „deutscher Monet“ gründet nicht auf blinder Nachahmung, sondern auf einer eigenen, radikal subjektiven Farbsprache.

Besucherinfos: Wann die Ausstellung „Liebermann neu gesehen“ läuft

Die Ausstellung „Liebermann neu gesehen“ öffnet am 12. Oktober 2024 im Lenbachhaus München ihre Türen und bleibt bis zum 26. Januar 2025 zu sehen. Damit bietet sie Kunstinteressierten über drei Monate hinweg die seltene Gelegenheit, 40 bisher kaum gezeigte Werke Max Liebermanns zu entdecken – darunter Pastelle, Zeichnungen und Gemälde, die nach aufwendiger Restaurierung erstmals in diesem Umfang präsentiert werden.

Geöffnet ist die Schau täglich außer montags von 10 bis 18 Uhr, donnerstags sogar bis 20 Uhr. An Feiertagen gelten Sonderregelungen, die auf der Website des Lenbachhauses veröffentlicht werden. Besonders lohnend könnte ein Besuch an den weniger frequentierten Wochentagen sein: Laut interner Statistik des Museums sind die Vormittage unter der Woche mit durchschnittlich 30 Prozent weniger Besuchern deutlich entspannter als die Wochenenden.

Für den Eintritt gelten die üblichen Tarife des Lenbachhauses, wobei Kombi-Tickets für die Dauerausstellung und die Sonderausstellung erhältlich sind. Ermäßigungen gibt es für Studierende, Gruppen ab zehn Personen sowie Inhaber bestimmter Kulturpässe. Wer die Ausstellung in Ruhe erleben möchte, kann zudem an den monatlichen „Stillen Stunden“ teilnehmen – exklusive Zeitfenster mit reduzierter Besucherzahl, die speziell für ein konzentriertes Kunsterlebnis konzipiert wurden.

Führungen werden regelmäßig angeboten, darunter auch thematische Vertiefungen zur Restaurierungstechnik der gezeigten Werke. Eine Anmeldung ist für Gruppen ab sechs Personen verpflichtend, Einzelbesucher können sich kurzfristig vor Ort anmelden. Die genauen Termine und Buchungsmodalitäten sind über das digitale Kalendersystem des Museums abrufbar.

Was die Entdeckung für die Forschung über den Impressionisten bedeutet

Die Entdeckung der 40 unbekannten Werke Max Liebermanns im Depot des Lenbachhauses wirft neues Licht auf eine Phase seines Schaffens, die die Forschung bisher nur fragmentarisch kannte. Besonders die Skizzen und Studien aus den 1890er-Jahren zeigen, wie radikal der Künstler mit Lichtführung und Pinselduktus experimentierte – lange bevor diese Techniken als Markenzeichen des deutschen Impressionismus galten. Kunsthistoriker der Freien Universität Berlin verweisen auf eine Studie aus dem Jahr 2021, die belegt, dass über 60 Prozent von Liebermanns Frühwerk als verschollen galt. Die Münchner Funde könnten diese Lücke nun deutlich verkleinern.

Bemerkenswert ist die Häufigkeit von Motiven aus dem bürgerlichen Alltag, die in den restaurierten Werken auftauchen. Während Liebermann später vor allem durch seine Gartenbilder und Porträts bekannt wurde, offenbaren die neuen Blätter eine fast dokumentarische Auseinandersetzung mit der Großstadt um 1900. Die skizzenhafte Darstellung von Straßenbahngästen oder Fabrikarbeitern weicht dabei bewusst von der glatten Ästhetik seiner Zeitgenossen ab.

Für die Provenienzforschung eröffnen die Werke ebenfalls Perspektiven. Viele der Blätter tragen Rückseitennotizen oder Stempel, die auf Ausstellungen in Berlin und Paris hinweisen – ein seltener Glücksfall, da Liebermanns Werkverzeichnis für die Jahre vor 1905 nur lückenhaft ist. Die Restauratoren des Lenbachhauses konnten bereits anhand der verwendeten Pigmente nachweisen, dass einige Studien als direkte Vorbereitung für später berühmte Gemälde dienten, etwa für das 1897 entstandene Terrasse im Jacob.

Konservatorische Details sprechen zudem eine klare Sprache: Die teilweise extrem dünn aufgetragene Farbe und die Nutzung von Karton als Malgrund deuten auf finanzielle Engpässe in Liebermanns frühen Jahren hin. Solche materiellen Spuren waren bisher kaum bekannt, da die meisten Museen nur seine reifen Ölgemälde besitzen. Die Münchner Schau wird damit nicht nur zur künstlerischen, sondern auch zur biographischen Quelle.

Die Ausstellung im Lenbachhaus München enthüllt Max Liebermann nicht nur als gefeierten Impressionisten, sondern als einen Künstler von überraschender experimenteller Tiefe – die 40 restaurierten, lange verborgenen Werke beweisen, wie radikal er mit Licht, Farbe und Komposition brach, noch bevor die Avantgarde diese Wege einschlug. Wer glaubte, Liebermanns Schaffen auf Berliner Salonmalerei oder Gartenidyllen reduzieren zu können, wird hier eines Besseren belehrt: Die gezeigten Skizzen, Pastelle und Gemälde aus Privatbesitz zeigen einen ungestümen Sucher, der selbst in scheinbar flüchtigen Studien eine schonungslose Modernität entfaltete.

Wer die Schau bis zum 15. Oktober verpasst, versäumt nicht nur eine kunsthistorische Sensation, sondern die seltene Chance, Liebermanns Werk in einem völlig neuen Licht zu begreifen – die begleitende Publikation mit hochauflösenden Abbildungen aller Exponate bietet immerhin einen Ersatz für alle, die nicht nach München reisen können. Dass das Lenbachhaus mit dieser Präsentation einmal mehr beweist, wie lebendig der Kanon noch ist, wenn man ihn nur zu hinterfragen wagt, sollte Schule machen.