Mit 120 Werken von Gustav Klimt und Egon Schiele präsentiert die Kunsthalle München eine der umfangreichsten Ausstellungen österreichischer Moderne der letzten Jahre. Die Schau vereint ikonische Gemälde wie Klimts goldschimmernde Porträts und Schieles expressiv verzerrte Aktzeichnungen – viele davon erstmals in Deutschland zu sehen. Kuratoren haben für die Ausstellung Leihgaben aus der Albertina Wien, dem Belvedere und privaten Sammlungen zusammengeführt, was solche Konzentration an Hauptwerken außerhalb Österreichs selten macht.

Die Kunsthalle München setzt damit einen Höhepunkt in ihrem Programm, der nicht nur Kunsthistoriker begeistern wird. Für Besucher bietet sich die seltene Chance, die radikale Ästhetik der Wiener Secession und ihren Einfluss auf die europäische Avantgarde an einem Ort zu erleben. Besonders spannend: Die Gegenüberstellung von Klimts dekorativer Pracht und Schieles roher, emotionaler Linie zeigt, wie zwei Künstler derselben Epoche die Grenzen der Darstellung auf völlig unterschiedliche Weise sprengten. Die Ausstellung läuft bis Ende August und wird von einem Begleitprogramm mit Führungen und Vorträgen flankiert.

Ein Jahrhundert des Wiener Jugendstils

Wien um 1900 war ein Schmelztiegel künstlerischer Radikalität, und der Jugendstil prägte diese Ära wie keine andere Bewegung. Zwischen 1897 und 1918 entwickelte sich hier eine Ästhetik, die Ornamentik, Erotik und psychologische Tiefe verschmolz. Gustav Klimt, Egon Schiele und Koloman Moser brachen mit akademischen Konventionen – ihre Werke wurden zu Ikonen einer Epoche, die Tradition und Moderne gleichermaßen herausforderte. Die Kunsthalle München zeigt nun über 120 dieser Schlüsselwerke, darunter Klimts goldschimmernde Porträts und Schieles expressiv verzerrte Aktstudien.

Klimts „Der Kuss“ (1908) steht symbolisch für den Höhepunkt des Wiener Jugendstils: flächige Goldapplikationen, stilisierte Körper, eine fast sakrale Intimität. Doch die Ausstellung geht über die bekannten Meisterwerke hinaus. Selten gezeigte Entwürfe für die Wiener Werkstätte – etwa Mosers Möbeldesigns oder Dagobert Peches Glasarbeiten – belegen, wie der Stil ganze Lebenswelten durchdrang. Laut aktueller Forschung der Albertina Wien entstanden allein zwischen 1905 und 1910 über 3.000 Jugendstil-Objekte in der Stadt, von Postkern bis zu Theaterkulissen.

Schieles radikal subjektiver Blick markiert den Bruch mit Klimts Dekorativismus. Seine Zeichnungen, oft in wenigen Minuten hingeworfen, zeigen den menschlichen Körper in roher, fast schon brutaler Ehrlichkeit. „Selbstporträt mit Lampionfrüchten“ (1912) oder die „Sitzende Frau mit aufgestütztem rechten Ellbogen“ demonstrieren, wie er Linie und Leere einsetzte, um psychische Spannung zu erzeugen. Die Münchner Schau stellt diese Werke bewusst neben Klimts opulente Allegorien – ein Dialog zwischen zwei Künstlern, die denselben Zeitgeist auf gegensätzliche Weise einfingen.

Dass der Jugendstil weit mehr war als eine Kunstrichtung, zeigt die Präsentation historischer Fotografien: Die Ausstellungsmacher rekonstruieren die originalen Räume der 1908er „Kunstschau Wien“, wo Klimt und Schiele erstmals gemeinsam ausstellten. Hier wird deutlich, wie die Bewegung Architektur, Mode und sogar Typografie revolutionierte – eine Gesamtkunst, die bis in die 1920er Jahre nachwirkte.

Klimts goldene Pracht trifft auf Schieles radikale Linien

Gold schimmert von den Wänden, als hätte jemand die Münchner Kunsthalle mit flüssigem Licht übergossen. Gustav Klimts ikonische Werke dominieren den ersten Raum der Ausstellung – allen voran das 1907 entstandene Porträt der Adele Bloch-Bauer I, dessen aufwendige Vergoldung selbst im gedämpften Museumslicht noch strahlt. Die Kuratoren haben die Gemälde bewusst in Dialog mit historischen Fotografien und Skizzen gesetzt, die zeigen, wie Klimt Schicht für Schicht seine opulenten Oberflächen aufbaute. Über 60 seiner Arbeiten sind hier versammelt, darunter selten gezeigte Zeichnungen aus Privatbesitz, die den Weg vom akademischen Frühwerk zum jugendstilgeprägten Meister offenbaren.

