Seit den 1970er-Jahren prägen sie das Nachtleben zwischen Isar und Englischem Garten: die historischen Treffpunkte der Transen in München, wo Generationen von Sexarbeiterinnen Schutz, Gemeinschaft und ein Stück Normalität fanden. Doch jetzt droht vielen dieser Orte das Aus. Allein in den letzten fünf Jahren verschwanden vier etablierte Lokale – ersetzt durch sterile Cafés, Luxuswohnungen oder leere Gewerbeflächen. Die Stadt verliert damit nicht nur kulturelle Anker, sondern auch sichere Räume für eine der sichtbarsten und gleichzeitig am stärksten marginalisierten Gruppen der bayerischen Metropole.

Der Kampf um diese Stätten ist mehr als Nostalgie. Für Transen in München geht es um Überleben: um Arbeitsplätze ohne polizeiliche Schikanen, um Netzwerke, die vor Gewalt schützen, um eine Selbstverständlichkeit, die anderswo längst zerbröckelt ist. Während andere Großstädte wie Berlin oder Hamburg ihre Rotlichtviertel längst zu Touristenattraktionen umdeuten, bleibt München ein Ort des Schweigens – und des Widerstands. Die Frage, wer hier Platz hat, stellt sich nicht erst seit gestern. Doch jetzt wird sie lauter.

Die Wurzeln der Münchner Trans-Szene seit 1974

Die Geschichte der Münchner Trans-Szene reicht bis in die 1970er zurück, als sich erste Treffpunkte in der Innenstadt bildeten. Damals trafen sich Transpersonen oft heimlich in Hinterzimmern von Cafés oder Kneipen, denn gesellschaftliche Akzeptanz war kaum vorhanden. Einer der ältesten dokumentierten Orte war das „Café Luitpold“, wo sich ab 1974 Transfrauen und Drag-Queens austauschten – trotz polizeilicher Schikanen und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Diese frühen Räume waren mehr als nur Treffpunkte; sie boten Schutz und Gemeinschaft in einer feindseligen Umgebung.

In den 1980er-Jahren gewann die Szene an Sichtbarkeit, auch dank politischer Initiativen. Trans-Aktivist:innen organisierten sich, forderten Rechte und schufen eigene Veranstaltungsformate. Laut einer Studie der Münchner Stadtarchive gab es 1985 bereits über ein Dutzend regelmäßiger Trans-Treffs, darunter das legendäre „Schwabylon“ im Gärtnerplatzviertel. Hier trafen sich nicht nur Transpersonen, sondern auch queere Künstler:innen und politische Gruppen – ein Ort der Vernetzung und des Widerstands.

Besonders prägend war die Gründung des „Transgender-Vereins München“ 1992, der bis heute besteht. Er bot rechtliche Beratung, psychologische Unterstützung und organisierte öffentliche Diskussionsrunden. Solche Strukturen halfen, die Szene aus der Illegalität zu holen. Doch selbst in den 2000ern blieben viele Treffpunkte informell, da offizielle Räume oft verweigert wurden.

Heute sind diese historischen Orte bedroht: Gentrifizierung und steigende Mieten zwingen viele Lokale zur Schließung. Dabei sind es gerade diese Räume, die über 50 Jahre Identität und Widerstand bewahrt haben.

Warum das Café Gluck heute mehr ist als ein Café

Das Café Gluck ist längst kein gewöhnlicher Kaffeehausbetrieb mehr. Seit den 1970er-Jahren entwickelte es sich zum lebendigen Archiv der Münchner Trans-Community – ein Ort, an dem Generationen von Menschen zusammenkamen, die anderswo oft unsichtbar blieben. Hier wurden nicht nur Kaffee und Kuchen serviert, sondern auch politische Strategien geschmiedet, Freundschaften geschlossen und für viele der erste Schritt in ein selbstbestimmtes Leben gewagt. Studien zur queeren Stadtgeschichte, wie die des Münchner Stadtmuseums aus dem Jahr 2022, belegen: Über 60 Prozent der befragten Trans-Personen über 50 nannten das Gluck als prägenden Sozialraum in ihren Coming-out-Prozessen.

Was das Café von anderen Treffpunkten unterscheidet, ist seine beharrliche Weigerung, sich kommerzialisieren zu lassen. Während viele queere Locations in den letzten Jahrzehnten zu hippen Szenerestaurants umgestaltet wurden, blieb das Gluck ein Ort der Zugänglichkeit. Die Preise sind niedrig gehalten, die Einrichtung bewusst schlicht – fast schon starrsinnig. Das signalisiert: Hier zählt nicht der Konsum, sondern die Gemeinschaft.

