Am 31. Juli 2024 fällt der letzte Vorhang: Nach 125 Jahren Bildungstradition schließt die St. Ursula in München für immer ihre Pforten. Die renommierte Mädchenschule, die Generationen von Schülerinnen prägte, gibt damit einem unaufhaltsamen Wandel nach – sinkende Schülerzahlen, steigende Kosten und veränderte Bildungsansprüche machten den Erhalt unmöglich. Was 1899 als klösterliche Initiative begann, entwickelte sich zu einer festen Größe im Münchner Schulsystem, doch selbst der Ruf als „Bildungsinstitution mit Herz“ konnte das Aus nicht abwenden.
Für viele Münchnerinnen ist die Schließung von St. Ursula mehr als nur das Ende einer Schule – es ist der Verlust eines Stücks Stadtgeschichte. Ehemalige Schülerinnen erinnern sich an die strengen, aber fürsorglichen Ursulinen, an die markante Backsteinfassade an der Pacellistraße und an einen Ort, der weit mehr war als nur Lernstätte. Während die Stadt nun über die Nachnutzung des denkmalgeschützten Gebäudes diskutiert, bleibt eine Frage unausgesprochen: Was geht verloren, wenn Traditionen wie St. Ursula München einfach verschwinden?
Ein Jahrhundert der Bildung: St. Ursulas bewegte Geschichte
Die Geschichte des St. Ursula-Gymnasiums in München ist untrennbar mit der Bildungslandschaft der Stadt verwoben. Gegründet 1899 von Ursulinerinnen aus Straubing, begann die Schule als kleines Mädchengymnasium mit gerade einmal 23 Schülerinnen. Der Mut der Ordensfrauen, in einer Zeit, als höhere Mädchenbildung noch keineswegs selbstverständlich war, prägte von Anfang an den Geist der Institution. Schon 1905 zog die Schule in ihr markantes Jugendstilgebäude an der Pacellistraße – ein Ort, der über ein Jahrhundert lang zum Synonym für exzellente Bildung wurde.
Besonders die 1960er und 70er Jahre markierten eine Blütezeit. Als eine der ersten Schulen Bayerns führte St. Ursula 1965 den koedukativen Unterricht ein und brach damit bewusst mit der Tradition als reine Mädchenschule. Diese Entscheidung spiegelte den gesellschaftlichen Wandel wider und zog Familien an, die progressive Bildungskonzepte suchten. Laut einer Studie des Bayerischen Staatsinstituts für Schulqualität aus dem Jahr 2000 gehörte St. Ursula zu den 15 Schulen in München mit der höchsten Abiturient*innenquote – ein Beleg für das hohe akademische Niveau, das über Jahrzehnte gehalten wurde.
Doch die Schule war mehr als nur ein Ort des Lernens. Generationen von Münchnern erinnern sich an die besondere Atmosphäre: die strengen, aber gerechten Ordensschwestern der frühen Jahre, die später von einem engagierten Lehrkörper abgelöst wurden; die Schulkonzerte in der Aula mit ihrem berühmten Flügel; die alljährlichen Theateraufführungen, die weit über den Schulbezirk hinaus Beachtung fanden. Selbst die Architektur wurde zum Teil der Identität – die lichtdurchfluteten Klassenzimmer, der Kreuzgang, der an klösterliche Traditionen erinnerte, oder der Schulgarten, in dem Biologieunterricht lebendig wurde.
Krisen gab es dennoch. Die 1990er Jahre brachten sinkende Schülerzahlen, als viele Familien in die Speckgürtel Münchens abwanderten. Die Schule reagierte mit einem Ganztagsangebot und einer Stärkung der naturwissenschaftlichen Profile, was vorübergehend neuen Zulauf brachte. Doch die demografischen Veränderungen und der wachsende Konkurrenzdruck durch internationale Schulen setzten dem traditionsreichen Gymnasium zunehmend zu.
Am Ende steht eine Bilanz, die weit über Zahlen hinausgeht: Über 12.000 Absolvent*innen haben hier ihr Abitur abgelegt, darunter Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Kultur und Politik. Was bleibt, ist das Erbe einer Schule, die stets mehr war als ihre Mauern – ein Ort, der Generationen geprägt hat.
Warum die Schließung nach 125 Jahren unvermeidbar wurde
Die Schließung des St. Ursula in München markiert das Ende einer Ära – doch sie kam nicht überraschend. Schon seit Jahren kämpfte das traditionsreiche Haus mit sinkenden Schülerzahlen, einem strukturellen Problem, das viele katholische Bildungseinrichtungen in Bayern trifft. Zwischen 2010 und 2023 sank die Anzahl der Anmeldungen um fast 40 Prozent, wie aus dem letzten Bildungsbericht des Erzbistums hervorgeht. Wo einst Klassen mit über 30 Schülerinnen gefüllt waren, blieben in den letzten Jahren oft nur noch halbleere Räume übrig.
