Nach monatelangen Verzögerungen rollen sie endlich: Die S-Bahn München nimmt 17 brandneue Züge des Typs ET 490 in Betrieb – ein Meilenstein für das chronisch überlastete Netz. Die ersten Einheiten sind seit dieser Woche auf der Linie S1 zwischen Freising und dem Flughafen im Einsatz, weitere folgen bis Jahresende. Die Lieferung der 17 Züge war ursprünglich für 2023 geplant, doch Produktionsengpässe beim Hersteller Siemens und Softwareprobleme verzögerten die Auslieferung um fast ein Jahr. Jetzt sollen die modernen Fahrzeuge mit mehr Sitzplätzen, Klimatisierung und barrierefreiem Zugang die Pünktlichkeit im Großraum München verbessern.
Für Pendler und Vielfahrer bedeutet der schrittweise Einsatz der neuen Züge eine spürbare Entlastung. Die S-Bahn München kämpft seit Jahren mit überfüllten Waggons, technischen Störungen und Verspätungen – besonders auf den stark frequentierten Strecken wie der S1 oder S8. Die ET 490 sollen nicht nur Kapazitäten erhöhen, sondern auch die Anfälligkeit für Störungen verringern. Ob die Züge halten, was sie versprechen, wird sich in den kommenden Wochen zeigen. Fest steht: Ohne sie wäre der Fahrplan im Münchner S-Bahn-Netz kaum noch aufrechtzuerhalten.
Monatelange Verzögerungen: Warum die neuen Züge so spät kamen
Die 17 neuen S-Bahn-Züge für München hätten eigentlich schon im Herbst 2023 auf den Gleisen stehen sollen. Stattdessen rollten sie erst im Juli 2024 an – mit fast neun Monaten Verspätung. Der Grund: Lieferengpässe bei kritischen Bauteilen wie Mikrochips und Bremsanlagen, die nach der Pandemie die gesamte Bahnindustrie traf. Besonders betroffen war die Produktion der Fahrzeuge vom Typ Alstom Coradia Stream HC, die speziell für das Münchner Netz konzipiert wurden.
Hinzu kamen bürokratische Hürden. Die Zulassung durch das Eisenbahn-Bundesamt zog sich länger hin als geplant, da die neuen Züge zusätzliche Sicherheitsanforderungen erfüllen mussten – darunter strengere Brandschutzvorschriften für den Innenausbau. Fachleute aus der Branche bestätigen, dass solche Verzögerungen bei Großprojekten zwar nicht ungewöhnlich sind, aber selten in diesem Ausmaß. Laut einer Studie des Verbands der Bahnindustrie in Deutschland verzeichnen aktuell 68 % aller Schienenfahrzeug-Projekte Lieferverzögerungen von mindestens drei Monaten.
Auch die komplexe Logistik spielte eine Rolle. Die Züge wurden in Salzgitter gefertigt, mussten aber vor der Auslieferung noch in München mit lokalen Signal- und Steuerungssystemen nachgerüstet werden. Dieser Schritt dauerte länger als erwartet, da die Softwareanpassungen für den Betrieb im dichten Münchner Taktverkehr präzise abgestimmt werden mussten.
Für die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) bedeutete das monatelange Improvisieren mit dem bestehenden Fuhrpark – inklusive häufiger Zugausfälle und überfüllter Wagen in den Stoßzeiten.
Technische Daten und Neuerungen der 17 Zügetypen
Die 17 neuen Züge der S-Bahn München vom Typ ET 490 setzen Maßstäbe in Sachen Effizienz und Fahrgastkomfort. Mit einer Länge von 140 Metern bieten sie Platz für bis zu 1.200 Passagiere – rund 20 Prozent mehr als die bisherigen Modelle der Baureihe 423. Die Züge verfügen über breitere Türen, die den Ein- und Ausstieg beschleunigen, sowie klimatisierte Fahrgasträume mit moderner LED-Beleuchtung. Besonders im Münchner Berufsverkehr, wo Stoßzeiten die Kapazitäten oft an ihre Grenzen bringen, soll dies Entlastung schaffen.
Technisch überzeugen die neuen Einheiten durch ihr energiesparendes Antriebskonzept. Dank Rekuperationsbremse wird Bremsenergie zurückgewonnen und ins Netz eingespeist, was den Stromverbrauch um bis zu 30 Prozent reduziert. Die Züge erreichen eine Höchstgeschwindigkeit von 140 km/h und beschleunigen schneller als ihre Vorgänger – ein Vorteil auf den stark frequentierten Strecken wie der S1 zwischen Freising und dem Flughafen. Laut Angaben des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) entspricht die Energieeffizienz der ET 490 damit den aktuellen Standards für nachhaltigen Nahverkehr.
