Mit über 6,4 Millionen Besuchern im letzten Jahr verwandelt sich München ab heute wieder in die weltoffene Hauptstadt des Bierzelts, der Lederhosen und des Maßkrugs – doch das Oktoberfest ist nur die Spitze des Eisbergs. Während die ersten Fässer angezapft werden, kämpft die Stadt gleichzeitig mit einem Straßenbahn-Chaos, das Pendler seit Tagen in Atem hält. Zwischen Tradition und Verkehrskollaps zeigt sich München heute von seiner widersprüchlichsten Seite: feierfreudig, laut und ein bisschen überfordert.
Wer wissen will, was heute los in München ist, bekommt ein buntes Programm serviert – von historischen Festumzügen bis zu spontanen Straßenkonzerten, die zwischen den Baustellen der U-Bahn-Linie 6 stattfinden. Doch nicht nur Touristen sollten den Blick auf die Live-Ticker richten: Einstreikende Fahrgäste, kurzfristig gesperrte Radwege und ein überraschender Kulturflashmob vor der Alten Pinakothek machen klar, dass was heute los in München ist, sich kaum in einen Stundenplan pressen lässt. Die Isarmetropole tickt heute anders – und wer nicht aufpasst, verpasst entweder den Anstoß im Festzelt oder den Ersatzbus.
Oktoberfest 2024: Tradition trifft auf moderne Überraschungen
Das Oktoberfest 2024 setzt auf eine gelungene Mischung aus bewährter Tradition und überraschenden Neuerungen. Während die historischen Bierzelte wie die Schottenhamel oder das Hofbräu-Festzelt wieder mit ihren urigen Holzbänken und Blasmusik locken, gibt es dieses Jahr erstmals eine digitale Bierkarten-App, die Wartezeiten an den Theken um bis zu 40 Prozent verkürzt. Die Wiesn-Verantwortlichen reagieren damit auf die wachsende Nachfrage nach effizienten Lösungen – 2023 zählten die Organisatoren über 7,2 Millionen Besucher, ein Rekord seit der Pandemie.
Neu ist auch das „Klimawiesn“-Konzept: Einige Festzelte testen in diesem Jahr nachhaltige Stromversorgung durch Solarpanels auf den Dächern, und das traditionelle Geschirr wird schrittweise durch kompostierbare Alternativen ersetzt. Kritiker monieren zwar, dass der CO₂-Fußabdruck des Festes weiterhin enorm bleibt, doch die ersten Schritte zeigen Wirkung. Besonders beliebt bei jüngeren Gästen sind die neuen veganen Speiseangebote, die von gebratenem Seitan bis zu Kürbis-Käsespätzle reichen.
Wer den Trubel um die Mittagszeit meiden will, sollte die frühen Morgenstunden nutzen. Zwischen 9 und 11 Uhr herrscht in den Zelten noch eine fast familiäre Atmosphäre – ideal für Familien mit Kindern oder Besucher, die das Fest ohne Gedränge erleben möchten. Ein Geheimtipp bleibt der Weinzelt am Fuße der Bavaria-Statue, wo statt Bier regionale Weine und frische Brezen serviert werden.
Abseits der Wiesn sorgt die Stadt für zusätzliche Highlights: Die U-Bahn-Linie U4 fährt während des Oktoberfests im 5-Minuten-Takt, und an den Wochenenden verlängern die S-Bahnen ihre Betriebszeiten bis 2 Uhr nachts. Wer nach dem Feiern noch Energie hat, kann im Müllersches Volksbad – Münchens ältester Schwimmhalle – bei einer nächtlichen Sauna-Session entspannen.
Wo die Straßenbahnen heute stehenbleiben – und warum
Münchens Straßenbahnnetz kämpft seit Wochen mit massiven Einschränkungen – und heute wird es nicht besser. Auf mehreren Strecken kommt es zu Ausfällen oder Umleitungen, die Pendler und Touristen gleichermaßen treffen. Besonders betroffen ist die Linie 17, die zwischen Hauptbahnhof und Effnerplatz komplett ausfällt. Statt der gewohnten Taktung alle 10 Minuten rollen hier nur noch Ersatzbusse, was die Fahrzeit um bis zu 30 Minuten verlängert. Auch die Linien 18 und 19 sind unterbrochen, wobei letztere zwischen Max-Weber-Platz und St.-Veit-Straße nur im Schritttempo vorankommt. Verantwortlich dafür sind nicht nur die anhaltenden Bauarbeiten an der Rosenheimer Straße, sondern auch ein akuter Fahrermangel, der laut Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) seit Monaten das System belastet.
