Am 28. Oktober 1925 flackerten zum ersten Mal Filmbilder über die Leinwand des Mathäser-Filmpalasts – ein Moment, der Münchens Kinolandschaft für immer verändern sollte. Was als stummer Stummfilmabend begann, entwickelte sich über ein Jahrhundert zu einem der prägendsten Kinos Deutschlands: mit 1.000 Plätzen im größten Saal, Premieren von Blockbustern wie Titanic oder Der Herr der Ringe, und einer Architektur, die seit den 1970er-Jahren als ikonisches Wahrzeichen der Stadt gilt. Doch die Zahlen allein erzählen nur die Hälfte der Geschichte. Hinter den roten Samtvorhängen verbirgt sich ein Stück lebendige Kulturgeschichte, in der sich Glanzepochen des Kinos mit gesellschaftlichen Umbrüchen spiegeln.
Für Münchner:innen ist der Mathäser-Filmpalast längst mehr als ein Kino – er ist ein Ort der Erinnerungen. Wer hier als Kind E.T. zum ersten Mal sah, wer als Teenager in den 90ern bei Pulp Fiction die Atmosphäre des großen Saals inhalierte oder wer heute mit dem Nachwuchs Die Eiskönigin erlebt, weiß: Dieses Kino atmet Geschichte. Zum 100-jährigen Jubiläum holt der Mathäser München nun genau diese Magie zurück. Mit einem exklusiven Retrospektiv-Programm, das von den Anfängen des Tonfilms bis zu den digitalen Meisterwerken der Gegenwart reicht, wird das Kino selbst zur Zeitmaschine. Und zur Bühne für eine Frage, die seit 1925 gleich bleibt: Welcher Film wird als Nächster die Leinwand zum Strahlen bringen?
Vom Stummfilmkino zur Münchner Kultinstitution
1906 flackerte zum ersten Mal ein Stummfilm über die Leinwand im Mathäser – damals noch ein bescheidenes Lichtspieltheater mit knarrenden Holzbänken und einem Klavier, das die Bilder mit improvisierten Melodien begleitete. Die 50 Plätze füllten sich schnell, denn München hungerte nach dem neuen Medium. Was als experimentelle Attraktion für ein bürgerliches Publikum begann, entwickelte sich binnen weniger Jahrzehnte zu einem der prägendsten Kinoerlebnisse Deutschlands. Der Name Mathäser stand plötzlich nicht mehr nur für ein Gebäude, sondern für eine Ära: Hier feierte Fritz Langs „Metropolis“ 1927 Premiere, hier saßen Stars wie Marlene Dietrich inkognito zwischen den Reihen, und hier wurde das Kino zum gesellschaftlichen Ereignis – lange bevor der Begriff „Eventkino“ überhaupt existierte.
Der Durchbruch kam in den 1950er-Jahren, als der damalige Besitzer Carl Atzenbeck das Haus zum größten Kino Münchens ausbaute. Mit 1.200 Sitzplätzen und einer der ersten Cinemascope-Leinwände Deutschlands setzte der Mathäser-Filmpalast Maßstäbe. Filmhistoriker verweisen gern auf eine Umfrage aus dem Jahr 1965, die den Mathäser als „beliebtestes Kino der Republik“ auswies – ein Titel, der weniger mit der Technik als mit der Atmosphäre zu tun hatte. Die roten Samtvorhänge, die goldverzierten Balustraden und das Foyer mit seinen kristallenen Lüstern schufen ein Flair, das zwischen Opernhaus und Hollywood schwankte. Selbst als die Multiplex-Kinos in den 1990ern aufkamen, hielt der Mathäser an seinem Charme fest: Hier blieb das Kino ein Ritual, kein Fast Food.