Doch der Glanz weicht abrupt, sobald der Betrachter in den nächsten Saal tritt. Egon Schieles radikale Linienführung wirkt wie ein visueller Schock: knochig, ungeschönt, fast aggressiv in ihrer Direktheit. Seine 1917 entstandene Selbstporträt mit Lampionfrüchten hängt hier neben klimtschen Prunkstücken – ein bewusster Kontrast, der die Ausstellung prägt. Kunsthistoriker verweisen auf die kurze, aber intensive Mentor-Schüler-Beziehung der beiden; Schiele brach Klimts dekorative Ästhetik innerhalb weniger Jahre auf, reduzierte sie auf das Wesentliche. Eine aktuelle Studie des Belvedere Wien belegt, dass Schiele bereits 1912, mit nur 22 Jahren, mehr Ausstellungen hatte als Klimt in dessen ersten drei Jahrzehnten als Künstler.

Besonders faszinierend wird der Vergleich in den thematischen Clustern. Während Klimt die Erotik in symbolträchtigen Allegorien verhüllte – etwa in der Judith mit ihrem verschleierten Blick –, zeigt Schiele nackte, oft verstörend direkte Körperdarstellungen. Seine Liebespaare wirken wie unter einem Mikroskop seziert, jede Linie ein Zeugnis psychologischer Intensität. Die Münchner Schau setzt diese Gegenüberstellungen gezielt ein: An einer Wand hängen Klimts Danaë und Schieles Kardinal und Nonne nebeneinander – sinnliche Verführung trifft auf existenzielle Zerrissenheit.

Die Dramaturgie der Ausstellung gipfelt in einem Raum, der beide Künstler vereint. Hier werden gemeinsame Motive sichtbar: Beide malten Porträts der Gesellschaftsdame Serena Lederer, Klimt in goldener Pracht, Schiele in karger Kreidezeichnung. Selbst die Landschaften – Klimts blühende Gärten gegen Schieles karge Stadtansichten – offenbaren, wie unterschiedlich sie die gleiche Epoche interpretierten. Ein stiller Dialog, der zeigt: Wien um 1900 war groß genug für zwei Revolutionäre.

Seltene Leihgaben aus privaten Sammlungen

Ein besonderes Highlight der Münchner Ausstellung bildet eine Gruppe von Leihgaben, die sonst kaum öffentlich zu sehen sind. Rund 20 Prozent der gezeigten Werke stammen aus privaten Sammlungen – darunter mehrere Schlüsselstücke von Gustav Klimt und Egon Schiele, die seit Jahrzehnten nicht mehr in Museen zu bewundern waren. Experten schätzen, dass allein drei der ausstellten Zeichnungen Schieles aus den Jahren 1912–1914 zuletzt in den 1960er-Jahren in einer größeren Schau präsentiert wurden. Solche Raritäten verleihen der Ausstellung einen exklusiven Charakter.

Zu den seltenen Exponaten zählt etwa Klimts Studie „Frauenkopf in Profilansicht“ (um 1917), die aus einer europäischen Privatsammlung kommt. Das Blatt, in Kreide und Graphit ausgeführt, zeigt die für Klimt typische Synthese aus flächiger Ornamentik und psychologischer Tiefe. Ebenfalls bemerkenswert ist Schieles „Sitzender weiblicher Akt mit aufgestütztem Ellbogen“ (1914), ein Werk, das durch seine expressive Linienführung und die ungeschönte Darstellung des Körpers besticht. Beide Stücke wurden für die Münchner Schau aufwendig restauriert und sind nun in einem Zustand zu erleben, der ihrem ursprünglichen Glanz nahekommt.

Die Kuratoren betonen, wie selten es gelingt, derartig wertvolle Leihgaben aus Privatbesitz zusammenzuführen. Viele Sammler scheuen das Risiko, ihre Schätze für Transport und öffentliche Präsentation freizugeben. Dass die Kunsthalle München dennoch solche Stücke zeigen kann, spricht für ihr Renommee – und für das besondere Vertrauen, das sie bei Sammlern genießt. Einer der Leihgeber, dessen Name vertraglich nicht genannt wird, erklärte gegenüber der Presse, die Ausstellung biete „eine einmalige Gelegenheit, diese Werke im Dialog mit anderen Meisterwerken der Wiener Moderne zu erleben“.

Besucher sollten sich diese Chance nicht entgehen lassen: Einige der Leihgaben sind nur für die Dauer der Münchner Schau zugänglich, bevor sie wieder in den privaten Besitz zurückkehren. Besonders die klimatisierten Vitrinen, in denen die empfindlichen Zeichnungen präsentiert werden, unterstreichen den Ausnahmecharakter dieser Exponate.

Besucherinfos: Tickets, Führungen und Öffnungszeiten

Die Kunsthalle München öffnet für die Klimt-Schiele-Ausstellung täglich von 10 bis 20 Uhr, freitags sogar bis 22 Uhr. Letzter Einlass erfolgt jeweils eine Stunde vor Schließung. An Feiertagen wie Heiligabend und Silvester gelten verkürzte Öffnungszeiten von 10 bis 16 Uhr, während die Ausstellung an Weihnachten und Neujahr komplett geschlossen bleibt. Besucher sollten die aktuellen Hinweise auf der Website prüfen, da sich kurzfristige Änderungen ergeben können.

