1906 flackerte in München erstmals ein Film über die Leinwand des Kino Lichtspiele am Sendlinger Tor – heute zählt es zu den ältesten noch betriebenen Kinos der Stadt. 2024 feiern gleich mehrere dieser historischen Lichtspielhäuser ihr Jubiläum mit einem ungewöhnlichen Geschenk an die Zuschauer: 50 Cent für den Eintritt und ein Programm voller Klassiker, die längst als verschollen galten. Zwischen abblätterndem Stuck und samtenen Vorhängen, die nach Mottenkugeln und Popcorn duften, wird das Kino München für einige Wochen wieder zur Zeitmaschine. Nicht nur Filmfans, auch Stadtoriginale erinnern sich an die Ära, als Kinobesuche noch ein gesellschaftliches Ereignis waren – und kein Streaming-Algorithmus die Vorlieben diktierte.
Doch das Jubiläum ist mehr als Nostalgie. In einer Stadt, in der Mietpreise und Modernisierungsdruck selbst traditionsreiche Läden verdrängen, setzen die Betreiber des Kino München ein bewusstes Zeichen. Mit Eintrittspreisen aus der Nachkriegszeit und Filmen von Billy Wilder bis Fassbinder holen sie eine Ära zurück, die zeigt: Kino war immer auch ein Ort des gemeinsamen Erlebens. Wer heute durch die schweren Holztüren dieser Häuser schreitet, spürt es sofort – hier tickt die Uhr langsamer, und der Projektor surrt noch immer im gleichen Takt wie vor einem Jahrhundert.
Die letzten Lichtspielhäuser mit über 100 Jahren Geschichte
Zwischen den gläsernen Neubauten und digitalen Leinwänden der Multiplex-Kinos halten sie sich beharrlich: Münchens letzte Lichtspielhäuser mit über einem Jahrhundert Geschichte. Das Museum Lichtspielhaus in der Lilienstraße, 1906 als eines der ersten festen Kinos Deutschlands eröffnet, flimmert noch immer mit originaler Kinotechnik aus den 1920er Jahren. Nicht viel jünger ist das Atelier am Dom, das seit 1913 Publikum in seinen jugendstilgeprägten Saal lockt – heute mit sorgfältig restaurierten Stuckverzierungen und einem Vorhang, der sich seit 1925 manuell öffnet. Diese Häuser sind keine Relikte, sondern lebendige Zeitzeugen.
Laut einer Studie des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege aus dem Jahr 2022 gibt es in ganz Bayern nur noch sieben Kinos, die vor dem Ersten Weltkrieg gegründet wurden. Drei davon stehen in München. Ihr Überleben verdanken sie oft engagierten Betreibern, die sich gegen die Wirtschaftlichkeit von Großkinos entscheiden. Im Kino am Gasteig (gegründet 1911 als „Union-Theater“) etwa läuft die Filmrolle noch immer in einer Projektionskabine aus den 1950er Jahren – ein seltener Anblick in einer Branche, die längst auf Festplatten umgestiegen ist.
Die Architektur dieser Häuser erzählt Geschichten: Im Filmmuseum München (ehemals „Kino Kristallpalast“, 1910) thront noch immer die originale Orgelempore, auf der einst Stummfilme live vertont wurden. Die Sitze im Atelier am Dom knarren leise unter dem Gewicht der Zuschauer – ein Sound, der seit Generationen gleich geblieben ist. Selbst die Gerüche sind historisch: Popcorn aus gusseisernen Maschinen, Staub von Zelluloidstreifen, das leise Summen der Klimatisierung, die seit den 1960ern ununterbrochen läuft.
Dass diese Kinos nicht längst Museen sind, verdanken sie einem Publikum, das Nostalgie mit Programmvielfalt belohnt. Während andere Häuser an der 3D-Welle scheiterten, setzten die Traditionskinos auf thematische Reihen – von expressionistischen Stummfilmen bis zu Kultklassikern der 1980er. 2023 verzeichnete das Museum Lichtspielhaus mit seinen monatlichen „Retro-Matineen“ einen Zuschauerzuwachs von 18 Prozent. Ein Beweis, dass Geschichte nicht nur bewahrt, sondern gelebt werden will.