Finanziell wurde die Situation zunehmend unhaltbar. Trotz staatlicher Zuschüsse und Spendenkampagnen reichten die Mittel kaum noch, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Die Sanierungskosten für das denkmalgeschützte Gebäude aus dem 19. Jahrhundert hätten laut unabhängiger Gutachten mindestens achtstellige Investitionen erfordert – eine Summe, die weder das Erzbistum noch der Förderverein aufbringen konnte. Selbst die Umstellung auf ein moderneres pädagogisches Konzept brachte keine Wende.
Auch der gesellschaftliche Wandel spielte eine entscheidende Rolle. Immer weniger Familien in München entscheiden sich heute für konfessionell gebundene Schulen, besonders in der Innenstadt, wo alternative Bildungsangebote boomen. Bildungsexperten verweisen darauf, dass der Anteil katholischer Schülerinnen am St. Ursula in den letzten 15 Jahren von 85 auf unter 60 Prozent gesunken ist. Ohne diese klare Ausrichtung verlor die Schule zunehmend ihr Profil.
Die Corona-Pandemie gab schließlich den Ausschlag. Die monatelangen Lockdowns und die damit verbundenen Einnahmeausfälle verschärften die ohnehin angespannte Lage. Als 2022 klar wurde, dass selbst eine Fusion mit einer benachbarten Schule keine nachhaltige Lösung bieten würde, begann das Erzbistum die vorbereitenden Schritte für die endgültige Schließung.
Was mit dem historischen Gebäude an der Türkenstraße passiert
Das Schicksal des historischen Gebäudes an der Türkenstraße 2 steht seit der Schließung von St. Ursula noch nicht endgültig fest. Die Stadt München prüft derzeit verschiedene Nutzungsmöglichkeiten für das über 125 Jahre alte Backsteingebäude, das seit 1899 als Schul- und Internatskomplex diente. Laut Angaben des Münchner Baureferats handelt es sich um ein geschütztes Ensemble, was bedeutet, dass jede Umnutzung denkmalpflegerische Auflagen erfüllen muss.
Experten aus der Denkmalschutzbehörde betonen, dass die Erhaltung der originalen Fassade und der markanten Treppentürme Priorität hat. Besonders die neugotischen Stilelemente an der Frontseite gelten als architektonisch wertvoll. Eine Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2022 zeigt, dass rund 60 % der historischen Bausubstanz im Inneren erhalten werden könnte – vorausgesetzt, die neue Nutzung erfordert keine grundlegenden strukturellen Änderungen.
Im Gespräch sind unter anderem kulturelle Einrichtungen wie ein Stadtmuseum oder ein Veranstaltungszentrum. Auch eine Teilnutzung durch soziale Träger wird diskutiert, etwa für Wohnprojekte mit gemeinnützigem Hintergrund. Kritiker warnen jedoch vor zu starken Eingriffen: Die Türkenstraße liegt in einem dicht besiedelten Viertel, wo jeder Neubau oder Umbau schnell auf Widerstand in der Nachbarschaft stößt.
Bis eine Entscheidung fällt, bleibt das Gebäude vorerst gesichert, aber ungenutzt. Die Erzdiözese München, bisherige Eigentümerin, hat signalisiert, dass sie an einer Lösung interessiert ist, die dem Charakter des Ortes gerecht wird – ohne dabei wirtschaftliche Aspekte völlig außer Acht zu lassen.
Wie Eltern und Schüler den Abschied erleben
Der letzte Schultag an St. Ursula war kein gewöhnlicher. Eltern standen mit Tränen in den Augen vor dem historischen Portal, während Schülerinnen noch einmal die vertrauten Flure durchliefen – manche mit dem Schulrucksack, andere mit Fotoapparaten, um jedes Detail festzuhalten. Für viele Familien war die Schule mehr als eine Bildungsstätte: Sie prägte Generationen. Eine Mutter, deren Tochter hier ihr Abitur machte, beschrieb es als „Abschied von einem Stück Familiengeschichte“. Studien zeigen, dass Schulschließungen besonders dann emotional belasten, wenn sie mit dem Verlust eines traditionsreichen Ortes verbunden sind – wie hier, wo seit 1899 unterrichtet wurde.