Ein weiteres Novum ist die digitale Fahrgastinformation. Echtzeit-Anzeigen in den Wagen informieren über Verspätungen, Umleitungen oder freie Plätze in den folgenden Wagen. Über WLAN-Hotspots können Pendler zudem während der Fahrt auf aktuelle Verkehrslagen zugreifen. Die Sitze sind ergonomisch gestaltet, mit zusätzlichen Steckdosen und USB-Anschlüssen an jedem Platz. Kritiker hatten zuvor moniert, dass ältere S-Bahn-Modelle hier Nachholbedarf hatten – ein Punkt, den die neue Serie gezielt adressiert.
Sicherheitstechnisch sind die Züge mit modernster Kollisionswarn- und Notbremsassistenz ausgestattet. Kameras und Sensoren überwachen den Gleisbereich, um Hindernisse frühzeitig zu erkennen. Zudem erfüllen sie die strengen Brandschutznormen der Eisenbahn-Bau- und Betriebsordnung (EBO), etwa durch feuerhemmende Materialien in den Innenräumen. Für die Münchner S-Bahn, die täglich über 800.000 Fahrgäste transportiert, sind solche Standards kein Luxus, sondern Notwendigkeit.
Die Einführung der ET 490 markiert auch einen Schritt hin zur Vollautomatisierung. Zwar fahren die Züge zunächst mit Lokführern, doch die Technik ermöglicht später einen Betrieb im Driver-only-Modus – also mit nur einer Person im Führerstand. Langfristig könnte dies die Taktung auf den Hauptstrecken verdichten, ohne zusätzliches Personal einplanen zu müssen.
Fahrplanänderungen: Wo die neuen Züge ab sofort fahren
Ab sofort rollen die ersten 17 neuen Züge der Baureihe 483 auf Münchens S-Bahn-Netz – und bringen damit spürbare Änderungen im Fahrplan. Die ersten Einsätze konzentrieren sich auf die Linien S1 (Freising–Flughafen–München–Ostbahnhof) und S8 (Herrsching–München–Höhenkirchen), wo die modernisierten Züge während der Hauptverkehrszeiten zwischen 6 und 9 Uhr sowie 16 und 19 Uhr zum Einsatz kommen. Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) bestätigt, dass die neuen Fahrzeuge zunächst auf diesen stark frequentierten Strecken getestet werden, bevor sie schrittweise auf weitere Linien ausgeweitet werden. Pendler können die Züge an den digitalen Anzeigen an den Bahnhöfen oder über die MVG-App erkennen: Die Baureihe 483 ist mit einem blauen LED-Band an der Front und einer aktualisierten Innenraumgestaltung ausgestattet.
Besonders auf der S1 wird sich die Taktung verdichten. Statt wie bisher alle 20 Minuten fahren die Züge in Stoßzeiten nun alle 10 bis 15 Minuten, was laut Angaben der Deutschen Bahn eine Kapazitätssteigerung von bis zu 30 Prozent bedeutet. Verkehrsexperten der Technischen Universität München hatten in einer Studie von 2023 darauf hingewiesen, dass die S1 zu den am stärksten ausgelasteten Strecken im Netz gehört – mit regelmäßigen Überlastungen an Werktagen. Die neuen Züge sollen hier nicht nur für mehr Platz sorgen, sondern auch die Pünktlichkeit verbessern: Dank moderner Brems- und Antriebstechnik verkürzen sich die Haltezeiten an den Bahnhöfen um durchschnittlich 5 bis 8 Sekunden.
Auf der S8 ändert sich vor allem das Angebot in den Randzeiten. Bisher fuhren hier abends nach 20 Uhr nur noch einzelne Züge im Stundentakt – künftig wird das Angebot auf einen 30-Minuten-Takt verdichtet, allerdings vorerst nur an Wochentagen. Die MVG begründet dies mit der höheren Verfügbarkeit der neuen Fahrzeuge, die durch ihre energiesparende Bauweise auch wirtschaftlicher im Betrieb sind. Erste Fahrgastbefragungen an den Stationen Westkreuz und Solln zeigen, dass besonders Berufspendler aus dem Umland die Ausweitung begrüßen.
Nicht alle Linien profitieren jedoch sofort. Auf der S2 (Petershausen–Erding) und der S3 (Mammendorf–Holzkirchen) werden die neuen Züge vorerst nur als Verstärker eingesetzt – etwa bei Großveranstaltungen wie Messen oder Fußballspielen im Allianz Arena. Hier bleibt der reguläre Fahrplan zunächst unverändert, bis weitere Fahrzeuge der Baureihe 483 ausgeliefert werden. Die Deutsche Bahn plant, bis Ende 2025 insgesamt 78 neue Züge in München in Betrieb zu nehmen.