50 Cent für Kultfilme: So funktioniert das Jubiläumsangebot
Wer 2024 für 50 Cent ins Kino will, hat in München reichlich Gelegenheit: Anlässlich ihres 120-jährigen Bestehens bieten die traditionsreichen Lichtspielhäuser Museum Lichtspiele, Neues Rex und Gasteig HP8 ein besonderes Jubiläumsprogramm. Jeden ersten Mittwoch im Monat – von Februar bis Dezember – laufen ausgewählte Kultfilme zum symbolischen Preis von einem halben Euro. Die Aktion startet am 7. Februar mit dem Klassiker „Casablanca“ (1942) im Museum Lichtspiele, dem ältesten noch betriebenen Kino Deutschlands.
Das Angebot richtet sich bewusst an ein breites Publikum. Laut einer Studie der Filmförderungsanstalt (FFA) aus dem Jahr 2023 besuchen zwar 72 % der Münchner mindestens einmal jährlich ein Kino, doch für viele sind die Eintrittspreise – durchschnittlich 12,50 Euro – eine Hürde. Die 50-Cent-Aktion soll nicht nur Filmfans begeistern, sondern auch Gelegenheitsbesucher zurück in die historischen Säle locken. Besonders junge Erwachsene zwischen 18 und 30 Jahren, die laut FFA nur noch 15 % der Kinogänger ausmachen, könnten so wieder für das große Leinwanderlebnis gewonnen werden.
Die Auswahl der Filme folgt keinem starren Schema, sondern setzt auf eine Mischung aus zeitlosen Blockbustern, deutschen Kultwerken und internationalen Arthouse-Perlen. Im März steht etwa „Das Boot“ (1981) auf dem Programm, im April folgt der Oscar-prämierte „Parasite“ (2019). Die Kinos betonen, dass es sich nicht um digitale Restaurierungen, sondern oft um Originalkopien oder sorgfältig abgetastete Fassungen handelt – ein besonderes Erlebnis für Puristen. Tickets gibt es ausschließlich an der Abendkasse, eine Reservierung ist nicht möglich.
Dass die Aktion kein kurzfristiger Marketinggag ist, zeigt die Zusammenarbeit mit dem Münchner Stadtmuseum. Parallel zu den Vorführungen werden im Foyer der Kinos historische Fotos und Dokumente aus 120 Jahren Kinogeschichte ausgestellt – von den Anfängen der Stummfilmzeit bis zu den goldenen 1950er-Jahren, als München über 80 Lichtspielhäuser zählte.
Von „Metropolis“ bis „Dirty Dancing“: Das Retro-Programm im Überblick
Wer 2024 durch die schweren Samtvorhänge des Museums-Lichtspielhauses schreitet, betritt nicht nur Münchens ältestes noch betriebenes Kino – er taucht ein in ein Jahrhundert Filmgeschichte. Das Retro-Programm zum Jubiläum spannt einen Bogen von Fritz Langs stummem Monument „Metropolis“ (1927) bis zu Patrick Swayzes Kulttanz in „Dirty Dancing“ (1987). Die Auswahl folgt keinem Zufall: Laut einer Studie der Deutschen Kinemathek zählen genau diese Jahrzehnte – die 1920er bis 1980er – zu den prägendsten Epochen der populären Filmkultur, gemessen an innovativen Erzähltechniken und gesellschaftlichem Einfluss.
Den Auftakt macht am 12. Januar eine restaurierte Fassung von „Der blaue Engel“ mit Marlene Dietrich, begleitet von Live-Klaviermusik. Solche Stummfilmabende mit musikalischer Untermalung waren einst Standard – heute sind sie eine Seltenheit, die das Kino bewusst als Erlebnis inszeniert. Die 1950er und 60er vertreten Klassiker wie „Das süße Leben“ oder „Psycho“, projiziert von historischen 35-mm-Kopien, deren Kratzer und Farbstiche Teil des Charmes sind.
