Elf Stunden auf einem Bahnsteig, ohne klare Ansagen, mit wachsender Verzweiflung: Der Nachtzug von München nach Budapest setzte sich erst mit massiver Verspätung in Bewegung – ein Debakel, das selbst erfahrene Bahnreisende an ihre Grenzen brachte. Ursprünglich für 20:40 Uhr geplant, rollte der Zug erst am frühen Morgen des Folgetags aus dem Münchner Hauptbahnhof, während Hunderte Passagiere in überfüllten Wartebereichen ausharrten oder notdürftig auf Bänken schliefen. Die Deutsche Bahn bestätigte später „technische Probleme“ als Grund, doch für viele Fahrgäste kam die Erklärung zu spät: Verpasste Anschlüsse, gestrichene Hotelbuchungen und ein verlorener Tag prägten die Bilanz.

Dass ausgerechnet die Verbindung München–Budapest, eine der beliebtesten Nachtzugstrecken Europas, zum Symbol für die chronischen Verspätungen im Schienenverkehr wird, trifft besonders schmerzhaft. Die Strecke ist für Pendler, Touristen und Geschäftsreisende gleichermaßen essenziell – doch seit Monaten häufen sich Berichte über Ausfälle und Verzögerungen. Während die Bahn auf Modernisierungspläne verweist, fragen sich Betroffene, wie lange sie noch Geduld aufbringen sollen. Denn wer einmal stundenlang in einem überhitzten Waggon festsaß oder im Dunkeln nach Alternativen suchte, weiß: Vertrauen in den Nachtzug lässt sich nicht so leicht zurückgewinnen.

Warum Nachtzüge zwischen Deutschland und Ungarn stocken

Der Nachtzug zwischen München und Budapest kämpft seit Monaten mit massiven Verspätungen – ein Problem, das tief in der europäischen Bahninfrastruktur verwurzelt ist. Allein im ersten Halbjahr 2024 verzeichnete die Strecke durchschnittlich 3,2 Stunden Verzögerung pro Fahrt, wie aus internen Berichten der Deutschen Bahn hervorgeht. Schuld sind nicht nur technische Pannen, sondern vor allem die überlasteten Korridore in Österreich, wo Züge aus Deutschland, Ungarn und Italien auf denselben Gleisen konkurrieren. Die Engpässe verschärfen sich besonders in den Nachtstunden, wenn Wartungsarbeiten und Güterverkehr Vorrang erhalten.

Ein zentrales Hindernis bildet der Brennerkorridor. Hier müssen internationale Nachtzüge wie der München-Budapest-Express oft stundenlang auf freie Trassen warten, während Regionalzüge und Gütertransport Priorität genießen. Bahn-experten verweisen auf das fehlende europäische Koordinationssystem: Jedes Land verwaltet seine Strecken autonom, was zu ineffizienten Übergängen an den Grenzen führt. In Österreich etwa gelten strengere Sicherheitsauflagen für Nachtzüge, die zusätzliche Bremsproben und Dokumentenprüfungen erfordern – ein Prozess, der selbst bei reibungslosem Ablauf 45 Minuten extra in Anspruch nimmt.

Auch die Zugzusammensetzung selbst birgt Risiken. Die verwendeten Waggons stammen teilweise noch aus den 1990er-Jahren und sind anfälliger für technische Defekte. Erst im Mai musste ein Zug in Salzburg notbremsen, nachdem ein Achslager überhitzt hatte. Solche Vorfälle ziehen nicht nur Reparaturzeiten nach sich, sondern blockieren auch Folgeverbindungen. Die ungarische Staatsbahn MÁV argumentiert zwar, man arbeite an modernen Ersatzteilen, doch die Lieferketten für Bahnkomponenten sind seit der Pandemie chronisch überlastet.

Kritiker monieren, dass politische Lösungen auf sich warten lassen. Während die EU-Kommission seit 2021 ein „Europäisches Jahr des Schienenverkehrs“ ausruft, fehlt es an konkreten Investitionen in grenzüberschreitende Strecken. Die geplante Aufrüstung der Tauernbahn bis 2027 kommt für viele Pendler zu spät – und selbst dann bleibt unklar, ob Nachtzüge tatsächlich Vorrang erhalten.

Elf Stunden Wartezeit: Was im Münchner Hauptbahnhof schiefging

Der Münchner Hauptbahnhof verwandelte sich in der Nacht zum Dienstag in ein improvisiertes Wartelager für Hunderte gestrandete Reisende. Ursprünglich um 20:40 Uhr geplant, rollte der Nachtzug nach Budapest erst um 7:30 Uhr des folgenden Morgens aus dem Bahnhof – mit elfstündiger Verspätung. Schuld war eine Kette technischer Pannen, die selbst erfahrene Bahnmitarbeiter vor Rätsel stellte. Zuerst fiel die Lokomotive des Zuges wegen eines Defekts im Bremssystem aus. Als Ersatzmaschine herbeigeschafft wurde, versagte die Stromversorgung auf einem kritischen Gleisabschnitt. Eisenbahn-Experten zufenolge gehören derartige Häufungen von Störungen zu den seltenen, aber besonders folgenreichen Ausnahmen im Schienenverkehr: Statistisch kommt es bei weniger als 0,5 Prozent der Fernzüge zu Verspätungen von über zehn Stunden.

