120 Millionen Euro sollten reichen, um das Münchner Rathaus zu retten. Doch statt Fortschritt gibt es erneut Stillstand: Die Sanierung des historischen Gebäudes steckt fest, während die Kosten explodieren. Bauverzögerungen, Streit um Verantwortlichkeiten und unklare Finanzierungsmodelle lassen das Projekt zum Dauerärger für Stadtverwaltung und Steuerzahler werden. Seit Jahren kämpft München mit den Folgen jahrzehntelanger Vernachlässigung – jetzt droht das Vorhaben abermals im Chaos zu versinken.
Das Rathaus München ist nicht nur Sitz der Stadtregierung, sondern auch Symbol für die Identität der Landeshauptstadt. Doch statt als stolzes Wahrzeichen strahlt es derzeit vor allem durch Gerüste und Planungspleiten. Für Bürger und Gewerbetreibende wird die Baustelle zur Geduldsprobe, während Politiker sich in Schuldzuweisungen verlieren. Die Frage, wer die Millionenlücke stopfen soll, bleibt vorerst unbeantwortet – und mit jedem Monat ohne Lösung wächst der Frust über ein Projekt, das längst zum Menetekel für Münchens Umgang mit seinem kulturellen Erbe geworden ist.
Verzögerungen mit System: Warum die Rathaus-Sanierung seit Jahren hakt
Seit 2018 sollte das Münchner Rathaus eigentlich längst in neuem Glanz erstrahlen. Doch statt Fortschritt prägt seit Jahren ein einziger Begriff die Baustelle: Verzögerung. Ursprünglich auf fünf Jahre angelegt, hat sich die Sanierung des historisch wertvollen Gebäudes längst zu einem Marathon entwickelt – mit unklarer Ziellinie.
Allein die Planungsphase zog sich über 36 Monate hin, doppelt so lange wie bei vergleichbaren Großprojekten. Bauhistoriker verweisen auf die Komplexität: Über 300 Einzeldenkmale im Inneren, von der neugotischen Fassade bis zu den originalen Treppenhäusern, erfordern eine behutsame Restaurierung. Jeder Eingriff muss mit dem Landesamt für Denkmalpflege abgestimmt werden – ein Prozess, der selbst bei Routinearbeiten Wochen verschlingen kann.
Doch Bürokratie ist nur ein Teil des Problems. Wie aus internen Unterlagen hervorgeht, häufen sich seit 2021 Lieferengpässe bei speziellen Natursteinen und handgefertigten Zierelementen. Die Pandemie verschärfte die Situation: Ein italienischer Steinmetzbetrieb, der für die Replikation historischer Ornamente zuständig war, stellte 2022 vorübergehend die Produktion ein. Die Suche nach Alternativen kostete weitere sechs Monate.
Kritiker monieren zudem eine zögerliche Steuerung durch die Stadtverwaltung. Während andere Kommunen bei Sanierungen auf digitale Bauüberwachung setzen, arbeitet München hier noch mit klassischen Gutachten – ein Verfahren, das Experten der TU München als „nicht mehr zeitgemäß“ einstuften. Die Folge: Selbst kleine Planänderungen führen zu wochenlangen Stillständen.
Dass selbst die jüngste Kostenerhöhung um 20 Millionen Euro die Probleme nicht löst, zeigt: Ohne grundlegende Reformen im Projektmanagement droht das Rathaus noch Jahre eine Baustelle zu bleiben.
120 Millionen Euro im Disput: Wer trägt die Kostenexplosion?
Die Sanierung des Münchner Rathauses droht an einer Kostenexplosion von 120 Millionen Euro zu scheitern – doch wer muss für die Mehrkosten aufkommen? Die Stadtverwaltung pocht auf eine Übernahme durch den Freistaat Bayern, während die Landesregierung die Verantwortung klar bei der Kommune sieht. Im Raum steht eine juristische Auseinandersetzung, die das Projekt um Jahre verzögern könnte.
Hintergrund ist eine aktuelle Gutachteranalyse, die eine Verdopplung der ursprünglich veranschlagten 240 Millionen Euro auf nun 360 Millionen Euro bestätigt. Ursache sind nicht nur gestiegene Materialpreise, sondern auch unvorhergesehene statische Probleme im historischen Gemäuer. Experten aus dem Denkmalbereich warnen, dass bei weiteren Verzögerungen die Substanz des Gebäudes aus dem 19. Jahrhundert irreparablen Schaden nehmen könnte.
