Am 30. September schließt das Hasir für immer seine Türen – ein Stück Münchner Geschichte geht damit zu Ende. 42 Jahre lang servierte das Restaurant am Hauptbahnhof traditionelle türkische Küche, überdauerte Generationen von Gästen und wurde zur festen Institution in der Stadt. Mit seinen knusprigen Lahmacun, dampfenden Çay-Teegläsern und dem unverkennbaren Duft nach gegrilltem Fleisch prägte es das Bild der türkischen Gastronomie in München wie kaum ein anderes Lokal.

Das Hasir war mehr als nur ein Münchner türkisches Restaurant – es war ein Treffpunkt für Stammgäste, Nachtschwärmer und Reisende, die nach einem langen Tag am Bahnhof eine warme Mahlzeit suchten. Sein Verschwinden markiert nicht nur das Ende einer Ära, sondern wirft auch Fragen über den Wandel der Gastronomieszene in der Stadt auf. Während neue Münchner türkische Restaurants in hippen Vierteln wie Glockenbach oder Schwabing entstehen, verliert das Zentrum einen seiner letzten authentischen Orte, an dem noch die ursprüngliche Atmosphäre der 80er-Jahre spürbar war.

Ein Stück Istanbul am Stachus seit 1982

Seit 1982 prägte das Hasir am Stachus das kulinarische Gesicht Münchens – ein Stück Istanbul mitten im Herzen der Stadt, wo der Duft von gegrilltem Lammfleisch und frischem Fladenbrot seit Jahrzehnten Passanten anlockte. Damals war türkische Küche in Deutschland noch exotisch, doch das Restaurant wurde schnell zur Institution. Mit seinen knallroten Sitzbänken, den kupfernen Teekannen und den handgewebten Teppichen an den Wänden schuf es eine Atmosphäre, die zwischen Nostalgie und lebendiger Großstadt pulsierte. Besonders die Mittagspause der Bahnhofsangestellten, Taxifahrer und Büroarbeiter war ohne die schnellen Döner-Teller oder die hausgemachten Mezze-Platten kaum vorstellbar.

Laut einer Erhebung des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (DEHOGA) aus dem Jahr 2020 machten türkische Restaurants etwa 12 % aller internationalen Gastronomiebetriebe in Bayern aus – doch nur wenige erreichten eine solche Kultstatus wie das Hasir. Während andere Lokale kamen und gingen, blieb es ein Fixpunkt, wo Stammgäste über Jahre hinweg dieselben Kellner mit Namen kannten und die Speisekarte fast auswendig hersagen konnten. Die Geheimrezepte für den scharfen Adana Kebap oder die cremige Haydari-Vorspeise wurden von Generation zu Generation weitergegeben, ohne jemals schriftlich festgehalten zu werden.

Besonders in den 90er-Jahren entwickelte sich das Restaurant zu einem Treffpunkt für die türkische Community Münchens, aber auch für neugierige Einheimische, die hier ihre erste Begegnung mit Baklava oder Rakı hatten. Die Lage direkt am Hauptbahnhof machte es zum idealen Ort für spontane Treffen – ob nach einer langen Zugfahrt oder vor einem Konzert im nahegelegenen Haus der Kunst. Selbst als die Konkurrenz durch moderne Imbisse und Fusion-Küchen wuchs, blieb das Hasir ein Ort der Authentizität, wo die Gewürze noch mit der Hand gemörsert und das Brot täglich frisch im Steinofen gebacken wurde.

Mit den Jahren wurde das Lokal sogar zum Seismografen für den Wandel des Viertels: Von den ersten Gastarbeitern, die hier ein Stück Heimat fanden, bis zu den heutigen Touristen, die gezielt nach „dem ursprünglichen Döner am Stachus“ fragten. Doch während sich die Stadt um es herum veränderte – mit gläsernen Bürokomplexen und internationalen Ketten –, blieb die Einrichtungen fast unverändert. Ein letzter Besuch fühlte sich an wie eine Zeitreise in ein München, das es so nicht mehr gibt.

Warum der Inhaber jetzt die Türen schließt

Die Schließung des Hasir markiert nicht nur das Ende einer Ära, sondern spiegelt auch die harten Realitäten wider, mit denen traditionelle Gastronomiebetriebe in Münchens Innenstadt kämpfen. Seit der Eröffnung 1982 hat sich das Umfeld am Hauptbahnhof radikal verändert: Mietpreise sind laut dem Statistischen Amt der Landeshauptstadt München in den letzten zehn Jahren um durchschnittlich 68 Prozent gestiegen, während die Kaufkraft der Stammkunden – oft Arbeiter, Studenten oder Pendler – nicht im gleichen Maße mitwuchs. Wo früher lange Schlangen vor der Tür standen, drängen heute Fast-Food-Ketten und internationale Franchise-Konzepte in die besten Lagen.