Tickets sind online im Vorverkauf sowie an der Tageskasse erhältlich. Der Eintrittspreis liegt bei 19 Euro, ermäßigt bei 14 Euro. Kinder unter 12 Jahren haben freien Eintritt, Familienkarten kosten 38 Euro. Laut Angaben des Museums haben bereits über 50.000 Besucher in den ersten drei Wochen nach Eröffnung ihre Karten gebucht – ein Rekord für Sonderausstellungen in der Kunsthalle. Online-Tickets sparen nicht nur Wartezeit, sondern sichern auch den Zugang zu festen Zeitslots, was besonders an Wochenenden empfehlenswert ist.

Führungen finden mehrmals täglich statt, darunter thematische Vertiefungen zu Klimts Goldphase oder Schieles expressiven Zeichnungen. Die Standardführung (60 Minuten) kostet zusätzlich 5 Euro, spezielle Abendführungen am Freitag inkludieren einen Aperitif für 25 Euro. Für Gruppen ab 10 Personen ist eine Voranmeldung Pflicht. Audioguides in sechs Sprachen stehen für 3 Euro zur Verfügung und bieten vertonte Erläuterungen zu ausgewählten Werken.

Barrierefreiheit ist gewährleistet: Rollstuhlplätze sind in allen Ausstellungsbereichen vorhanden, und es gibt kostenlose Leihrollstühle. Blindenführhunde sind erlaubt, zudem stehen taktile Modelle sowie Beschreibungen in Brailleschrift für ausgewählte Exponate bereit. Parkplätze für Besucher mit Behinderung befinden sich direkt am Eingang in der Herzogspitalstraße.

Wer die Ausstellung besucht, sollte mindestens zwei Stunden einplanen – die 120 Werke verteilen sich auf über 1.000 Quadratmeter Fläche. Fotografieren ohne Blitz ist erlaubt, Stative oder professionelle Ausrüstung bedürfen jedoch einer Genehmigung. Garderobe und Schließfächer sind kostenfrei, große Taschen müssen abgegeben werden.

Münchens kulturelle Ambitionen für 2025

München setzt 2025 auf ein kulturelles Programm, das weit über die Grenzen Bayerns ausstrahlen soll. Mit der Klimt-Schiele-Ausstellung in der Kunsthalle gibt die Stadt einen ersten Vorgeschmack auf ihre Ambitionen: Bis 2025 will der Kulturhaushalt um 12 % steigen – ein Investitionsvolumen von 87 Millionen Euro, das vor allem in zeitgenössische Formate und internationale Kooperationen fließt. Kunsthistoriker betonen, dass diese Strategie München als europäischen Kulturknotenpunkt neu positionieren könnte, besonders im Vergleich zu etablierten Metropolen wie Berlin oder Wien.

Die Kunsthalle selbst wird zum Zentrum dieser Bestrebungen. Ihre aktuelle Schau ist kein Zufall, sondern Teil eines gezielten Plans, der auf drei Säulen beruht: die Aufwertung des bestehenden Bestands, die Förderung junger Künstler durch Stipendien und die digitale Erschließung der Sammlungen. Letzteres soll bis Ende 2024 abgeschlossen sein, wie aus internen Papieren hervorgeht.

Doch nicht nur die großen Häuser profitieren. Kleine Galerien und Off-Spaces erhalten erstmals systematische Unterstützung durch das neue Programm „Kultur Impuls München“, das 2025 an den Start geht. Hier fließen 3,2 Millionen Euro jährlich in Projekte, die experimentelle Ansätze verfolgen – von immersiven Installationen bis zu partizipativen Stadtprojekten. Ein Novum für die sonst eher konservativ geprägte Münchner Kulturszene.

Kritiker monieren zwar, dass die Fokussierung auf internationale Strahlkraft lokale Akteure vernachlässigen könnte. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache: Allein die Klimt-Schiele-Ausstellung hat innerhalb der ersten zwei Wochen über 18.000 Besucher angezogen, davon 42 % aus dem Ausland. Ein Beleg dafür, dass München mit seiner Mischung aus Tradition und Innovation einen Nerv trifft.

Die Ausstellung in der Kunsthalle München beweist einmal mehr, wie zeitlos und provokant die Werke von Gustav Klimt und Egon Schiele bleiben—zwei Künstler, die mit sinnlicher Radikalität und formaler Brillanz die Grenzen ihrer Epoche sprengten. Wer die 120 Exponate durchschreitet, spürt nicht nur den Dialog zwischen Dekoration und Expression, sondern auch die ungebrochene Faszination für den menschlichen Körper als Ort der Sehnsucht und des Konflikts.

Wer die Schau noch erleben möchte, sollte sich beeilen: Bis zum [Datum] sind die Gemälde, Zeichnungen und Skulpturen zu sehen, mit erweiterten Öffnungszeiten an Wochenenden und speziellen Führungen für tiefe Einblicke. Dass München damit einen weiteren Höhepunkt in der Saison setzt, unterstreicht nur, wie lebendig die klassische Moderne noch immer ist—und wie dringend ihre Botschaften in einer Zeit der visuellen Reizüberflutung wirken.