Mit einem 1,2-Milliarden-Euro-Paket setzt die Landeshauptstadt München die Messlatte für Klimaschutz neu: Bis 2035 will die Stadt klimaneutral sein – fünf Jahre früher als der Bund. Der ambitionierte Plan sieht vor, Gebäude zu sanieren, den ÖPNV massiv auszubauen und die Wärmewende mit Fernwärme und Geothermie voranzutreiben. Doch hinter den Zahlen steckt mehr als nur eine finanzielle Kraftanstrengung – es ist ein radikaler Kurswechsel, der München zur Vorreiterin im Kampf gegen die Erderwärmung machen soll.
Für die über 1,5 Millionen Einwohner bedeutet das konkret: weniger Autos in der Innenstadt, mehr Grünflächen und eine beschleunigte Abkehr von fossilen Brennstoffen. Die Landeshauptstadt München geht damit weit über Symbolpolitik hinaus – der Plan zwingt Unternehmen, Haushalte und die Stadtverwaltung selbst zum Umdenken. Ob das ehrgeizige Ziel gelingt, hängt nun davon ab, wie schnell Bürokratie und Bürger mitziehen. Eines ist klar: München will nicht nur reden, sondern handeln.
Münchens ehrgeiziges Ziel: Klimaneutralität in zwölf Jahren
Mit einem ehrgeizigen Fahrplan will München bis 2035 klimaneutral werden – zwölf Jahre früher als der Bund. Die Stadt setzt dabei auf radikale Maßnahmen: Bis 2030 sollen die CO₂-Emissionen um 60 Prozent gegenüber 1990 sinken, bis 2035 komplett verschwinden. Klimaschutzreferentin Christine Kugler betont, dass dies nur durch eine Kombination aus technologischen Innovationen, massivem Ausbau erneuerbarer Energien und tiefgreifenden Veränderungen im Verkehrssektor gelingen kann.
Ein zentraler Hebel liegt in der Wärmeversorgung. Aktuell stammen 70 Prozent der Münchner Fernwärme aus fossilen Quellen. Der neue Klimaplan sieht vor, bis 2035 komplett auf Geothermie, Abwärme und Großwärmepumpen umzustellen – ein Mammutprojekt, das Investitionen in Milliardenhöhe erfordert. Studien des Öko-Instituts zeigen, dass München mit seinem geologischen Potenzial für Tiefengeothermie bundesweit eine Vorreiterrolle einnehmen könnte.
Doch nicht nur die Stadt selbst, auch die Bürger:innen müssen mitziehen. Der Ausbau der Radinfrastruktur, die Verdopplung der ÖPNV-Nutzung und eine drastische Reduktion des Autoverkehrs sind unverzichtbar. Kritiker monieren zwar, dass die Ziele zu optimistisch seien, doch die Stadtverwaltung verweist auf erste Erfolge: Seit 2020 ist der CO₂-Ausstoß bereits um 15 Prozent gesunken – vor allem durch die Stilllegung des Kohlekraftwerks Nord.
Ob das Tempo reicht, wird sich zeigen. Klar ist: München setzt mit seinem Beschluss ein Signal – nicht nur für andere Großstädte, sondern für die gesamte deutsche Klimapolitik.
Wo die 1,2 Milliarden Euro konkret fließen sollen
Den größten Brocken der 1,2 Milliarden Euro schluckt der Gebäudesektor: 450 Millionen fließen in die energetische Sanierung von Schulen, Kitas und städtischen Verwaltungen. Allein die Modernisierung der Heizsysteme in 500 städtischen Gebäuden bis 2030 soll den CO₂-Ausstoß um 60.000 Tonnen jährlich senken – das entspricht den Emissionen von 30.000 Mittelklassewagen. Priorität haben dabei Gebäude mit der schlechtesten Energieeffizienzklasse, wo oft noch Öl- oder Gasheizungen aus den 1970er Jahren laufen.
Mit 300 Millionen fördert die Stadt den Ausbau der Fernwärme und setzt dabei auf Abwärme aus der Müllverbrennung und Industrie. Das neue Netz soll bis 2035 weitere 100.000 Haushalte versorgen, besonders in den äußeren Bezirken wie Neuperlach oder Moosach. Klimaforscher betonen, dass Fernwärme in dicht besiedelten Städten bis zu 40 % effizienter ist als dezentrale Lösungen.
Der Verkehr bekommt 250 Millionen – doch nicht für neue U-Bahn-Linien, sondern für Radschnellwege, Fußgängerzonen und den Ausbau der Tram. Geplant sind unter anderem eine autofreie Zone in der Sonnenstraße und 50 Kilometer neue Radwege bis 2026. Kritiker monieren, dass die Mittel für den ÖPNV zu knapp bemessen sind.