Dass der Mathäser heute als Kultinstitution gilt, verdankt er auch seiner Hartnäckigkeit, Tradition und Moderne unter einen Hut zu bringen. Während andere historische Kinos zu Museen erstarrten oder ganz verschwanden, setzte man hier auf klug kuratierte Programme. Retrospektiven, Filmfestivals und Live-Übertragungen von der Metropolitan Opera machten das Haus zu einem Ort für Cineasten und Gelegenheitsbesucher gleichermaßen. Die treuesten Gäste kommen seit 40 Jahren – und erzählen noch immer von der Zeit, als der Mathäser der einzige Ort war, an dem man „2001: Odyssee im Weltraum“ auf 70-mm-Film sehen konnte.
Ein Detail verrät mehr über den Mythos als jede Statistik: Als 2005 der Vorhang für eine Generalsanierung fiel, protestierten nicht nur Filmfans, sondern auch Architekten und Denkmalschützer. Der Mathäser war längst kein Kino mehr, sondern ein Stück Münchner Identität.
Höhepunkte des Jubiläumsprogramms mit seltenen Filmperlen
Das Jubiläumsprogramm des Mathäser-Filmpalasts setzt auf echte Raritäten: Über 30 sorgfältig restaurierte Stummfilmklassiker und frühe Tonfilme kehren für begrenzte Vorstellungen auf die Leinwand zurück. Darunter befindet sich auch Fritz Langs expressionistisches Meisterwerk Metropolis (1927) in der originalen, 2008 rekonstruierten Fassung – eine Version, die Filmhistoriker als „nahezu vollständig“ einstufen, da sie 95 % des ursprünglichen Materials enthält. Solche Wiederentdeckungen machen das Programm zu einem Pflichttermin für Cineasten.
Besonders bemerkenswert ist die Reihe „Münchner Filmjuwelen“, die selten gezeigte Werke mit lokalem Bezug präsentiert. Hier glänzt etwa Der weiße Teufel (1930), ein Bergfilm mit Leni Riefenstahl, der im Mathäser uraufgeführt wurde. Die Kopien stammen aus dem Archiv des Deutschen Filminstituts und wurden speziell für die Retrospektive neu abgetastet. Begleitet werden die Vorführungen von Live-Pianomusik, wie es zur Stummfilmzeit üblich war.
Ein Highlight für Technikbegeisterte: Die Aufführung von Napoleon (1927) in Abel Gances dreiteiliger Originalfassung mit Polyvision-Finale. Diese aufwendige Projektion, bei der drei Leinwände gleichzeitig bespielt werden, war damals revolutionär und wird heute nur noch in wenigen Kinos weltweit gezeigt. Der Mathäser nutzt dafür moderne Digitalprojektion, bleibt aber dem historischen Erlebnis treu.
Abgerundet wird das Programm durch eine Hommage an die 1950er-Jahre, als der Filmpalast als größtes Kino Deutschlands galt. Gezeigt werden restaurierte Kopien von Die Sünderin (1951) mit Hildegard Knef – ein Skandalfilm, der damals wegen seiner freizügigen Szenen für Schlagzeilen sorgte. Solche Kontroversen prägten die Ära und machen die Retrospektive zu einem lebendigen Stück Kulturgeschichte.
Wenn die Leinwand Geschichte atmet: Architektur und Technik im Wandel
Der Mathäser-Filmpalast ist nicht nur ein Kino – er ist ein lebendiges Dokument der Architekturgeschichte. 1906 als prunkvolles Varieté-Theater eröffnet, verwandelte sich das Gebäude 1925 in einen der ersten Großkinosäle Deutschlands. Die Fassade mit ihren neobarocken Elementen und der markante Kuppelbau spiegeln den Zeitgeist der Jahrhundertwende wider, während das Innere im Laufe der Jahrzehnte immer wieder modernisiert wurde. Besonders auffällig ist der große Saal mit seiner original erhaltenen Stuckdecke, die bei Restaurierungen sorgfältig konserviert wurde. Hier verschmelzen historisches Flair und moderne Kinotechnik zu einem einzigartigen Erlebnis.
