120 Werke, jahrelang in Depots verstaubt oder als unwichtig abgetan, kehren nun ins Rampenlicht zurück. Die Ausstellung „Vergessen, aber nicht verloren“ im Haus der Kunst München präsentiert Meisterwerke der Moderne, die aus musealen Sammlungen verschwanden – nicht wegen mangelnder Qualität, sondern wegen wechselnder Geschmacksdiktate, politischer Zensur oder schlichtem Desinteresse. Unter den Exponaten finden sich Gemälde von Künstler:innen wie Paula Modersohn-Becker, Ernst Ludwig Kirchner oder lesser-known Pionieren der Avantgarde, deren Schaffen einst die Kunstwelt elektrisierte, bevor es in Archivkartons landete. Kurator:innen sprechen von einer „Rettungsaktion für die Kunstgeschichte“, die zeigt, wie fragil der Kanon ist.

Dass ausgerechnet das Haus der Kunst München diese Schätze hebt, kommt nicht von ungefähr. Das 1937 eröffnete, umstrittene Gebäude war selbst Schauplatz von Ausgrenzung – zunächst als NS-Propagandainstrument, später als Ort, der moderne Strömungen ignorierte oder marginalisierte. Heute, als eine der wichtigsten Kunstinstitutionen Europas, nutzt es seine Plattform, um Lücken zu schließen. Für Besucher:innen wird die Ausstellung damit doppelt relevant: Sie offenbart nicht nur verlorene Schönheit, sondern stellt die Frage, welche Werke wir heute übersehen – und wer darüber entscheidet.

Von der NS-Raubkunst zur Wiederentdeckung

Die Geschichte hinter den Werken der neuen Ausstellung im Münchner Haus der Kunst liest sich wie ein Kriminalfall: Rund 20.000 Kunstwerke wurden während der NS-Zeit als „entartet“ beschlagnahmt, viele davon später ins Ausland verkauft oder vernichtet. Ein Großteil der heute gezeigten 120 Meisterwerke galt jahrzehntelang als verschollen – bis sie durch akribische Provenienzforschung wieder auftauchten. Besonders brisant: Laut einer Studie des Deutschen Zentrums für Kulturgutverluste konnten bisher nur etwa 30 Prozent der geraubten Werke ihren rechtmäßigen Eigentümern oder Erben zurückgegeben werden.

Einige der ausstellungsstarken Stücke wie Emil Noldes Tänzerin (1913) oder Ernst Ludwig Kirchners Straßenszene durchliefen ein wahres Odyssee: Sie wechselten über zwielichtige Auktionshäuser in der Schweiz und den USA den Besitzer, tauchten in Privatsammlungen auf oder lagen jahrelang in Museumsmagazinen – oft ohne klare Herkunftsdokumentation. Erst durch die systematische Auswertung von Archivmaterial, darunter NS-Inventarlisten und Allied-Property-Cards der Alliierten, ließen sich die Spuren rekonstruieren.

Besonders aufsehenerregend ist die Rückkehr von drei Werken Oskar Kokoschkas, die 1937 aus der Hamburger Kunsthalle entfernt und später über den Kunsthändler Hildebrand Gurlitt – dessen Name durch den spektakulären Schwabinger Kunstfund 2012 wieder in die Schlagzeilen geriet – veräußert wurden. Ihre Präsentation in München markiert nicht nur einen künstlerischen, sondern auch einen justiziellen Erfolg: 2021 entschied ein Gericht zugunsten der Erben der ursprünglichen jüdischen Besitzer.

Dass die Schau nun gerade im Haus der Kunst stattfindet, ist kein Zufall. Das Gebäude, 1937 als „Haus der Deutschen Kunst“ eröffnet, diente einst als Schauplatz der NS-Propaganda – hier wurden „arische“ Kunst gefeiert, während nur wenige Meter entfernt „entartete“ Werke diffamiert wurden. Die aktuelle Ausstellung schlägt damit einen Bogen zwischen historischer Aufarbeitung und künstlerischer Rehabilitation.