Besonderes Augenmerk liegt auf den 1980ern, einer Ära, die das Kino als sozialen Ort neu definierte. Filme wie „Blade Runner“ oder „Die Frühstücksclub“ laufen in Doppelvorführungen, kombiniert mit Publikumsgesprächen. Die Idee dahinter: „Retro“ soll hier mehr sein als Nostalgie – es geht um die Frage, was diese Werke heute noch bewegen. Dass der Eintritt für alle Vorführungen nur 50 Cent kostet, unterstreicht den Anspruch, Filmgeschichte demokratisch zugänglich zu machen.
Ein Highlight für Münchner Cineasten ist die Wiederentdeckung lokaler Schätze wie „München – Geheimnisse einer Stadt“ (1962), ein fast vergessener Dokumentarfilm über das Leben in der Nachkriegszeit. Solche Perlen stammen aus dem Archiv des Stadtmuseums München, das für das Jubiläumsprogramm Kooperationspartner ist. Wer genau hinschaut, erkennt in den Schwarzweiß-Bildern sogar die Fassade des Kinos selbst – ein stummer Zeuge der eigenen Geschichte.
Wo die alten Projektoren noch surren: Adressen und Öffnungszeiten
Wer das Knistern der Zelluloidstreifen und das leise Surren der alten 35-mm-Projektoren erleben will, findet in München noch echte Filmjuwelen aus der Vor-Digitalzeit. Das Museum Lichtspiele an der Lilienstraße – seit 1908 ununterbrochen in Betrieb – gilt als ältestes noch aktives Kino Deutschlands. Hier laufen Klassiker wie Casablanca oder Metropolis auf originaler Technik, während die roten Samtsitze und der vergoldete Vorhang den Charme der 1950er-Jahre bewahrt haben. Öffnungszeiten: täglich ab 17 Uhr, an Wochenenden bereits ab 15 Uhr. Eintrittspreise starten bei symbolischen 50 Cent für die Matineen – ein Preisniveau, das selbst die 1970er-Jahre alt aussehen lässt.
Nur wenige Gehminuten entfernt thront das Atelier am Dom, 1913 als Stummfilmtheater eröffnet und heute eines der letzten Kinos mit handbedienten Vorhängen. Das Programm setzt auf Arthouse, Retrospektiven und thematische Reihen wie „Münchner Filmgeschichte“. Besonders beliebt: die monatlichen „Stummfilmabende“ mit Live-Klavierbegleitung. Geöffnet ist Mittwoch bis Montag, Beginn der ersten Vorstellung meist 18:30 Uhr. Laut einer Studie der Bayerischen Landesanstalt für neue Medien besuchen über 60 % der Gäste dieser historischen Lichtspielhäuser gezielt die analogen Vorführungen – ein klares Zeichen für die Renaissance des „echten“ Kinoerlebnisses.
Etwas abseits der Innenstadt, in Haidhausen, lockt das Monaco Filmtheater seit 1925 mit originaler Kinorgel und einem Saal, der noch immer mit den ursprünglichen 400 Plätzen auskommt. Hier gibt es keine Blockbuster, sondern sorgfältig kuratierte Reihen – von deutschen Nachkriegsfilmen bis zu italienischen Neorealismus-Klassikern. Die Öffnungszeiten sind unkonventionell: nur Donnerstag bis Sonntag, dafür mit längeren Abenden bis 23 Uhr. Tipp für Nostalgiker: Jeden ersten Sonntag im Monat wird der originale Projektor von 1952 hochgefahren.
Wer es noch intimer mag, sollte das Gasteig HP8 im ehemaligen Postbahnhof besuchen. Das 2020 eröffnete Kino nutzt zwar moderne Technik, zeigt aber ausschließlich restaurierte Filmkopien auf Leihgabe aus Archiven wie der Deutschen Kinemathek. Der Clou: Die 30 Sitzplätze sind originale Kino-Bestuhlung aus den 1960er-Jahren. Vorstellungen finden unregelmäßig statt, meist freitags und samstags – das Programm wird über einen Newsletter angekündigt.