Hinzu kommen spontane Störungen wie heute Morgen auf der Linie 20, wo ein defekter Oberleitungsmast zwischen Ostbahnhof und Berg am Laim für eine zweistündige Vollsperrung sorgte. Solche technischen Pannen häufen sich, seit die MVG im vergangenen Jahr rund 15 Prozent ihrer Wartungsmitarbeiter durch Frühverrentungen verloren hat. Experten der Technischen Universität München warnen bereits vor einem Dominoeffekt: Werden Instandhaltungsarbeiten weiter verschoben, drohen bis 2025 Ausfälle auf bis zu 40 Prozent des Netzes.
Für Besucher des Oktoberfests wird es besonders ärgerlich. Normalerweise bringt die Linie 18 die Feiernden direkt zur Theresienwiese – heute müssen sie umsteigen oder lange Fußmärsche in Kauf nehmen. Die MVG rät zu Alternativen wie der U-Bahn-Linie U4 oder U5, doch auch hier ist mit überfüllten Waggons zu rechnen. Wer kann, sollte auf Fahrräder oder E-Scooter ausweichen, auch wenn die Parkplatzsituation rund um die Wiesn alles andere als entspannt ist.
Ein kleiner Lichtblick: Die Linie 25 verläuft heute planmäßig zwischen Moosach und Laimer Platz. Doch selbst hier gibt es Warnungen vor Verzögerungen, falls sich die Staus auf den Ersatzrouten der anderen Linien weiter verschärfen.
Von Bierzelten zu Kunst: Münchens versteckte Kulturperlen
Während die Wiesn mit ihren sechs Millionen Besuchern jährlich die Schlagzeilen dominiert, pulsiert Münchens Kulturleben abseits der Bierzelte in weitaus leiserem, aber nicht weniger faszinierendem Takt. Versteckte Galerien wie die Deborah Schamoni in der Maxvorstadt – ein ehemaliges Fotolabor, das heute avantgardistische Positionen zeigt – beweisen, dass die Stadt mehr ist als Lederhosen und Maßkrüge. Hier, zwischen den Backsteinfassaden der Ludwig-Maximilians-Universität, entdecken Kenner Werke aufstrebender Künstler, lange bevor sie in großen Häusern hängen. Die Galerie gehört zu den 120 alternativen Ausstellungsorten, die das Münchner Kulturreferat in seinem aktuellen Bericht zählt – eine Zahl, die die lebendige Szene unterstreicht.
Wer den Trubel sucht, ohne auf Intellekt zu verzichten, findet im Einstein Kultur an der Einsteinstraße 42 einen überraschenden Mix: Tagsüber Café, abends Veranstaltungsort für Lesungen, Konzerte und politische Diskussionsrunden. Besonders die Reihe „München liest“* zieht mit lokalen Autoren wie Nora Gomringer oder Lukas Bärfuss ein Publikum an, das lieber zwischen Buchseiten als zwischen Bierbänken sitzt. Der Charme liegt im Unperfekten – die Bestuhlung ist improvisiert, die Akustik nicht immer ideal, doch genau das schafft eine Atmosphäre, die große Häuser kaum bieten.
Noch weiter abseits der ausgetretenen Pfade liegt das Kunstlabor 2 im Werksviertel-Mitte, ein ehemaliges Industriegebäude, das heute Ateliers, Performances und experimentelle Ausstellungen beherbergt. Hier wird Kunst nicht nur gezeigt, sondern gemacht: Besucher können an Workshops teilnehmen oder bei offenen Ateliers mit Künstlern ins Gespräch kommen. Laut einer Studie der Stiftung Kunst und Kultur der Stadt München besuchen zwar nur 17 Prozent der Touristen solche alternativen Orte – doch wer sie findet, erlebt die Stadt aus einer Perspektive, die kein Reiseführer bietet.
Und dann ist da noch das Museum Lichtspiele, Deutschlands ältestes Kino, das seit 1906 ununterbrochen spielt. Während draußen die Straßenbahnlinien 17 und 18 für Chaos sorgen, flimmern hier Stummfilmklassiker oder aktuelle Arthouse-Produktionen über die Leinwand – ein Kontrast, der Münchens Doppelgesicht zeigt: traditionell und rebellisch, laut und nachdenklich, immer im Wandel.
So umschiffst du die größten Verkehrsknotenpunkte
Wer an einem Oktoberfest-Tag durch München fährt, weiß: Die Stadt verwandelt sich in ein einziges Großbaustellen-Labyrinth. Besonders kritisch wird es rund um die Theresienwiese, wo nicht nur Besucherströme die Straßen verstopfen, sondern auch Baustellen wie am Hauptbahnhof für zusätzliche Staus sorgen. Verkehrsexperten raten, die Hauptverkehrszeiten zwischen 10 und 12 Uhr sowie 17 und 19 Uhr komplett zu meiden – in diesen Stunden steigt das Staurisiko laut ADAC um bis zu 40 Prozent.
