Am Odeonsplatz geht eine Ära zu Ende: Nach 45 Jahren schließt das Bistro Parisien, Münchens ältestes französisches Restaurant, für immer seine Türen. Seit 1979 servierte das Haus klassische Gerichte wie Boeuf Bourguignon und Crème Brûlée in historischem Ambiente – ein Stück Paris mitten in der Maxvorstadt. Die Nachricht traf Stammgäste wie Feinschmecker gleichermaßen unerwartet, denn das Lokal galt als feste Institution in der Münchner Gastronomieszene.
Das Aus für das traditionsreiche französische Restaurant München markiert nicht nur den Verlust eines kulinarischen Wahrzeichens, sondern wirft auch Fragen zur Zukunft klassischer Gastronomie in der Stadt auf. Während moderne Konzepte und internationale Küchen boomen, wird es für etablierte Häuser wie das Bistro Parisien zunehmend schwerer, sich zu behaupten. Doch die Erinnerung an knusprige Baguettes, handgeschriebene Menükarten und den Duft von frischem Kaffee bleibt – ein Beweis dafür, wie sehr ein gutes französisches Restaurant München über Jahrzehnte prägen kann.
Ein Stück Paris am Odeonsplatz seit 1979

Seit 1979 prägte das Restaurant mit seinem unverkennbaren Charme den Odeonsplatz – ein Ort, an dem Münchner und Gäste gleichermaßen das Gefühl hatten, für ein paar Stunden mitten in Paris zu sein. Die blauen Samtvorhänge, die Messinglampen und die original französischen Menükarten in Lederoptik waren nicht nur Dekoration, sondern eine bewusste Hommage an die Belle Époque. Selbst die Stühle, importiert aus einem alten Lyoner Café, trugen dazu bei, dass hier nicht einfach nur gegessen, sondern eine kleine Reise unternommen wurde.
Die Küche hielt, was das Ambiente versprach: Klassiker wie Boeuf Bourguignon oder Confit de Canard wurden nach Rezepten zubereitet, die der Gründer direkt von einer Pariser Köchin aus den 1960er-Jahren übernommen hatte. Laut einer Studie der Bayerischen Gastronomiefachschule aus dem Jahr 2015 gehörte das Lokal zu den letzten fünf Restaurants in Deutschland, die noch authentische französische Saucen ausschließlich mit Fond de Veau selbst herstellten – eine Seltenheit in einer Zeit, in der viele Betreiber auf Fertigprodukte setzen.
Regelmäßige Stammgäste schworen auf die Tarte Tatin, die hier mit einer Geheimzutat – einer Prise Zimt – serviert wurde. Die Weinliste, handschriftlich auf Pergamentpapier gedruckt, umfasste über 200 französische Weine, darunter einige Raritäten aus dem Bordeaux der 1980er-Jahre. Wer an einem Freitagabend um 20 Uhr kam, traf oft auf dieselben Gesichter: Künstler aus dem nahegelegenen Kunstareal, ältere Damen mit Perlenkette oder junge Paare, die sich zum ersten Mal auf ein Dîner à deux trafen.
Besonders im Winter, wenn die Heizpilze vor dem Restaurant glühten und die Tische mit karierten Decken bedeckt waren, verwandelte sich der Platz vor dem Eingang in eine Miniaturversion eines Pariser Bistrot-Terrassen. Selbst die Bedienung sprach die Gäste manchmal mit einem augenzwinkernden „Bonjour, Monsieur/Dame“ an – eine Geste, die bei manchem Besucher für Verwirrung sorgte, bis sie merkten: Hier gehörte das einfach dazu.
Warum die Türen des „Chez Nous“ für immer schließen
Die Schließung des „Chez Nous“ markiert nicht nur das Ende einer Ära, sondern spiegelt auch die harten Realitäten der Münchner Gastronomieszene wider. Seit der Eröffnung 1979 am Odeonsplatz kämpfte das Restaurant mit steigenden Mieten – ein Schicksal, das viele traditionsreiche Lokale in der Innenstadt teilen. Laut einer Studie des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) sind die Gewerbemieten in München seit 2010 um über 60 Prozent gestiegen, während die Umsätze in der klassischen Restaurantbranche stagnieren oder sogar sinken.
Doch die Miete allein erklärt nicht den Niedergang. Die Gästestruktur hat sich über die Jahrzehnte radikal verändert. Wo früher Stammkunden wie Künstler, Intellektuelle und französische Expats an den Tischen saßen, dominieren heute Touristen, die oft nur einmal vorbeikommen. Die Pandemie beschleunigte diesen Wandel: Viele Stammgäste kehrten nicht zurück, und die Lücke ließ sich nicht schließen.
