Ab Oktober gibt es in München eine Premiere, die Leben retten könnte: Die erste 24-Stunden-Krisenambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie öffnet ihre Türen. Während bundesweit die Wartezeiten auf Therapieplätze oft Monate betragen und Notfälle in regulären Kliniken nur begrenzt versorgt werden können, setzt die Landeshauptstadt damit ein klares Zeichen. Allein im vergangenen Jahr verzeichnete die Kinder- und Jugendpsychiatrie München über 1.200 akute Vorstellungen von jungen Patienten in psychischen Ausnahmesituationen – Tendenz stark steigend.
Die neue Einrichtung füllt eine kritische Lücke im Versorgungssystem. Bisher mussten Eltern mit suizidgefährdeten Kindern oder Jugendlichen in schweren Depressionen oft stundenlang nach einer passenden Anlaufstelle suchen. Die Kinder- und Jugendpsychiatrie München reagiert damit auf den dringenden Bedarf, der sich nicht nur in den Fallzahlen, sondern auch in den verzweifelten Hilferufen von Betroffenen und Angehörigen widerspiegelt. Fachleute betonen: Eine rund um die Uhr erreichbare Spezialambulanz kann den Unterschied zwischen einer eskalierenden Krise und rechtzeitiger Hilfe bedeuten.
Warum München dringend eine Kinderpsychiatrie-Rundumversorgung braucht
München wächst – und mit der Stadt steigt auch der Druck auf die psychische Gesundheit junger Menschen. Aktuell gibt es für Kinder und Jugendliche mit akuten psychiatrischen Krisen kaum flächendeckende Versorgungsstrukturen. Die Wartezeiten auf Therapieplätze betragen oft Monate, während Notfälle in regulären Kliniken häufig nur unzureichend behandelt werden können. Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie verweisen seit Jahren auf die dramatische Unterversorgung: Laut dem aktuellen Gesundheitsreport des Bayerischen Landesamts kämpft fast jedes fünfte Kind in Bayern mit psychischen Auffälligkeiten, doch spezialisierte Behandlungsangebote bleiben Mangelware.
Besonders kritisch wird es nachts und am Wochenende. Eltern mit suizidgefährdeten Teenagern oder Kindern in schweren Angstzuständen stehen dann oft vor verschlossenen Türen. Die wenigen vorhandenen Krisendienste sind überlastet, und Hausärzte können komplexe psychiatrische Fälle selten angemessen stabilisieren. Eine 24-Stunden-Anlaufstelle wie die geplante Ambulanz füllt hier eine lebenswichtige Lücke.
Doch eine Krisenambulanz allein reicht nicht. Was München braucht, ist ein vernetztes System: von der Frühintervention in Schulen über tagesklinische Angebote bis hin zu stationären Plätzen für Langzeittherapien. Andere Großstädte wie Berlin oder Hamburg zeigen, wie eine sektorübergreifende Versorgung funktioniert – mit kurzen Wegen zwischen ambulanter und stationärer Hilfe. Ohne solche Strukturen bleiben viele Familien im Stich, während die Fallzahlen weiter steigen.
Die neue Ambulanz ist ein erster Schritt. Doch sie darf kein Einzelprojekt bleiben.
Wie die neue Ambulanz bei Suizidgefahr und akuten Krisen eingreift
Die neue Krisenambulanz am Dr. von Haunerschen Kinderspital setzt auf sofortige Intervention bei akuten psychischen Notfällen. Kommt ein Kind oder Jugendlicher mit Suizidgedanken oder nach einem Selbstverletzungsversuch, übernimmt ein spezialisiertes Team aus Kinder- und Jugendpsychiatern, Psychologen und Sozialarbeitern innerhalb von 30 Minuten die Betreuung. Standardisierte Risikoeinschätzungen und eine enge Abstimmung mit den Eltern oder Bezugspersonen bilden die Grundlage für die ersten Schritte. Bei lebensbedrohlichen Situationen erfolgt direkt die Einweisung in die stationäre Behandlung – ohne Wartezeiten.
Besonders kritisch sind Fälle, in denen junge Patienten nach einem Suizidversuch gebracht werden. Studien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie zeigen, dass fast 20 % der betroffenen Jugendlichen innerhalb eines Jahres einen erneuten Versuch unternehmen, wenn keine sofortige Intervention erfolgt. Die Ambulanz reagiert darauf mit einem gestuften Konzept: Nach der akuten Stabilisierung folgt eine kurzfristige Therapieplanung, die ambulante Weiterbetreuung oder teilstationäre Angebote umfasst. Eltern werden aktiv in Sicherheitspläne eingebunden, um Rückfälle zu verhindern.