Eine clevere Alternative bietet das Rad. München hat in den letzten Jahren sein Fahrradnetz massiv ausgebaut, und Routen wie die Isar-Radwege oder die Trassen entlang der Eisenbahnstrecken umgehen die größten Engpässe. Wer nicht radeln möchte, sollte auf die U-Bahn-Linien U4 und U5 ausweichen: Sie fahren direkt unter der Wiesn hindurch und sparen so wertvolle Zeit.
Wer unbedingt mit dem Auto unterwegs sein muss, sollte Navigations-Apps mit Echtzeitdaten nutzen. Google Maps oder Here WeGo zeigen nicht nur Staus an, sondern auch kurzfristige Sperrungen – etwa wenn die Polizei wegen überfüllter Fußgängerbereiche Umleitungen einrichtet. Parkhäuser wie das am Heimeranplatz oder das Parkhaus Süd sind zwar teuer, aber oft die letzte Rettung, wenn die Innenstadt zum Parkplatz wird.
Ein Geheimtipp für Gestresste: die MVG-Radar-App. Sie zeigt minutengenau, wann die nächste Straßenbahn oder der nächste Bus kommt – und welche Linien aktuell überlastet sind. So lässt sich selbst das berühmte Straßenbahn-Chaos an der Sonnenstraße umschiffen, wo sich an normalen Tagen schon die Bahnen stauen.
Was die Stadt für nächstes Jahr plant – erste Einblicke
Münchens Stadtplaner arbeiten bereits mit Hochdruck an den Projekten für 2025 – und einige Vorhaben zeichnen sich jetzt schon ab. Besonders im Fokus steht die Verkehrswende: Bis Ende nächsten Jahres sollen 12 weitere Kilometer Radwege fertiggestellt werden, darunter eine direkte Verbindung vom Olympiapark zur Innenstadt. Stadtbaurätin Elisabeth Merk betonte in einer jüngeren Sitzung, dass München hier „konsequent Tempo machen“ müsse, um die selbstgesteckten Klimaziele zu erreichen. Parallel läuft die Planung für die neue Straßenbahnlinie 25, die ab 2026 die Messestadt mit Schwabing verbinden soll.
Kulturbegeisterte können sich auf ein besonderes Jubiläum freuen: Die Pinakotheken feiern 2025 ihren 220. Geburtstag mit einer großen Sonderausstellung, die bisher unveröffentlichte Werke aus den Depotbeständen zeigt. Auch das Oktoberfest steht vor Veränderungen – erstmals seit Jahrzehnten wird es eine offizielle „Nachhaltigkeitsmeile“ geben, auf der Besucher:innen lokale Bio-Produkte probieren und über Kreislaufwirtschaft informieren können.
Weniger erfreulich: Die Mietpreise bleiben ein Dauerbrennerthema. Laut dem aktuellen Wohnungsmarktbericht der Stadt steigen die Kosten für Neubauten um durchschnittlich 8,3 % pro Jahr. Als Gegenmaßnahme plant der Stadtrat den Bau von 3.000 zusätzlichen Sozialwohnungen bis 2025, finanziert durch eine Erhöhung der Grundsteuer B für Gewerbeimmobilien.
Ein Lichtblick für Familien ist das geplante „Grüne Klassenzimmer“-Programm. Ab Sommer 2025 sollen 50 Münchner Schulen eigene Schulgärten erhalten, unterstützt von der Stiftung „Urbanes Grün“. Das Pilotprojekt startet in Neuhausen und Moosach.
München zeigt heute wieder sein typisches Gesichterkaleidoskop: zwischen traditionellem Oktoberfest-Trubel und dem ganz normalen Großstadt-Wahnsinn wie Straßenbahn-Ausfällen oder Baustellen-Staus bewegt sich die Stadt im gewohnten Rhythmus aus Chaos und Charme. Wer genau hinschaut, findet aber auch die stilleren Momente – ob beim Spaziergang durch die herbstlichen Englischen Gärten oder in den weniger überlaufenen Ecken der Wiesn, wo das Original-München noch durchscheint.
Wer die Stadt heute erleben will, sollte flexibel bleiben: Die MVG-App hilft bei Umleitungen, und wer die Hauptzeiten auf der Theresienwiese meidet, spart sich Gedränge ohne den Festtagszauber zu verpassen. Morgen wird München wieder anders aussehen – aber genau das macht die Isarmetropole ja aus.

