Mit über 300 Exponaten aus fünf Jahrhunderten eröffnet das Münchner Stadtmuseum eine Ausstellungsreihe, die Handwerkskunst nicht nur dokumentiert, sondern lebendig werden lässt. Gezeigt werden Meisterwerke von der Renaissance bis ins 20. Jahrhundert – von filigranen Goldschmiedearbeiten über präzise Uhrmacherkunst bis zu den robusten Entwürfen der Zunftschreiner. Jedes Stück erzählt eine Geschichte: von der handwerklichen Präzision vergangener Epochen, von Traditionen, die Generationen überdauerten, und von der kulturellen Identität Münchens als Zentrum des Handwerks.
Die Schau ist mehr als eine Retrospektive. Sie knüpft an aktuelle Debatten über Nachhaltigkeit und handwerkliche Qualität in einer Zeit an, in der Massenproduktion oft die Oberhand gewinnt. Das Münchner Stadtmuseum setzt damit bewusst einen Kontrast – und lädt ein, die Wertschätzung für handgefertigte Objekte neu zu entdecken. Besonders für Münchner Besucher bietet die Ausstellung eine Chance, die Wurzeln der Stadt auf unkonventionelle Weise zu erleben: nicht durch trockene Fakten, sondern durch die handfesten Spuren derer, die München mit ihren Händen geprägt haben.
Vom Handwerksbetrieb zur Museumsperle
Was als bescheidener Schreinerbetrieb im 16. Jahrhundert begann, zählt heute zu den kostbarsten Exponaten des Münchner Stadtmuseums: die originalgetreue Werkstatt des Meisters Erasmus Grasser. Seine geschnitzten Figuren für die Morris-Tänzer im Alten Rathaus prägten nicht nur das Stadtbild, sondern gelten laut Handwerkshistorikern als „Schlüsseldokumente der spätgotischen Kunsthandwerks“. Die Ausstellungsmacher haben Grasers Arbeitsplatz nun detailgenau rekonstruiert – inklusive der typischen Hobelspäne auf dem Boden und den originalen Werkzeugspuren an der Bank.
Doch nicht nur Einzelstücke wie Grasers Erbe stehen im Fokus. Eine aktuelle Studie des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege zeigt: Über 60 Prozent der heute im Museum gezeigten Handwerksobjekte stammen aus Betrieben, die einst im Münchner Stadtkern ansässig waren. Viele davon überdauerten nur, weil sie rechtzeitig in städtischen Besitz übergingen – wie die prächtige Uhrmacherwerkstatt der Familie Enzensberger, deren filigrane Räderwerke noch immer funktionstüchtig sind.
Besonders kurios: die Geschichte der ehemaligen Kürschnerei an der Sendlinger Straße. Als das Gebäude 1972 abgerissen werden sollte, entdeckten Arbeiter hinter einer verputzten Wand Dutzende unverkaufte Pelzmützen aus dem 19. Jahrhundert – perfekt konserviert durch die jahrelange Dunkelheit. Diese zufällige Rettung macht heute einen eigenen Ausstellungsbereich aus.
Die Transformation vom alltäglichen Arbeitsplatz zum musealen Juwel vollzieht sich oft unspektakulär. Viele Exponate gelangten durch Schenkungen oder Nachlassregelungen ins Museum, nachdem die letzten Betriebsinhaber in Rente gingen. So auch die Sammlung des Metallbildhauers Fritz Kühn, dessen Entwürfe für die Olympiaparks 1972 nun neben historischen Schmiedearbeiten aus dem 17. Jahrhundert stehen – eine Brücke zwischen Tradition und Moderne, die das Stadtmuseum bewusst inszeniert.
Meisterwerke aus fünf Jahrhunderten Münchner Tradition
Das Münchner Stadtmuseum entführt Besucher mit seiner neuen Ausstellungsreihe in eine Welt handwerklicher Präzision, die bis ins 16. Jahrhundert zurückreicht. Über 200 Exponate – von filigranen Goldschmiedearbeiten bis zu robusten Zunfttruhen – erzählen Geschichten einer Stadt, deren Handwerkstraditionen einst europaweit Maßstäbe setzten. Besonders die Sammlung historischer Uhrmacherwerke, darunter ein Räderuhr aus dem Jahr 1580, verdeutlicht den technischen Erfindungsreichtum der Epoche. Die Objekte stammen größtenteils aus dem eigenen Depot des Museums, das mit über 12.000 handwerklichen Zeugnissen zu den umfangreichsten seiner Art in Süddeutschland zählt.