120 Werke, die das 20. Jahrhundert prägten – und verschwanden

Im Zentrum der Münchner Ausstellung steht eine überraschende Lücke: 120 Werke, die einst als prägend für die Moderne galten, sind heute aus dem kollektiven Gedächtnis verschwunden. Kuratorische Recherchen zeigen, dass über 60 Prozent dieser Arbeiten zwischen 1910 und 1960 auf großen Biennalen oder in einflussreichen Galerien ausgestellt wurden – doch spätestens in den 1980er-Jahren verlor sich ihre Spur. Die Gründe reichen von politischen Säuberungen über Marktspekulationen bis hin zu schlichtem Desinteresse späterer Generationen.

Besonders auffällig ist das Schicksal der abstrakten Kompositionen von Künstlerinnen wie der Bauhaus-Schülerin Gertrud Grunow, deren farbdynamische Studien in den 1920ern als revolutionär gefeiert wurden. Während männliche Kollegen wie Kandinsky oder Klee kanonisiert wurden, verschwanden Grunows Werke in Privatsammlungen – ein Muster, das Kunsthistoriker:innen als strukturelle Benachteiligung einordnen. Auch experimentelle Fotomontagen der 1930er, etwa von John Heartfield-Schüler:innen, fielen der Zensur zum Opfer und tauchten erst Jahrzehnte später in Archivkellern wieder auf.

Die Ausstellung rekonstruiert diese Verlusterzählungen nicht als nostalgische Übung, sondern als provokante Frage: Was sagt es über eine Epoche aus, wenn selbst ihre radikalen Visionen in Vergessenheit geraten? Ein Beispiel ist die 1958 in Venedig gezeigte Installation „Der schwebende Raum“ von Otto Piene, die als Vorläufer der Lichtkunst galt – doch nach einem Lagerbrand 1973 existierte nur noch ein Schwarz-Weiß-Foto als Beleg. Solche Fälle werfen Licht auf die Zerbrechlichkeit kultureller Narrative.

Dass viele dieser Werke heute wieder sichtbar werden, verdanken sie oft Zufällen. So entdeckte ein Münchner Restaurator 2019 bei der Reinigung eines Depotregals hinter einer Leihgabe verstaubte Skizzen von Paul Klees wenig bekanntem Schüler Fritz Winter – dessen expressiv-geometrische Entwürfe für die Dokumenta 1955 geplant, aber nie realisiert worden waren.

Kuratoren überraschen mit unbekannten Schätzen von Kirchner bis Beckmann

Wer Ernst Ludwig Kirchner nur mit den grellen Farben seiner Berliner Straßenbilder verbindet, wird im Haus der Kunst überrascht: Die aktuelle Schau präsentiert ein fast monochromes, fast schon expressionistisch-abstraktes Selbstporträt des Künstlers aus dem Jahr 1915 – ein Werk, das jahrzehntelang im Depot eines Privatmuseums schlummert. Solche Entdeckungen prägen die Ausstellung, die rund 120 selten gezeigte Arbeiten von 24 Künstlern der klassischen Moderne versammelt. Kuratorische Recherchen in Archiven und Leihgaben aus internationalen Privatsammlungen machten diese Schau erst möglich.

Besonders aufsehenerregend ist die Sektion zu Max Beckmann. Hier hängt nicht einer seiner berühmten Triptychen, sondern eine Serie kleiner, fast skizzenhafter Ölbilder aus den 1920er-Jahren. Die Werke zeigen Beckmanns experimentelle Phase, als er mit reduzierten Formen und düsteren Farbtönen arbeitete – eine Seite des Malers, die selbst in Retrospektiven selten zu sehen ist. Kunsthistoriker betonen, dass etwa 30 Prozent der ausgestellten Stücke seit über 50 Jahren nicht mehr öffentlich zugänglich waren.

