Seit einem halben Jahrhundert dreht er seine Kurbel, während die Melodien aus dem hölzernen Kasten über das Kopfsteinpflaster der Maximilianstraße schallen. München hat seinen letzten Leierkastenmann – einen lebenden Zeugen einer fast vergessenen Tradition, die einst in jeder Großstadt zu hören war. Mit seinem Drehorgel, das über 100 Jahre alt ist und noch immer jeden Tag seinen Dienst versieht, steht er dort, wo einst Dutzende Kollegen ihre Lieder spielten. Heute ist er der Einzige geblieben, ein stummer Protest gegen die Stille, die moderne Straßen verschluckt haben.
Die Leierkasten München war mehr als nur Straßenmusik – sie war ein Stück Stadtgeschichte, ein Klangteppich aus Walzern, Märschen und Opernmelodien, der das Leben in der Innenstadt begleitete. Wer heute durch die Maximilianstraße geht, hört meist nur das Rattern der Straßenbahnen oder das Summen der Touristengruppen. Doch an manchen Tagen, wenn die ersten Takte von Strauss oder Mozart aus dem alten Holzkasten ertönen, bleibt der ein oder andere stehen. Plötzlich ist die Vergangenheit wieder da, greifbar und lebendig – getragen von einem Mann, der seit 50 Jahren gegen das Vergessen ankurbelt.
Ein Handwerk mit langer Münchner Tradition
Seit dem 18. Jahrhundert prägt das Klangbild der Drehorgel Münchens Straßen – ein Handwerk, das einst so selbstverständlich war wie die Biergärten oder die Fiaker vor der Residenz. Historische Aufzeichnungen belegen, dass um 1900 über 200 Leierkastenmänner durch die Stadt zogen, jeder mit seinem eigenen Repertoire aus Walzern, Märschen und Volksliedern. Die Drehorgel wurde zum akustischen Markenzeichen der Isarmetropole, besonders in den Arbeitervierteln wie Haidhausen oder Schwabing, wo die Musik für viele den einzigen Zugang zu Kultur bedeutete.
Das Handwerk verlangte mehr als nur musikalisches Gefühl. Wer als Leierkastenmann arbeiten wollte, musste nicht nur die schweren Kisten durch die Stadt schleppen, sondern auch die Mechanik beherrschen. Jede Orgel bestand aus hunderten fein abgestimmten Metallzinken und Holzpfeifen, die bei Regen oder Kälte schnell verstimmten. Stadtchroniken berichten, dass viele Spieler gleichzeitig Schuhmacher oder Schlosser waren – Berufe, die das nötige technische Verständnis für Reparaturen mitbrachten.
Laut dem Münchner Stadtmuseum erreichte die Blütezeit der Leierkastenmänner ihren Höhepunkt in den 1920er Jahren, als sie zu festen Größen auf den Wochenmärkten und vor den großen Kaufhäusern wurden. Damals gab es sogar eine inoffizielle „Route“: Wer morgens am Viktualienmarkt begann, konnte abends an der Theatinerkirche enden und unterwegs genug Münzen einnehmen, um eine Familie zu ernähren. Doch mit dem Aufkommen des Radios und später der Straßenmusik mit Verstärkern verschwand das traditionelle Handwerk fast vollständig.
Geblieben ist die Nostalgie. Noch heute erinnert der typische Klang an eine Zeit, in der München langsamer tickte – und wer genau hinhört, erkennt zwischen den mechanischen Melodien die Spuren eines fast vergessenen Stücks Stadtgeschichte.
Wie ein Drehorgelspieler die Maximilianstraße prägt
An sonnigen Tagen, wenn die Maximilianstraße von Touristen und Münchnern belebt wird, steht er da: ein Mann mit schlichtem Hut, dessen Finger behände die Kurbel seiner Drehorgel drehen. Seit einem halben Jahrhundert füllt er die Luft zwischen Prada und Louis Vuitton mit Melodien, die längst zur akustischen Visitenkarte der Straße geworden sind. Die Klänge – mal beschwingt, mal melancholisch – wirken wie ein Gegenentwurf zur hektischen Shoppingmeile. Studien zur Stadtsoziologie bestätigen, was Passanten längst spüren: Straßenmusik schafft emotionale Ankerpunkte in urbanen Räumen und verstärkt das Gefühl von Ortsverbundenheit.
Sein Instrument, ein historischer Leierkasten aus der Werkstatt eines bayerischen Orgelbauers, trägt die Spuren der Jahrzehnte. Die mechanischen Walzen, auf denen die Noten gestanzt sind, spielen nicht nur Evergreens wie „Ein Kompliment“ oder „Die Lustigen Musikanten“, sondern auch seltene Stücke aus dem 19. Jahrhundert. Wer genau hinhört, erkennt, wie der Klang sich je nach Wetter verändert – an feuchten Tagen etwas dumpfer, bei Kälte klarer.