Ein Höhepunkt der Schau ist die Rekonstruktion einer Schreinerwerkstatt aus dem 18. Jahrhundert. Hier lassen originalgetreue Werkzeuge und halbfertige Möbelstücke die Arbeitsbedingungen der damaligen Zunftmeister nachvollziehbar werden. Handwerkshistoriker betonen, dass München als Residenzstadt der Wittelsbacher besonders im 17. und 18. Jahrhundert ein Zentrum für luxuriöse Hofkunst war – etwa 60 Prozent der ausgestellten Stücke entstanden in direktem Auftrag des Adels.
Die Bandbreite der gezeigten Techniken überrascht: Neben den erwarteten Metallarbeiten und Textilien finden sich seltene Beispiele für Münchner Emailmalerei oder die fast vergessene Kunst des Perlmutter-Drechselns. Ein besonders kurioses Exponat ist ein mit Elfenbein intarsierter Jagdspiegel aus dem Jahr 1695, der ursprünglich für Kurfürst Max Emanuel angefertigt wurde. Solche Stücke dokumentieren nicht nur handwerkliches Können, sondern auch den kulturellen Austausch zwischen München und anderen europäischen Metropolen wie Paris oder Prag.
Die Ausstellung setzt bewusst auf eine chronologische Präsentation, die Entwicklungslinien über die Jahrhunderte sichtbar macht. Während die frühen Exponate noch stark von religiösen Motiven geprägt sind, zeigen die Stücke aus dem 19. Jahrhundert zunehmend den Einfluss der Industrialisierung – etwa durch die Einführung von Serienfertigungstechniken in traditionellen Betrieben. Doch selbst in dieser Übergangsphase blieb Münchens Handwerk für seine Qualität bekannt: Allein zwischen 1820 und 1850 verdreifachte sich die Zahl der eingetragenen Meisterbetriebe in der Stadt.
Wie ein Schreinerstuhl aus dem 16. Jahrhundert heute noch fasziniert
Zwischen den filigranen Uhrwerken und den schmiedeeisernen Türbeschlägen der Ausstellung sticht ein unscheinbares Möbelstück besonders hervor: ein Schreinerstuhl aus dem frühen 16. Jahrhundert, dessen schlichte Eleganz Besucher seit der Eröffnung der Schau im Münchner Stadtmuseum in Bann zieht. Gefertigt aus massiver Eiche mit typischen Keilzinkenverbindungen, verkörpert der Stuhl eine Handwerkskunst, die ohne moderne Maschinen auskam – und doch Präzision zeigt, die selbst heutige Tischler bewundern.
Was den Stuhl so faszinierend macht, ist nicht allein sein Alter, sondern die Geschichte, die in jedem Detail steckt. Die Sitzfläche, über Jahrhunderte abgenutzt, trägt die Spuren unzähliger Handwerker, die darauf saßen, während sie an Truhen oder Altären arbeiteten. Laut Restauratoren des Museums weisen die spezifischen Abnutzungsmuster darauf hin, dass der Stuhl mindestens 200 Jahre lang täglich genutzt wurde – ein Beleg für die Langlebigkeit historischer Handwerksqualität.
Besonders auffällig sind die seitlichen Wangenteile, die mit einfachen, aber funktionalen Kerbschnitten verziert sind. Diese Verzierungen dienten nicht der Zierde, sondern als praktische Halterungen für Werkzeuge. Ein Detail, das moderne Designer heute als frühe Form des „multifunktionalen Möbeldesigns“ interpretieren. Der Stuhl steht damit exemplarisch für die Philosophie mittelalterlicher Handwerker: Schönheit ergab sich aus Zweckmäßigkeit, nicht umgekehrt.
Im Kontrast zu den prunkvollen Stücken der Ausstellung wirkt der Schreinerstuhl fast bescheiden. Doch gerade diese Schlichtheit macht ihn zum heimlichen Star der Schau – und zu einem Mahnmal für eine Handwerkskultur, die Perfektion nicht in der Masse, sondern im einzelnen, wohlüberlegten Schnitt suchte.
Führungen und Workshops: Handwerk selbst erleben
Wer im Münchner Stadtmuseum nur staunen will, verpasst die Hälfte des Erlebnisses. Die neue Ausstellung „Handwerkskunst – Meisterwerke aus fünf Jahrhunderten“ setzt bewusst auf Interaktion: Über 30 Führungen und Workshops pro Monat laden Besucher ein, traditionelle Techniken nicht nur zu betrachten, sondern selbst auszuprobieren. Von der Goldschmiedekunst bis zur Holzintarsie – unter Anleitung erfahrener Handwerker können Laien hier seltene Fertigkeiten begreifen, die sonst nur noch in wenigen Werkstätten gepflegt werden.