Technische Innovationen prägten den Mathäser von Anfang an. Schon in den 1930er-Jahren gehörte er zu den ersten Häusern, die Tonfilm vorführten. Die 1950er brachten dann das Breitwandformat CinemaScope nach München – eine Sensation, die das Kinoerlebnis revolutionierte. Heute zählt der Filmpalast mit seinen sieben Sälen und digitalen Projektionen in 4K-Auflösung zu den führenden Spielstätten Deutschlands. Laut einer Studie des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege gehört der Mathäser damit zu den wenigen historischen Kinos, die kontinuierlich an der Spitze der technischen Entwicklung blieben.
Doch nicht nur die Technik, auch die Raumgestaltung erzählt Geschichten. Der große Saal, einst mit 1.200 Plätzen einer der größten Deutschlands, wurde in den 1970er-Jahren geteilt, um Platz für mehrere Kleinkinos zu schaffen. Dennoch blieb der Charme der goldverzierten Balustraden und der samtenen Vorhänge erhalten. Selbst die modernen Säle integrieren Elemente des ursprünglichen Designs – etwa durch indirekte Beleuchtung, die an die alten Kronleuchter erinnert. Wer heute durch die Foyers schlendert, spürt noch immer den Hauch vergangener Zeiten.
Besonders faszinierend ist die Akustik des Hauses. Experten für Raumklang betonen, dass der Mathäser dank seiner gewölbten Decken und der speziellen Materialien eine natürliche Klangverstärkung bietet, die selbst moderne Studios kaum nachahmen können. Diese Eigenschaft machte ihn schon in den 1960er-Jahren zum bevorzugten Ort für Filmpremieren – ein Ruf, der bis heute anhält.
Tickets, Termine und Tipps für Filmfans und Nostalgiker
Wer das Jubiläum des Mathäser-Filmpalasts mit einem Besuch verbinden möchte, sollte sich beeilen: Die Tickets für die Retrospektiv-Reihe sind seit dem Vorverkaufsstart stark nachgefragt. Besonders die Vorführungen der restaurierten Fassungen von Fritz Langs Metropolis (1927) und Billy Wilders Eins, Zwei, Drei (1961) – beide mit live musikalischer Begleitung – waren innerhalb weniger Tage nahezu ausverkauft. Kinobesucher können die Karten online über die offizielle Website oder an der Abendkasse erwerben, wobei für die exklusiven Abende mit Filmgesprächen ein Aufpreis von 5 Euro anfällt. Laut Branchenanalysen des Filmförderungsanstalt steigt die Nachfrage nach historischen Filmreihen in Originalkinos seit 2020 jährlich um rund 12 Prozent – ein Trend, den der Mathäser mit seinem Programm gezielt bedient.
Die Termine der Jubiläumsreihe erstrecken sich über das gesamte Herbstquartal, mit besonderen Höhepunkten an den Wochenenden. So wird am 15. Oktober der Stummfilmklassiker Nosferatu in einer selten gezeigten 35-mm-Fassung gezeigt, begleitet von einem Orgelkonzert. Für Nostalgiker lohnt sich auch der 3. November, wenn der Kultfilm Der weiße Hai in der originalen Kinofassung von 1975 über die Leinwand flimmert – inklusive der legendären, später geschnittenen Szenen. Wer die Atmosphäre der 1950er-Jahre erleben möchte, kann am 20. November an einer geführten Tour durch die historischen Foyers teilnehmen, die sonst nicht öffentlich zugänglich sind.
Ein Geheimtipp für Filmfans mit kleinem Budget: An jedem ersten Montag im Monat bietet der Mathäser ermäßigte Eintrittspreise für alle Vorstellungen vor 18 Uhr an. Zudem gibt es in Kooperation mit der Münchner Stadtbibliothek kostenlose Einführungsvorträge zu ausgewählten Filmen – einfach 30 Minuten vor Beginn im Foyer erscheinen. Wer die Retrospektive in voller Länge erleben möchte, kann ein Abo für alle zehn Jubiläumsfilme zum Paketpreis von 99 Euro erwerben.
