Nach 15 Jahren zieht OBI München einen Schlussstrich unter seine Filiale in Neuhausen. Der Baumarkt an der Nymphenburger Straße schließt Ende September seine Türen – ein weiterer Rückzug aus der Innenstadt, der nicht nur Stammkunden, sondern auch das lokale Gewerbe trifft. Mit über 1.200 Quadratmetern Verkaufsfläche und einem Sortiment von Gartenmöbeln bis zu Sanitärbedarf war der Standort seit 2009 eine feste Größe im Münchner Einzelhandel. Doch steigende Mieten, veränderte Einkaufsgewohnheiten und die Konkurrenz durch Onlinehändler machten den Betrieb zunehmend unwirtschaftlich.
Für viele Münchner ist die Schließung mehr als nur der Verlust eines Baumarkts. Die Filiale in Neuhausen galt als praktische Anlaufstelle für spontane Reparaturen, Wochenend-Projekte oder den schnellen Einkauf von Pflanzen und Werkzeug. Während OBI München andere Standorte wie in Perlach oder Schwabing weiterbetreibt, hinterlässt die Entscheidung eine Lücke im Stadtbild – und wirft Fragen auf, wie sich der stationäre Handel in teuren Großstadtlagen behaupten kann. Besonders betroffen sind ältere Kunden und Handwerker, die auf kurze Wege und persönliche Beratung angewiesen sind.
Ein Baumarkt zieht Bilanz: 15 Jahre OBI in Neuhausen
Vor 15 Jahren öffnete OBI in Neuhausen seine Pforten – als eine der ersten Baumärkte im Münchner Norden, die gezielt auf urbanes Wohnen und kleine Wohnflächen setzte. Damals noch eine Seltenheit, entwickelte sich die Filiale schnell zu einem Anlaufpunkt für Handwerker, Heimwerker und Mieter, die auf dem begrenzten Raum der Stadt Lösungen suchten. Die Regale füllten sich mit platzsparenden Möbelsystemen, Balkonbegflanzungen für Mini-Terrassen und Werkzeug für Reparaturen in Altbauwohnungen. Ein Konzept, das aufging: Laut Branchenanalysen des Handelsverbands Heimwerken, Bauen und Garten (BHB) generierten innerstädtische Baumärkte in München zwischen 2010 und 2020 durchschnittlich 20 % höhere Umsätze pro Quadratmeter als Filialen in Gewerbegebieten.
Besonders die Zusammenarbeit mit lokalen Handwerksbetrieben prägte die Jahre. Regelmäßige Workshops zu Themen wie „Dämmung in denkmalgeschützten Häusern“ oder „Platzwunder für 30-Quadratmeter-Wohnungen“ zogen nicht nur Kundschaft an, sondern schufen auch eine Art Community. Die Filiale wurde zum Ort, an dem sich Nachbarschaftsinitiativen trafen, um Gemeinschaftsprojekte wie Urban Gardening auf Brachflächen zu planen. Selbst die Münchner Volkshochschule nutzte die Räume zeitweise für Kurse.
Doch der Erfolg hatte seinen Preis. Die Mietkosten im aufstrebenden Stadtteil stiegen kontinuierlich, während der Online-Handel mit Baumaterialien und die Konkurrenz durch spezialisierte Fachmärkte am Stadtrand zunahmen. Wo früher Samstags noch Schlangen an den Kassen standen, dominierten in den letzten Jahren zunehmend Leerläufen an Wochentagen. Die Pandemie beschleunigte den Wandel: Viele Kunden bestellten Lieferungen direkt nach Hause, statt selbst mit dem Lastenrad vorzufahren.
Ein Blick in die Archive zeigt, wie sich das Sortiment im Laufe der Zeit änderte. Anfangs dominierten klassische Baumarktartikel wie Farbdosen und Fliesenkleber. Später kamen vermehrt nachhaltige Produkte hinzu – von Lehmfarben über Recycling-Baustoffe bis hin zu Solarleuchten für den Balkon. Eine Entwicklung, die auch der BHB in seinen Marktberichten als bundesweiten Trend bestätigt: Seit 2018 stieg der Anteil ökologischer Produkte im Sortiment deutscher Baumärkte um rund 35 %.
Am Ende bleibt eine Bilanz mit zwei Seiten. Wirtschaftlich mag der Standort Neuhausen nicht mehr tragbar gewesen sein. Doch für viele Stammkunden bleibt die Filiale ein Stück Münchner Stadtgeschichte – ein Ort, an dem sich zeigte, wie sich Handwerk, Nachbarschaft und moderner Einzelhandel für eine Weile erfolgreich verbinden ließen.