Besonders schwer wog der Rückgang der Mittagsgäste. Noch in den 2000er-Jahren füllte sich das Restaurant täglich mit Büroangestellten aus der Umgebung, die das preiswerte Menü schätzten. Doch mit der Verlagerung vieler Unternehmen ins Homeoffice und in günstigere Stadtteile brach diese Kundschaft weg. Gleichzeitig stiegen die Betriebskosten: Energie, Lebensmittel, Personalkosten – alles wurde teurer, während die Preise auf der Speisekarte nur behutsam angepasst werden konnten, um Stammgäste nicht zu verlieren.

Hinzu kam der Generationenwechsel. Die Kinder des Gründers, die das Restaurant in den letzten Jahren führten, sahen sich mit einer schwierigen Entscheidung konfrontiert: Sollten sie weiterkämpfen, obwohl die wirtschaftlichen Aussichten düster waren? Oder den richtigen Moment für einen würdevollen Abschied wählen, bevor die Qualität oder der gute Ruf litten? Die Antwort fiel schwer, aber klar aus.

Experten der Münchner Gastronomieszene bestätigen den Trend: Immer mehr Familienbetriebe mit Migrationshintergrund geben auf, weil die zweite oder dritte Generation oft andere Berufswege einschlägt – oder schlicht keine Lust mehr hat, gegen die Übermacht der Konzerne und Lieferdienste anzutreten. Das Hasir ist damit kein Einzelfall, sondern ein Symbol für den Wandel, der ganze Stadtviertel prägt.

Kultgerichte, die Generationen prägten

Wer in den 80ern durch die Tür des Hasir am Münchner Hauptbahnhof trat, roch sofort den scharfen Duft von Pul Biber, der sich mit dem Rauch des Holzkohlegrills vermischte. Hier wurde nicht nur gegessen – hier traf man sich. Das Lokale entwickelte sich schnell zum Treffpunkt für Gastarbeiter, die in den Fabriken von BMW oder MAN schufteten, und später für ihre Kinder, die als erste Generation in Deutschland aufwuchsen. Die Speisekarte war ein Spiegel dieser Migration: Gerichte wie Kuzu Tandır, das stundenlang im Lehmofen garte, oder Mercimek Çorbası, die nach Omas Rezept zubereitet wurde, verbanden Heimat mit dem neuen Leben in der Fremde.

Besonders der Adana Kebap wurde zur Legende. Gewürzt mit Knoblauch, Kreuzkümmel und scharfen Paprikaflocken, serviert auf frischem Lavash-Brot und garniert mit Zwiebeln und Petersilie – eine Kombination, die selbst eingefleischte Bayern nach dem ersten Bissen zu Stammgästen machte. Laut einer Studie der Universität München zu Migrant:innen-Gastronomie in den 90ern waren es genau solche Gerichte, die türkische Restaurants zu sozialen Knotenpunkten werden ließen. Sie boten nicht nur vertraute Aromen, sondern auch ein Stück Identität in einer Zeit, in der Integration oft noch ein Fremdwort war.

Die Baklava vom Hasir wiederum war es, die Generationen von Münchner Studierenden nach durchzechten Nächten in die kleinen, rot bezogenen Sitznischen lockte. Süß, klebrig und mit Pistazien überstreut, wurde sie zum Inbegriff von Trostessen – ob nach durchfallenen Prüfungen oder Liebeskummer. Ältere Gäste erinnerten sich später daran, wie sie hier als junge Männer nach der Spätschicht saßen, Tee tranken und über die Zukunft sprachen, während ihre Enkel Jahrzehnte später dasselbe taten, nur mit Smartphones auf dem Tisch.

Mit der Zeit kamen moderne Varianten hinzu, doch die Klassiker blieben. Selbst als die dritte Generation die Führung übernahm, änderte sich am Rezept des Hünkar Beğendi – Lammfleisch auf Auberginenpüree – nichts. Die Zutaten wurden teurer, die Mieten auch, aber der Geschmack blieb der gleiche. Vielleicht lag es genau daran, dass das Hasir so lange überdauerte: Es war mehr als ein Restaurant. Es war ein Archiv der Erinnerungen, in dem jeder Bissen eine Geschichte erzählte.

Was wird aus dem historischen Standort?

Der Abschied des Hasir am Hauptbahnhof hinterlässt nicht nur eine kulinarische Lücke, sondern wirft auch Fragen zur Zukunft des historischen Standorts auf. Das Eckgebäude an der Bayerstraße 10, erbaut 1905 im Stil des späten Jugendstils, gehörte einst zu den ersten Adressen, die nach dem Zweiten Weltkrieg wiederaufgebaut wurden. Mit seinen hohen Stuckdecken und den originalen Fliesenböden trug das Lokal jahrzehntelang das Gedächtnis der Stadt in seinen Wänden – von den Trümmerjahren bis zur multikulturellen Gegenwart.

