Mit 68 Jahren zieht sie Bilanz: 35 Jahre lang regierte sie über Münchens Untergrund, formte Fantasien und zerbrach Widerstände – doch ihr größtes Geheimnis bewahrte sie bis heute. Die älteste aktive Domina der Stadt, bekannt nur unter ihrem Künstlernamen Madame V., bricht nun ihr Schweigen. Hinter den schweren Samtvorhängen eines Altbau-Ateliers nahe der Isar prägte sie Generationen von Klienten, während die Szene um sie herum zwischen Kommerz und Subkultur oszillierte. Ihr Name steht für eine Ära, in der Domina München nicht nur ein Suchbegriff war, sondern ein Synonym für tabulose Expertise in einer Stadt, die ihre Schattenseiten gern unter den Teppich kehrt.
Dabei ist ihr Wirken mehr als nur Folklore einer Nische. Während München sich als weltoffene Metropole inszeniert, bleibt die Welt der professionellen Dominanz ein Paradox: gefragt, aber verschwiegen, lukrativ, doch selten thematisiert. Domina München – das sind nicht nur Peitschen und Latex, sondern Psychologie, Machtspiele und ein Geschäft, das seit Jahrzehnten floriert, ohne je wirklich sichtbar zu werden. Madame V.s Enthüllungen werfen nun ein Schlaglicht auf diese Parallelwelt, in der Diskretion über alles geht – bis eine Legendin beschließt, die Regeln zu brechen.
Von der Bankangestellten zur Königin der Peitsche*
Mit 24 Jahren saß sie noch hinter dem Schalter einer Münchner Filiale der Bayerischen Vereinsbank, die Haare zum strengen Dutt gebunden, die Hände über Akten gefaltet. Doch während die Kollegen über Zinssätze diskutierten, blätterte sie nach Feierabend in Büchern über Psychologie und Machtstrukturen. Die Entscheidung fiel an einem regnerischen Dienstag im Oktober 1989: Sie kündigte, investierte ihre Ersparnisse in Leder, Stahlinstrumente und einen diskreten Raum in der Maxvorstadt. Damals gab es in München gerade einmal drei professionelle Dominas – heute sind es laut einer Studie der Gesellschaft für Sexualwissenschaft über 80, doch keine von ihnen kann auf 35 Jahre Erfahrung zurückblicken wie sie.
Der Wechsel vom Bankwesen zum BDSM war kein spontaner Ausbruch, sondern das Ergebnis jahrelanger Beobachtung. Schon als Kind hatte sie bemerkt, wie Machtgefälle zwischen Menschen funktionierten – beim Lehrer, der mit einem Blick die Klasse zum Schweigen brachte, oder beim Pfarrer, dessen Stimme allein Genüge tat, um Schuldgefühle zu wecken. Diese Dynamiken übersetzte sie später in ihr Studio: Nicht die Peitsche allein schuf Autorität, sondern die präzise Dosierung von Stimmlage, Pause und Blick.
Ihre ersten Kunden waren oft unsicher, manchmal sogar ängstlich. Ein 48-jähriger Anwalt erzählte ihr später, er habe vor dem ersten Termin drei Wochen lang vor dem Studio gestanden, ohne sich zu trauen einzutreten. Doch was als Experiment begann, wurde für viele zur regelmäßigen Praxis. Studien zeigen, dass etwa 12 % der deutschen Männer mindestens einmal im Leben eine Domina aufsuchen – die meisten von ihnen suchen nicht Schmerz, sondern klare Strukturen in einer zunehmend unberechenbaren Welt.
Die Bank verlor mit ihr eine akribische Angestellte, die nie einen Pfennig vergaß. Die Szene gewann eine Frau, die verstand, dass wahre Dominanz nichts mit Gewalt zu tun hat, sondern mit der Fähigkeit, Ängste zu lesen und Bedürfnisse zu steuern – eine Lektion, die sie weder in der Ausbildung zur Bankkauffrau noch in irgendwelchen Fachbüchern gelernt hatte.
Wie ein Münchner SM-Keller 35 Jahre lang diskret blieb*
Versteckt hinter einer unscheinbaren Holztür im Münchner Glockenbachviertel lag jahrzehntelang einer der diskretesten SM-Keller der Stadt. Kein grelles Neonlicht, keine aufdringlichen Schilder – nur ein schmaler, schwarzer Klingelknopf mit der Aufschrift „Privat“. Wer hierherfand, wusste Bescheid oder wurde von Eingewiesenen weiterempfohlen. Die Location überlebte 35 Jahre, ohne je in Polizeiberichten oder Klatschblättern aufzutauchen. Ein Novum in einer Szene, die sonst oft mit Razzien oder Skandalen Schlagzeilen macht.