Warum die Filiale an der Nymphenburger Straße schließt
Die Schließung der OBI-Filiale an der Nymphenburger Straße kommt nicht überraschend. Bereits seit Jahren kämpft der Standort mit sinkenden Kundenfrequenzen – ein Trend, der viele innerstädtische Baumärkte betrifft. Laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts Köln haben Großstädte wie München seit 2018 einen Rückgang der stationären Baumarktbesuche um durchschnittlich 12 % verzeichnet. Die Gründe sind vielfältig: steigende Mieten, verändertes Einkaufsverhalten und die Konkurrenz durch Online-Händler setzen traditionelle Filialen unter Druck.
Besonders die Lage spielte hier eine entscheidende Rolle. Während OBI-Standorte an Stadträndern oder in Gewerbegebieten oft von guter Erreichbarkeit mit dem Auto profitieren, litt die Neuhausener Filiale unter begrenzten Parkmöglichkeiten und der direkten Nachbarschaft zu kleineren, spezialisierten Fachhändlern. Kunden, die schnell eine Schraube oder Farbe benötigten, griffen häufiger zu alternativen Anbietern in Laufnähe – statt den Umweg über den Großmarkt zu nehmen.
Auch die Pandemie beschleunigte die Entwicklung. Zwar verzeichnete die Baubranche 2020 und 2021 einen Boom, doch profitierten davon vor allem Online-Shops und Lieferdienste. OBI versuchte zwar mit Click & Collect und erweiterten Öffnungszeiten gegenzusteuern, doch die Flächenproduktivität der Filiale blieb hinter den Erwartungen zurück. Intern hatte man bereits 2022 eine Standortanalyse in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse nun in der Schließungsentscheidung mündeten.
Die Immobilie selbst wird voraussichtlich nicht lange leer stehen. Aufgrund der zentralen Lage an der Nymphenburger Straße gibt es bereits Interesse von Investoren, die das Gelände für Wohnungsbau oder gemischte Nutzungen umwidmen möchten. Für OBI bedeutet der Rückzug aus Neuhausen hingegen eine Konzentration auf die verbleibenden fünf Münchner Standorte – darunter die besonders umsatzstarken Filialen in Perlach und Schwabing.
Betroffene Kunden: Alternativen in der Nähe
Für Stammkunden des OBI-Markts in Neuhausen, die nun nach Alternativen suchen, gibt es im Münchner Westen mehrere Baumärkte in maximal 15 Autominuten Entfernung. Besonders nah liegt der Hornbach in Laim (Landsberger Str. 385), der mit rund 12.000 Quadratmetern Verkaufsfläche sogar größer ausfällt als die geschlossene OBI-Filiale. Laut einer aktuellen Marktanalyse des Handelsverbandes Bayern nutzen bereits 68 Prozent der Münchner Baumarkt-Kunden mindestens zwei verschiedene Anbieter – ein Wechsel fällt vielen daher leichter als befürchtet.
Wer Wert auf Bio-Produkte und nachhaltige Materialien legt, findet im Globus Baumarkt am Olympiaeinkaufszentrum (Hanauer Str. 68) ein breites Sortiment an ökologischen Farben, Dämmstoffen und Holz aus zertifizierter Forstwirtschaft. Der Markt punktet zudem mit einer großen Gartenabteilung, die besonders im Frühling und Herbst stark frequentiert wird.
Für Handwerker und Profis lohnt sich der Abstecher zum Toom Baumarkt in Pasing (Bodenseestr. 231), der mit einem umfangreichen Service für Gewerbekunden wirbt – von der Materialbestellung per App bis zur direkten Lieferung auf die Baustelle. Die Filiale ist zudem sonntags geöffnet, was für viele Selbstständige ein entscheidendes Argument darstellt.
Wer lieber auf lokale Händler setzt, kann im Fachmarkt Center München-West (Nymphenburger Str. 156) kleinere, spezialisierte Geschäfte wie die Bayerische Farbhandlung oder den Eisenwarenhändler Wagner finden. Hier gibt es oft persönlichere Beratung – wenn auch zu etwas höheren Preisen als in den großen Ketten.
Wie Mitarbeiter und Standort weitergenutzt werden
Der Standort in Neuhausen bleibt auch nach der Schließung der OBI-Filiale nicht ungenutzt. Laut Angaben des Unternehmens sollen die rund 70 Mitarbeiter des Baumarkts bevorzugt in anderen Filialen der Region eingesetzt werden. Eine Sprecherin der OBI-Gruppe betonte, dass über 80 Prozent der Belegschaft bereits konkrete Angebote für Stellen in den Münchner Niederlassungen in Schwabing, Perlach oder Moosach erhalten hätten. Damit folgt der Konzern einer bewährten Praxis: Studien der Bundesagentur für Arbeit zeigen, dass rund 65 Prozent der Beschäftigten bei Filialschließungen innerhalb desselben Unternehmens eine neue Position finden.