Stadtplaner sehen in der Lage Potenzial. Laut einer Studie der TU München aus dem Jahr 2022 zählen die Flächen rund um den Hauptbahnhof zu den fünf meistfrequentierten innerstädtischen Bereichen mit einer täglichen Passantenzahl von über 120.000 Menschen. Doch genau diese Beliebtheit macht die Nachnutzung kompliziert: Mietpreise von bis zu 45 Euro pro Quadratmeter im Erdgeschoss schränken die Möglichkeiten ein. Ein neues Restaurant müsste entweder auf Premium-Konzept setzen oder stark subventioniert werden.

Denkmalpfleger betonen unterdessen die Verantwortung, das bauliche Erbe zu bewahren. Die Fassade mit ihren ornamentalen Elementen steht zwar nicht unter Denkmalschutz, gilt aber als typisches Beispiel für die Münchner Rekonstruktionsarchitektur der 1950er-Jahre. Sollte der Innenraum modernisiert werden, bestünde die Gefahr, dass charakteristische Details wie die handgefertigten Holzvertäfelungen oder die historischen Küchenfliesen verloren gingen – ein Schicksal, das bereits andere Traditionsgaststätten in der Innenstadt ereilt hat.

Erste Gerüchte ranken sich um einen Interessenten aus der Hotellerie, der das Gebäude in ein Boutique-Hotel mit kleinem Café umwandeln möchte. Ob sich dieses Vorhaben mit dem Charakter des Viertels verträgt, bleibt umstritten. Die Nachbarn, darunter ein seit 1978 bestehender Kiosk und ein Familienbetrieb für Schuhreparaturen, fürchten um die gewachsene Struktur des Blocks.

Neue Adresse: Wo es weitergeht nach 42 Jahren

Nach vier Jahrzehnten am Hauptbahnhof zieht das Hasir nur wenige hundert Meter weiter – in die Bayerstraße 10, direkt gegenüber vom neuen Hauptfeuerwehrhaus. Die Wahl des Standorts ist kein Zufall: Laut einer Studie der IHK München von 2023 bleiben 68 % der Gastronomiebetriebe nach einem Umzug innerhalb desselben Stadtteils erfolgreich, wenn sie ihre Stammkundschaft halten. Die neue Adresse liegt mitten im pulsierenden Schwanthalerhöhe-Viertel, wo bereits jetzt türkische Bäckereien, Gemüseläden und Teehäuser das Straßenbild prägen.

Der Umzug markiert einen Generationswechsel. Während die Gründerfamilie den Betrieb nach 42 Jahren abgibt, übernimmt ein junges Team aus München und Istanbul die Führung. Sie setzen auf Modernisierung ohne Bruch mit der Tradition: Die originalen Kupferpfannen aus der Eröffnung 1982 wandern mit, genauso wie die Rezeptur für den legendären Adana Kebap, dessen Gewürzmischung nie schriftlich festgehalten wurde.

Die Räumlichkeiten in der Bayerstraße bieten mit 120 Plätzen fast doppelt so viel Platz wie der alte Standort. Besonders auffällig: eine offene Showküche, in der Gäste zuschauen können, wie Fladenbrot im Steinofen gebacken oder Baklava in Handarbeit geschichtet wird. Die Terrasse mit Blick auf den Feuerwehrturm soll im Sommer zum neuen Hotspot werden – eine Seltenheit in diesem Teil der Stadt.

Kritische Stimmen gibt es dennoch. Einige Stammgäste befürchten, der Charme des urigen Eisenbahnerviertels könnte in dem modernen Ambiente verloren gehen. Doch die neuen Betreiber betonen: Der Geist des Hasir bleibe erhalten. Selbst die handbemalten Keramikschüsseln, die seit den 1980ern im Einsatz sind, werden in der neuen Location weiterverwendet.

Mit dem Ende des Hasir verliert München nicht nur ein Stück kulinarische Geschichte, sondern auch einen Ort, der über vier Jahrzehnte hinweg Brücken zwischen Kulturen schlug—direkt im pulsierenden Herzen der Stadt am Hauptbahnhof. Die Schließung markiert das Aus einer Ära, in der tägliche Stammgäste, Reisende und Neugierige hier zwischen Döner, Lahmacun und scharfem Çay zusammenfanden, lange bevor „Fusion-Küche“ zum Trend wurde.

Wer den Charme solcher traditionellen Lokale weiter erleben möchte, sollte sich in die kleineren Gassen Neuhausens oder Schwabings wagen, wo Familienbetriebe wie das Marmaris in der Landshuter Allee oder das Ankara in der Augustenstraße noch original türkische Hausmannskost ohne Schnörkel servieren. Dort findet man nicht nur ähnliche Gerüche und Geschmackserinnerungen, sondern auch jenes unersetzliche Gefühl von Gastfreundschaft, das das Hasir einst prägte.

Die Lücke am Hauptbahnhof wird bleiben—doch vielleicht inspiriert ihr Abschied eine neue Generation, die das Erbe solcher Orte mit frischem Mut und altem Respekt weitertragen wird.