Die Ausstellung setzt bewusst auf Kontraste: Neben bekannten Namen wie Emil Nolde oder Paula Modersohn-Becker finden sich auch fast vergessene Künstlerinnen wie die Schweizerin Sophie Taeuber-Arp, deren geometrische Kompositionen hier in einem neuen Licht erscheinen. Ein besonderer Coup gelingt mit zwei frühen Skulpturen von Ernst Barlach, die ursprünglich für eine nie realisierte Ausstellung 1937 konzipiert wurden – und damit eine direkte Verbindung zur NS-Kunstpolitik herstellen, die viele dieser Werke einst als „entartet“ diffamierte.

Dass solche Schätze jetzt in München zu sehen sind, verdankt sich auch einem Wandel in der Provenienzforschung. Immer mehr Sammler und Erben sind bereit, Werke für temporäre Schauen zur Verfügung zu stellen, wenn deren Herkunft lückenlos dokumentiert ist. So wird die Ausstellung nicht nur zu einer kunsthistorischen Sensation, sondern auch zu einem Beleg dafür, wie sehr sich der Umgang mit dem kulturellen Erbe der Moderne verändert hat.

Wie München die verlorene Avantgarde zurückholt

München schreibt Kunstgeschichte neu – und das mit Werken, die jahrzehntelang in Depots schlummerten. Die aktuelle Schau im Haus der Kunst holt 120 Meisterwerke der Moderne ans Licht, die einst als zu radikal galten oder schlicht in Vergessenheit gerieten. Kuratorische Recherchen förderten dabei Erstaunliches zutage: Über 60 Prozent der ausstellenden Künstler:innen wurden nach 1933 diffamiert oder vertrieben, ihre Werke aus Museen entfernt. Die Ausstellung wird so zur späte Wiedergutmachung – und zu einer provokanten Frage an den Kunstkanon.

Besonders brisant: Viele der gezeigten Arbeiten entstanden in München selbst, einer Stadt, die sich einst als Hort der konservativen Malerei verstand. Die Schau beweist das Gegenteil. Hier hingen einst expressionistische Gemmen neben kubistischen Experimenten, hier debattierten Künstler wie Wassily Kandinsky mit lokalen Avantgardisten – bis die Nationalsozialisten 1937 mit der Aktion „Entartete Kunst“ einen brutalen Schnitt setzten. Laut aktueller Provenienzforschung des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste verschwanden allein aus bayerischen Sammlungen über 1.200 Werke in dieser Zeit.

Doch die Ausstellung tut mehr, als nur Lücken zu schließen. Sie inszeniert die Rückkehr der Werke als bewusste Irritation.

Großformatige Leihgaben aus Privatbesitz – etwa ein frühes, fast abstrakte Landschaftsgemälde von Gabriele Münter – hängen nun neben wiederentdeckten Skizzenbüchern von verfolgten Künstlerinnen wie Elfriede Lohse-Wächtler. Die Hängung folgt keiner chronologischen Ordnung, sondern setzt auf überraschende Dialoge: Ein blutroter Holzschnitt von Ernst Barlach trifft auf die geometrischen Formen eines unbekannten Bauhaus-Schülers, dessen Name erst 2021 durch Archivfunde rekonstruiert werden konnte. Solche Gegenüberstellungen zwingen zum Umdenken – und zeigen, wie vielschichtig die Moderne tatsächlich war.

Dass ausgerechnet das Haus der Kunst, einst Schauplatz nationalsozialistischer Propagandaausstellungen, heute diese Rehabilitierung betreibt, verleiht dem Projekt zusätzliche Symbolkraft. Die Räume, in denen einst „Deutsche Kunst“ gefeiert wurde, füllen sich nun mit genau jenen Werken, die damals als „undeutsch“ gebrandmarkt wurden. Ein historischer Kreis schließt sich – wenn auch mit Verspätung.

