Nach monatelangen Verzögerungen rollen sie endlich: Die Münchner S-Bahn hat zwölf nagelneue Züge des Typs ET 490 in den Fahrplan aufgenommen. Die ersten Passagiere konnten sie am 15. Juli auf der Linie S3 zwischen Mammendorf und Holzkirchen nutzen – ein Meilenstein für den seit Jahren überlasteten Nahverkehr in der bayerischen Landeshauptstadt. Die neuen Züge sollen nicht nur Verspätungen reduzieren, sondern auch mit mehr Sitzplätzen, Klimaanlagen und barrierefreien Einstiegen den Komfort deutlich verbessern.
Für Pendler und Gelegenheitsfahrer der Bahn München kommt die Aufstockung der Flotte gerade rechtzeitig: Die Auslastung der S-Bahn-Linien hatte in den vergangenen Monaten immer wieder für Frust gesorgt, besonders zu Stoßzeiten. Doch die neuen Züge allein werden die Probleme nicht lösen – parallel laufen Sanierungen an Streckenabschnitten und Signaltechnik, die ebenfalls für Verzögerungen im Netz der Bahn München sorgen. Ob der Fahrplan nun stabiler wird, zeigt sich in den kommenden Wochen.
Lange Wartezeit: Warum die neuen Züge so spät kamen
Die monatelange Verzögerung bei der Auslieferung der neuen S-Bahn-Züge für München hat nicht nur Fahrgäste genervt, sondern auch die Verantwortlichen vor erhebliche Herausforderungen gestellt. Ursprünglich sollten die ersten Fahrzeuge des Typs Alstom Coradia Stream HC bereits im Frühjahr 2023 den Betrieb aufnehmen. Doch Lieferkettenengpässe, insbesondere bei elektronischen Bauteilen wie Halbleitern, bremsten den Zeitplan massiv aus. Laut einem Bericht des Bayerischen Verkehrsministeriums verzögerten sich allein die Zulieferungen für die Steuerungstechnik um bis zu sechs Monate – ein Problem, das branchenweit die Bahnindustrie trifft.
Hinzu kamen unvorhergesehene technische Hürden. Die Züge mussten für den Münchner S-Bahn-Betrieb speziell angepasst werden, darunter die Integration in das bestehende Signalsystem und die Einhaltung der strengen Brandschutzvorschriften. Experten aus dem Bereich Schienenfahrzeugzulassung betonen, dass solche Anpassungen oft unterschätzt werden: Rund 30 Prozent der Verzögerungen bei neuen Zugmodellen gehen auf nachträgliche Software-Updates und Sicherheitszertifizierungen zurück.
Auch die Kapazitäten der Hersteller spielten eine Rolle. Alstom, der Hersteller der neuen Züge, hatte parallel mehrere Großaufträge in Europa abzuwickeln – von Regionalzügen in Frankreich bis zu U-Bahnen in Italien. Die Priorisierung dieser Projekte führte zu weiteren Verzögerungen in München. Erst nach intensiven Verhandlungen und einer Neuorganisation der Produktionsabläufe konnten die ersten zwölf Züge nun termingerecht ausgeliefert werden.
Für die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) bedeutet die Verspätung nicht nur logistischen Aufwand, sondern auch zusätzliche Kosten. Pro Monat ohne die neuen Züge entstanden Mehrkosten von etwa 1,2 Millionen Euro für Ersatzfahrzeuge und Personal.
Technische Daten und Neuerungen der 12 S-Bahn-Züge
Die neuen Züge der Baureihe 483/484 bringen nicht nur frischen Wind in den Münchner S-Bahn-Verkehr, sondern setzen auch technische Maßstäbe. Mit einer Länge von 140 Metern und Platz für bis zu 1.200 Fahrgäste pro Zug übertreffen sie ihre Vorgänger um gut 20 Prozent an Kapazität. Die dreiteiligen Einheiten verfügen über breitere Türen, die den Ein- und Ausstieg beschleunigen – ein entscheidender Faktor in Stoßzeiten, wenn jede Sekunde zählt. Die Züge erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h, was sie zu den schnellsten S-Bahnen im deutschen Netz macht.
Ein zentrales Upgrade betrifft die Energieeffizienz. Dank moderner Antriebstechnik und Leichtbauweise verbrauchen die neuen Züge bis zu 30 Prozent weniger Strom als die alten Modelle, wie unabhängige Tests des Verkehrsverbunds bestätigen. Die Wiederverwertung der Bremsenergie (Rekuperation) reduziert den Energiebedarf zusätzlich, besonders auf Strecken mit häufigen Halten. Auch die Lärmemissionen sanken spürbar: Messungen ergaben eine Reduzierung um bis zu 5 Dezibel im Innenraum – ein Vorteil für Pendler auf langen Fahrten.
