Seit 2015 hat sich die Zahl äthiopischer Restaurants in Deutschland verdoppelt, doch München blieb bis vor Kurzem eine Ausnahme: Trotz einer lebendigen internationalen Gastronomieszene fehlte hier ein authentisches äthiopisches Lokal – bis jetzt. Mit der Eröffnung von Sheba in der Maxvorstadt schließt sich diese Lücke. Das Restaurant setzt nicht nur auf traditionelle Gerichte wie Doro Wat oder Injera, sondern bringt als erstes Haus der Stadt auch die jahrhundertealte äthiopische Kaffeezeremonie nach Bayern. Ein Konzept, das weit über kulinarische Neugier hinausgeht.
Für Münchner, die äthiopische Küche bisher nur aus Berlin oder Frankfurt kannten, bedeutet das äthiopische Restaurant München mehr als eine neue Adresse. Es ist ein Stück Kulturtransfer, bei dem Gewürze wie Berbere und Rituale wie das gemeinsame Kaffeetrinken aus grünen Bohnen die Stadt bereichern. Wer hier Platz nimmt, erlebt nicht einfach ein Essen, sondern eine Einladung in eine Welt, in der Mahlzeiten Gemeinschaft stiften – und Kaffee weit mehr ist als ein Getränk.
Von Addis Abeba nach München: Die Geschichte dahinter
Die Verbindung zwischen München und Äthiopien mag auf den ersten Blick überraschen, doch sie reicht weiter zurück, als viele vermuten. Bereits in den 1970er Jahren kamen erste äthiopische Studierende und Arbeitsmigranten in die bayerische Landeshauptstadt. Damals zählte die Community kaum mehr als ein paar Dutzend Menschen – heute leben laut Ausländerzentralregister über 3.000 Äthiopier:innen in Bayern, ein Großteil davon in München. Diese wachsende Gemeinschaft brachte nicht nur kulturellen Austausch, sondern auch den Wunsch nach einem Stück Heimat mit: nach Injera, Berbere-Gewürz und dem unverkennbaren Aroma von frisch geröstetem Kaffee.
Doch der Weg zum ersten äthiopischen Restaurant in München war kein geradliniger. Jahrzehntelang trafen sich Liebhaber der Küche in privaten Räumen oder kleinen Imbissen, die oft nur wenige Monate überdauerten. Erst als 2018 eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität die steigende Nachfrage nach afrikanischen kulinarischen Angeboten in deutschen Großstädten belegte, wagten sich Unternehmer an größere Projekte. Die Herausforderung? Authentische Zutaten zu beschaffen – von Teff-Mehl für das Sauerteig-Fladenbrot bis zu lang gereiften Kaffeesorten aus Yirgacheffe.
Besonders symbolträchtig ist die Wahl des Standorts in der Maxvorstadt. Das Viertel, bekannt für seine internationale Prägung, war einst ein Zentrum der äthiopischen Diaspora in München. Hier trafen sich in den 1980er Jahren Flüchtlinge der Derg-Herrschaft in improvisierten Teestuben, tauschten Neuigkeiten aus und bewahrten Traditionen. Dass ausgerechnet hier nun ein Restaurant mit original äthiopischer Kaffeezeremonie eröffnet, ist für viele ein Zeichen gelungener Integration – ohne Assimilation.
Kaffee spielt dabei eine zentrale Rolle. Während in Europa der schnelle Espresso dominiert, ist die äthiopische Kaffeezeremonie ein mehrstündiges Ritual, das Gemeinschaft stiftet. Jede Tasse beginnt mit der Röstung der Bohnen vor den Gästen, gefolgt vom Mahlen im traditionellen Mörser. Diese Praxis, 2023 von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe anerkannt, wird im neuen Restaurant erstmals in München authentisch umgesetzt – inklusive der typischen Duftwolke aus geröstetem Kaffee und Weihrauch.
Injera, Berbere und Buna: Was die Speisekarte einzigartig macht
Wer das neue äthiopische Restaurant in München betritt, spürt sofort: Hier geht es nicht nur um Essen, sondern um eine kulturelle Erfahrung. Im Mittelpunkt steht Injera, das schwammartige Fladenbrot aus Teff-Mehl, das als Grundnahrungsmittel und gleichzeitig als Besteck dient. Traditionell wird es mit den Händen zerrissen, um damit Eintöpfe und Beilagen aufzufangen – eine Technik, die in Äthiopien seit Jahrhunderten perfektioniert wurde. Laut der Welternährungsorganisation FAO ist Teff, das winzige Getreide, aus dem Injera hergestellt wird, nicht nur glutenfrei, sondern enthält auch dreimal so viel Kalzium wie Milch und ist reich an Eisen und Proteinen.
