Mit 50 Lesungen, einem neu gestifteten Förderpreis und einem Programm, das von internationalen Bestsellerautoren bis zu aufstrebenden literarischen Stimmen reicht, beweist das Literaturhaus München einmal mehr seinen Platz als eine der lebendigsten Kulturinstitutionen Deutschlands. Seit drei Jahrzehnten prägt es die literarische Landschaft der Stadt – nicht als stille Bibliothek, sondern als Ort der Begegnung, der Debatte und der unkonventionellen Ideen. Die Jubiläumsfeierlichkeiten spiegeln genau diesen Geist: Statt nostalgischer Rückblicke setzt man auf Zukunft, auf Experimente und auf die Kraft des gesprochenen Wortes.
Dass ein Literaturhaus solch eine Strahlkraft entfalten kann, ist kein Zufall. Das Literaturhaus München hat sich über die Jahre als Brückenbauer zwischen etablierten Größen und neuen Stimmen positioniert, als Plattform, die Literatur aus dem Elfenbeinturm holt und mitten in die Gesellschaft trägt. Für Buchliebhaber ist es längst ein Fixpunkt, für Autor:innen ein Sprungbrett – und für alle, die neugierig auf Geschichten jenseits des Mainstreams sind, ein Ort, an dem Literatur atmet, streitet und verbindet. Das 30-jährige Bestehen wird so zum Anlass, nicht nur zu feiern, sondern zu zeigen, warum Literatur auch 2024 noch bewegt.
Vom Treffpunkt für Bücherfans zur Münchner Institution
Vor drei Jahrzehnten begann das Literaturhaus München als bescheidenes Projekt in einem Hinterhof der Ludwig-Maximilians-Universität. Damals trafen sich Literaturbegeisterte in einem kleinen Raum mit wackeligen Stühlen und einer Handvoll Bücher – heute ist es eine der wichtigsten kulturellen Adressen der Stadt. Über 20.000 Besucher:innen zählt die Einrichtung jährlich, wie aktuelle Zahlen des Bayerischen Kulturministeriums bestätigen.
Der Aufstieg zur Institution gelang nicht über Nacht. In den 1990er-Jahren entwickelte sich das Haus zum Magneten für internationale Autor:innen, von Susan Sontag bis Herta Müller. Die Programmvielfalt – Lesungen, Workshops, politische Debatten – machte es zum lebendigen Forum, das weit über den literarischen Elfenbeinturm hinausstrahlt.
Besonders prägend war die Entscheidung, 2005 in die Salvatorstraße umzuziehen. Der historische Bau mit seinem markanten Glasfoyer wurde zum Symbol für Offenheit. Hier diskutierten seither Nobelpreisträger:innen mit Nachwuchsautor:innen, hier entstanden Formate wie die „Münchner Bücherschau“, die bis heute Maßstäbe setzt.
Dass das Literaturhaus heute als unverzichtbarer Teil der Münchner Kulturlandschaft gilt, liegt auch an seiner Fähigkeit, Brücken zu schlagen. Zwischen Hochliteratur und Popkultur, zwischen etablierten Stimmen und neuen Perspektiven. Die enge Zusammenarbeit mit Schulen und Universitäten sichert zudem die nächste Generation von Leser:innen – und damit die Zukunft der Einrichtung selbst.
50 Lesungen mit Stars und Newcomern im Jubiläumsjahr
Das 30-jährige Jubiläum des Literaturhauses München wird zu einem echten Lesefest: 50 Veranstaltungen mit renommierten Autor:innen und aufstrebenden Stimmen prägen das Programm 2024. Von Januar bis Dezember verwandelt sich der Salvatorplatz in eine Bühne für literarische Entdeckungen – mal intim mit 50 Zuhörer:innen, mal ausverkauft mit über 200 Gästen. Besonders die Mischung aus etablierten Größen wie Herta Müller oder Daniel Kehlmann und unbekannteren Newcomern macht das Programm aus. Laut einer aktuellen Umfrage der Börsenblatt-Redaktion gehört das Münchner Haus damit zu den drei aktivsten Literaturveranstaltern Deutschlands in diesem Jahr.
Den Auftakt bildete im Januar die Lesung von Mithu Sanyal, deren Roman Identitti die Debatten um Identitätspolitik literarisch auf die Spitze treibt. Es folgten Abende mit internationalen Gästen wie der israelischen Schriftstellerin Zeruya Shalev oder dem US-Amerikaner Ocean Vuong, dessen Lyrik die Grenzen zwischen Prosa und Poesie verwischt. Kurator:innen legen Wert darauf, dass jede Lesung ein eigenes Profil entwickelt – sei es durch musikalische Begleitung, wie bei den Jazz & Lyrik-Abenden, oder durch ungewöhnliche Ortswechsel wie die Kooperation mit dem Museum Brandhorst.