Auch bei akuten Angststörungen, Psychosen oder traumatischen Ereignissen greift das Team ein. Ein 14-Jähriger, der nach einem Gewalterlebnis in der Schule unter Panikattacken leidet, erhält etwa eine kombinierte Behandlung aus Krisengesprächen und medikamentöser Unterstützung – falls nötig. Die Ambulanz arbeitet hier mit Trauma-Fachdiensten zusammen, um langfristige Folgen abzumildern. Entscheidend ist die 24-Stunden-Erreichbarkeit, die Lücken in der bisherigen Versorgungsstruktur schließt.
Für weniger dringende, aber dennoch belastende Krisen – wie Schulverweigerung oder depressive Episoden – bietet die Ambulanz niedrigschwellige Sprechstunden an. Hier geht es darum, frühzeitig Gegensteuer zu geben, bevor sich die Lage zuspitzt. Das Ziel ist klar: Kein Kind soll in München mehr abgewiesen werden, nur weil es außerhalb der regulären Dienstzeiten Hilfe braucht.
Eltern wissen oft nicht, wohin – klare Anlaufstellen und Abläufe
Eltern in akuten psychischen Krisen ihrer Kinder stehen oft vor einem Dilemma: Wer hilft jetzt? Wo findet man sofort Unterstützung, wenn die Praxis geschlossen ist oder der Kinderarzt überfordert wirkt? Studien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie zeigen, dass über 40 Prozent der Eltern in solchen Situationen nicht wissen, an wen sie sich wenden sollen – und wertvolle Zeit verstreicht.
Bisher gab es in München keine zentrale Anlaufstelle, die rund um die Uhr spezialisierte Hilfe bietet. Notaufnahmen allgemeiner Krankenhäuser sind auf körperliche Notfälle ausgelegt, Hausärzte können psychische Krisen oft nur begrenzt einschätzen. Die Folge: Betroffene Familien durchlaufen ein Labyrinth aus Telefonaten, Wartezeiten und Verweisungen – während das Kind leidet.
Mit der neuen 24-Stunden-Krisenambulanz am Dr. von Haunerschen Kinderspital ändert sich das. Ein interdisziplinäres Team aus Kinder- und Jugendpsychiatern, Psychologen und Sozialarbeitern übernimmt ab Oktober die Erstversorgung – ohne Voranmeldung, ohne lange Wartezeiten. Die Abläufe sind klar strukturiert: Nach einer kurzen Triage folgt eine direkte Einschätzung durch Fachpersonal, das entscheidet, ob ambulante Stabilisierung reicht oder eine stationäre Aufnahme nötig ist.
Besonders in den Abend- und Nachtstunden, wenn andere Einrichtungen geschlossen haben, schließt die Ambulanz eine kritische Lücke. Eltern erhalten nicht nur sofortige Hilfe, sondern auch klare Handlungsanweisungen für die nächsten Schritte – sei es die Vermittlung an Therapieplätze oder die Organisation weiterführender Betreuung.
Kooperation mit Kliniken und Jugendämtern: Wer übernimmt welche Rolle?
Die neue 24-Stunden-Krisenambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München setzt auf enge Zusammenarbeit mit Kliniken und Jugendämtern – doch die Rollen sind klar verteilt. Kliniken wie das Hauner-Kinderspital oder die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der LMU übernehmen die medizinische Akutversorgung: Sie stellen Fachärzte für die Diagnostik, stabilisieren Kinder in akuten Krisen und entscheiden über stationäre Aufnahmen. Laut einer Studie des Berufsverbands für Kinder- und Jugendpsychiatrie (BKJPP) aus 2023 entfallen über 60 % der kinderpsychiatrischen Notfälle auf Selbstgefährdung oder schwere Angststörungen – hier sind die Kliniken erste Anlaufstelle für lebensrettende Maßnahmen.
Die Jugendämter hingegen agieren als Schnittstelle zu Familien und dem Hilfesystem. Sie klären soziale Rahmenbedingungen, organisieren ambulante Nachsorge oder leiten bei Kindeswohlgefährdung weitere Schritte ein. Während die Ambulanz selbst keine langfristige Betreuung anbietet, koordinieren die Jugendämter Übergänge in Therapieplätze oder Tagesgruppen. Besonders in Fällen von Vernachlässigung oder Trauma arbeiten sie mit den Kliniken Hand in Hand – etwa durch gemeinsame Fallkonferenzen innerhalb von 24 Stunden nach Aufnahme.