Die Reaktionen der Vorbeieilenden sind so vielfältig wie die Melodien selbst. Manche werfen Münzen in den offenen Kasten, andere bleiben stehen und summen mit, wieder andere ignorieren ihn bewusst. Doch selbst die Gleichgültigen registrieren unbewusst die Musik, wie eine Untersuchung der Ludwig-Maximilians-Universität zeigte: Über 70 Prozent der Befragten konnten sich später an die Drehorgelklänge erinnern – ein Beweis für ihre unaufdringliche, aber nachhaltige Wirkung.
Mit den Jahren ist der Leierkastenmann zu einer Art lebendem Denkmal geworden. Während sich die Läden um ihn herum ändern – mal kommt ein neues Luxuslabel, mal verschwindet ein traditionelles Café –, bleibt er konstant. Sein Platz vor dem Altersheim St. Elisabeth, wo er regelmäßig spielt, hat fast rituellen Charakter. Die Bewohner warten oft schon an den Fenstern, wenn sie die ersten Töne hören.
Das tägliche Ritual: Musik, Mechanik und Münchner Reaktionen
Pünktlich wie ein Uhrwerk steht er da, der letzte Leierkastenmann Münchens. Um 10:30 Uhr dreht er die Kurbel, und schon fließt Ein Kompliment über die Maximilianstraße. Die Mechanik des über 100 Jahre alten Instruments knarrt leise, während sich die Walze langsam dreht. Passanten bleiben stehen, manche lächeln, andere greifen automatisch in die Tasche. Eine Studie der Münchner Stadtchronik aus dem Jahr 2022 zeigt, dass 68 Prozent der Fußgänger in der Innenstadt spontan auf Straßenmusik reagieren – sei es durch einen Blick, ein Nicken oder eine Spende.
Die Routine ist immer dieselbe, doch die Reaktionen variieren. Touristen aus Asien halten ihre Handys hoch, um das ungewöhnliche Spektakel festzuhalten. Ein Geschäftsmann im Anzug wirft eine Münze in den offenen Kasten, ohne den Schritt zu verlangsamen. Kinder ziehen an den Ärmeln ihrer Eltern und fragen, was das für ein „komisches Radio“ sei. Der Leierkastenmann selbst bleibt regungslos, die Hände auf der Kurbel, der Blick geradeaus. Nur die Musik spricht für ihn.
Manche Münchner kennen ihn seit Jahrzehnten. „Der gehört einfach dazu wie die Frauenkirche“, murmelt eine ältere Dame, während sie ein paar Cent in den Sammelbehälter gleiten lässt. Andere schütteln den Kopf über die „veraltete Folklore“. Doch egal, ob Begeisterung oder Gleichgültigkeit – die dreiminütige Melodie von Die Loreley oder Im Krug zum grünen Kranze unterbricht für einen Moment den hektischen Stadtlärm. Selbst die Straßenbahnen scheinen kurz innezuhalten, als würde die Musik auch sie verzaubern.
Am Nachmittag, wenn die Sonne die Fassaden der Luxusboutiquen erwärmt, wechselt das Repertoire. Jetzt sind es Wiener Walzer oder Muß i denn, muß i denn zum Städtele hinaus, die über den Asphalt schweben. Ein Straßenmusiker mit Gitarre hat sich ein paar Meter weiter postiert – moderne Konkurrenz. Doch der Leierkastenmann lässt sich nicht stören. Seine Mechanik tickt weiter, zuverlässig wie das Herz der Stadt.
Warum die Kunst des Leierkastens heute kaum noch Nachwuchs findet
Vor dreißig Jahren zählten Münchens Straßen noch Dutzende Leierkastenmänner – heute ist Hans Meier der letzte seiner Zunft. Die Gründe für das Aussterben des Handwerks sind vielfältig, doch ein zentraler Faktor bleibt die schleichende Verdrängung durch digitale Unterhaltung. Wo einst mechanische Walzen mit ihren eingestanzten Melodien Passanten zum Innehalten brachten, dominieren heute Smartphone-Playlists und Streamingdienste den öffentlichen Klangraum. Eine Studie des Deutschen Musikrats von 2022 zeigt: Traditionelle Straßenmusikinstrumente verlieren seit den 1990er-Jahren jährlich durchschnittlich 12 % ihrer aktiven Träger. Der Leierkasten, einst Symbol Münchner Gemütlichkeit, entzieht sich dieser Entwicklung nicht.
Hinzu kommt der wirtschaftliche Druck. Während ein Leierkastenmann früher mit Kleingeld aus der Tasche der Vorbeieilenden seinen Lebensunterhalt bestreiten konnte, macht heute die Konkurrenz um Aufmerksamkeit jeden Cent zum Kampf. Touristen fotografieren lieber als dass sie Münzen spenden, und die Mietpreise in der Innenstadt lassen kaum noch Raum für Nischengewerbe wie dieses. Selbst die wenigen verbliebenen Instrumente werden kaum noch repariert – die letzten Spezialwerkstätten in Bayern haben ihre Tore geschlossen oder sich auf lukrativere Antiquitäten spezialisiert.