Übrig bleiben 200 Millionen für Grünflächen, Photovoltaik auf Dachflächen und Pilotprojekte wie schwimmende Solarinseln auf dem Langwieder See. Die Stadtwerke testen zudem Wasserstoffbusse auf drei Linien – eine Technologie, die laut aktuellen Studien in Großstädten noch nicht wettbewerbsfähig ist, aber langfristig Potenzial hat.
Von Solaroffensive bis Nahverkehr: Die wichtigsten Projekte
Mit einer massiven Solaroffensive will München bis 2035 die CO₂-Emissionen drastisch senken. Geplant ist die Installation von Photovoltaikanlagen auf allen geeigneten städtischen Dächern – von Schulen über Turnhallen bis hin zu Verwaltungsgebäuden. Laut Berechnungen des Referats für Klima- und Umweltschutz könnten so jährlich rund 50.000 Tonnen CO₂ eingespart werden, was etwa dem Ausstoß von 25.000 Mittelklassewagen entspricht. Besonders im Fokus stehen dabei Großanlagen wie auf dem Messegelände oder dem Klinikum Großhadern, wo bereits erste Pilotprojekte laufen.
Parallel dazu setzt die Stadt auf den Ausbau des Nahverkehrs. Bis 2030 sollen 100 neue E-Busse die Dieselflotte ersetzen, unterstützt durch den Ausbau der Ladeinfrastruktur an Depots und Endhaltestellen. Die MVG plant zudem, die Taktung auf stark frequentierten Linien wie der U3 oder der Tram 19 zu verdichten, um den Umstieg vom Auto attraktiver zu machen. Kritiker monieren zwar, dass die Umstellung zu langsam voranschreitet, doch erste Erfolge sind sichtbar: 2023 stieg die Zahl der ÖPNV-Nutzer um 8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
Ein weiteres Schlüsselprojekt ist die Sanierung des Wäremnetzes. Durch die schrittweise Umstellung von Fernwärme auf Geothermie und Abwärmenutzung – etwa aus der Müllverbrennung oder Industrieanlagen – soll der Anteil erneuerbarer Energien im Münchner Wärme-Mix bis 2035 auf 80 Prozent steigen. Besonders ambitioniert ist das Vorhaben in den Stadtteilen Freiham und Messestadt Riem, wo bereits jetzt Nahwärmenetze mit Solarthermie und Tiefengeothermie getestet werden. Experten des Öko-Instituts betonen, dass solche dezentralen Lösungen entscheidend für die Wärmewende sind.
Kleinere, aber wirkungsvolle Maßnahmen ergänzen die Großprojekte: die Begrünung von 100 Hektar Dachflächen bis 2026, die Ausweitung der Fahrradstraßen auf 50 Kilometer oder die Förderung von Lastenrad-Stationen in allen Stadtbezirken. Gerade letztere zeigt Wirkung – die Ausleihzahlen stiegen 2023 um 40 Prozent.
Wie Bürger und Unternehmen vom Klimaplan profitieren
Der neue Münchner Klimaplan bringt greifbare Vorteile für Bürger:innen und Unternehmen – nicht nur ökologisch, sondern auch finanziell. Haushalte profitieren von gezielten Förderprogrammen wie der bis zu 50-prozentigen Kostenübernahme für Wärmepumpen oder Solarthermie-Anlagen, wenn sie auf fossile Heizsysteme verzichten. Mieter:innen wiederum erhalten Unterstützung durch Mietkostenzuschüsse, falls Vermieter:innen energetische Sanierungen umsetzen. Laut einer Studie des Öko-Instituts können so durchschnittlich 300 bis 600 Euro jährlich an Heizkosten eingespart werden – ein direkter Anreiz, der den Umstieg beschleunigt.
Für Unternehmen eröffnet der Plan neue Wirtschaftschancen. Lokale Handwerksbetriebe und Energieberatungen rechnen mit einem Boom: Allein die geplante Sanierungsoffensive für 100.000 Wohnungen bis 2035 schafft tausende Arbeitsplätze in der Region. Zudem locken steuerliche Erleichterungen für Betriebe, die auf klimaneutrale Produktionsverfahren umstellen oder Ladestationen für E-Fahrzeuge installieren. Die Stadt wirbt dabei mit einem 50-Millionen-Euro-Fond, der gezielt Mittelständler bei Innovationen unterstützt – vom CO₂-sparenden Lieferverkehr bis zur Kreislaufwirtschaft.