Ein Geheimtipp bleibt das Kino im Kulturstrand am Ostbahnhof. Betrieben von einem Verein, zeigt es an zwei Tagen im Monat kostenlos Stummfilme mit Live-Vertonung durch lokale Musiker. Die Termine werden kurzfristig auf der Website bekanntgegeben, der Andrang ist groß – wer Glück hat, erlebt hier Kino, wie es vor 100 Jahren war: ohne Werbung, ohne Popcorn, aber mit dem unverkennbaren Geruch von altem Filmzelluloid.
Warum Münchens Kinolandschaft ohne diese Häuser ärmer wäre
Münchens Kinolandschaft wäre ohne ihre historischen Lichtspielhäuser um eine ganze Dimension ärmer. Häuser wie das Museum Lichtspiele oder das Atelier am Dom sind nicht nur Gebäude, sondern lebendige Archive der Filmkultur. Sie bewahren eine Ära, in der Kino noch mehr war als Unterhaltung – es war ein gesellschaftliches Ereignis. Laut einer Studie des Bayerischen Filmzentrums aus dem Jahr 2022 besuchen über 60 Prozent der Münchner mindestens einmal im Jahr bewusst eines der traditionellen Kinos, nicht wegen der Technik, sondern wegen des einzigartigen Ambientes.
Die Architektur allein erzählt Geschichten: Die stuckverzierten Decken des Gasteigs, die samtenen Vorhänge im Rio Filmpalast oder die originalen Projektionstechniken im Hochstapler schaffen eine Atmosphäre, die moderne Multiplexe nicht replizieren können. Hier knarrt der Boden unter den Füßen, das Popcorn duftet nach Butter statt nach Mikrowelle, und die Werbung vor dem Film besteht aus handgemalten Dia-Schauen statt digitaler Overloads.
Doch es geht um mehr als Nostalgie. Diese Häuser sind Brutstätten für Filmemacher, Regisseure und Festivalmacher. Viele heutige deutsche Produktionen hatten hier ihre ersten Vorführungen – oft in Anwesenheit der Macher, die im Anschluss mit dem Publikum diskutierten. Ohne Räume wie das Werkstattkino oder das Monopol hätte München kaum seinen Ruf als eine der wichtigsten Filmstädte Deutschlands behaupten können. Sie sind die Orte, an denen sich die Szene trifft, Ideen entstehen und Karrieren beginnen.
Und dann ist da noch das Programm. Während große Ketten auf Blockbuster setzen, wagen die alten Kinos Experimente: Stummfilmabende mit Live-Orgelbegleitung, Retrospektiven vergessener Regisseure oder Themenreihen zu gesellschaftlichen Debatten. Wer hier ins Kino geht, verlässt es oft mit mehr als nur einem Film – nämlich mit einer neuen Perspektive.
Die 50-Cent-Eintrittspreise und das Retro-Programm der Münchner Traditionslichtspiele beweisen 2024, dass Kino nicht nur Unterhaltung, sondern lebendige Kulturgeschichte ist—gerade in Zeiten von Streamingdiensten und Home-Entertainment. Wer die magische Atmosphäre vergangener Jahrzehnte erleben will, findet hier Original-Kulissen, analoge Projektionen und Filme, die längst aus den großen Kinos verschwunden sind, aber nichts von ihrem Charme eingebüßt haben.
Ein Besuch lohnt besonders für alle, die das Kino als sozialen Ort schätzen: Statt einsam vor dem Bildschirm zu sitzen, wird hier gemeinsam gelacht, gestaunt und manchmal sogar mitgesungen—wie früher. Wer die Aktion verpasst, sollte sich trotzdem die Spielpläne der Kinos wie dem Museum Lichtspiele oder Neuen Arena merken, denn ihr Programm bleibt auch danach eine Fundgrube für Zelluloid-Nostalgiker.
2024 könnte erst der Anfang sein, denn wenn die Resonanz zeigt, wie sehr Münchner:innen ihre Kinos lieben, stehen die Chancen gut, dass solche Retro-Reihen zur festen Tradition werden.