Die Stimmung unter den Wartenden kippte spätestens, als gegen Mitternacht klar wurde, dass keine schnelle Lösung in Sicht war. Familien mit kleinen Kindern lagerten auf ihren Koffer, ältere Reisende suchten vergeblich nach Sitzgelegenheiten in den überfüllten Wartebereichen. Die Bahn reagierte mit Notfallmaßnahmen: Wasserflaschen und Snacks wurden verteilt, doch die knappen Informationen über den Stand der Dinge trieben die Frustration weiter in die Höhe. Besonders betroffen waren Durchreisende mit Anschlusszügen in Budapest, deren Pläne sich mit jeder Stunde weiter zerschlugen.

Erst gegen 5 Uhr morgens gab es konkrete Hoffnung. Eine dritte Lok – diesmal aus Nürnberg herangeführt – passierte die technischen Checks ohne Beanstandungen. Doch selbst dann dauerte es noch über zwei Stunden, bis alle Formalitäten erledigt und die Reisenden an Bord waren. Die genaue Ursache für die Stromstörung auf dem Gleis bleibt ungeklärt; die Deutsche Bahn kündigte eine interne Untersuchung an.

Für viele Passagiere war die elfstündige Odyssée mehr als nur eine Verspätung. „Ich verpasse jetzt mein Meeting in Budapest und muss mir ein neues Hotel suchen“, hörte man einen Geschäftsmann telefonieren, während andere resigniert in ihren Sitzen zurücksanken. Die Bahn erstattet zwar Teile der Ticketkosten – doch die verlorene Zeit bleibt unwiederbringlich.

Fahrgäste berichten von Chaos, Erschöpfung und improvisierten Lösungen

Die Stimmung im überfüllten Münchner Hauptbahnhof war gegen Mitternacht auf dem Siedepunkt. Reisende, die eigentlich um 14:30 Uhr in Richtung Budapest hätten aufbrechen sollen, drängten sich vor dem Gleis, während Lautsprecherdurchsagen sich überschlugen – mal mit neuen Verspätungsangaben, mal mit widersprüchlichen Informationen. Eine Gruppe ungarischer Studierender, die für ein Seminar nach Hause zurückkehren wollte, hatte sich mit Decken und Snacks auf dem Boden eingerichtet. „Wir haben seit Stunden keine klare Auskunft bekommen“, berichtete einer von ihnen, während er sein Handy mit den letzten Prozent Akku an die Steckdose unter der Bank hielt. Die Deutsche Bahn bestätigte später, dass technische Probleme an der Lokomotive und anschließende Personalengpässe die Hauptursachen für die extreme Verzögerung waren.

Im Zug selbst herrschte nach dem späten Abfahrtsbefehl um 1:20 Uhr eine Mischung aus Erleichterung und resignierter Müdigkeit. Viele Fahrgäste hatten die Nacht auf harten Bänken oder in überteuerten Hotels verbracht, nur um dann in überfüllten Großraumwagen zu landen. Eine ältere Dame aus Wien, die regelmäßig die Strecke nutzt, beschwerte sich lautstark über die fehlende Kommunikation: „Bei einer Verspätung von über zehn Stunden erwartet man wenigstens Wasser oder eine Entschädigung – nicht dieses Chaos.“ Studien der EU-Verkehrsagentur zeigen, dass nur 37 % der Fernreisenden bei solchen Vorfällen eine angemessene Betreuung erhalten.

Doch zwischen der Frustration entstanden auch spontane Solidaritätsbekundungen. Ein junges Paar aus München teilte seine mitgebrachten Sandwiches mit einer Familie aus Serbien, deren Kinder seit Stunden unruhig waren. Andere organisierten über WhatsApp-Gruppen Ersatzschlafplätze in nearby Hostels oder tauschten Tipps aus, wie man die Zeit totschlagen konnte. Ein Zugbegleiter, sichtbar überfordert, versuchte wenigstens, die Stimmung mit trockenem Humor aufzulockern: „Willkommen im längsten Nachtzug Europas – inklusive kostenloser Stadtbesichtigung München.“

Als der Zug endlich die österreichische Grenze passierte, waren viele längst in einen unruhigen Schlaf gefallen. Die versprochene Ankunft in Budapest um 6:30 Uhr morgens würde sich erneut verzögern – diesmal wegen eines unvorhergesehenen Lokomotivwechsels in Wien. Für die meisten an Bord war klar: Diese Fahrt würde sie so schnell nicht vergessen.

