Ab Mittwochmorgen steht München still—zumindest für Hunderttausende Pendler. Die Gewerkschaft EVG hat zum unbefristeten Streik aufgerufen, und die Folgen treffen den Regionalverkehr mit voller Wucht: Keine S-Bahnen, keine Regionalexpress-Züge, keine Verbindung in die Speckgürtel der Stadt. Betroffen sind nicht nur Berufstätige, sondern auch Schüler, Azubis und alle, die auf die Schiene angewiesen sind. Der Bahnstreik München kommt zur denkbar ungünstigsten Zeit—mitten in der Woche, wenn die Stadt eigentlich auf Hochtouren läuft.

Für viele bedeutet das Chaos pur: Staus auf den Autobahnen, überfüllte U-Bahnen und verzweifelte Suche nach Alternativen. Besonders hart trifft es diejenigen, die aus dem Umland einpendeln—von Freising, Dachau oder Erding, wo die Anbindung an München ohnehin oft an der Kapazitätsgrenze läuft. Der Bahnstreik München wirft nicht nur den Alltag durcheinander, sondern stellt auch die Frage, wie lange die Stadt ein solches Verkehrsinfarkt-Szenario aushält. Die ersten Warnungen vor massiven Einschränkungen kamen bereits am Wochenende, doch jetzt wird klar: Die Auswirkungen sind schlimmer als befürchtet.

Warum die GDL jetzt zum Streik aufruft

Der Aufruf der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) zum Streik kommt nicht überraschend – er ist das Ergebnis monatelanger gescheiterter Verhandlungen. Seit Februar ringt die GDL mit der Deutschen Bahn um bessere Arbeitsbedingungen, höhere Löhne und eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit auf 35 Stunden. Während die Bahn ein Angebot von 4,8 Prozent mehr Lohn über 24 Monate vorlegte, lehnte die GDL dies als unzureichend ab. Die Lücke zwischen den Forderungen bleibt groß: Die Gewerkschaft pocht auf eine lineare Erhöhung von 555 Euro pro Monat sowie inflationsausgleichende Zuschläge.

Besonders brisant ist die Forderung nach Arbeitszeitverkürzung. Studien des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung zeigen, dass Lokführer zu den Berufsgruppen mit den höchsten psychischen Belastungen zählen – Schichtarbeit, Verantwortungsdruck und unvorhersehbare Einsatzpläne setzen die Beschäftigten unter Dauerstress. Die GDL argumentiert, dass eine Reduzierung der Wochenstunden nicht nur die Gesundheit der Mitarbeiter schützt, sondern auch die Attraktivität des Berufs steigert. Die Bahn hingegen warnt vor zusätzlichen Kosten in Höhe von mehreren hundert Millionen Euro jährlich.

Der Zeitdruck verschärft die Situation. Mit dem anstehenden Fahrplanwechsel im Dezember drohen weitere Engpässe, falls bis dahin keine Einigung erzielt wird. Die GDL nutzt diesen Hebel bewusst: Ein Streik im Regionalverkehr trifft Pendler besonders hart, erhöht aber auch den Verhandlungsdruck auf die Bahn. Bisherige Warnstreiks hatten bereits gezeigt, wie schnell das System an seine Grenzen stößt – jetzt setzt die Gewerkschaft auf eine längere Unterbrechung, um ihre Position durchzusetzen.

Kritiker werfen der GDL vor, mit dem Streik unnötige Härten für Fahrgäste in Kauf zu nehmen. Doch die Gewerkschaft betont, dass es um grundlegende Verbesserungen geht, die seit Jahren überfällig seien. Die Bahn ihrerseits verweist auf die bereits getätigten Zugeständnisse in früheren Tarifrunden und warnt vor einer Abwärtsspirale, sollte der Streik eskalieren.

Diese Regionalstrecken fallen ab Mittwoch aus

Ab Mittwoch, 10. Juli, bleibt der Regionalverkehr in und um München weitestgehend stehen. Betroffen sind vor allem die Strecken der S-Bahn München, die für Tausende Pendler täglich unverzichtbar sind. Laut Angaben der Deutschen Bahn werden auf den Hauptachsen wie der S1 (Freising–München–Airport) oder der S8 (Herrsching–München–Flughafen) keine Züge fahren. Auch die S2 (Petershausen–Erding) und die S3 (Mammendorf–Holzkirchen) fallen komplett aus, was besonders Berufstätige in den Landkreisen Fürstenfeldbruck und Ebersberg hart trifft.