Für mehr Komfort sorgen klimatisierte Fahrgastbereiche, die selbst bei sommerlichen Temperaturen eine konstante Innentemperatur halten. Die Sitze wurden ergonomisch überarbeitet, und USB-Anschlüsse an jedem Platz gehören nun zur Standardausstattung. Barrierefreiheit spielte ebenfalls eine große Rolle: Die Züge verfügen über stufenlose Einstiege, taktile Leitstreifen für Sehbehinderte und spezielle Bereiche für Rollstühle sowie Kinderwagen. Die digitale Anzeigetechnik informiert Echtzeit über Verspätungen oder Umleitungen – eine direkte Reaktion auf häufige Kritik an der alten Flotte.
Hinter den Kulissen arbeitet ein neues Zugsicherungssystem, das Störungen schneller erkennt und die Wartungsintervalle optimiert. Sensoren überwachen kontinuierlich den Zustand von Bremsen, Rädern und Türen, was die Ausfallzeiten um voraussichtlich 15 Prozent senken soll. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) betont, dass diese Technologie künftig als Blaupause für weitere Modernisierungsprojekte im Netz dienen wird.
Fahrplanänderungen: Wo die Züge ab sofort unterwegs sind
Ab sofort rollen die neuen S-Bahn-Züge auf drei Hauptstrecken des Münchner Netzes – und bringen damit Entlastung für tausende Pendler. Die 12 zusätzlichen Fahrzeuge vom Typ Alstom Coradia Stream HC verstärken vor allem die Linien S1 (Freising–Flughafen–München–Ostbahnhof), S4 (Geltendorf–München–Ebersberg) und S8 (Herrsching–München–Flughafen). Besonders auf der S1, wo die Auslastung während der Stoßzeiten regelmäßig über 120 Prozent lag, sollen die zusätzlichen Kapazitäten die chronischen Überfüllungen lindern. Laut Angaben der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG) rechnet man mit einer Reduzierung der Verspätungen um bis zu 15 Prozent auf diesen Strecken.
Die größten Änderungen gibt es im 20-Minuten-Takt: Auf der S4 zwischen München und Ebersberg verdichten sich die Fahrten nun zwischen 6 und 9 Uhr sowie 16 und 19 Uhr. Hier waren die Verspätungen im vergangenen Jahr mit durchschnittlich 7,3 Minuten pro Zug besonders hoch – ein Wert, der weit über dem Bundesdurchschnitt lag. Die neuen Züge ermöglichen es, zusätzliche Verstärkerfahrten einzuschieben, ohne den bestehenden Fahrplan komplett umwerfen zu müssen.
Auch die S8 profitiert von den Neuzugängen, allerdings mit einer anderen Strategie. Statt die Taktung zu erhöhen, setzt die S-Bahn München hier auf längere Züge: Drei der vier Wagen der neuen Coradia-Modelle werden auf dieser Linie gekoppelt, was die Sitzplatzkapazität um fast 40 Prozent steigert. Besonders betroffen sind die Abschnitte zwischen Pasing und dem Hauptbahnhof, wo die Züge bisher oft steckenblieben, weil zu viele Fahrgäste gleichzeitig ein- und ausstiegen.
Kritisch bleibt die Situation auf der S2 (Petershausen–Erding–Flughafen), die vorerst keine Verstärkung erhält. Hier verweist die S-Bahn auf anhaltende Personalengpässe bei den Triebfahrzeugführern. Bis mindestens Ende 2024 müssen Fahrgäste auf dieser Strecke mit den gewohnten Einschränkungen leben.
Reaktionen von Fahrgästen und Verkehrsverbund MVV
Die ersten Fahrgäste, die am Montagmorgen in die neuen S-Bahn-Züge stiegen, zeigten sich erleichtert – aber auch skeptisch. „Endlich mal wieder Sitzplätze in der Hauptverkehrszeit“, berichtete eine Pendlerin am Ostbahnhof, während sie die helleren Innenräume und die digitalen Anzeigen begutachtete. Andere bemängelten jedoch, dass die Verspätungen der vergangenen Monate ihr Vertrauen in die Pünktlichkeit des MVV nachhaltig erschüttert hätten. Eine Umfrage des Fahrgastverbands Pro Bahn unter Münchner Pendler:innen hatte erst im März ergeben, dass 68 Prozent der Befragten die Zuverlässigkeit der S-Bahn als „unzureichend“ einstufen – ein Rekordtief seit Beginn der Erhebungen.
