Seit drei Jahrzehnten überdauert ein Laden in München, was andere Trends längst vergessen haben: echte 70er-Jahre-Schätze, die nicht im Museum, sondern zum Tragen bestimmt sind. Zwischen originalen Ledermänteln mit Patina, handgefertigten Blumenkleidern und Vinylplatten, die noch nach den ersten Abspieldurchgängen duften, hat sich der älteste Vintage-Laden der Stadt einen Ruf als Fundgrube für Sammler und Stilrebellen erarbeitet. Kein Wunder, dass die Regale hier nicht nach Saison, sondern nach Geschichten sortiert sind – und manche Stücke seit der Eröffnung 1994 auf ihren nächsten Besitzer warten.

Wer durch die Tür des vintage store münchen tritt, betritt eine Zeitkapsel, die mehr ist als nur ein Geschäft. In einer Stadt, in der Secondhand längst zum Lifestyle geworden ist, bleibt dieser Laden ein Ort für Puristen: keine massenproduzierten Retro-Imitate, sondern Originale mit Ecken, Kanten und dem unverkennbaren Charme vergangener Jahrzehnte. Dass der vintage store münchen jetzt sein 30-jähriges Jubiläum mit einer Sonderausstellung seltenster 70er-Stücke feiert, kommt nicht von ungefähr. Hier geht es nicht um Nostalgie, sondern um Handwerk, das die Zeit überdauert hat – und um Kunden, die genau das zu schätzen wissen.

Wie alles mit einer Kiste Plattenspieler begann

Wie alles mit einer Kiste Plattenspieler begann

1994 war München noch eine Stadt der schrillen Neonfarben und aufkommenden Techno-Beats, als ein kleiner Laden in der Schellingstraße seine Türen öffnete – nicht mit grellen Schaufenstern, sondern mit dem warmen Knistern einer Vinyl-Nadel. Der Gründer, ein ehemaliger Toningenieur der Bayerischen Rundfunkstudios, hatte seine Leidenschaft für analoge Klänge in eine handgefertzte Holztheke und drei Regale voller Plattenspieler gepackt. Was als bescheidenes Projekt begann, entwickelte sich schnell zum Geheimtipp für Sammler, die nach den seltenen Pressungen der 70er suchten. Damals kostete ein originaler Pink FloydDark Side of the Moon-Pressung aus dem Jahr 1973 noch unter 50 Mark – heute liegt der Wert bei über 300 Euro, wie aktuelle Auktionsdaten des Record Collector Magazine zeigen.

Die erste Lieferung bestand aus einer einzigen Kiste mit 47 Plattenspielern, meist ausgemusterten Modellen von Dual und Thorens, die der Gründer auf Flohmärkten in Süddeutschland zusammengekauft hatte. Jedes Gerät wurde in der hinteren Werkstatt des Ladens überholt, wo noch heute die originalen Lötkolben und Messgeräte aus den 90ern stehen. Besonders begehrt waren die Modelle mit S-förmigem Tonarm – eine Technik, die in den 70ern als revolutionär galt und heute unter Audiophilen wieder Kultstatus genießt.

Dass aus dem winzigen Laden einmal Münchens ältester Vintage-Store werden würde, war damals alles andere als absehbar. Die ersten Stammkunden waren weniger Käufer als vielmehr Tüftler: Studenten der TU München, die in den Semesterferien alte Verstärker reparierten, oder Jazzmusiker, die nach bestimmten Klangeigenschaften suchten. Einer von ihnen, später selbst Inhaber eines kleinen Plattenlabels, erinnerte sich in einem Interview mit dem Süddeutschen Magazin an die „magische Atmosphäre“ des Ladens – „wie eine Mischung aus Labor und Schatzkammer“.

Der Durchbruch kam 1997, als ein amerikanischer Sammler während des Oktoberfests zufällig vorbeikam und für eine originale KraftwerkAutobahn-LP aus dem Jahr 1974 das Dreifache des geforderten Preises bot. Plötzlich war der Ruf des Ladens über die Stadtgrenzen hinaus etabliert. Doch der Gründer blieb bescheiden: Statt zu expandieren, erweiterte er einfach das Sortiment um Raritäten wie die ersten Synthesizer von Moog oder originale Pioneer-Lautsprecherboxen – Stücke, die heute zu den gesuchtesten Exponaten der 70er-Jahre-Szene zählen.

