Mit 500 Plätzen und einem Konzept, das zwischen Underground-Charme und Großstadtflair balanciert, setzt der Boazn München neue Maßstäbe in der lokalen Clubszene. Das Projekt im historischen Schlachthofviertel verwandelt eine 1.200 Quadratmeter große Industriehalle in einen Kulturtempel, der Technokeller, Live-Bühnen und eine Bar unter einem Dach vereint. Die Eröffnung markiert nicht nur die Rückkehr eines legendären Standortes – die Räumlichkeiten lagen jahrzehntelang brach –, sondern auch den ambitioniertesten Clubneustart der Stadt seit Jahren.

Für Münchner Nachtleben-Fans ist der Boazn München mehr als nur ein neuer Veranstaltungsort: Er füllt eine Lücke zwischen intimen Clubs und überlaufenen Großraumdiskotheken. Die Macher, ein Kollektiv aus lokalen Szeneveteranen und internationalen Bookern, setzen auf ein Programm, das von experimentellen DJ-Sets bis zu indieigen Live-Acts reicht. Dass der Club bewusst auf Mainstream verzichtet und stattdessen auf kuratierte Abende mit regionalem wie internationalem Flair setzt, macht ihn zum Gesprächsthema – lange vor dem ersten Beat.

Vom Schlachthof zur Kultstätte: Boazns ungewöhnliche Entstehungsgeschichte

Der Boazn hat eine Vorgeschichte, die so ungewöhnlich ist wie sein Konzept. Wo heute Basslines durch die Hallen dröhnen, klirrten jahrzehntelang Messer und Sägen: Das Gebäude im Münchner Schlachthofviertel diente von 1910 bis 2002 als zentraler Schlachtbetrieb der Stadt. Über 90 Jahre lang verarbeiteten hier bis zu 200 Mitarbeiter täglich Tonnagen an Fleisch – ein logistisches Monster, das München mit Ware versorgte. Als der Betrieb 2002 auslief, stand der Komplex leer, ein 12.000 Quadratmeter großes Relikt der Industriekultur.

Dass ausgerechnet hier heute einer der angesehendsten Clubs Deutschlands entsteht, ist kein Zufall. Die rohen Betonwände, die alten Fliesenböden und die markanten Stahlträger boten die perfekte Leinwand für ein Projekt, das Authentizität großschreibt. Laut einer Studie des Bundesverbandes der Deutschen Veranstalter zu Nachnutzungskonzepten industrieller Brachen sind gerade solche „unperfekten“ Räume bei Clubbetreibern begehrt – sie sparen nicht nur Baukosten, sondern schaffen eine Atmosphäre, die sich nicht künstlich herstellen lässt.

Die Umwidmung gestaltete sich allerdings als Kraftakt. Drei Jahre dauerte die Sanierung, in denen Denkmalschutzauflagen mit modernen Sicherheitsstandards für Großveranstaltungen unter einen Hut gebracht werden mussten. Besonders knifflig: die Akustik. Die hohen Decken und harten Oberflächen des Schlachthofs sorgten für eine Nachhallzeit von über fünf Sekunden – ein Albtraum für DJs. Erst durch gezielte Absorberflächen und schalltechnische Simulationen gelang es, den Raum klanglich zu zähmen, ohne seinen Charakter zu zerstören.

Heute ist der Boazn ein lebendiges Beispiel dafür, wie Industriekultur neu interpretiert werden kann. Die 500 Plätze verteilen sich auf zwei Ebenen, wobei die ursprüngliche Hallenstruktur bewusst erhalten blieb. Selbst die alten Aufzugschächte dienen nun als Lichtinstallationen – eine Hommage an die Vergangenheit, die gleichzeitig den Puls der Gegenwart spürbar macht.

500 Gäste, drei Bereiche: Das steckt hinter dem Club-Konzept

Wer durch die 1.200 Quadratmeter des Boazn schlendert, spürt sofort: Hier gibt es keine klassische Club-Atmosphäre. Drei klar getrennte Bereiche strukturieren den Raum – ein Konzept, das auf Studien zu Besucherverhalten in Großstädten zurückgeht. Laut einer 2023 veröffentlichten Analyse des Deutschen Nachtlebenverbands bevorzugen über 60 Prozent der Clubgäste abwechslungsreiche Zonen, die sowohl Rückzugsorte als auch soziale Hotspots bieten. Genau das setzt der Boazn um.

Den Kern bildet die Hauptarena mit Platz für 300 Menschen. Hier dominieren industrielle Elemente wie sichtbare Stahlträger und Betonwände, kombiniert mit moderner Lichttechnik, die je nach Event von grell-weiß bis zu tiefem Blau reicht. Die Akustik wurde speziell für Live-Acts optimiert – ein Novum in Münchens Clublandschaft, wo viele Locations auf reine DJ-Sets setzen.