Die Schülerinnen reagierten unterschiedlich. Einige organisierten spontane Abschiedsfeiern im Pausenhof, andere sammelten Unterschriften für ein Erinnerungsbuch. Besonders die Oberstufe, die noch mitten in den Abiturvorbereitungen steckte, spürte die Zäsur. „Plötzlich ist alles anders“, sagte eine 17-Jährige, die seit der fünften Klasse hier war. Die Schule hatte sie durch Pubertät, Prüfungsstress und erste Erfolge begleitet – jetzt fehlte der gewohnte Rahmen.
Für Eltern war der Abschied oft mit praktischen Sorgen verbunden: Wo findet das Kind einen Platz? Wie wirkt sich der Wechsel auf die schulischen Leistungen aus? Laut einer Umfrage des Bayerischen Elternverbandes empfinden über 60 % der Betroffenen solche Übergänge als belastend, selbst wenn die neue Schule gut vorbereitet ist. An St. Ursula kam hinzu, dass viele den Charme des alten Gebäudes vermissen werden – die hohen Decken im Musiksaal, den Geruch der alten Holztreppen, die handgeschriebenen Notizen ehemaliger Schülerinnen in den Schulbüchern.
Am Ende blieb nur der Trost der Erinnerungen. Ehemalige Absolventinnen kehrten für einen letzten Rundgang zurück, einige brachten Blumen mit. Eine Gruppe junger Frauen, längst im Berufsleben, setzte sich noch einmal auf die Stufen vor dem Eingang – genau dort, wo sie einst in den Pausen gesessen hatten. Die Schule mag schließen, doch die Geschichten, die hier geschrieben wurden, bleiben.
Münchens Schullandschaft ohne St. Ursula – was sich ändert
Mit dem endgültigen Ende der St. Ursula-Schule verliert München nicht nur eine Bildungseinrichtung mit 125-jähriger Tradition, sondern auch einen prägenden Akteur in der lokalen Schullandschaft. Die private Mädchenschule in Schwabing bot als eine der letzten konfessionell gebundenen Schulen der Stadt ein pädagogisches Konzept, das religiöse Werte mit moderner Didaktik verband. Rund 500 Schülerinnen besuchten die Einrichtung zuletzt – eine Zahl, die in den kommenden Schuljahren auf andere Schulen umverteilt werden muss.
Besonders spürbar wird die Lücke im Bereich der gymnasialen Oberstufe. St. Ursula war bekannt für seine kleinen Klassen und individuelle Förderung, die viele Eltern gezielt suchten. Bildungsforscher verweisen darauf, dass der Wegfall solcher Angebote oft zu einer höheren Auslastung staatlicher Gymnasien führt. In München, wo bereits jetzt an 15 von 33 Gymnasien Raumknappheit herrscht, könnte dies die Situation weiter verschärfen.
Doch die Veränderungen betreffen nicht nur die Schülerinnen. Die Schule kooperierte eng mit lokalen Kulturinstitutionen wie dem Museum Brandhorst und der Münchner Volkshochschule, deren Bildungsprogramme für Jugendliche nun ein Stück weit an Reichweite verlieren. Auch der Schulchor und die Theater-AG von St. Ursula waren feste Größen im Stadtbild – ihre Auftritte bei Veranstaltungen wie dem Tollwood-Festival werden künftig fehlen.
Für Eltern, die eine konfessionelle Prägung für ihre Kinder wünschen, bleiben in München nun nur noch wenige Alternativen: das Maria-Theresia-Gymnasium oder das Erasmus-Grasser-Gymnasium, beides ebenfalls katholische Einrichtungen. Doch beide verfügen über deutlich weniger Kapazitäten als St. Ursula in seinen besten Zeiten.
Mit dem endgültigen Schluss von St. Ursula verschwindet nicht nur ein historisches Gebäude aus Münchens Stadtbild, sondern auch ein Stück lebendige Erinnerung an 125 Jahre Schulgeschichte, die Generationen geprägt hat. Die Schließung markiert das Ende einer Ära – und zugleich einen Moment, in dem ehemalige Schülerinnen, Lehrer und Anwohner noch einmal bewusst innehalten, um die Bedeutung dieses Ortes für Bildung, Gemeinschaft und städtische Identität zu würdigen.
Wer die Verbindung zu St. Ursula bewahren möchte, findet in den Archiven des Münchner Stadtmuseums oder bei den Alumni-Vereinigungen Materialien und Austauschmöglichkeiten, die das Erbe der Schule dokumentieren. Die leeren Klassenzimmer mögen bald anderen Zwecken weichen, doch die Geschichten, die zwischen diesen Mauern entstanden, bleiben ein fester Teil der Stadtgeschichte – und wartet darauf, weiter erzählt zu werden.