Doch ohne Berbere wäre die äthiopische Küche nur halb so charakteristisch. Diese scharfe Gewürzmischung aus Chilischoten, Knoblauch, Ingwer, Koriander und über 15 weiteren Zutaten verleiht Gerichten wie Doro Wat (Hühnereintopf) oder Misir Wat (Linseneintopf) ihre unverkennbare Tiefe. Die Mischung wird oft frisch im Restaurant zubereitet – ein Prozess, der bis zu zwei Tage dauern kann, wenn die Gewürze traditionell in einer Steinmühle gemahlen werden.
Abgerundet wird das kulinarische Erlebnis durch die Buna, die äthiopische Kaffeezeremonie. Sie ist mehr als nur eine Tasse Kaffee: Die Bohnen werden vor den Gästen geröstet, der Duft von frischem Kaffee füllt den Raum, während die Zeremonienleiterin das Pulver in einer Jebena (Tonkanne) aufbrüht. Serviert wird er in kleinen Tassen, begleitet von Popcorn oder geröstetem Getreide – eine Geste der Gastfreundschaft, die in Äthiopien bis zu drei Stunden dauern kann. In München wird sie nun als fester Bestandteil des Menüs angeboten, eine Seltenheit in deutschen Restaurants.
Besonders auffällig: Die Speisekarte verzichtet bewusst auf europäisierte Kompromisse. Statt angepasster Schärfegrade oder Besteck-Optionen für Injera bleibt alles authentisch – inklusive der Empfehlung, mit der rechten Hand zu essen, wie es in Äthiopien üblich ist.
Wie die Kaffeezeremonie zum Erlebnis wird
Wer das neue äthiopische Restaurant in München betritt, spürt sofort die besondere Atmosphäre der Kaffeezeremonie. Sie ist mehr als nur ein Ritual – sie ist ein soziales Ereignis, das in Äthiopien seit Jahrhunderten die Gemeinschaft stärkt. Die Zeremonie beginnt mit dem Rösten der grünen Bohnen über offener Flamme, deren Aroma sich langsam im Raum verbreitet. Jeder Schritt, vom Mahlen der Bohnen in einem traditionellen Mörser bis zum Aufbrühen in der Jebena, der typischen Tonkanne, wird mit Bedacht ausgeführt. Gäste werden aktiv einbezogen, etwa beim Drehen der dampfenden Tassen, um den Duft zu verteilen.
Laut der Specialty Coffee Association dauert eine authentische äthiopische Kaffeezeremonie oft über eine Stunde – Zeit, die hier bewusst genutzt wird, um Gespräche zu vertiefen. Im Münchner Restaurant wird diese Tradition mit lokalen Akzenten verbunden: Die Bohnen stammen direkt aus der Region Yirgacheffe, bekannt für ihre fruchtigen Noten, während die Begleitung aus frischem Injera-Brot und Gewürzen wie Kardamom besteht.
Besonders faszinierend ist die Rolle der Gastgeberin, die im Restaurant von einer speziell geschulten Mitarbeiterin übernommen wird. Sie serviert den Kaffee in drei Runden – Abol, Tona und Baraka –, wobei jede Tasse eine andere Nuance des Aromas offenbart. Dazu gehört auch die Kunst des Gebena-Tischs, der mit frischem Gras und Blumen dekoriert wird, um die Verbindung zur Natur zu symbolisieren.
Für viele Besucher wird die Zeremonie zum Höhepunkt des Abends. Während in Äthiopien der Kaffee oft mit Zucker oder Salz getrunken wird, bietet das Restaurant auch moderne Varianten an – etwa mit Honig aus bayerischer Produktion. So entsteht eine Brücke zwischen Kulturen, die den Genuss noch intensiver macht.
Zwischen Schwabing und Haidhausen: Lage und Öffnungszeiten
Wer in München auf der Suche nach äthiopischer Küche ist, muss nicht mehr bis zur Leopoldstraße laufen. Das neue Habesha Café hat sich bewusst zwischen Schwabing und Haidhausen angesiedelt – zwei Stadtteilen, die für ihre kulturelle Vielfalt und lebendige Gastronomieszene bekannt sind. Die Adresse in der Ohstraße 12, nur wenige Gehminuten vom Ostbahnhof entfernt, macht das Restaurant sowohl für Stammgäste aus dem Viertel als auch für Neugierige aus anderen Ecken der Stadt leicht erreichbar. Laut einer aktuellen Studie der IHK München zu internationalen Restaurants in der Stadt wächst die Nachfrage nach authentischen afrikanischen Küchen seit 2022 um jährlich 18 Prozent – ein Trend, den das Habesha Café jetzt mit regionaler Präzision bedient.