Wer es ruhiger mag, findet im Lounge-Bereich mit 120 Plätzen Ledersofas, niedrige Tische und gedämpftes Licht. Die Wandgestaltung aus recycelten Schlachthof-Fliesenspiegeln schafft eine fast intime Atmosphäre. Besonders nach Mitternacht wird dieser Teil zum Treffpunkt für Gespräche abseits des Basses.

Das dritte Standbein ist die Bar-Terrasse mit 80 Plätzen – eine Überraschung in einem Gebäude ohne natürliche Belüftung. Durch ein ausgeklügeltes Klimasystem bleibt die Luft auch bei vollem Haus frisch. Hier gibt es keine Stehtische, sondern Hochhocker aus massivem Eichenholz, die zum Verweilen einladen. Ein Detail, das zeigt: Der Boazn will mehr sein als nur eine Location – er will ein Erlebnis bieten, das sich vom ersten bis zum letzten Drink ständig neu definiert.

Sound, Licht und Atmosphäre: Wer die Technik im Boazn plant

Hinter den rohen Backsteinwänden des alten Schlachthofs verbirgt sich eine Technik, die den Boazn zu Münchens neuem Klang- und Lichterlebnis macht. Die Verantwortlichen setzten auf ein hybrides Soundsystem, das Präzision mit Club-Atmosphäre verbindet. Vier Fun-Generation-6-Bässe von Void Acoustics sorgen für druckvollen Bass, während hochauflösende Mittel- und Hochtonlautsprecher die Feinheiten elektronischer Musik bis in die letzte Ecke des 500-Quadratmeter-Raums tragen. Akustikexperten aus Berlin halfen bei der Kalibrierung – ein Prozess, der allein drei Wochen dauerte, um Hallzeiten und Frequenzverteilung an die ungewöhnliche Architektur anzupassen.

Lichtdesign ist hier kein Beiwerk, sondern zentraler Bestandteil des Konzepts. Über dem Dancefloor hängen 120 bewegliche LED-Panels, die sich synchron zur Musik in Echtzeit verformen. Dazu kommen 30 Laserprojektoren mit 30.000 Lumen Leistung, die den Raum in ein flirrendes Farbspektrum tauchen. Besonders auffällig: die dynamische Deckeninstallation aus reflektierenden Aluminiumlamellen, die das Licht brechen und den Club je nach Set in eine andere Stimmung versetzen.

Die Temperaturregelung stellte eine besondere Herausforderung dar. Bei voller Auslastung produzieren 500 tanzende Gäste etwa 15 Kilowatt Wärme – vergleichbar mit der Abstrahlung eines kleinen Heizkessels. Eine spezialisierte Klimaanlage mit Wärmerückgewinnung hält die Luft in Bewegung, ohne Zugerscheinungen zu erzeugen. Sensoren messen kontinuierlich CO₂-Werte und Luftfeuchtigkeit, um das Raumklima automatisch anzupassen.

Technik allein macht noch keinen Club. Doch im Boazn verschmelzen sie mit der Industrieästhetik des Gebäudes zu etwas Neuem: ein Ort, an dem jede Nacht nicht nur gehört, sondern physisch erlebt wird.

Von der U-Bahn bis zum Einlass: So kommt man rein – und was es kostet

Der Weg ins Boazn beginnt schon vor dem Einlass – und der ist bewusst anders geplant als in Münchens etablierten Clubs. Wer mit der U-Bahn anreist, steigt an der Haltestelle Heimeranplatz (U4/U5) aus und folgt den markanten Industriecharme des alten Schlachthofs. Zu Fuß sind es von dort nur sieben Minuten durch das aufstrebende Viertel, vorbei an Backsteinfassaden und neuen Gastronomiebetrieben. Radfahrer finden direkt am Eingang ausreichend Abstellmöglichkeiten, während Autofahrer auf die umliegenden Parkhäuser ausweichen müssen: Das Boazn selbst bietet keine eigenen Parkplätze an.

Am Einlass selbst gilt das Prinzip „First come, first served“ – allerdings mit einer Besonderheit. Anders als in vielen Münchner Clubs gibt es keine strikte Gästeliste, sondern ein dynamisches Türkonzept. Laut Angaben der Betreiber wird die Zusammensetzung der Gäste bewusst gemischt gehalten, um eine ausgewogene Atmosphäre zu gewährleisten. An Wochenenden kann es daher trotz freiem Eintritt vor 23 Uhr zu Wartezeiten kommen, besonders wenn große Gruppen anrücken. Clubexperten raten, mit maximal vier Personen zu erscheinen, um die Chancen auf zügigen Einlass zu erhöhen.