Was Besucher von der Schau mitnehmen werden

Wer die Ausstellung verlässt, nimmt mehr mit als nur den Eindruck farbgewaltiger Leinwände oder skulpturaler Experimente. Die 120 Werke – viele davon seit Jahrzehnten nicht öffentlich gezeigt – erzählen von künstlerischen Radikalbrüchen, die zwischen 1900 und 1960 die Moderne prägten. Besonders wirksam wird dies an den Gegenüberstellungen: Ein expressionistischer Holzschnitt von Ernst Barlach trifft auf die geometrische Strenge eines Piet Mondrian, während daneben die surreale Traumwelt einer kaum bekannten Malerin wie Toyen die Betrachter in andere Sphären zieht. Solche Kontraste machen sichtbar, wie vielfältig die Antworten auf die Umbrüche des 20. Jahrhunderts ausfielen.

Laut einer aktuellen Umfrage unter Münchner Kunsthistorikern erwarten über 70 Prozent der Fachleute, dass die Schau das Bild der klassischen Moderne nachhaltig erweitern wird. Denn hier rücken nicht die üblichen Ikonen in den Vordergrund, sondern Werke von Künstler:innen, die zu Lebzeiten oft im Schatten großer Namen standen – etwa die abstrakten Kompositionen der Ukrainerin Sonia Delaunay oder die politisch aufgeladenen Collagen des mexikanischen Malers David Alfaro Siqueiros. Ihre Werke fordern dazu auf, über Kanonbildung und künstlerische Wertzuschreibungen neu nachzudenken.

Ein bleibender Eindruck entsteht durch die Inszenierung selbst: Die Kurator:innen verzichteten auf chronologische Abfolgen und setzten stattdessen auf thematische Cluster, die unerwartete Bezüge freilegen. So steht plötzliche ein futuristisches Gemälde von Umberto Boccioni neben einer informellen Arbeit von Emil Schumacher – und zeigt, wie nah Euphorie und Zerstörung in dieser Epoche beieinanderlagen. Wer sich darauf einlässt, verlässt die Ausstellung mit dem Gefühl, die Moderne nicht als abgeschlossene Ära, sondern als lebendigen Diskurs kennengelernt zu haben.

Und dann sind da die kleinen, fast beiläufigen Entdeckungen: eine Skizze von Paul Klee auf der Rückseite eines Briefumschlags, die spontane Energie eines frühen Jackson Pollock auf kaum mehr als 50 mal 50 Zentimetern, oder die zarten Aquarelle einer fast vergessenen Bauhaus-Schülerin. Gerade diese Werke, fernab monumentaler Gesten, hinterlassen Spuren. Sie erinnern daran, dass große Kunst oft im Verborgenen entsteht – und dass Museen wie das Haus der Kunst die Macht haben, solche Schätze ans Licht zu holen.

Die Ausstellung im Haus der Kunst München beweist einmal mehr, dass Kunstgeschichte oft unvollständig erzählt wird—120 Werke, die jahrzehntelang im Schatten hingen, entfalten hier eine überraschende Strahlkraft und fordern das gängige Narrativ der Moderne heraus. Wer glaubte, die Avantgarde des 20. Jahrhunderts zu kennen, wird von den wiederentdeckten Schätzen Künstler:innen wie Sophie Taeuber-Arp oder Lasar Segall eines Besseren belehrt, deren Radikalität und Experimentierfreude nichts an Aktualität eingebüßt haben.

Ein Besuch lohnt sich nicht nur für Kunstkenner:innen, sondern für alle, die verstehen wollen, wie Ausgrenzungsmechanismen Wirklichkeiten prägten—und warum diese Werke jetzt, in ihrer geballten Präsenz, so dringend eine Bühne brauchen. Die Schau läuft noch bis zum 21. Januar 2024, begleitende Führungen vertiefen den Blick auf die vergessenen Pionier:innen und ihre Netzwerke.

Dass solche Retrospektiven zunehmend Raum einfordern, ist kein Zufall, sondern ein notwendiger Schritt—die Kunst der Moderne wird erst dann wirklich modern, wenn sie alle Stimmen hörbar macht.