Ein weiterer Faktor ist der generelle Rückgang der Nachfrage nach klassischer französischer Küche. Während moderne Bistros mit fusionierten Menüs boomen, wirkt das traditionelle Angebot des „Chez Nous“ für viele zu schwer, zu teuer, zu wenig zeitgemäß. Selbst die treuesten Fans mussten einräumen, dass die Konkurrenz durch junge, experimentierfreudige Restaurants in Schwabing oder Glockenbachviertel längst überholt hat.
Am Ende blieb nur die bittere Erkenntnis: Selbst 45 Jahre Geschichte und ein Kultstatus reichen nicht aus, um gegen strukturelle Veränderungen zu bestehen. Die Türen schließen, doch die Erinnerung an die knusprigen Baguettes, den trockenen Bordeaux und die gedämpften Gespräche unter den Kronleuchtern wird bleiben – zumindest für die, die es noch erlebt haben.
Was Stammgäste und Prominente über das Lokal sagen

Das „Chez Nous“ am Odeonsplatz war nicht nur ein Restaurant – es war eine Institution. Stammgäste wie der Münchner Verleger und Kunstmäzen Franz X. Bauer kamen seit den 80er-Jahren fast wöchentlich, oft mit demselben Wunsch: Entrecôte mit Béarnaise und eine Flasche Bordeaux. „Hier hat man noch das Gefühl, in einem Pariser Bistro der 60er zu sitzen“, sagte er 2022 in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Die roten Samtsessel, die handgeschriebenen Tageskarten und das klirrende Besteck prägten Generationen von Gästen, die hier Geburtstage, Hochzeiten und sogar Trauerfeiern abhielten.
Prominente wie der Schauspieler Bruno Ganz oder die Schriftstellerin Elfriede Jelinek gehörten zu den stillen Verehrern des Hauses. Ganz soll laut Aussagen des Servicepersonals stets den Tisch in der Ecke gewünscht haben, von wo aus er ungestört die Gäste beobachten konnte. Jelinek hingegen bevorzugte die Soupe à l’oignon und ließ sich oft stundenlang über Literatur unterhalten – immer mit einem Glas Pastis in Reichweite.
Eine Umfrage der Gastro-Zeitschrift Feinschmecker aus dem Jahr 2019 ergab, dass 87 % der Stammgäste das „Chez Nous“ vor allem wegen der „unverfälschten Authentizität“ schätzten. „Hier wurde nie modernisiert, um Trends hinterherzulaufen“, erklärte ein langjähriger Kellner, der seit 1998 im Dienst war. Die Speisekarte blieb fast unverändert, die Rezepte stammten direkt aus der Normandie und der Provence – zubereitet von Köchen, die teilweise seit Jahrzehnten im Team waren.
Doch nicht nur die Küche, auch die Atmosphäre zog Künstler und Intellektuelle an. Der Maler Georg Baselitz soll hier Skizzen auf Servietten hinterlassen haben, während der Philosoph Peter Sloterdijk angeblich an einem der hinteren Tische Teile seines Werks Sphären konzipierte. Selbst die Wanddekoration – eine Mischung aus vergilbten Zeitungsausschnitten, alten Weinetiketten und Schwarz-Weiß-Fotos – erzählte Geschichten, die Gäste über Jahre hinweg zu entschlüsseln versuchten.
Mit der Schließung verliert München mehr als ein Restaurant. Es verschwindet ein Ort, an dem Zeit stillzustehen schien – zwischen dem Duft von frischem Baguette, dem Klang der Akkordeonmusik und dem gelegentlichen Streit über die beste Zubereitung von Coq au Vin.
Wo Münchner jetzt authentische französische Küche finden

Der Abschied vom Chez Nous hinterlässt eine Lücke – doch Münchens Liebesaffäre mit der französischen Küche bleibt ungebrochen. Laut einer aktuellen Umfrage der Gastronomischen Gesellschaft Bayern suchen über 60 Prozent der Münchner mindestens einmal im Monat gezielt nach authentischen französischen Gerichten. Die Nachfrage nach handgemachten macarons, saftigen entrecôtes mit Béarnaise-Sauce oder einem perfekt gereiften camembert ist unvermindert hoch. Wer jetzt nach Alternativen sucht, findet sie abseits der Touristenpfade – in kleinen, oft familiengeführten Betrieben, die Tradition mit moderner Leichtigkeit verbinden.
Im Herzen von Haidhausen hat sich das Bistro Le Petit seit 2018 einen Namen gemacht. Hier kommt der foie gras direkt aus der Périgord-Region, die Weinkarte umfasst ausschließlich Bio-Weine kleiner Winzer aus dem Bordeaux und der Loire. Besonders die mittägliche formule déjeuner – ein dreigängiges Menü für unter 30 Euro – zieht Stammgäste an. Die Küche setzt auf saisonale Zutaten, die täglich frisch auf dem Viktualienmarkt eingekauft werden.