Nicht nur die S-Bahn-Linien sind betroffen: Auch Regionalexpress-Züge wie der RE5 nach Salzburg oder der RE50 in Richtung Ingolstadt werden gestrichen. Verkehrsexperten rechnen damit, dass bis zu 80 Prozent des gewohnten Angebots wegbrechen – ein herber Einschlag für eine Region, in der täglich rund 900.000 Fahrgäste auf Schiene unterwegs sind. Ersatzverkehr mit Bussen ist nur begrenzt möglich, da die Kapazitäten bei weitem nicht ausreichen, um die ausfallenden Züge zu kompensieren.

Besonders kritisch wird die Situation auf der Strecke München–Rosenheim–Salzburg, einer der meistbefahrenen Achsen im Südosten Bayerns. Hier entfallen nicht nur die Regionalzüge, sondern auch viele Fernverkehrsverbindungen, was zu massiven Überlastungen auf den Straßen führen dürfte. Die Autobahn A8 ist bereits jetzt eine der stauanfälligsten Routen Deutschlands – mit dem Streik könnte sich die Lage weiter zuspitzen.

Für Pendler, die auf Alternativen wie Fahrgemeinschaften oder das eigene Auto ausweichen, bedeutet das längere Fahrzeiten und höhere Kosten. Die Stadt München rät dazu, wo immer möglich im Homeoffice zu arbeiten oder flexible Arbeitszeiten zu nutzen. Ob die Gewerkschaften und die Bahn bis Mittwoch noch eine Einigung erzielen, bleibt jedoch ungewiss.

Alternativen für Pendler: Busse, Fahrgemeinschaften, Homeoffice

Der anstehende Bahnstreik zwingt Münchner Pendler zum Umdenken – doch Alternativen gibt es. Busse übernehmen ab Mittwoch einen Teil der Regionalverbindungen, allerdings mit eingeschränktem Takt. Die MVG verstärkt ihre Linien auf stark frequentierten Strecken wie der S1 (Freising–München) oder der S8 (Herrsching–Flughafen), doch Engpässe sind vorprogrammiert. Laut Verkehrsverbund MVV rechnen Experten mit bis zu 30 Prozent mehr Fahrgästen im ÖPNV, was zu längeren Wartezeiten und gedrängten Verhältnissen führen wird.

Fahrgemeinschaften erleben in solchen Situationen oft einen Boom. Plattformen wie BlaBlaCar oder lokale Pendlergruppen in Social Media organisieren kurzfristig Mitfahrgelegenheiten. Besonders auf Strecken wie München–Augsburg oder München–Rosenheim, wo die Bahn normalerweise dominiert, bilden sich spontane Netzwerke. Wer flexibel ist, kann so nicht nur Zeit sparen, sondern auch die Kosten für Sprit oder Parkgebühren teilen.

Homeoffice bleibt für viele die einfachste Lösung – sofern der Arbeitgeber mitspielt. Studien zeigen, dass rund 40 Prozent der Münchner Büroangestellten zumindest teilweise remote arbeiten könnten. Doch nicht alle Branchen erlauben diese Flexibilität. Wer keine Wahl hat, sollte frühzeitig prüfen, ob Dienstreisen verschoben oder Meetings digital abgehalten werden können.

Radfahrer profitieren vom milden Herbstwetter, doch die Distanz schreckt viele ab. Für kürzere Strecken bis 15 Kilometer lohnt sich das Umsteigen auf E-Bikes oder Leihräder der MVG Rad. Die Stadt München hat zudem zusätzliche Abstellflächen an U-Bahn-Stationen eingerichtet, um den Umstieg zu erleichtern.

Wie Betroffene Entschädigungen beantragen können

Wer durch den bevorstehenden Bahnstreik in München auf dem Trockenen sitzt, kann unter bestimmten Bedingungen Entschädigungen geltend machen. Betroffene Pendler haben Anspruch auf Erstattungen, sobald Verspätungen 60 Minuten oder mehr betragen. Das regelt die EU-Fahrgastrechteverordnung klar – und gilt auch für Regionalverkehrstickets, wenn die Deutsche Bahn die Störung zu verantworten hat. Laut einer Studie des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) aus dem Vorjahr erhielten jedoch nur etwa 30 Prozent der berechtigten Fahrgäste tatsächlich ihre Entschädigung, oft aus Unwissenheit oder wegen bürokratischer Hürden.

Der erste Schritt führt zur Website der Deutschen Bahn, wo im Servicebereich ein Online-Formular für Entschädigungsanträge bereitsteht. Alternativ lässt sich der Antrag per E-Mail an kundenrecht@bahn.de oder klassisch per Post an die DB Regio AG senden. Wichtig: Fahrkarte, Buchungsbestätigung und – falls vorhanden – Verspätungsbestätigungen der Bahn beifügen. Ohne Nachweise wird der Antrag in der Regel abgelehnt.