Regelmäßige Veranstaltungen wie die monatlichen Trans-Stammtische oder Lesungen mit Autorinnen wie der Münchner Aktivistin Lann Hornscheidt machen das Café zu einem kulturellen Knotenpunkt. Besonders die jüngere Generation schätzt diese Mischung aus Historie und lebendigem Austausch. Für viele ist das Gluck heute das, was die Schwabinger Szeneclubs der 1980er für ihre Eltern waren: ein Schutzraum, der gleichzeitig zum politischen Handeln ermutigt.

Doch die Bedeutung des Cafés zeigt sich auch in den kleinen, unscheinbaren Momenten. An den Wänden hängen Fotos von Demonstrationen der 1990er, zwischen den Tischen werden Flyer für aktuelle Kampagnen gegen Diskriminierung ausgeteilt, und an der Theke steht ein Spendenglas für geflüchtete LSBTIQ*-Personen. Das Gluck ist kein Museum – es atmet, es entwickelt sich weiter, ohne seine Wurzeln zu verleugnen.

Wie Gentrifizierung und Mieten die Community bedrohen

Die Mietpreise in München steigen seit Jahren ungebremst – und mit ihnen der Druck auf marginalisierte Communities. Besonders betroffen ist die Transen-Szene, deren historische Treffpunkte wie das Café Kosmos oder der Schwulenreferat-Raum in der Müllerstraße längst nicht mehr nur kulturelle Anker sind, sondern zu Symbolen des Widerstands gegen Verdrängung wurden. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem Jahr 2023 zeigt: In den letzten zehn Jahren sind die Mieten in Schwabing und der Innenstadt um durchschnittlich 68 % gestiegen – ein Tempo, das selbst etablierte LGBTQ+-Projekte an ihre Grenzen bringt.

Gentrifizierung trifft hier nicht nur Wohnraum, sondern zersetzt gezielt Räume der Selbstbestimmung. Wo früher günstige Kneipen und Vereine Transpersonen einen geschützten Ort boten, dominieren heute hippe Cafés und Luxuswohnungen. Das Transgeniale CSD München-Team warnt seit Jahren vor den Folgen: Ohne bezahlbare Mieten und subventionierte Flächen droht der Verlust von 50 Jahren Community-Aufbau. Besonders prekär wird es für ältere Transfrauen und -männer, die oft ohnehin schon mit Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt kämpfen.

Die Stadt reagiert – aber halbherzig. Zwar gibt es Förderprogramme wie den „Münchner Kulturraum-Fonds“, doch die Bürokratie und die kurzen Laufzeiten der Zuschüsse machen langfristige Planung fast unmöglich. Ein Beispiel: Das Trans*Beratungszentrum in der Augustenstraße musste 2022 nach 15 Jahren umziehen, weil der Vermieter die Miete verdoppelte. Solche Fälle sind kein Einzelfall.

Dabei sind es gerade diese Orte, die überlebenswichtig sind. Für viele Transpersonen, besonders für diejenigen, die neu in München ankommen oder aus konservativen Familien fliehen, sind die historischen Treffs mehr als nur Lokale – sie sind Lebensretter. Doch wenn selbst etablierte Initiativen wie die „TransInterQueer München e.V.“ um ihre Existenz kämpfen, steht nicht weniger als die Zukunft der Community auf dem Spiel.

Zwischen Tradition und Widerstand: Aktionen für den Erhalt

Seit den 1970er-Jahren hat sich München als einer der wenigen deutschen Städte zu einem Ankerpunkt für die Transen-Community entwickelt. Doch was einst als sichere Rückzugsorte galt, steht heute unter Druck: Laut einer Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes aus dem Jahr 2023 haben über 60 % der queeren Treffpunkte in deutschen Großstädten mit steigenden Mieten oder Schließungsdrohungen zu kämpfen. In München betrifft das besonders historische Locations wie das Café Kosmos oder den TransTreff im Gärtnerplatzviertel, die seit Jahrzehnten als soziale Knotenpunkte dienen.

Der Widerstand formiert sich nicht nur in Petitionen oder Demonstrationen, sondern auch in kreativen Aktionen. Im vergangenen Herbst besetzten Aktivist:innen etwa das leerstehende Luitpoldblock-Gebäude in der Innenstadt für eine Woche. Mit selbstorganisierten Filmabenden, Vorträgen zur Geschichte der Münchner Transen-Bewegung und offenen Gesprächsrunden verwandelten sie den Ort in einen temporären Safe Space. Solche Aktionen zeigen, wie die Community mit den Mitteln der Kunst und des kollektiven Handelns auf die drohende Verdrängung reagiert.

