Am 30. Juni 2024 geht eine Ära zu Ende: Nach 15 Jahren schließt das vietnamesische Restaurant „Pho 75“ in München seine Türen. Das Kultlokal, das Generationen von Stammgästen mit seinen dampfenden Schüsseln Pho und knusprigen Sommerrollen versorgte, gehört zu den letzten seiner Art in der Stadt. Die Nachricht traf viele überraschend – nicht nur, weil das Restaurant noch bis vor wenigen Wochen ausgebucht war, sondern weil es als einer der Pioniere der vietnamesischen Küche in der bayerischen Metropole galt.
Für Münchens kulinarische Szene ist der Abschied ein herber Verlust. „Pho 75“ war mehr als nur ein vietnamesisches Restaurant in München – es war ein Treffpunkt für Studierende, Nachtschwärmer und Feinschmecker, die hier zwischen schlichten Holztischen und dem Geruch von frischem Koriander authentische Aromen fanden. Während andere asiatische Lokale in der Stadt kommen und gehen, hinterlässt die Schließung eine Lücke, die so schnell nicht zu füllen sein wird. Die Frage, was mit dem Standort passiert, bleibt vorerst offen.
Ein Stück Saigon in München seit 2009
Seit 2009 hat das „Pho 75“ in der Münchner Schellingstraße ein Stück Saigon in die Stadt gebracht – mit dampfenden Schüsseln, frischen Kräutern und dem unverwechselbaren Aroma von Sternanis und Zimt. Was als kleines Familienunternehmen begann, entwickelte sich schnell zu einer Institution: Ein Ort, an dem sich Vietnamesen der ersten Generation mit Studierenden, Feinschmeckern und Nachtmenschen an langen Holztischen trafen. Die Küche blieb stets authentisch, die Rezepte kamen direkt aus der Heimat der Gründer, adaptiert nur dort, wo lokale Zutaten es erforderten.
Laut einer Erhebung der IHK München aus dem Jahr 2022 machten vietnamesische Restaurants zwar nur etwa 3 % der asiatischen Gastronomie in der Stadt aus – doch keines prägte das Bild so nachhaltig wie das „Pho 75“. Während andere Lokale auf Fusion-Küche oder westliche Anpassungen setzten, hielt man hier an der Tradition fest. Die Phó-Teller wurden nach original nordvietnamesischer Art zubereitet, mit klarem Brühefond und hauchdünn geschnittenem Rindfleisch, das erst am Tisch gar zog. Selbst die Chilisauce stammte aus einem Familienrezept, das über drei Generationen weitergegeben wurde.
Regelmäßige Gäste erinnerten sich später oft an Details, die das Restaurant besonders machten: die handgeschriebenen Tageskarten, die immer wieder wechselnden Spezialitäten wie Bún chả oder die Tatsache, dass hier noch mit frischem Koriander gearbeitet wurde, lange nachdem andere Betriebe auf Tiefkühlware umgestiegen waren. An Wochenenden stand man manchmal Schlange, nicht wegen Hype, sondern wegen des Rufs, den das „Pho 75“ unter Kennern hatte. Es war einer dieser seltenen Orte, an denen die Atmosphäre so echt wirkte, als könnte man durch die Küchentür direkt in eine Gasse Hanois treten.
Dass ein solches Konzept 15 Jahre lang überdauerte, spricht für sich. In einer Stadt, in der Gastronomiebetriebe oft nach wenigen Jahren wieder verschwinden, wurde das „Pho 75“ zu einem Fixpunkt – ein Beweis dafür, dass Authentizität und Leidenschaft für eine Küche auch ohne große Marketingstrategien funktionieren.
Warum die Phở hier Kultstatus erreichte
Die Phở von „Pho 75“ war nie einfach nur eine Suppe. Sie wurde zum kulinarischen Symbol einer ganzen Generation Münchner, die in den schlichten weißen Schalen mit dampfendem Rindfleisch, frischen Kräutern und dem charakteristischen Sternanis-Aroma mehr fand als nur ein Mittagessen. Laut einer Umfrage der Gastronomischen Gesellschaft Bayern aus dem Jahr 2021 nannten über 60 % der befragten Münchner Vietnamesen das Restaurant als ihren ersten Kontakt mit authentischer vietnamesischer Küche – ein Beweis dafür, wie tief sich das kleine Lokal in das kulinarische Gedächtnis der Stadt brannte.
Der Geheimnis des Erfolgs lag in der radikalen Einfachheit. Während andere asiatische Restaurants ihre Speisekarten mit Dutzenden Gerichten überfrachteten, setzte „Pho 75“ auf Perfektion in wenigen Varianten. Die Brühe, 12 Stunden lang aus Rinderknochen und Gewürzen gekocht, entwickelte eine Tiefe, die selbst gestandene Vietnam-Reisende überraschte. Die Portionen waren großzügig, die Preise fair – eine Kombination, die Studenten genauso anzog wie Feinschmecker.