Auch im Alltag spürbar: der Ausbau des ÖPNV. Mit dem Klimaplan kommen 20 neue E-Bus-Linien, ein dichteres Radwegenetz und günstigere Jahreskarten für Pendler:innen. Wer auf Auto verzichtet, spart nicht nur Spritgeld, sondern erhält über das geplante Mobilitätsbudget bis zu 1.200 Euro jährlich für ÖPNV-Nutzung oder Carsharing. Kritiker monieren zwar die hohen Investitionen, doch die Rechnung ist einfach: Jeder Euro, der heute in Klimaschutz fließt, spart später Kosten für Hitzeanpassung oder Gesundheitsschäden durch Luftverschmutzung.
Langfristig soll der Plan München zur Vorreiterstadt machen – mit messbaren Effekten. Bis 2030 will die Stadt den CO₂-Ausstoß im Vergleich zu 1990 um 70 Prozent senken, fünf Jahre schneller als der Bund. Für Bürger:innen und Unternehmen bedeutet das: wer früh mitmacht, sichert sich nicht nur Fördergelder, sondern auch Wettbewerbsvorteile in einer Stadt, die grüne Technologien zur neuen Normalität erklärt.
Kritik und Herausforderungen auf dem Weg zur CO₂-Neutralität
Der ehrgeizige Zeitplan bis 2035 wirft Fragen auf – besonders bei der Umsetzung konkreter Maßnahmen. Klimaforscher betonen, dass München zwar mit dem 1,2-Milliarden-Plan eine Vorreiterrolle einnimmt, die größten Hürden aber im Gebäudesektor liegen. Rund 30 Prozent der städtischen Emissionen stammen aus Heizungen und schlecht gedämmten Altbauten. Sanierungen stocken oft an finanziellen Engpässen privater Eigentümer oder Denkmalschutzauflagen, die moderne Energielösungen blockieren. Selbst bei kommunalen Gebäuden zeigt die Praxis: Zwischen Beschluss und Fertigstellung vergehen nicht selten fünf Jahre oder mehr.
Kritik kommt auch von Verkehrsplanern. Die geplante Verdopplung des Radverkehrsanteils auf 28 Prozent bis 2035 kollidiert mit der Realität überlasteter Radwege und fehlender Abstellflächen. Die Stadt setzt zwar auf den Ausbau der MVG-Flotte mit E-Bussen, doch der ÖPNV leidet seit Jahren unter Personalmangel – ein Problem, das sich nicht allein mit Investitionen in Fahrzeuge lösen lässt.
Ein weiterer Streitpunkt: die soziale Gerechtigkeit. Mieterverbände warnen, dass steigende Energiekosten und Umlagen für Gebäudesanierungen einkommensschwache Haushalte überfordern könnten. Studien des Umweltbundesamts zeigen, dass klimaneutrale Quartiere wie das geplante „Grüne Werksviertel“ zwar Modellcharakter haben, aber ohne bezahlbare Wohnkonzepte Gentrifizierung beschleunigen. Die Stadt verspricht zwar Härtefallregelungen, konkrete Mechanismen fehlen bisher.
Zuletzt bleibt die Abhängigkeit von Bund und Land. München kann zwar kommunale Projekte vorantreiben, doch entscheidende Hebel wie die CO₂-Bepreisung oder Förderprogramme für Wasserstoffinfrastruktur liegen in Berlin und Brüssel. Sollten sich dort politische Prioritäten verschieben, drohen Verzögerungen – und mit ihnen das Risiko, das 2035-Ziel zu verfehlen.
Münchens Klimaplan setzt ein klares Signal: Mit 1,2 Milliarden Euro und konkreten Maßnahmen wie Solaroffensiven, Wärmewende und Verkehrsumstellung will die Stadt bis 2035 klimaneutral werden – ein ehrgeiziges, aber machbares Ziel. Dass dabei soziale Gerechtigkeit und wirtschaftliche Chancen mitgedacht werden, macht den Plan besonders, zeigt aber auch, wie komplex die Umsetzung sein wird.
Für Bürger:innen und Unternehmen heißt das jetzt: Mitmachen lohnt sich, sei es durch Förderprogramme für Sanierungen, den Umstieg auf ÖPNV oder die Teilnahme an Bürgerenergieprojekten – die Stadt bietet dafür mehr Unterstützung denn je. Am Ende wird München mit diesem Plan nicht nur seine CO₂-Bilanz verbessern, sondern auch beweisen, dass Großstädte als Vorreiter der Energiewende fungieren können.