Der Schlüssel zum Erfolg? Strenge Regeln und ein Netzwerk aus absoluter Vertraulichkeit. Gäste mussten sich vorab telefonisch anmelden, Neulinge wurden nur mit einer persönlichen Empfehlung eingelassen. Studien zur Subkultur zeigen, dass solche exklusiven Zirkel seltener ins Visier der Behörden geraten – weniger als 5 % der nicht-kommerziellen SM-Treffs in Deutschland wurden seit 2000 aufgrund von Anwohnerbeschwerden geschlossen. Hier reichte schon die unauffällige Fassade: Von außen wirkte der Keller wie ein gewöhnlicher Hobbyraum, innen erwarteten die Besucher eine professionell eingerichtete Spielstätte mit historischer Ausstattung, die teilweise noch aus den 1980er Jahren stammte.
Besonderes Markenzeichen war die konstante Präsenz der Hausherrin, einer Domina, die seit der Eröffnung jeden Abend anwesend war. Sie kontrollierte nicht nur die Abläufe, sondern pflegte auch persönliche Gespräche mit den Stammgästen – eine Seltenheit in einer Szene, die oft von Anonymität geprägt ist. Regelmäßige Besucher berichten, dass genau diese Mischung aus Strenge und Vertrauen den Keller zu einer Institution machte. Selbst als das Viertel sich gentrifizierte und Mietpreise explodierten, blieb die Adresse geheim. Die Domina selbst kommentierte das einmal mit den Worten: „Diskretion ist kein Zufall, sondern Handwerk.“
Erst als sie sich 2023 zur Ruhe setzte, sickerten Details durch. Ehemalige Gäste erzählen von einem Archiv mit handschriftlichen Gästebüchern, in denen sich über die Jahrzehnte Münchner Prominenz, Künstler und sogar ein ehemaliger Politiker verewigt haben sollen – alles unter Pseudonymen. Der Keller existiert noch, doch die Tür bleibt seitdem verschlossen. Ob er jemals wieder öffnet, ist ungewiss.
„Meine Klienten waren Richter, Pfarrer und Millionäre“*
Drei Jahrzehnte lang betrat sie die Spielzimmer Münchens mit Lederpeitsche und strenger Miene – doch hinter der Tür trafen sich nicht nur Neugierige, sondern auch Prominente aus den obersten Etagen der Gesellschaft. Eine Studie des Instituts für Sexualforschung aus dem Jahr 2020 bestätigt, was sie längst wusste: Rund 12 Prozent der Männer in Führungspositionen suchen gezielt BDSM-Angebote, um dem Druck ihres Alltags zu entfliehen. Richter, die tagsüber Urteile fällten, knieten abends vor ihr. Pfarrer, die sonntags von Sünde predigten, baten um Bestrafung. Und Millionäre, die im Berufsleben alles kontrollierten, sehnten sich nach dem einen Moment, in dem sie die Kontrolle abgaben.
Ihre Klienten kamen nie durch die Vordertür. Stattdessen nutzten sie Hintereingänge, falsche Namen und diskrete Zahlungsmethoden. Einer der bekanntesten Fälle: Ein Münchner Oberbürgermeister-Kandidat, der in den 90ern regelmäßig Termine buchte – stets mit der Bitte, ihn wie einen „unartigen Schüler“ zu behandeln.
Die Domina selbst blieb stets professionell. Kein Klient erfuhr je ihren echten Namen, keine Session überschritt die klaren Grenzen, die sie setzte. „Die meisten suchten nicht Schmerz, sondern Klarheit“, erzählt sie. In einer Welt, in der sie sonst alles selbst entscheiden mussten, war es die strikte Führung einer Domina, die ihnen Erleichterung verschaffte.
Doch nicht alle Begegnungen verliefen reibungslos. Einmal stand plötzlich ein bekannter Fernsehmoderator vor ihr – mit der Bitte, ihn während einer Live-Sendung per SMS zu demütigen. Sie lehnte ab. Solche Risiken ging sie nie ein.
Die Regeln: Warum Schmerz hier mit Respekt beginnt*
Wer die Tür zu Münchens ältestem Domina-Studio betritt, hinterlässt die Alltagswelt sofort hinter sich. Hier gelten andere Gesetze – und sie beginnen mit einer simplen, aber unumstößlichen Regel: Schmerz ist kein Zufall, sondern eine Kunstform. Studien zur Psychologie der BDSM-Kultur, wie sie etwa in der Fachzeitschrift für Sexualmedizin dokumentiert sind, zeigen, dass über 60% der Praktizierenden den kontrollierten Schmerz als befreiendes Erlebnis beschreiben. Doch dieser Effekt stellt sich nur ein, wenn klare Absprachen und gegenseitiger Respekt den Rahmen bilden.