Neu ist die direkte Anbindung der Krisenambulanz an das Münchner Notfallnetz: Kliniken melden freie Kapazitäten in Echtzeit, Jugendämter erhalten bei Bedarf sofortige Rückmeldung über aufgenommenen Kinder. Diese Vernetzung soll Wartezeiten verkürzen, die in Bayern laut Gesundheitsreport 2024 im Schnitt noch bei 4,2 Stunden für psychiatrische Kinder-Notfälle liegen. Die Ambulanz selbst übernimmt dabei die Triage – also die Einschätzung, ob ein Fall klinisch, sozial oder beides behandelt werden muss.
Kritisch bleibt die Finanzierung: Während die Kliniken ihre Leistungen über die Krankenkassen abrechnen, tragen die Jugendämter die Kosten für soziale Folgemaßnahmen. Hier gibt es noch Klärungsbedarf, besonders bei komplexen Fällen mit Mehrfachdiagnosen. Doch das Modell zeigt Wirkung – ähnliche Projekte in Berlin und Hamburg reduzierten die Wiederaufnahmerate um 30 % durch bessere Abstimmung.
Langfristiges Ziel: Prävention statt Notfall – was sich ändern muss
Die Eröffnung der ersten 24-Stunden-Krisenambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München ist ein dringend notwendiger Schritt – doch sie darf kein Dauerzustand bleiben. Fachleute betonen seit Jahren, dass akute Interventionen allein das Problem nicht lösen. Laut dem aktuellen Barmer-Arztreport 2023 warteten bundesweit über 100.000 Kinder und Jugendliche im vergangenen Jahr länger als drei Monate auf einen Therapieplatz. Solche Zahlen zeigen: Das System ist überlastet, bevor der Notfall eintritt.
Langfristig braucht es einen Paradigmenwechsel – weg von der Krisenbewältigung, hin zu flächendeckender Prävention. Schulen könnten hier eine zentrale Rolle spielen, wenn psychische Gesundheit fest im Lehrplan verankert würde. Programme wie „MindMatters“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung zeigen Wirkung, erreichen aber noch zu wenige Einrichtungen. Auch Hausärzte und Kinderärzte müssten systematisch in Frühdiagnostik geschult werden, um Warnsignale wie sozialen Rückzug oder Schlafstörungen früher zu erkennen.
Ein weiteres strukturelles Problem: Die Trennung zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie. In München gibt es zwar Initiativen wie das „Netzwerk Frühe Hilfen“, doch die Zusammenarbeit zwischen Jugendämtern, Schulen und psychiatrischen Diensten hängt oft vom Engagement Einzelner ab. Hier fehlt es an verbindlichen Standards und einer zentralen Koordinationsstelle, die Familien niedrigschwellig berät – bevor eine Krise eskaliert.
Geld allein wird die Situation nicht ändern, aber ohne zusätzliche Mittel geht es nicht. Bayern gibt derzeit rund 0,5 Prozent seines Gesundheitsbudgets für Kinder- und Jugendpsychiatrie aus – im europäischen Vergleich ein unterdurchschnittlicher Wert. Investitionen in Prävention wären nicht nur humanitär geboten, sondern auch wirtschaftlich sinnvoll: Studien belegen, dass jeder Euro in frühkindliche psychische Gesundheit später bis zu sieben Euro an Folgekosten spart.
Mit der Eröffnung der ersten 24-Stunden-Krisenambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie in München im Oktober schließt sich eine dringende Lücke in der Versorgung – endlich erhalten Familien rund um die Uhr professionelle Hilfe in akuten psychischen Notlagen, ohne lange Wartezeiten oder Umwege über Notaufnahmen. Besonders für Eltern, deren Kinder unter Suizidgedanken, schweren Angststörungen oder psychotischen Episoden leiden, bedeutet das nicht nur Entlastung, sondern oft auch lebenswichtige Soforthilfe.
Wer unsicher ist, ob ein Besuch nötig ist, sollte im Zweifel den Kinder- und Jugendnotdienst unter der bekannten Hotline kontaktieren oder direkt die Ambulanz im Dr. von Haunerschen Kinderspital aufsuchen – hier zählt jedes Zögern gegen die Dringlichkeit medizinischer Unterstützung. München setzt damit ein Zeichen, das bundesweit Schule machen sollte.