70er-Jahre-Raritäten: Von Samtjacken bis zu Original-Bandshirts

70er-Jahre-Raritäten: Von Samtjacken bis zu Original-Bandshirts

Wer die Tür zu Münchens ältestem Vintage-Laden öffnet, betritt eine Zeitkapsel der 1970er – besonders in diesen Tagen. Zum 30-jährigen Jubiläum hat Inhaberin Claudia Berger ihre Vitrinen mit Stück für Stück gefüllt, die selbst eingefleischte Sammler selten zu Gesicht bekommen: original eingestickte Tour-Shirts von Led Zeppelin aus der Houses of the Holy-Ära, eine handgefertigte Samtjacke mit Paisley-Muster, wie sie Mick Jagger 1972 auf der STP-Tour trug, oder eine fast ungetragene Levi’s 501 aus den frühen 70ern mit dem charakteristischen „Big E“-Label. „Solche Teile machen nur etwa 3 bis 5 Prozent unseres Sortiments aus“, erklärt eine Sprecherin des Deutschen Modeinstituts, „denn echtes Vintage dieser Qualität ist heute fast ausnahmslos in Privatkollektionen oder Museen.“

Besonders die Bandshirts erzählen Geschichten. Ein original Pink Floyd-Shirt zum Dark Side of the Moon-Album, 1973 in limitierter Auflage für Roadies gedruckt, hängt neben einem The Rolling Stones-Trikot mit dem berühmten Zungen-Logo – noch mit den typischen Rissen an den Ärmeln, die von Jahrzehnten auf Konzerttourneen zeugen. Die Preise? Zwischen 400 und 1.200 Euro. „Das ist kein Modekauf, das ist eine Investition in Popkultur“, so Berger, während sie vorsichtig ein David Bowie-Shirt aus der Ziggy Stardust-Phase entfaltet, dessen Folienaufdruck noch immer knallrot leuchtet.

Doch nicht nur Rockfans kommen auf ihre Kosten. Eine Ecke weiter stapeln sich Diskokugeln neben Plattencovern von Kraftwerk und Neu!, während an der Wand eine Sammlung von Adidas-Turnschuhen aus den 70ern hängt – darunter ein Paar Rom in Originalverpackung, wie es 1976 für die Olympischen Spiele in Montreal produziert wurde. Selbst die Accessoires sind Zeitzeugen: Sonnenbrillen mit orange getönten Gläsern, wie sie John Lennon in New York trug, oder eine Lederhandtasche von Bally, die noch den Duft von altem Leder und Zigarettenrauch verströmt.

Wer genau hinschaut, entdeckt sogar Kuriositäten wie eine unbenutzte Polaroid-SX-70-Kamera aus dem Jahr 1974 oder ein Atari-Spielemodul in der Originalverpackung – Beweise dafür, dass die 70er nicht nur musikalisch, sondern auch technisch eine Ära des Experiments waren. Berger lächelt, als ein Kunde vorsichtig eine Vinyl-Single von Can aus dem Regal zieht: „Manche Dinge werden mit den Jahren nicht weniger wertvoll – sie werden einfach unersetzlich.“

Warum Münchner Stylisten hier seit Jahrzehnten pilgern

Warum Münchner Stylisten hier seit Jahrzehnten pilgern

Seit den frühen 90ern gehört der Laden an der Schellingstraße zu den bestgehüteten Geheimtipps der Münchner Modeszene – nicht wegen lauter Werbung, sondern wegen der handverlesenen Stücke, die hier seit drei Jahrzehnten Stylisten, Fotografen und Sammler magnetisch anziehen. Brancheninsider schätzen, dass über 60 Prozent der lokalen Modeproduktionen für Editorials oder Filmprojekte in den letzten 15 Jahren mindestens ein Teil aus diesem Archiv bezogen haben. Die Rede ist von jenen ikonischen 70er-Jahre-Blazern mit oversized Revers, die in der aktuellen Herbstkollektion eines großen deutschen Modelabels fast eins zu eins kopiert wurden, oder von den handgefertigten Lederaccessoires, die in einer preisgekrönten Netflix-Serie als Requiten dienten.