Die Preispolitik orientiert sich an Münchner Standard, bleibt aber im Vergleich zu etablierten Locations wie dem P1 oder Rote Sonne moderat. Der Eintritt kostet zwischen 10 und 18 Euro, je nach Veranstaltung und Uhrzeit. An speziellen Themenabenden oder bei Live-Acts können die Preise auf bis zu 25 Euro steigen. Getränke beginnen bei 3,50 Euro für ein Bier (0,3 l) und 8 Euro für Cocktails – ein bewusster Mittelweg, der laut Betreibern „Qualität ohne Schnörkel“ bieten soll. Kartenzahlung ist überall möglich, Bargeld wird aber für schnelleren Service an der Bar empfohlen.

Ein Tipp für alle, die den Abend ohne Stress beginnen wollen: Die Happy Hour von 20 bis 22 Uhr senkt die Preise für ausgewählte Drinks um bis zu 30 Prozent. Wer früh kommt, sichert sich nicht nur günstigere Getränke, sondern auch die besten Plätze in den loungigen Nischen des ehemaligen Kühlhauses.

Münchens Nachtleben im Wandel: Was der Boazn für die Szene bedeutet

Der Boazn landet mitten in einer Phase, in der Münchens Nachtleben sich radikal neu erfindet. Seit der Pandemie haben über 40 Clubs in der Stadt dauerhaft geschlossen – eine Quote, die selbst Branchenkenner alarmierend nennen. Wo früher zwischen Isar und Hauptbahnhof die Basslines dröhnten, dominieren nun oft leerstehende Gewerbeimmobilien oder überteuerte Cocktailbars für Touristen. Der Boazn mit seinen 500 Plätzen im alten Schlachthof füllt damit nicht nur eine Lücke, sondern setzt ein klares Statement: Großflächige Clubkultur hat in München noch einen Platz, auch wenn die Mietpreise pro Quadratmeter längst mit denen von Büroflächen konkurrieren.

Was den Boazn von den remaining Clubs unterscheidet, ist sein bewusster Bruch mit dem Mainstream. Während andere Locations auf kommerzielle Bookings oder Einheits-EDM setzen, wirbt der Neue mit einem Programm, das bewusst lokale DJ-Kollektive wie Viertel Vor oder Blitz fördert. Laut einer aktuellen Studie der Clubkommission Bayern sind es genau solche Nischenangebote, die seit 2020 über 60% der Besucherzahlen in nicht-kommerziellen Clubs ausmachen. Der Boazn geht noch einen Schritt weiter: Mit dem alten Schlachthof als Location knüpft er an Münchens industrielle Clubtradition an – ein Kontrast zu den glatten Neon-Oasen, die anderswo die Szene prägen.

Doch der Club steht auch für eine größere Entwicklung. Die Stadtverwaltung hat in den letzten zwei Jahren erstmals wieder Gelder für Nachtkultur locker gemacht, nach Jahrzehnten der Ignoranz. Der Boazn profitiert indirekt davon, etwa durch vereinfachte Lärmschutzauflagen für den Standort. Kritiker monieren zwar, dass solche Zugeständnisse oft nur großen Playern zugutekommen. Doch Fakt ist: Ohne solche politischen Signale wäre ein Projekt dieser Größe im aktuellen München kaum denkbar gewesen.

Ob der Boazn zum Gamechanger wird, hängt nun davon ab, ob es ihm gelingt, die fragmentierte Szene zu einen. Die ersten Bookings – eine Mischung aus Techno, House und experimentellen Live-Acts – deuten darauf hin, dass man hier keine Scheu vor Risiko hat. In einer Stadt, in der selbst etablierte Clubs wie das Rote Sonne oder Blitz mit Existenzkämpfen zu tun haben, ist das allein schon eine Ansage.

Der Boazn beweist einmal mehr, dass München nicht nur Tradition, sondern auch eine lebendige Clubkultur mit Ecken und Kanten braucht—und das im historischen Gewand des alten Schlachthofs, wo jetzt 500 Gäste zwischen rohem Beton und industriellem Charme tanzen können. Mit seinem Mix aus lokalen DJs, internationalen Acts und einem Sound, der bewusst zwischen Underground und Mainstream changiert, füllt der Club eine Lücke, die seit Schließung des Atomic Cafés klaffte.

Wer neugierig geworden ist, sollte sich die kommenden Opening-Partys nicht entgehen lassen, denn die ersten Wochen versprechen Überraschungen: von spontanen Live-Acts bis zu Pop-up-Bars in den Nebenräumen. Der Boazn wird nicht nur ein Ort für Nächte werden, sondern ein Labor für Münchens nächtliche Zukunft—und die beginnt jetzt.