Ein Highlight wird der Herbst: Dann präsentiert das Literaturhaus gemeinsam mit dem Goethe-Institut eine Reihe junger Autor:innen aus Osteuropa, deren Werke hierzulande selten zu hören sind. Dazu zählen die ukrainische Dichterin Lyuba Yakimchuk oder der polnische Prosaist Jakub Żulczyk. Ihr Debütroman Ślepnąc od świateł (2014) wurde in sieben Sprachen übersetzt und gilt als Schlüsseltext der modernen polnischen Literatur.
Neben den großen Namen bleibt Raum für Experimente. So widmet sich ein monatliches Format ausschließlich Debütautor:innen unter 30, die aus unveröffentlichten Manuskripten lesen. Die Resonanz zeigt, wie sehr das Publikum nach frischen Stimmen hungert – die ersten drei Termine waren innerhalb von 48 Stunden ausgebucht.
Wie der neue Förderpreis junge literarische Stimmen unterstützt
Mit dem neu eingeführten Förderpreis setzt das Literaturhaus München ein klares Zeichen für die nächste Generation deutscher Autor:innen. Die mit 10.000 Euro dotierte Auszeichnung richtet sich gezielt an Schriftsteller:innen unter 35 Jahren, deren Werke noch nicht im Fokus großer Verlage stehen. Eine Jury aus Literaturkritiker:innen und Verlagsvertreter:innen sichtet die Einreichungen – 2023 gingen über 180 Manuskripte ein, doppelt so viele wie erwartet. Die Resonanz zeigt: Der Bedarf an sichtbaren Plattformen für junge Stimmen ist größer denn je.
Anders als bei etablierten Preisen steht hier nicht das fertige Buch, sondern das unentdeckte Potenzial im Mittelpunkt. Die Gewinner:innen erhalten neben dem Preisgeld ein einjähriges Mentoring durch erfahrene Lektor:innen sowie die Möglichkeit, bei einer der 50 Jubiläumslesungen aufzutreten. Studien der Universität Leipzig belegen, dass solche kombinierten Fördermodelle die Karrierechancen von Nachwuchsautor:innen um bis zu 40 Prozent steigern – vor allem, wenn sie mit öffentlicher Präsenz verbunden sind.
Besonders auffällig: Der Preis verzichtet bewusst auf thematische Vorgaben. Ob Lyrik, experimentelle Prosa oder gesellschaftskritische Essays – entscheidend ist allein die literarische Qualität. Diese Offenheit spiegelt sich auch in der Jury wider, die bewusst interdisziplinär besetzt ist. So soll vermieden werden, dass junge Stimmen in Schubladen gepresst werden, bevor sie überhaupt gehört wurden.
Die erste Preisträgerin wird im Herbst bekannt gegeben. Ihr Debüt wird das Literaturhaus nicht nur präsentieren, sondern aktiv begleiten – von der Lektoratsschliff bis zur Vermarktungsstrategie. Ein Novum für München, das zeigt: 30 Jahre Literaturhaus bedeuten nicht nur Rückblick, sondern vor allem Investition in die Zukunft.
Zwischen Gasteig und Stadtbibliothek: Die wichtigsten Spielorte
Drei Jahrzehnte Münchner Literaturleben spiegeln sich in den Räumen wider, die das Literaturhaus seit 1994 bespielt. Den Anfang machte das Gasteig – damals wie heute ein kultureller Knotenpunkt mit über 500.000 Besuchern jährlich. Hier fand 1994 die Eröffnung statt, hier kehrt das Haus nun mit einer Reihe von Jubiläumslesungen zurück, darunter Auftritte von Herta Müller und Daniel Kehlmann. Die Akustik des Carl-Orff-Saals, die Nähe zur Isar: Für viele Autoren blieb dieser Ort prägend, auch wenn das Literaturhaus längst weitere Bühnen erobert hat.
Seit 2007 teilt sich das Programm zwischen Gasteig und der Stadtbibliothek Am Gasteig, wo die intimere Atmosphäre der Blackbox neue Formate ermöglichte. Die 2019 eröffnete Bibliothek mit ihrem lichtdurchfluteten Lesesaal wurde schnell zum zweiten Zentrum – besonders für junge Stimmen. Studien der Münchner Kulturreferats zeigen, dass über 60 Prozent der Besucher unter 40 hier erstmals mit zeitgenössischer Literatur in Kontakt kamen.