Besonders brisant: Die Stadt München argumentiert, dass rund 40 Prozent der Mehrkosten auf verschärfte Brandschutzauflagen des Landes zurückgehen. Eine interne Studie des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege zeigt jedoch, dass bereits bei der ersten Kostenschätzung 2018 Risikopuffer fehlten. Die Diskussion eskalierte, als der Oberbürgermeister kürzlich eine „politische Lösung“ forderte – ohne konkrete Finanzierungsvorschläge zu unterbreiten.
Während die Verhandlungen stocken, wächst der Druck. Bürgerinitiativen fordern Transparenz, und die CSU-Fraktion im Stadtrat droht mit einem Sonderausschuss. Klar ist nur: Jeder Monat ohne Entscheidung treibt die Kosten weiter in die Höhe.
Risse im Mauerwerk, Streit im Ausschuss: Die drängendsten Baustellen
Die Risse im Mauerwerk des Münchner Rathauses erzählen eine klare Sprache: Seit Jahren kämpft die Stadt mit den Folgen jahrzehntelanger Vernachlässigung. Besonders kritisch ist die Situation am Hauptturm, wo Feuchtigkeit und Salzausblühungen die Sandsteinfassade so stark angegriffen haben, dass laut einem Gutachten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege bereits 30 Prozent der Steinoberfläche akut sanierungsbedürftig sind. Die Kosten für die dringendsten Maßnahmen allein an der Fassade werden auf mindestens 25 Millionen Euro geschätzt – eine Summe, die im aktuellen Haushaltsentwurf noch nicht gesichert ist.
Doch nicht nur die Bausubstanz bröckelt. Im Bauausschuss eskalieren seit Monaten die Konflikte zwischen den Fraktionen über Prioritäten und Finanzierung. Während die CSU auf eine schnelle, aber teure Komplettsanierung drängt, blockieren Grünen und SPD die Freigabe weiterer Mittel mit dem Argument, zunächst unabhängige Kostenschätzungen abzuwarten. Letzte Woche platzte die Geduld von Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD), der die Debatten als „zeitraubende Grabenkämpfe“ bezeichnete.
Ein besonderer Zankapfel bleibt die Frage, wie viel moderne Technik in das denkmalgeschützte Gebäude integriert werden darf. Experten für Historische Bauforschung warnen davor, dass unsachgemäße Eingriffe – etwa bei der geplanten Klimatisierung des Plenarsaals – den Charakter des Neubarock-Baus unwiderruflich verändern könnten. Gleichzeitig pocht die Verwaltung auf barrierefreie Zugänge und energetische Mindeststandards, die ohne tiefgreifende Umbauten nicht zu erreichen sind.
Hinzu kommt der Zeitdruck: Seit dem teilweisen Räumungsbefehl für die oberen Stockwerke im Herbst 2022 arbeiten Teile der Stadtverwaltung in Provisorien. Die Verzögerungen kosten nach Berechnungen der Kämmerei täglich etwa 12.000 Euro – Geld, das anderswo im Haushalt fehlt.
Bürgermeister unter Druck: Wie die Stadt jetzt reagieren will
Der Münchner Oberbürgermeister rechnet mit harten Wochen. Seit die Kostenexplosion für die Rathaus-Sanierung öffentlich wurde, häufen sich die Vorwürfe: Unklare Planungen, mangelnde Transparenz, zu spät reagiert. Die Stadtverwaltung hat nun einen Krisenstab eingerichtet, der wöchentlich über Fortschritte berichten soll – eine Reaktion auf die Kritik, dass Bürger und Stadträte monatelang im Dunkeln blieben.
Konkrete Maßnahmen stehen bereits fest. Die Bauarbeiten an der historischen Fassade werden priorisiert, während Innenausbau und technische Modernisierung gestreckt werden. Laut einem Gutachten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege könnte diese Umstellung die Gesamtkosten um bis zu 15 Prozent drücken, ohne den Denkmalschutz zu gefährden. Ob das reicht, bleibt fraglich: Allein die Statik-Sanierung des Turms schluckt bereits 30 Millionen Euro mehr als veranschlagt.