Was den Laden ausmacht, ist weniger die schiere Masse als die kuratierte Auswahl: Jedes Stück durchläuft eine strenge Prüfung nach Material, Schnitt und Zeitgeist. Die Besitzer, selbst ehemalige Kostümbildner, kennen die Bedürfnisse ihrer Kunden genau. Einer von ihnen, ein langjähriger Stylist für internationale Magazine, beschreibt die Atmosphäre als „eine Mischung aus Archiv und Atelier – hier findet man nicht nur Kleidung, sondern Inspiration“. Die Regale sind nach Epochen sortiert, doch die wahren Schätze verstecken sich in den hinteren Räumen, wo unmarkierte Kartons mit Etiketten wie „YSL-Prototypen“ oder „Italienische Maßanfertigungen, 1973“ lagern.

Besonders die 70er-Jahre-Abteilung gilt als Goldgrube. Während andere Vintage-Läden längst auf 90er-Jahre-Streetwear oder Y2K-Trends setzen, bleibt dieser Ort den dekadenten Schnitte der Disco-Ära treu. Hier hängen noch originale Halston-Kleider neben deutschen Designerstücken, die nie in Serie gingen. Ein Grund für die Treue der Stylisten: Die Preise orientieren sich an der Seltenheit, nicht am Hype. Ein gut erhaltener Maxi-Mantel aus italienischer Wolle kostet hier 180 Euro – beim Online-Reseller wäre das Doppelte fällig.

Dass der Laden trotzdem kein reines Branchen-Insider-Ding blieb, verdankt er den regelmäßigen Pop-up-Verkäufen, bei denen auch Privatkunden fündig werden. Doch selbst dann bleibt die Kundschaft gemischt: Zwischen Studenten, die nach einem besonderen Party-Outfit suchen, stehen oft Assistenten großer Modemagazine, die im Auftrag ihrer Chefs „dringend noch das bestimmte Teil“ brauchen. Die Wände sind voller Polaroids von Shootings, bei denen Stücke aus dem Laden mitgewirkt haben – eine stille Dokumentation der unsichtbaren Fäden, die diesen Ort seit 30 Jahren mit der Münchner Kreativszene verbinden.

So erkennt man echte Vintage-Qualität – Tipps vom Profi

So erkennt man echte Vintage-Qualität – Tipps vom Profi

Echte Vintage-Qualität erkennt man nicht auf den ersten Blick – es sind die Details, die den Unterschied machen. Laut einer Studie des Deutschen Modeinstituts tragen über 60 % der als „vintage“ verkauften Kleidungsstücke tatsächlich Merkmale moderner Massenproduktion. Wer sich auskennt, achtet auf handgenähte Säume, eingenähte Futterstoffe aus Naturfasern oder die typischen Metallknöpfe der 70er-Jahre, die heute kaum noch hergestellt werden. Im Münchner Laden an der Schellingstraße liegen solche Stücke nicht zufällig zwischen den Regalen: Jedes Teil durchläuft eine strenge Prüfung, bevor es in die Vitrinen kommt.

Die Nahtqualität verrät oft das Alter. Bei Originalen aus den 70ern sind Stiche gleichmäßig, aber nicht maschinell perfekt – kleine Unregelmäßigkeiten zeugen von Handarbeit. Auch die Etiketten geben Aufschluss: Echte Vintage-Labels waren häufig aus Baumwolle oder Leinen, während moderne Nachbildungen oft Kunststoff verwenden. Wer unsicher ist, sollte auf die Rückseite der Knopflöcher schauen: Bei älteren Stücken findet man dort meistens eine zusätzliche Stoffverstärkung, die heute aus Kostengründen weggelassen wird.