Besonders gefragt sind die praxisnahen Kurse zur Buchbinderei und Lederverarbeitung. Laut einer aktuellen Umfrage des Bayerischen Handwerkstags zeigen sich 78 Prozent der Teilnehmer überrascht, wie zugänglich komplexe Handwerkstechniken bei guter Anleitung sind. Die Workshops dauern zwischen zwei und vier Stunden, wobei die Materialkosten im Ticketpreis enthalten sind. Wer etwa beim „Filigran-Schmieden“ mitmacht, nimmt am Ende ein selbst gefertigtes Schmuckstück mit nach Hause – ein greifbares Andenken an das handwerkliche Erbe der Stadt.
Für Schulklassen und Familien gibt es spezielle Formate wie die „Handwerks-Rallye“, bei der Kinder an verschiedenen Stationen historische Werkzeuge ausprobieren. Auch die Abendführungen mit Fokus auf bestimmte Epochen – etwa das Münchner Handwerk im 18. Jahrhundert – stoßen auf großes Interesse. Die Museumspädagogik arbeitet hier eng mit der Handwerkskammer für München und Oberbayern zusammen, um authentische Einblicke zu gewährleisten.
Wer lieber beobachtet, kann an den offenen Vorführungen teilnehmen. Jeden Samstag zeigen Handwerker wie Drechsler oder Glasbläser ihr Können live in der Ausstellung. Die Termine sind ohne Voranmeldung zugänglich und besonders bei Touristen beliebt.
Die nächste Ausstellung: Was Besucher 2025 erwartet
2025 öffnet das Münchner Stadtmuseum seine Türen für eine Ausstellung, die Handwerkskunst nicht nur zeigt, sondern erlebbar macht. Unter dem Titel „Meisterhaft – 500 Jahre Handwerk in München“ werden über 300 Exponate präsentiert, darunter selten gezeigte Stücke aus Privatbesitz und restaurierte Werkzeuge aus der Frühphase der Zunftgeschichte. Besonders die interaktiven Stationen heben sich ab: Besucher können etwa an originalgetreuen Nachbauten historischer Drehbänke selbst testen, wie Münchner Tischler im 18. Jahrhundert arbeiteten. Ein Novum ist die Kooperation mit aktiven Handwerksbetrieben der Stadt, die live vor Ort traditionelle Techniken demonstrieren – vom Glasblasen bis zur Lederverbearbeitung.
Kuratorische Schwerpunkte liegen auf den sozialen Strukturen der Zünfte und ihrem Einfluss auf das städtische Leben. Archivmaterial wie Zunftbücher und Vertragsurkunden aus dem 16. Jahrhundert beleuchtet, wie Handwerker damals Rechte erkämpften und Wissen weitergaben. Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität München, die für die Ausstellung herangezogen wurde, zeigt: Rund 60 Prozent der heutigen Münchner Handwerksbetriebe lassen sich auf Familienunternehmen zurückführen, die bereits vor 1900 gegründet wurden. Diese Kontinuität wird durch eine digitale Ahnenforschung-Station greifbar, in der Besucher nach den Wurzeln lokaler Betriebe suchen können.
Ein Highlight bildet der Bereich „Unsichtbare Meisterleistungen“, der handwerkliche Spitzenleistungen würdigt, die im Alltag kaum wahrgenommen werden. Dazu zählen etwa die filigranen Metallarbeiten an historischen Uhrwerken der Frauenkirche oder die Restaurierungstechniken, mit denen Münchner Steinmetze seit Jahrhunderten die Fassade des Alten Rathauses erhalten. Multimediale Installation lassen die Besucher diese Details durch Mikroskopaufnahmen und 3D-Animationen entdecken.
Für Familien und Schulklassen gibt es ein begleitendes Programm mit Workshops, in denen Kinder unter Anleitung einfacher Handwerkstechniken ausprobieren – vom Schnitzen bis zum Weben. Die Ausstellung läuft vom 15. März bis 30. November 2025 und wird durch ein Rahmenprogramm mit Vorträgen von Handwerksmeistern und Stadtgeschichtlern ergänzt.
Die Ausstellung „Handwerkskunst in München“ beweist auf eindrucksvolle Weise, wie lebendig Traditionen sein können: Über 200 Exponate von der Renaissance bis ins digitale Zeitalter zeigen nicht nur handwerkliche Meisterleistung, sondern auch die ungebrochene Kreativität der Stadt. Wer durch die Räume des Münchner Stadtmuseums geht, spürt, wie sich Technik und Ästhetik über Jahrhunderte weiterentwickelt haben – ohne ihren Kern zu verlieren.
Wer selbst Handwerk erleben möchte, sollte die begleitenden Workshops nutzen, in denen lokale Kunsthandwerker ihr Wissen weitergeben. Bis zum 12. März 2025 bleibt Zeit, diese Hommage an Münchens kulturelles Erbe zu entdecken – und vielleicht neue Inspiration für eigenes Schaffen mitzunehmen.