Politisch wird die Lage brisant. Die Opposition wirft der Rathausspitze vor, Warnsignale ignoriert zu haben, während die CSU betont, man habe „von Anfang an auf eine sorgfältige Abwägung gesetzt“. Fakt ist: Die Verzögerungen kosten täglich Geld. Pro Monat Stillstand entstehen laut internen Berechnungen zusätzliche Kosten von rund 500.000 Euro – eine Summe, die selbst in Münchens gut gefüllten Kassen wehtut.
Bürgermeister Dieter Reiter (SPD) kündigte an, bis Ende September ein „belastbares Finanzkonzept“ vorzulegen. Ob das die Gemüter beruhigt, ist ungewiss. Die Forderung nach einem unabhängigen Kontrollgremium wird lauter, und erste Stimmen verlangen sogar einen Baustopp, bis alle Zahlen offen auf dem Tisch liegen.
Neue Pläne, alte Probleme – wann das Rathaus endlich wieder glänzt
Seit über einem Jahrzehnt kämpft München mit der Sanierung seines historischen Rathauses – und die jüngsten Pläne zeigen: Der Weg zum Ziel bleibt steinig. Ursprünglich für 2025 avisiert, droht die Fertigstellung nun erneut in die Länge gezogen zu werden. Schuld sind nicht nur die explodierenden Kosten, die laut aktuellem Stand bei rund 120 Millionen Euro liegen. Auch handfeste technische Herausforderungen bremsen das Projekt aus, etwa die aufwendige Trockenlegung der Fundamente, die durch jahrzehntelange Feuchtigkeitsschäden notwendig wurde.
Experten für Denkmalschutz warnen seit Langem vor den Risiken halbherziger Lösungen. Eine Studie des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege aus dem Jahr 2022 betont, dass bei historischen Gebäuden dieser Größe jede nachträgliche Korrektur die Kosten um bis zu 30 Prozent in die Höhe treiben kann. Doch während Fachleute auf langfristige Konzepte drängen, steht die Stadt unter Zeitdruck: Die provvisorischen Büros der Verwaltung in angemieteten Immobilien verschlingen jährlich Millionen – Geld, das an anderer Stelle fehlt.
Besonders brisant wird die Debatte um die Fassade. Die prunkvollen Neurenaissance-Ornamente, einst Symbol Münchens stolzer Geschichte, sind an vielen Stellen so stark verwittert, dass selbst moderne Restaurierungsmethoden an Grenzen stoßen. Hier scheiden sich die Geister: Soll man originalgetreu rekonstruieren – oder mit zeitgemäßen Materialien arbeiten, die weniger pflegeintensiv sind? Eine Entscheidung, die nicht nur handwerkliche, sondern auch politische Sprengkraft birgt.
Dass das Rathaus irgendwann wieder in altem Glanz erstrahlt, steht außer Frage. Wann genau, bleibt jedoch ungewiss. Die jüngste Sitzung des Bauausschusses endete ohne konkrete Beschlüsse, nur mit dem Versprechen, bis zum Herbst „realistischere Zeitpläne“ vorzulegen. Bis dahin bleibt das Wahrzeichen der Stadt ein Symbol für die Schwächen moderner Großprojekte: zu optimistische Planung, zu wenig Puffer, zu viele Köche.
Die Sanierung des Münchner Rathauses bleibt ein Lehrstück für Planungsdesaster: Nach Jahren der Verzögerungen, explodierenden Kosten und jetzt einem neuen Streit um 120 Millionen Euro zeigt sich, wie schnell Prestigeprojekte ohne klare Verantwortlichkeiten und transparente Entscheidungswege zum Spielball politischer Interessen werden. Dass selbst ein Wahrzeichen der Stadt wie das Rathaus zum Sanierungsfall wird, untergräbt nicht nur das Vertrauen in die Verwaltung, sondern bindet Ressourcen, die an anderer Stelle dringend fehlen.
Wer ähnliche Großprojekte in Zukunft vermeiden will, sollte von Anfang an unabhängige Kontrollgremien einsetzen und verbindliche Meilensteine mit finanziellen Konsequenzen bei Nichteinhaltung festlegen—sonst droht München auch bei künftigen Vorhaben das gleiche Schicksal. Die nächste Runde der Verhandlungen wird zeigen, ob die Stadt aus ihren Fehlern lernt oder ob das Rathaus weiter als Mahnmal für versäumte Chancen steht.