Stoff und Schnitt sind weitere Indikatoren. Polyester-Mischgewebe mit hohem Naturfaseranteil, wie sie in den 70ern üblich waren, fühlen sich anders an als heutige Synthetikstoffe. Die Schnitte wirken oft großzügiger, denn Damals wurde Kleidung für Langlebigkeit und nicht für Fast Fashion entworfen. Ein Blick auf die Innenfütterung lohnt sich ebenfalls: Hochwertige Vintage-Stücke haben häufig ein separates Futter aus Seide oder Viskose, während moderne Ware oft auf billige Polyester-Alternativen setzt.

Farbgebungen und Muster sprechen ebenfalls Bände. Die knalligen Orange- und Grüntöne der 70er waren oft mit natürlichen Pigmenten eingefärbt, die mit der Zeit eine charakteristische Patina entwickeln – etwas, das moderne Färbetechniken nicht nachahmen können. Wer ein Teil mit solch authentischer Farbgeschichte findet, hält meistens ein echtes Sammlerstück in Händen.

Was kommt nach 30 Jahren? Die Zukunft des Kultladens

Was kommt nach 30 Jahren? Die Zukunft des Kultladens

Drei Jahrzehnte nach der Eröffnung steht der Münchner Vintage-Pionier vor einer Frage, die viele Traditionsbetriebe umtreibt: Wie bleibt man relevant, ohne die Seele zu verlieren? Während andere Läden längst auf Fast Fashion oder Online-Handel umgestiegen sind, setzt das Team hier weiterhin auf Handarbeit und persönliche Beratung. Doch die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Laut einer Studie des Deutschen Modeinstituts von 2023 sucht fast die Hälfte der unter 30-Jährigen gezielt nach nachhaltiger Mode – eine Zielgruppe, die der Laden bisher nur am Rande bediente.

Die Lösung könnte in einer Mischung aus Bewährtem und Neuem liegen. Statt die Regale mit Massenware zu füllen, plant man Kooperationen mit lokalen Designern, die aus alten Stoffen neue Stücke schaffen. Auch Pop-up-Events mit DJs und Live-Musik sollen jüngere Kundschaft anlocken, ohne die Stammgäste zu vergraulen. Der Clou: Jedes Event wird von einer kleinen Ausstellung historischer Mode begleitet – etwa einer Retrospektive zu den 70ern, der Ära, die den Laden einst berühmt machte.

Dass der Ansatz funktionieren kann, zeigt das Beispiel Berliner Vintage-Läden, die mit ähnlichen Konzepten ihre Umsätze in den letzten fünf Jahren um bis zu 40 Prozent steigerten. Doch in München tickt die Uhr anders. Hier zählt nicht nur der Umsatz, sondern der Charme des Unverwechselbaren. Ob der Laden auch in 30 Jahren noch existiert, hängt vielleicht weniger von Trends ab als von einer einfachen Frage: Gelingt es, die Magie der ersten Stunde in neue Zeiten zu retten?

Drei Jahrzehnte, in denen ein kleines Geschäft am Rande der Maxvorstadt nicht nur Kleidung verkaufte, sondern Münchens Subkultur mitprägte, sind mehr als ein Jubiläum – sie beweisen, dass echte Leidenschaft für Vintage kein Trend, sondern eine Haltung ist. Wer hier zwischen originalen 70er-Jahre-Lederjacken, handgefertigten Batikkleidern oder ersten Adidas-Trefoil-Modellen stöbert, spürt sofort: Diese Stücke tragen Geschichten, keine Preisschilder.

Wer selbst auf der Suche nach solchen Raritäten ist, sollte nicht nur zum 30-jährigen Fest am kommenden Wochenende vorbeischauen, sondern auch die Regale abseits der Auslagenschwerpunkte durchforsten – oft verstecken sich die besten Funde zwischen unscheinbaren Kartons oder in den hinteren Ecken. Und während andere Läden längst auf Fast Fashion oder retro-inspirierte Neuware setzen, bleibt dieser Laden ein lebendiges Archiv, das eines klar macht: Die schönsten Stücke der Vergangenheit haben noch lange nicht ausgedient.