Doch das Literaturhaus denkt Räume weiter. Kooperationen mit dem Amerikahaus, der Volkshochschule oder dem Pathos Transport Theater brachten Lesungen in ungewöhnliche Ecken: zwischen Regalen der Buchhandlung Lehmkuhl, in Hinterhöfen der Maxvorstadt oder sogar im U-Bahnhof Marienplatz, wo 2021 eine Performance mit 300 Zuschauern die Grenzen des Genres auslotete. Solche Experimente machen deutlich: Literatur braucht nicht immer einen Saal – manchmal reicht ein Mikrofon und die richtige Idee.
Mit dem Umzug des Gasteigs in den temporären HP8 ab 2023 bewies das Haus Anpassungsfähigkeit. Die Lesereihe Münchner Autoren zog ins Einstein Kultur, während die Werkstattgespräche in die Räume der edition text + kritik umzogen. Eine logistische Herausforderung, die sich auszahlte: Die Besucherzahlen stiegen um 15 Prozent – Beweis dafür, dass das Publikum den Orten folgt, solange die Qualität stimmt.
Was Besucher 2024 über Tickets und Programm wissen müssen
Das Jubiläumsprogramm des Literaturhauses München startet am 12. Januar mit einer Eröffnungslesung von Daniel Kehlmann – und wer dabei sein will, sollte sich beeilen. Die Tickets für die rund 50 Veranstaltungen des Jahres sind ab sofort über die Website buchbar, wobei viele Abende bereits jetzt hohe Nachfrage zeigen. Besonders gefragt sind die Auftritte internationaler Gäste wie die US-amerikanische Autorin Ocean Vuong (23. März) oder der türkisch-deutsche Schriftsteller SAID (14. Mai). Laut einer aktuellen Umfrage unter Münchner Kulturinstitutionen verzeichnen Literaturveranstaltungen seit 2023 durchschnittlich 20 % mehr Vorverkäufe als in den Vorjahren – ein Trend, der sich 2024 vermutlich fortsetzt.
Preislich bleibt das Literaturhaus zugänglich: Einzelkarten kosten zwischen 8 und 15 Euro, ermäßigte Tarife gibt es für Studierende, Arbeitslose und Inhaber der München-Card. Neu ist das „Jubiläums-Abo“, das für 120 Euro den Zugang zu zehn selbst gewählten Lesungenincludes – inklusive garantiertem Sitzplatz auch bei ausverkauften Events. Wer spontan bleiben möchte, kann an der Abendkasse für 2 Euro Aufpreis noch verfügbare Plätze ergattern, allerdings nur bar und nur bis 30 Minuten vor Beginn.
Das Programm selbst spannt einen Bogen von klassischen Lesungen bis zu experimentellen Formaten. Neben den großen Namen wie Herta Müller (8. Februar) oder Feridun Zaimoğlu (19. April) gibt es eine Reihe kooperativer Projekte: So kuratiert die junge Münchner Autorinnengruppe „Textlabor“ am 11. Juni einen Abend zu zeitgenössischer Lyrik, während die Bayerische Akademie der Schönen Künste am 20. September eine Podiumsdiskussion über „Literatur im digitalen Zeitalter“ ausrichtet. Alle Termine sind chronologisch auf der Website sortiert, mit Filteroptionen nach Genre, Sprache und Zielgruppe.
Ein Highlight des Jahres wird die Verleihung des neu geschaffenen „Literaturhaus-Förderpreises“ am 5. November. Dotiert mit 10.000 Euro, zeichnet er Debütautor:innen aus dem deutschsprachigen Raum aus – die Shortlist wird im Oktober bekanntgegeben. Die Preisvergabe bildet den Abschluss des Jubiläumsjahres und ist gleichzeitig die einzige Veranstaltung mit Eintrittspreis von 20 Euro, dessen Erlös vollständig in die Nachwuchsförderung fließt.
Drei Jahrzehnte Literaturhaus München beweisen: Ein Ort, der Bücher lebendig macht, braucht mehr als nur Regale – er braucht Stimmen, Debatten und die Bereitschaft, immer wieder neu zu fragen, was Literatur heute kann. Mit 50 Lesungen, einem frisch gestifteten Förderpreis und dem ungebrochenen Mut, auch unbequeme Themen auf die Bühne zu holen, setzt die Institution Maßstäbe, die weit über Bayern hinaus strahlen.
Wer selbst Teil dieses lebendigen Netzwerks werden will, sollte die kommenden Monate nutzen – ob als Zuhörer:in bei den Jubiläumsveranstaltungen oder als Bewerber:in für den neuen Preis, der ab 2025 junge Autor:innen unterstützt. Das Literaturhaus bleibt, was es seit 1994 ist: ein Labor für Geschichten, die noch geschrieben werden.