Bei monatlichen oder Jahreskarten gestaltet sich das Verfahren etwas anders. Hier müssen Betroffene die ausgefallenen Fahrten detailliert auflisten, inklusive Datum, Strecke und geplanter Abfahrtszeit. Die Bahn prüft dann die Angaben gegen die offiziellen Störungsmeldungen. Erfolgt die Erstattung, wird sie meist als Gutschrift auf das Konto oder als Wertgutschein für zukünftige Fahrten ausgezahlt – Barzahlungen sind die Ausnahme.

Falls die Bahn den Antrag ablehnt, bleibt der Weg zur Schlichtungsstelle für den öffentlichen Personenverkehr (söp). Das unabhängige Gremium vermittelt kostenfrei zwischen Fahrgästen und Bahnunternehmen. Statistiken der söp zeigen, dass in rund 60 Prozent der Fälle eine Einigung zugunsten der Antragsteller erzielt wird – vor allem, wenn die Unterlagen vollständig sind und die Verspätung eindeutig dokumentiert ist.

Ein Tipp für Vielfahrer: Wer regelmäßig mit dem Regionalverkehr unterwegs ist, sollte die App DB Navigator nutzen. Sie protolliert automatisch Verspätungen und generiert auf Wunsch Verspätungsbestätigungen, die sich direkt dem Antrag beifügen lassen. So spart man sich lästiges manuelles Dokumentieren.

Verhandlungsstand: Wann ist mit einer Lösung zu rechnen?

Die Verhandlungen zwischen der Deutschen Bahn und der Gewerkschaft EVG stecken seit Tagen fest. Während die Bahn ein Angebot von fünf Prozent mehr Lohn über 28 Monate vorlegt, besteht die EVG auf zwölf Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten – plus Inflationsausgleich. Tarifexperten weisen darauf hin, dass solche Lücken in der Regel Wochen brauchen, bis sie überbrückt sind. Der letzte große Bahnstreik 2021 dauerte 14 Tage, bis eine Einigungstand.

Ein Durchbruch ist vor dem Wochenende unwahrscheinlich. Beide Seiten haben ihre Positionen in den vergangenen Tagen öffentlich hart vertreten, was Verhandlungsbeobachter als taktisches Manöver deuten. Die EVG setzt auf Druck durch die Streiks, die Bahn auf Zeit – in der Hoffnung, dass die Gewerkschaft nachgeben muss, sobald die finanziellen Verluste für Pendler und Wirtschaft spürbar werden.

Realistisch erscheint frühestens eine Lösung in der kommenden Woche. Sollten die Gespräche am Donnerstag oder Freitag komplett scheitern, könnte der Streik sogar auf das Wochenende ausgedehnt werden. Dann stünde auch der Fernverkehr still – mit Auswirkungen auf ganz Deutschland. Die Münchner Verkehrsbetriebe (MVG) haben bereits angekündigt, dass sie ihre U-Bahn-Takte verdichten werden, falls der Ausstand länger als 48 Stunden anhält.

Entscheidend wird sein, ob eine der beiden Seiten nachgibt oder ob ein Kompromissvorschlag von externen Schlichtern kommt. Bisher blockieren beide Seiten diesen Schritt. Die EVG verweist auf die „historisch hohe Inflation“, die Bahn auf die „langfristige Wettbewerbsfähigkeit“ des Unternehmens. Solange diese Grundsatzfragen ungelöst bleiben, bleibt der Regionalverkehr in München lahm – und Tausende Pendler müssen sich auf weitere chaotische Tage einstellen.

Der Streik trifft München mitten in der Arbeitswoche – und zeigt einmal mehr, wie anfällig der Regionalverkehr für Tarifkonflikte ist. Tausende Pendler müssen sich ab Mittwoch auf überfüllte S-Bahnen, stundenlange Verspätungen oder spontane Alternativen einstellen, während die GDL mit ihrer Härte klarmacht, dass sie nicht nachgeben wird.

Wer kann, sollte auf Homeoffice umsteigen oder Fahrgemeinschaften organisieren, denn Ersatzverkehr wird die Lücken kaum schließen. Die MVG hat zwar zusätzliche Busse angekündigt, doch bei einem Ausfall von fast 90 Prozent der Regionalzüge bleibt Chaos vorprogrammiert.

Wie lange die Streikwelle anhält, hängt jetzt davon ab, ob die Bahn in den nächsten Verhandlungen nachgibt – oder ob München sich auf weitere Tage des Stillstands einrichten muss.