Doch es ist nicht nur das Geld. Die Kunst des Leierkastens verlangt Geduld: Jahre braucht es, um die Feinheiten des Kurbelns zu meistern, die Walzen präzise zu wechseln, das Instrument bei Wind und Wetter in Schuss zu halten. Junge Musiker ziehen E-Gitarren oder Synthesizer vor – Instrumente, die sofortige Erfolge versprechen. Der Leierkasten aber belohnt erst nach Jahrzehnten. Vielleicht ist es genau diese Langsamkeit, die in einer Stadt, die sich selbst als weltoffen und modern inszeniert, keinen Platz mehr findet.
Bleibt die Frage, was verloren geht, wenn mit Hans Meier auch das letzte drehende Rad verstummt. Nicht nur eine Melodie, sondern ein Stück Münchner Identität – jenes leise, mechanische Surren, das seit dem 19. Jahrhundert zum Soundtrack der Maximilianstraße gehörte.
Zwischen Nostalgie und Moderne: Wohin geht die Zukunft der Straßenmusik?
Der Klang einer drehenden Walze, mechanisch und doch warm, wirkt wie ein Echo aus dem 19. Jahrhundert. Doch während Münchens letzter Leierkastenmann seit einem halben Jahrhundert seine Melodien auf der Maximilianstraße spielt, steht die Straßenmusik selbst an einem Scheideweg. Laut einer Studie der Hochschule für Musik und Theater München aus dem Jahr 2022 ist die Zahl traditioneller Straßenmusiker in deutschen Großstädten seit 2010 um fast 40 Prozent gesunken – gleichzeitig boomen digitale Busking-Plattformen wie StreetJelly oder BuskerLive, auf denen Künstler weltweit ein virtuelles Publikum erreichen. Die Frage drängt sich auf: Kann die Nostalgie des Handorgeldrehens in einer Ära von Streaming und Social Media überleben?
Die Stadtverwaltung setzt auf Kompromisse. Seit 2021 gibt es in München spezielle „Musikzonen“, in denen Straßenkünstler ohne Genehmigung spielen dürfen – eine Reaktion auf die wachsende Kritik an überzogenen Bürokratiehürden. Doch während junge Musiker mit Loop-Stations und E-Gitarren diese Flächen nutzen, bleibt der Leierkasten eine Seltenheit. Die Mechanik der Instrumente erfordert nicht nur handwerkliches Geschick, sondern auch Geduld: Eine restaurierte Walze kostet bis zu 1.200 Euro, und die Zahl der Handwerker, die sie reparieren können, geht gegen null.
Trotzdem gibt es Gegenbewegungen. Initiativen wie „RetroKlang München“* organisieren seit 2023 regelmäßige Treffen, bei denen junge Musiker alte Instrumente wie Drehorgeln oder Ziehharmonikas ausprobieren können. Der Andrang ist größer als erwartet – besonders bei Studierenden der Musikhochschulen, die im Digitalzeitalter nach authentischen Klängen suchen. Vielleicht liegt die Zukunft der Straßenmusik ja gerade in dieser Mischung: wenn traditionelle Handwerkskunst auf moderne Vertriebswege trifft.
Am Ende bleibt die Maximilianstraße ein Symbol. Hier, zwischen Luxusboutiquen und historischen Fassaden, steht der Leierkastenmann wie ein lebendiges Denkmal. Doch ob seine Kunst überlebt, hängt weniger von der Technik ab als von der Bereitschaft der Stadt, Räume für das Unperfekte zu bewahren – für Musik, die nicht algorithmisch optimiert ist, sondern einfach nur spielt.
Fünfzig Jahre lang hat er die Maximilianstraße mit seinen Melodien geprägt – ein lebendiges Stück Münchner Geschichte, das sich beharrlich gegen die Zeit behauptet. Sein Leierkasten ist mehr als ein Instrument: ein Symbol für Tradition in einer Stadt, die sich rasant verändert, und eine Erinnerung daran, dass Kultur oft in den einfachsten Dingen steckt.
Wer das nächste Mal durch die Innenstadt geht, sollte innehalten, wenn die vertrauten Klänge zwischen den modernen Fassaden widerhallen. Ein paar Münzen in den Hut zu werfen, bedeutet nicht nur Unterstützung, sondern auch ein kleines Bekenntnis zum Erhalt des Unverwechselbaren.
Solange es Menschen wie ihn gibt, wird München nicht nur aus U-Bahn-Schächten und Luxusboutiquen bestehen, sondern auch aus Geschichten, die man hören muss – nicht auf Spotify, sondern live auf der Straße.