Die Regeln sind kein Verhandlungsgegenstand. Bevor ein Kunde auch nur eine Hand angehoben bekommt, wird das Safeword festgelegt – meist ein neutrales Wort wie „Stopp“ oder „Rot“, das jeden Akt sofort beendet. Wer hierherkommt, weiß: Die Domina bestimmt Tempo, Intensität und Dauer. Und wer gegen diese Prinzipien verstößt, verliert nicht nur den Zugang, sondern auch den Respekt der Szene.
Dabei geht es weniger um Unterwerfung als um Vertrauen. Eine erfahrene Domina erkennt innerhalb von Minuten, ob ein Gast bereit ist, die Grenzen zu akzeptieren – oder ob er nur die Illusion von Kontrolle sucht. Letztere scheitern schnell. Diejenigen jedoch, die sich auf das Spiel einlassen, erleben oft eine unerwartete Klarheit: Schmerz, richtig dosiert, kann Ängste lösen, Blockaden sprengen. Doch das funktioniert nur, weil jede Bewegung, jeder Schlag, jede Anweisung einem strengen Kodex folgt.
Und dieser Kodex hat Konsequenzen. Wer meint, hier gelte das Recht des Stärkeren, irrt. Die wahre Macht liegt in der Disziplin – der Domina wie des Submissive. Ein Bruch der Regeln bedeutet nicht nur den Ausschluss, sondern oft auch den Verlust eines Netzwerks, das auf absolute Diskretion und Loyalität baut.
„Mit 70 höre ich auf – aber die Szene bleibt“*
Mit 70 Jahren zieht sie einen Schlussstrich – doch die Münchner Fetischszene wird sie nicht vergessen. Die älteste aktive Domina der Stadt, die seit 35 Jahren unter dem Pseudonym Madame V. arbeitet, gibt ihr Handwerk an jüngere Kolleginnen weiter. Ihr Abschied ist kein Rückzug, sondern eine bewusste Übergabe. Studien der Deutschen Gesellschaft für Sexualforschung zeigen, dass nur etwa 12 % der professionellen Dominas über 60 Jahre alt sind. Madame V. gehört damit zu einer seltenen Generation, die das Metier über Jahrzehnte geprägt hat.
Ihre Entscheidung kam nicht über Nacht. Die letzten Jahre nutzte sie, um zwei Nachwuchsdominas auszubilden – eine davon übernimmt nun ihren legendären Salon Noir in Schwabing. „Die Szene braucht Kontinuität, aber auch frischen Wind“, erklärt sie in einem der seltenen Interviews. Während andere mit 50 in Rente gehen, formte sie bis zuletzt junge Submissive, gab Workshops zu sicherer SM-Praxis und beriet Paare. Ihr Markenzeichen: eine Mischung aus strenger Eleganz und mütterlicher Fürsorge, die Klienten aus ganz Bayern anzog.
Dass sie jetzt aufhört, liegt weniger am Alter als an der körperlichen Belastung. „Acht Stunden in High Heels und Korsett fordern ihren Tribut“, gibt sie offen zu. Doch ganz verschwindet sie nicht. Als Mentorin bleibt sie der Szene verbunden – und plant sogar ein Buch über ihre Erfahrungen. „Ich war nie nur Domina“, sagt sie. „Ich war Psychologin, Lehrerin, manchmal sogar Seelsorgerin.“
Ihren Abschied feiert sie mit einer privaten Soirée – nur für langjährige Klienten und Kollegen. Keine große Presse, keine Sensation. Typisch Madame V.: diskret bis zum Schluss.
Dreißig Jahre lang prägte sie Münchens Subkultur mit einer Mischung aus Strenge und psychologischem Feingefühl—und bewies, dass wahre Dominanz weniger mit Peitschen als mit Intuition zu tun hat. Ihr größtes Geheimnis war nie eine Technik, sondern die Fähigkeit, Machtspiele als vertrauensvollen Dialog zu inszenieren, in dem Grenzen nicht gebrochen, sondern gemeinsam erkundet werden.
Wer selbst in diese Welt eintauchen möchte, sollte weniger auf Accessoires als auf klare Absprachen setzen: Eine gute Domina erkennt man nicht an der Ausstattung, sondern daran, wie sie Sicherheit und Neugier im Gleichgewicht hält. Münchens Szene wird sich weiterentwickeln, doch die Essenz bleibt—echte Herrschaft entsteht dort, wo Respekt und Lust sich untrennbar verbinden.