Der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) reagierte mit einer Mischung aus Optimismus und Zurückhaltung. In einer offiziellen Stellungnahme betonte man, die neuen Fahrzeuge vom Typ Alstom Coradia Stream HC seien „ein wichtiger Schritt zur Stabilisierung des Betriebs“, warnte aber gleichzeitig vor zu hohen Erwartungen: Die vollständige Integration der 12 Züge in den Fahrplan werde noch „mehrere Wochen“ dauern, da Schulungen für das Personal und technische Anpassungen nötig seien. Besonders hervorgehoben wurde die verbesserte Barrierefreiheit – etwa durch breitere Türen und kontrastreichere Haltestangen – die von Verbänden wie der Bayerischen Landesstelle für Behindertenfragen seit Jahren gefordert worden war.
Kritik kam vor allem von Gewerkschaften. Die Eisenbahnergewerkschaft EVG wies darauf hin, dass die neuen Züge allein das Personalproblem nicht lösen würden: „Ohne zusätzliche Fahrbegleiter und Lokführer nützen auch moderne Züge wenig“, hieß es in einer Pressemitteilung. Tatsächlich hatte der MVV erst im Februar eingeräumt, dass über 100 Stellen im S-Bahn-Bereich unbesetzt seien – eine Lücke, die sich durch die Lieferverzögerungen weiter verschärft hatte.
In sozialen Medien spalteten sich die Meinungen. Während einige Nutzer:innen Fotos der glänzenden Züge mit Kommentaren wie „Endlich Fortschritt!“ teilten, fragten andere sarkastisch, ob die neuen Fahrzeuge nun „auch pünktlich im Depot bleiben“ – ein Seitenhieb auf die monatelangen Ausfälle wegen Softwareproblemen. Der MVV kündigte an, die Reaktionen der nächsten Wochen auszuwerten, bevor über weitere Bestellungen entschieden werde.
Ausblick: Weitere Lieferungen und Modernisierungspläne
Die ersten zwölf neuen Züge markieren nur den Anfang: Bis Ende 2025 soll die S-Bahn München insgesamt 146 Fahrzeuge des Typs ET 490 von Siemens Mobility erhalten. Die schrittweise Auslieferung folgt einem straffen Zeitplan, der nach den anfänglichen Verzögerungen nun Priorität genießt. Branchenkenner verweisen auf ähnliche Projekte in Hamburg und Stuttgart, wo vergleichbare Modernisierungsprogramme die Pünktlichkeit um bis zu 18 Prozent steigerten – ein Wert, der auch für die bayerische Landeshauptstadt als realistisches Ziel gilt.
Parallel zum Rollout der neuen Flotte läuft die Aufrüstung der bestehenden Infrastruktur. So werden bis 2026 alle 146 Bahnhöfe im S-Bahn-Netz mit moderner ETCS-Technik (European Train Control System) ausgestattet, um die Kompatibilität mit den neuen Zügen sicherzustellen. Besonders im Fokus stehen dabei die stark frequentierten Knotenpunkte wie Hauptbahnhof, Ostbahnhof und Pasing, wo die Umstellung während des laufenden Betriebs eine logistische Herausforderung darstellt.
Langfristig plant die S-Bahn München, die Taktung auf den Hauptstrecken von 20 auf 10 Minuten zu verdichten. Möglich wird dies durch die höhere Beschleunigung der ET 490 – sie erreichen die zulässige Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h deutlich schneller als ihre Vorgänger. Zudem soll die Energieeffizienz um 30 Prozent steigen, was nicht nur die Betriebskosten senkt, sondern auch die Klimabilanz verbessert.
Kritische Stimmen aus dem Fahrgastbeirat mahnen jedoch an, dass die Modernisierung nur dann gelingt, wenn gleichzeitig das Personal aufgestockt wird. Aktuell fehlen laut internen Berechnungen mindestens 80 Triebwagenführer, um den erweiterten Fahrplan umzusetzen. Ohne zusätzliche Einstellungen drohen die neuen Züge trotz technischer Überlegenheit im Depot zu stehen.
Nach monatelangen Verzögerungen und wachsender Kritik rollen nun endlich die zwölf neuen S-Bahn-Züge durch München – ein überfälliger Schritt, der Pendler:innen Entlastung bringen soll und das marode Netz zumindest teilweise stabilisiert. Dass die Lieferung so spät kam, unterstreicht allerdings einmal mehr die chronischen Probleme bei Planung und Umsetzung im deutschen Schienenverkehr, wo selbst dringend benötigte Modernisierungen oft im Bürokratie-Dschungel stecken bleiben.
Wer regelmäßig mit der S-Bahn unterwegs ist, sollte die neuen Fahrpläne prüfen und gegebenenfalls Apps wie DB Navigator oder MVG Fahrinfo nutzen, um Verspätungen in Echtzeit zu tracken – denn selbst mit den zusätzlichen Zügen bleibt das System anfällig für Störungen.
Ob die Investition langfristig reicht, hängt davon ab, ob die nächsten Ausbaustufen zügiger umgesetzt werden als diese Zuglieferung.