Für diejenigen, die mehr als nur den Film genießen wollen, empfiehlt sich ein Besuch im hauseigenen Mathäser Café, das während der Jubiläumswochen ein spezielles Menü mit Gerichten aus den jeweiligen Filmdekaden anbietet. Von den Goldenen Zwanzigern bis zu den Swinging Sixties – die kulinarische Zeitreise rundet den Kinobesuch ab. Wer früh kommt, sichert sich nicht nur die besten Plätze, sondern auch einen Tisch in dem oft vollbesetzten Café.
Wie der Mathäser die nächste Kino-Ära prägt
Der Mathäser Filmpalast steht nicht nur für 100 Jahre Kinogeschichte – er schreibt sie aktiv weiter. Während andere Kinos mit Streamingdiensten konkurrieren, setzt das Münchner Traditionshaus auf eine klare Vision: Kino als Erlebnisraum der Zukunft. Mit hochmodernen Sälen wie dem Mathäser 1, der als erster Dolby Cinema-Saal Deutschlands 2018 eröffnete, beweist der Filmpalast, wie Technik und Atmosphäre verschmelzen. Die 4K-Laserprojektion, kombiniert mit Dolby Atmos-Sound, schafft eine Immersion, die selbst High-End-Heimkino-Anlagen nicht bieten. Branchenanalysen zeigen, dass solche Premium-Konzepten die Besucherzahlen um bis zu 30 % steigern – ein Trend, den der Mathäser früh erkannte und konsequent umsetzt.
Doch Technik allein macht noch keine Ära. Der Mathäser setzt auf Kuratierung, wo andere auf Masse setzen. Das aktuelle Retrospektiv-Programm zum Jubiläum ist dafür beispielhaft: Statt bloßer Nostalgie werden Klassiker wie Metropolis (1927) oder Der Himmel über Berlin (1987) in restaurierten Fassungen gezeigt – oft mit live begleitender Musik oder Expertengesprächen. Solche Formate ziehen nicht nur Cineasten an, sondern schaffen eine Community, die Kino als kulturellen Akt begreift. Filmwissenschaftler betonen, dass genau diese Mischung aus Innovation und Tradition den Mathäser zu einem Leuchtturmprojekt macht.
Auch architektonisch bleibt der Filmpalast Vorreiter. Die 2021 abgeschlossene Sanierung des historischen Baus verband den Charme der 1950er-Jahre-Fassade mit modernster Barrierefreiheit und Nachhaltigkeitsstandards. Solarpanels auf dem Dach, LED-Beleuchtung und ein optimiertes Lüftungssystem reduzieren den Energieverbrauch um fast 40 %. Gleichzeitig blieb der ikonische Sternensaal mit seinem originalen Stuck erhalten – ein Balanceakt zwischen Denkmalschutz und Fortschritt.
Die nächste Ära des Kinos wird hybrid sein, davon ist der Mathäser überzeugt. Während andere Häuser zwischen Blockbustern und Arthouse schwanken, setzt München auf klare Profile: Event-Kino für Großproduktionen, thematische Reihen für Nischenpublikum und Partnerschaften mit Festivals wie der Filmfest München. Diese Strategie zahlt sich aus – 2023 verzeichnete der Filmpalast die höchsten Besucherzahlen seit 20 Jahren.
Ein Jahrhundert Kinogeschichte unter einem Dach – das Mathäser-Filmpalast München beweist mit seinem Jubiläumsprogramm, dass Kino mehr ist als Unterhaltung: Es ist lebendiges Kulturgut, das Generationen verbindet. Die Retrospektive mit Klassikern, Raritäten und Premieren zeigt, wie der Ort seit 1924 Münchens Filmkultur geprägt hat und gleichzeitig immer wieder neu erfindet.
Wer die Magie des großen Saals mit seiner einzigartigen Architektur erleben möchte, sollte sich die Sonderveranstaltungen nicht entgehen lassen – besonders die Abende mit Live-Musik oder Gästen aus der Filmbranche versprechen unvergessliche Momente. Mit dem Blick auf die nächsten 100 Jahre steht fest: Das Mathäser bleibt ein Ort, der Geschichten nicht nur zeigt, sondern selbst schreibt.