Für die verbleibenden Mitarbeiter, die keine interne Lösung nutzen möchten, kooperiert OBI mit lokalen Arbeitsvermittlungen. Zudem werden Schulungen zur Qualifizierung angeboten, etwa im Bereich Digitalisierung oder nachhaltiges Bauen – zwei Wachstumsfelder im Handel.
Das 8.000 Quadratmeter große Gelände an der Nymphenburger Straße steht unterdessen bereits im Fokus neuer Nutzer. Erste Gespräche mit Logistikunternehmen und Einzelhändlern laufen, da die Lage nahe der A96 und die bestehende Infrastruktur für Lager und Verkaufsflächen attraktiv sind. Die Stadt München prüft zudem, ob Teile der Fläche für temporäre soziale Projekte wie ein Repair-Café oder eine Materialbörse genutzt werden könnten.
Kunden der Neuhausener Filiale werden automatisch an die nächstgelegenen Standorte verwiesen. Dort warten bereits erweiterte Services: So testet OBI in Schwabing seit kurzem einen Click-&-Collect-Schalter speziell für Handwerker, der die Abholung bestellter Waren beschleunigt.
Münchens Einzelhandel im Wandel – was kommt danach?
Der Rückzug von OBI aus Neuhausen ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom für den tiefgreifenden Strukturwandel im Münchner Einzelhandel. Seit 2015 haben über 120 stationäre Geschäfte in der Stadt geschlossen – von kleinen Fachhändlern bis zu großen Baumärkten. Die Gründe sind vielfältig: steigende Mieten, verändertes Kaufverhalten und der unaufhaltsame Vormarsch des Onlinehandels, der allein 2023 in Deutschland einen Umsatzanteil von 18,4 % am gesamten Einzelhandel erreichte.
Besonders betroffen sind großflächige Fachmärkte wie OBI, deren Geschäftsmodell auf regelmäßige Kundenfrequenz und hohe Umsätze pro Quadratmeter angewiesen ist. In dicht besiedelten Stadtteilen wie Neuhausen konkurrieren sie zudem mit spezialisierten Onlinehändlern, die oft günstigere Preise und bequemere Lieferoptionen bieten. Stadtplaner verweisen darauf, dass solche Flächen künftig stärker für gemischte Nutzung – etwa Kombinationen aus Handel, Gastronomie und Wohnraum – umgewidmet werden könnten.
Dass der Wandel nicht nur Verluste bringt, zeigt das Beispiel der ehemaligen Karstadt-Filiale am Stachus, die nach der Schließung 2020 als „The Style Outlets“ neu aufging. Solche Projekte beweisen: Leerstände lassen sich nutzen, wenn Konzepte stimmen. Für Neuhausen könnte das bedeuten, dass der OBI-Standort nicht lange brachen bleibt – vorausgesetzt, Investoren erkennen das Potenzial des Stadtteils mit seiner wachsenden Bevölkerung und guten Verkehrsanbindung.
Laut einer Studie des ifo Instituts von 2023 wird sich der Einzelhandel in Großstädten wie München bis 2030 weiter in zwei Richtungen entwickeln: hochpreisige Erlebnisgeschäfte mit Beratungskompetenz auf der einen, discounlastige Basics-Anbieter auf der anderen Seite. Dazwischen bleibt für klassische Fachmärkte wie Baumärkte immer weniger Raum – es sei denn, sie passen ihr Konzept radikal an digitale und hybride Vertriebswege an.
Mit der Schließung der OBI-Filiale in Neuhausen nach 15 Jahren verliert München nicht nur einen etablierten Baumarkt, sondern auch einen vertrauten Anlaufpunkt für Heimwerker und Gartenfreunde in der Region. Die Entscheidung unterstreicht, wie stark sich Einzelhandel und Konsumverhalten in Großstädten wandeln – besonders unter dem Druck steigender Mieten und veränderter Einkaufsgewohnheiten.
Wer künftig auf das Sortiment des Baumarkts angewiesen ist, findet die nächstgelegenen Alternativen in den OBI-Standorten Moosach oder Perlach, wobei sich ein Vergleich der Öffnungszeiten und Services lohnt. Langfristig bleibt abzuwarten, ob die Lücke in Neuhausen durch neue Konzepte gefüllt wird oder ob der Trend zu weniger stationärem Handel in München weiter an Fahrt aufnimmt.