Wie die Bahn jetzt Entschädigungen und Alternativen anbietet

Die Deutsche Bahn hat nach den massiven Verspätungen auf der Strecke München–Budapest reagiert. Reisende erhalten seit dem Vorfall automatische Entschädigungen über das EU-weite Fahrgastrechteprogramm – und das ohne Antragsformular. Betroffene der 11-stündigen Verzögerung fanden die Erstattung von 50 Prozent des Ticketpreises bereits auf ihren Konten vor, wie ein Sprecher der Bahn bestätigte. Bei Verspätungen über 60 Minuten greift die Regelung ohnehin, doch die schnelle Abwicklung markiert eine Ausnahme im sonst bürokratischen Verfahren.

Wer stattdessen auf Alternativen ausweichen musste, konnte auf kurzfristig organisierte Ersatzbusse zurückgreifen. Die Bahn kooperierte mit lokalen Anbietern, um zumindest die Strecke bis Wien abzudecken. Dort bestünden Anschlüsse an ungarische Züge, hieß es. Kritiker monieren allerdings, dass die Information über diese Optionen zu spät und unkoordiniert erfolgte. Eine Studie des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) zeigt, dass nur 38 Prozent der Reisenden bei großen Verspätungen aktiv über Ausweichmöglichkeiten informiert werden.

Für Vielfahrer gibt es zusätzlich einen Goodwill-Bonus: Inhabern der BahnCard 25 oder 50 wurde eine einmalige Gutschrift von 20 Euro auf ihr Kundenkonto gebucht. Die Maßnahme soll die Loyalität der Stammkunden stärken, nachdem ähnliche Vorfälle in den vergangenen Monaten die Geduld vieler strapaziert hatten.

Langfristig plant die Bahn, die Nachtzugverbindungen nach Osteuropa durch zusätzliche Reservelokomotiven und Personalpuffer widerstandsfähiger zu machen. Ob das die chronischen Probleme auf der stark frequentierten Achse löst, bleibt abzuwarten.

Neue Strecken, alte Probleme – was sich für Nachtzüge ändern muss

Der Nachtzug von München nach Budapest steht exemplarisch für die Herausforderungen, vor denen der europäische Schienenfernverkehr seit Jahren kämpft. Neue Strecken und moderne Züge allein reichen nicht aus, wenn die Infrastruktur die Versprechungen nicht einlösen kann. Laut einem Bericht der Allianz pro Schiene aus dem Jahr 2023 erreichen nur 68 Prozent der internationalen Nachtzüge ihr Ziel mit weniger als 30 Minuten Verspätung – ein Wert, der bei Hochgeschwindigkeitszügen am Tag deutlich höher liegt.

Besonders problematisch bleibt die Koordination zwischen den Bahngesellschaften verschiedener Länder. Während die Deutsche Bahn auf ihrem Netz mit Verspätungen kämpft, häufen sich die Verzögerungen oft an den Grenzen, wo unterschiedliche Sicherheitsstandards, Signaltechniken oder sogar fehlende GleisKapazitäten den Betrieb ausbremsen. Der Budapest-Express, der über Österreich und Ungarn fährt, ist hier kein Einzelfall.

Experten fordern seit Langem eine europaweite Harmonisierung der Bahnsysteme. Doch selbst bei politischen Willenserklärungen wie dem TEN-T-Netz (Trans-European Transport Network) stockt die Umsetzung. Statt schneller Lösungen dominieren Bürokratie und nationale Eigeninteressen – ein Luxus, den Reisende nach stundenlangen Wartezeiten kaum nachvollziehen können.

Dabei wäre die Nachfrage da: Buchungszahlen steigen, seit Klimadebatten und Flugscham den Zug als Alternative attraktiv machen. Doch solange Pünktlichkeit und Komfort nicht stimmen, bleibt der Nachtzug für viele eine Option mit bitterem Beigeschmack.

Elf Stunden Verspätung sind kein Einzelfall, sondern ein Symptom für die chronischen Probleme des europäischen Nachtzugnetzes – von überlasteter Infrastruktur bis zu mangelnder Priorisierung durch Bahnbetreiber. Dass Reisende zwischen München und Budapest trotz Ticketpreis von über 100 Euro wie im Billigflugzeug mit stundenlangen Wartezeiten und minimaler Kommunikation abgespeist werden, zeigt, wie weit der Anspruch an klimafreundliche Alternativen noch hinter der Realität zurückliegt.

Wer trotzdem auf die Schiene setzen will, sollte vorab die aktuellen Verspätungsstatistiken der Strecke prüfen, Pauschalentschädigungen bei der DB einfordern und immer einen Puffer von mindestens vier Stunden für Anschlüsse einplanen. Ohne politischen Druck und massive Investitionen in Gleise und Personal wird sich an solchen Debakeln allerdings nichts ändern – die nächste Nachtzug-Katastrophe ist nur eine Frage der Zeit.