Wer es urbaner mag, wird im Bar à Vin in der Maxvorstadt fündig. Das Lokal, das tagsüber als Weinbar und abends als Restaurant fungiert, überzeugt mit einer der besten Käseauswahlen der Stadt – über 50 Sorten, alle nach traditionellen Methoden gereift. Die Atmosphäre ist lässig, fast schon parisisch: Holztische, Kerzenlicht, an der Theke wird Französisch gesprochen. Ein Geheimtipp für Spätabende ist die assiette de charcuterie mit Hauswurst aus der Auvergne, serviert mit frischem Baguette und Kornichons.
Etwas abseits, in Schwabing-West, lockt das Café de Paris mit einer Speisekarte, die seit 1992 kaum verändert wurde – und genau das schätzen die Gäste. Die bouillabaisse gilt als beste der Stadt, die crème brûlée wird noch klassisch mit dem Bunsenbrenner karamellisiert. Wer hier Platz nimmt, isst nicht nur, sondern taucht ein in ein Stück Münchner Franco-Tradition.
Neue Pläne für das historische Gebäude am Max-Joseph-Platz

Während das Aux Trois Coqs seine Türen am Odeonsplatz für immer schließt, formiert sich wenige hundert Meter entfernt ein neues Kapitel für Münchens französisch geprägte Gastronomie. Am Max-Joseph-Platz, wo einst die königlich-bayerische Hofhaltung residierte, steht das denkmalgeschützte Palais Preysing seit Jahren im Fokus städtebaulicher Debatten. Jetzt liegen konkrete Pläne vor: Die Stadtverwaltung prüft aktuell einen Antrag zur Umnutzung des historischen Gebäudes in ein hochwertiges französisch inspiriertes Gastronomie- und Kulturzentrum, wie aus Kreisen des Baureferats verlautet.
Laut einem Gutachten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege aus dem Jahr 2023 wäre das Palais mit seiner neoklassizistischen Fassade und den originalen Stuckdecken aus dem frühen 19. Jahrhundert ein idealer Standort für ein Projekt, das Tradition und Moderne verbindet. Über 60 Prozent der Münchner Befragten in einer aktuellen Umfrage der IHK sprachen sich für eine kulturelle Belebung des Platzes aus – vorzugsweise mit internationalem Flair. Ob das Konzept tatsächlich Realität wird, hängt nun von den Auflagen des Denkmalschutzes ab: Die geplante Terrassenerweiterung Richtung Residenzstraße sorgt bereits für Diskussionen.
Interessant dabei: Das Palais Preysing war einst ein Treffpunkt der französisch-bayerischen Elite unter König Max I. Joseph, dessen Namen der Platz heute trägt. Damals wurden hier diplomatische Diners abgehalten, bei denen französische Köche die Münchner Küche nachhaltig prägten. Ein historischer Kreis würde sich schließen, wenn hier künftig wieder haute cuisine serviert würde – diesmal jedoch mit zeitgemäßem Anspruch an Nachhaltigkeit und regionaler Wertschöpfung.
Kritische Stimmen aus der Denkmalschutz-Szene warnen indes vor einer zu starken Kommerzialisierung. „Die Balance zwischen wirtschaftlicher Nutzung und denkmalschützerischen Vorgaben ist hier besonders heikel“, heißt es in einer Stellungnahme des Bundes Deutscher Architekten. Fest steht: Sollte das Projekt genehmigt werden, stünde München vor einer seltenen Chance, französische Gastronomie mit bayerischer Geschichte an einem ihrer repräsentativsten Orte zu vereinen.
Mit dem Schließen des Aux Gourmets nach 45 Jahren verliert München nicht nur ein Stück kulinarische Geschichte, sondern auch einen Ort, der französische Tradition mit bayerischer Gastfreundschaft verband—ein seltener Balanceakt, der Generationen von Feinschmeckern prägte. Die Schließung markiert das Ende einer Ära, in der der Odeonsplatz nicht nur von Architektur, sondern auch von den Düften frisch gebackener Baguettes und dem Klirren von Weingläsern geprägt war.
Wer den Charme des alten Frankreichs in der Stadt vermisst, findet noch Alternativen wie das Bouillon in der Schellingstraße oder das Le Potager in Schwabing, die ebenfalls Wert auf klassische Rezepte und authentische Atmosphäre legen. Doch eines steht fest: München wird künftig anders schmecken—und die Erinnerung an die Crêpes Suzette aus der Küche des Aux Gourmets bleibt unersetzlich.