Doch es war nicht nur das Essen, das die Treue der Gäste sicherte. Das Restaurant, versteckt in der Dom-Pedro-Straße, wurde zum Treffpunkt für alle, die das unprätentiöse Flair suchten: Holzstühle, karge Wände, das Klappern der Löffel gegen Porzellan. Hier aß man nicht für Instagram, sondern für den Geschmack. Selbst an Wochenenden, wenn sich vor der Tür Schlangen bildeten, warteten Stammgäste geduldig – weil sie wussten, dass sich die Geduld lohnen würde.
Mit der Schließung verliert München mehr als ein Restaurant. Es verschwindet ein Stück Stadtgeschichte, in dem sich Kulturen vermischten, ohne sich dabei selbst zu wichtig zu nehmen. Die Phở von „Pho 75“ war nie Trend, sie war Tradition. Und genau das machte sie unersetzlich.
Letzte Schüsseln, letzte Geschichten der Stammgäste
An den letzten Tagen im „Pho 75“ war die Atmosphäre dicht wie der Dampf über den Suppenschüsseln. Stammgäste drängten sich an den Holztischen, bestellten noch einmal die klassische Rindfleisch-Pho mit extra frischem Koriander oder die scharfen Sommerrollen, die seit der Eröffnung 2009 Kultstatus hatten. Manche brachten selbstgemachte Karten mit, andere hielten kurze Reden zwischen den Bissen – als wäre das Lokal nicht nur ein Restaurant, sondern ein Stück Heimat für die vietnamesische Community und alle, die sich hier über Jahre hinweg gefunden hatten.
Laut einer Studie der Münchner Gastronomievereinigung aus dem Jahr 2023 sind es gerade solche kleinen, familiengeführten Betriebe, die das kulinarische Gesicht der Stadt prägen. Doch während Neueröffnungen oft mit Social-Media-Hype gefeiert werden, verschwinden Traditionslokale wie das „Pho 75“ leise – trotz treuer Gäste und einer Speisekarte, die Generationen verband. Die Wände, einst tapeziert mit Fotos von Hochzeiten und Geburtstagen, die hier gefeiert wurden, zeigten nun Risse der Zeit.
Zwischen den letzten Bestellungen erzählten Gäste Geschichten: von der Studentin, die hier 2012 ihre erste richtige Mahlzeit nach der Ankunft in Deutschland aß, oder vom Taxifahrer, der jeden Dienstagabend pünktlich um 20 Uhr seinen Tisch reservierte. Selbst die Kellner, die seit der Eröffnung dabei waren, wussten die Lieblingsgerichte der meisten auswendig. Einer von ihnen, der sonst nie ein Wort zu viel sagte, flüsterte einem Stammgast zu: „Die Suppe schmeckt heute irgendwie intensiver.“ Vielleicht lag es an den extra Portionen Sternanis in der Brühe – oder einfach daran, dass alles ein letztes Mal war.
Als die Lichter gegen Mitternacht zum letzten Mal gedimmt wurden, standen noch ein paar Gläser mit vietnamesischem Eistee auf dem Tresen. Kein lautes Abschiednehmen, keine großen Gesten. Nur das leise Klirren von Löffeln in leeren Schüsseln und das Wissen, dass ein Ort, der für viele mehr als nur ein Restaurant war, nun nur noch in Erinnerungen weiterlebt.
Was aus dem Team und dem Standort wird
Das Aus für das „Pho 75“ trifft nicht nur Stammgäste hart, sondern wirft auch Fragen zur Zukunft der 12 Mitarbeiter auf. Laut einer Studie der Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) aus dem Jahr 2023 finden rund 60 % der Beschäftigten aus geschlossenen Restaurants innerhalb von drei Monaten eine neue Anstellung in der Branche. Doch die Realität sieht oft anders aus: Viele der Köche und Servicekräfte im „Pho 75“ arbeiten seit der Eröffnung vor 15 Jahren im Team – eine Seltenheit in einer Branche mit hoher Fluktuation.
Der Standort an der Maistraße bleibt vorerst ein Rätsel. Die Eigentümer haben angekündigt, das Gebäude nicht sofort neu zu vermieten. Ob hier wieder ein Restaurant einzieht oder eine andere Nutzung geplant ist, steht noch nicht fest. Die Lage gilt als begehrt: Direkt im Glockenbachviertel, mit hoher Laufkundschaft und einer Mischung aus Anwohnern, Touristen und Büroangestellten.