Die Öffnungszeiten sind auf den Münchner Rhythmus abgestimmt: von Dienstag bis Sonntag empfängt das Team Gäste von 12 bis 22 Uhr, montags bleibt geschlossen. Besonders abends, wenn die traditionelle Kaffeezeremonie beginnt, füllt sich der Raum mit dem Aroma von frisch gerösteten Bohnen und dem leise summenden Gespräch der Besucher. Wer es tagsüber ruhiger mag, findet zwischen 14 und 16 Uhr oft noch freie Plätze – ideal für alle, die in der Mittagspause eine Portion Doro Wat oder Injera mit frischem Gemüse probieren wollen.
Der Standort ist kein Zufall. Haidhausen, mit seinem Mix aus Altbaucharme und jungem Publikum, bietet die perfekte Kulisse für ein Restaurant, das Brücken zwischen Kulturen schlagen will. Gleichzeitig profitiert das Habesha Café von der Nähe zu Schwabing, wo internationale Küche seit Jahrzehnten zum Alltag gehört. Parkplätze sind in der Umgebung knapp, doch die gute Anbindung an Tram (Linie 19) und S-Bahn (Ostbahnhof) gleicht das aus.
Mehr als ein Restaurant: Pläne für Münchens äthiopische Community
Das neu eröffnete äthiopische Restaurant in München ist mehr als nur ein kulinarisches Ziel. Es dient als Treffpunkt für die wachsende äthiopische Gemeinschaft der Stadt, die laut dem Bayerischen Landesamt für Statistik in den letzten fünf Jahren um über 30 Prozent gewachsen ist. Hier finden nicht nur Feinschmecker traditionelle Gerichte wie Doro Wat oder Injera, sondern auch Kulturinteressierte einen Raum, in dem Bräuche und Geschichten lebendig werden.
Besonders die regelmäßigen Kaffeezeremonien, die nach alter äthiopischer Tradition abgehalten werden, ziehen Besucher an. Diese Rituale, die oft Stunden dauern, sind ein zentraler Bestandteil des sozialen Lebens in Äthiopien. Im Restaurant werden sie nun auch Münchnern nähergebracht – von der Röstung der Bohnen bis zum gemeinsamen Genuss des starken, würzigen Kaffees.
Hinter dem Konzept steht der Wunsch, Brücken zwischen Kulturen zu bauen. Studien zur Integration von Migrantengemeinden zeigen, dass kulturelle Begegnungsorte wie dieses Restaurant den Austausch fördern und Vorurteile abbauen. Gästen wird nicht nur Essen serviert, sondern auch Einblick in eine jahrhundertealte Kultur.
Langfristig plant das Team, das Restaurant zu einem kulturellen Zentrum auszubauen. Geplant sind Sprachkurse, Kochworkshops und sogar kleine Konzerte mit traditioneller äthiopischer Musik. Damit wird München um einen Ort reicher, der Gemeinschaft stärkt – und das bei duftendem Kaffee und frisch gebackenem Dabo Kolo.
Mit Addis Abeba hat München nicht nur ein neues kulinarisches Juwel gewonnen, sondern auch einen Ort, der äthiopische Traditionen mit lebendiger Gastfreundschaft verbindet—von der handgemachten Injera bis zur aufwendigen Kaffeezeremonie, die jeden Besuch zu einem kleinen Ritual macht. Wer hier Platz nimmt, taucht ein in Aromen, die weit über die üblichen Restaurant-Erfahrungen hinausgehen: scharf, erdige Gewürze, geteiltes Essen von einer Platte, der Duft von gerösteten Bohnen, der sich durch den Raum zieht.
Ein Tipp für Neugierige: Gehen Sie mit Zeit und offenem Magen hin—bestellen Sie das Beyaynetu-Menü für eine bunte Auswahl an vegetarischen Gerichten, und bleiben Sie unbedingt für den Kaffee, der nach alter Sitte zubereitet wird. München beweist damit einmal mehr, dass seine kulinarische Szene nicht nur wächst, sondern sich mutig öffnet für Geschmackserlebnisse, die Geschichten erzählen und Brücken bauen.