Doch es geht nicht nur um den Erhalt von Räumen, sondern auch um die Bewahrung eines kulturellen Gedächtnisses. Viele der älteren Community-Mitglieder erinnern sich noch an die 1980er-Jahre, als das Schwule Museum in der Müllerstraße eine der wenigen Anlaufstellen für Transen war – heute ist es ein Archiv, das mit Ausstellungen wie „50 Jahre Trans in München“* die Geschichte sichtbar macht. Diese Verbindung von Aktivismus und Dokumentation wird zunehmend zur Strategie, um gegen das Vergessen und die kommerzielle Überformung der Szene anzugehen.

Während die Stadtverwaltung in offiziellen Stellungnahmen auf „Dialogbereitschaft“ verweist, bleibt die Realität für viele Betroffene ernüchternd. Die Mieten im Glockenbachviertel, einst das Herz der queeren Szene, sind seit 2010 um über 120 % gestiegen. Transen-Initiativen wie TransInterQueer München fordern daher nicht nur bezahlbare Räume, sondern auch verbindliche Zusagen für den Erhalt historischer Treffpunkte – bevor aus ihnen, wie so oft, „hippe Lofts“ oder Touristenattraktionen werden.

Was bleibt, wenn die letzten Treffpunkte verschwinden?

Die Schließung des Café Gluck im Gärtnerplatzviertel hinterlässt mehr als nur eine leere Fläche – sie reißt ein Stück lebendige Geschichte aus Münchens Stadtbild. Seit den 1970er-Jahren war der Ort ein Anker für die Trans-Community, ein Raum, in dem Menschen ohne Erklärungen siezen durften oder Blicke ertragen mussten. Studien der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zeigen, dass über 60 Prozent der trans Personen in Deutschland gezielt Orte meiden, an denen sie früher Diskriminierung erlebten. Wenn solche Treffpunkte verschwinden, schrumpft nicht nur der physische Raum, sondern auch das Gefühl von Zugehörigkeit.

Was bleibt, sind die Geschichten, die sich in den Wänden festgefressen haben. Die älteren Gäste erzählen noch von den Zeiten, als das Gluck einer der wenigen Orte war, an dem man ungestört über Hormontherapien sprechen oder sich über juristische Hürden bei Namensänderungen austauschen konnte. Heute finden solche Gespräche verstreut in privaten Chatgruppen oder bei geheim gehaltenen Stammtischen statt – unsichtbar für die Öffentlichkeit, aber lebensnotwendig für diejenigen, die sie brauchen.

Doch Räume wie diese waren nie nur Rückzugsorte. Sie fungierten als politische Keimzellen, in denen Aktionen wie der Trans-Tag der Sichtbarkeit oder Proteste gegen das Transsexuellengesetz geplant wurden. Ohne sie verliert die Community nicht nur soziale, sondern auch organisatorische Kraft. Die Münchner Aidshilfe warnt bereits vor den Folgen: Isolierung erhöht das Risiko für psychische Belastungen und erschwert den Zugang zu medizinischer oder rechtlicher Unterstützung.

Manche versuchen, die Lücken digital zu füllen. Plattformen wie Discord oder geschützte Foreen bieten Ersatz – doch sie können das Gefühl nicht ersetzen, an einem Tisch zu sitzen, während draußen die Stadt weiterläuft, als wäre nichts passiert.

Die Schließung historischer Treffpunkte wie des Café Reichenbach oder des Zanzibar zeigt: München verliert nicht nur Orte, sondern Stücke lebendiger Queer-Geschichte, die seit den 1970er-Jahren Schutzräume für trans Menschen boten. Während Gentrifizierung und steigende Mieten die Community an den Rand drängen, wird klar, dass der Kampf um diese Räume auch ein Kampf um Sichtbarkeit und Selbstbestimmung bleibt.

Wer die Treffpunkte retten will, muss jetzt handeln—sei es durch Proteste wie die TransDemo München, Spenden an Initiativen wie TransInterQueer e.V.* oder politischen Druck auf den Stadtrat, um bezahlbare Mietmodelle für queere Projekte durchzusetzen.

Denn eines steht fest: Solange München seine trans Community ignoriert, wird die Stadt nicht nur ihre Vergangenheit auslöschen, sondern auch ihre Zukunft als weltoffener Ort gefährden.