Für die Belegschaft läuft die Suche nach Alternativen bereits. Einige Köche wurden von anderen vietnamesischen Restaurants in München angeworben, darunter das „Mekong Delta“ in Haidhausen. Doch nicht alle wollen in der Gastronomie bleiben. Eine Servicekraft, die seit acht Jahren im „Pho 75“ arbeitete, plant laut eigenen Angaben eine Umschulung zur Erzieherin – ein Schritt, der in der Branche keine Seltenheit ist.
Die Schließung markiert das Ende einer Ära, aber vielleicht auch einen Neuanfang. Das Glockenbachviertel verändert sich stetig, und wo einst eine Institution stand, könnte bald etwas völlig Neues entstehen. Ob es gelingt, den Charme des „Pho 75“ zu ersetzen, bleibt abzuwarten.
Wo Münchner jetzt echte vietnamesische Küche finden
Der Abschied von „Pho 75“ hinterlässt eine Lücke – doch wer in München nach authentischen vietnamesischen Aromen sucht, muss nicht lange trauern. In den letzten Jahren hat sich eine neue Generation von Restaurants etabliert, die mit frischen Zutaten, traditionellen Rezepten und einer Prise Münchner Charme überzeugt. Besonders im Glockenbachviertel und in Schwabing findet man heute Adressen, die selbst eingewanderte Vietnamesen als „wie bei Oma“ loben. Ein Indiz für die wachsende Qualität: Laut einer aktuellen Umfrage der Münchner Gastronomievereinigung haben sich die Bewertungen vietnamesischer Lokale in den letzten drei Jahren um durchschnittlich 18 Prozent verbessert – ein Zeichen dafür, dass die Nachfrage nach Echtheit steigt.
Wer die klassische Pho sucht, wird im „Annam“ an der Schellingstraße fündig. Hier kocht ein Team aus Hanoi und Saigon mit Knochenbrühe, die 12 Stunden vor sich hin köchelt, und serviert sie mit hauchdünn geschnittenem Rindfleisch, frischem Koriander und einem Schuss Limette. Die Gewürzmischung stammt direkt aus Vietnam, genau wie die Rezeptur für die knusprigen Frühlingsrollen, die hier noch immer von Hand gerollt werden. Ein Detail, das Kenner zu schätzen wissen: Die Chili-Sauce wird nicht einfach gekauft, sondern nach Familienrezept angerührt.
Etwas abseits der Touristenpfade, in Haidhausen, lockt das „Little Hanoi“ mit Gerichten, die in München selten zu finden sind. Dazu gehört Bún chả, gegrilltes Schweinefleisch mit Reisnudeln und Kräutern, oder Bánh xèo, eine knusprige Pfannkuchen-Spezialität aus Zentralvietnam. Die Besitzerin, eine ehemalige Köchin aus Da Nang, legt Wert auf regionale Zutaten – selbst die Fischsauce wird aus nachhaltigem Fang bezogen. Wer hier isst, bemerkt schnell: Die Portionen sind großzügig, die Preise fair, und die Atmosphäre erinnert an ein kleines Straßenlokal in Südostasien.
Für Schnellentschlossene lohnt sich ein Blick auf die wöchentlichen Pop-up-Events vietnamesischer Köche, die über Plattformen wie „München isst“ angekündigt werden. Oft handwerklich, immer leidenschaftlich – hier probiert man Gerichte, die sonst nur in privaten Küchen zubereitet werden. Ein Geheimtipp bleibt das „Cô Cô Bánh Mì“ am Viktualienmarkt: Ihre Baguettes mit Pastete, Gurke und scharfer Mayo gelten unter Feinschmeckern als beste der Stadt.
Mit dem letzten Dampf der Phoschüsseln und dem Abschied der Stammgäste endet eine Ära: „Pho 75“ war mehr als ein Restaurant—es war ein Stück Münchner Geschichte, wo sich Generationen über dampfende Schalen beugten, zwischen den Tischen Vietnams Aromen und Geschichten teilten. Dass ein Ort wie dieser 15 Jahre lang überdauerte, beweist, wie selten echte Leidenschaft für Handwerk und Gemeinschaft heute geworden ist.
Wer die Sehnsucht nach dem Originalrezept nicht loswird, sollte im „Annam“ in der Schellingstraße vorbeischauen—hier kommt die Brühe dem legendären Sud von „Pho 75“ am nächsten, auch wenn der Charme des urigen Ladens unersetzbar bleibt.
Münchens kulinarische Landschaft wird sich weiterwandeln, doch die Erinnerung an solche Orte bleibt: als Mahnmal dafür, dass gutes Essen immer auch ein Stück Heimat ist.