Reaktionen von Fahrgästen und Verkehrsverbund MVV
Die ersten Fahrgäste, die am Montagmorgen in die neuen S-Bahn-Züge stiegen, zeigten sich erleichtert – aber auch skeptisch. „Endlich mal wieder Sitzplätze in der Hauptverkehrszeit“, berichtete eine Pendlerin am Ostbahnhof, während sie die helleren Innenräume und die digitalen Fahrgastinformationssysteme begutachtete. Andere wiesen darauf hin, dass die Verspätungen der vergangenen Monate ihr Vertrauen in die Pünktlichkeit des MVV stark erschüttert hätten. Besonders kritisch äußerten sich Berufspendler aus dem Umland, die wochenlang auf Ersatzbusse ausweichen mussten.
Der Münchner Verkehrs- und Tarifverbund (MVV) betonte in einer ersten Stellungnahme, die neuen Fahrzeuge vom Typ Alstom Coradia Stream seien ein „wichtiger Schritt zur Stabilisierung des S-Bahn-Netzes“. Laut internen Berechnungen des Verbunds könnten die 17 Züge die Kapazität auf den Linien S1 und S8 um bis zu 20 Prozent erhöhen – vorausgesetzt, die geplanten Taktungen halten. Ob die Verspätungen der Vergangenheit damit endgültig der Vergangenheit angehören, wollte der MVV jedoch nicht prognostizieren. Stattdessen verwies man auf die „komplexen Abhängigkeiten“ im Schienennetz, die auch von externen Faktoren wie Baustellen oder Personalengpässen beeinflusst würden.
In sozialen Medien teilten sich die Reaktionen. Während einige Nutzer Fotos der glänzenden Züge mit dem Kommentar „About time!“ posteten, fragten andere, warum die Einführung so lange gedauert habe. Ein häufiger Kritikpunkt: Die MVV-App habe auch am ersten Einsatzstag der neuen Züge falsche Abfahrtszeiten angezeigt. Verkehrsexperten wiesen darauf hin, dass die Integration neuer Fahrzeuge in ein bestehendes System oft mit Anlaufschwierigkeiten verbunden sei – besonders, wenn wie hier technische Anpassungen an Signal- und Steuerungssystemen nötig gewesen seien.
Fahrgastverbände wie der Pro Bahn begrüßten die Inbetriebnahme grundsätzlich, mahnten aber, dass die neuen Züge allein die chronischen Probleme des Münchner S-Bahn-Netzes nicht lösen könnten. Gefordert wurden unter anderem mehr Personal für Wartung und Fahrbetrieb sowie eine beschleunigte Elektrifizierung weiterer Streckenabschnitte. Die nächsten Monate würden zeigen, ob die Investitionen in die Flotte tatsächlich zu spürbaren Verbesserungen führen – oder ob die Verspätungen einfach nur in neuen Zügen stattfinden.
Langfristige Pläne: Wie die S-Bahn ihr Netz modernisieren will
Während die neuen Züge endlich auf Münchens Schienen rollen, arbeitet die S-Bahn bereits an weitreichenderen Plänen. Bis 2035 soll das gesamte Netz grundlegend modernisiert werden – mit einem Investitionsvolumen von voraussichtlich über drei Milliarden Euro. Im Fokus stehen nicht nur die Fahrzeuge, sondern die komplette Infrastruktur: von digitalen Stellwerken über barrierefreie Stationen bis hin zu einer Verdichtung des Takts auf den Hauptstrecken.
Ein zentrales Projekt ist die Einführung des Digitalen Stellwerks (DSTW) im gesamten S-Bahn-Bereich. Aktuell laufen die Vorbereitungen für die ersten Pilotstrecken, darunter die stark frequentierte Linie S1 zwischen Freising und dem Hauptbahnhof. Experten des Verkehrsverbunds München schätzen, dass die Umstellung auf digitale Technik die Pünktlichkeit um bis zu 15 Prozent steigern könnte – ein entscheidender Faktor angesichts der wiederholten Verspätungen der Vergangenheit.
Parallel dazu plant die S-Bahn den Ausbau der Kapazitäten. Geprüft wird unter anderem der Bau zusätzlicher Gleise auf der Strecke nach Dachau sowie die Verlängerung von Bahnsteigen, um längere Züge einsetzen zu können. Besonders im Berufsverkehr, wenn sich die Züge oft wie Sardinenbüchsen anfühlen, könnte das Entlastung bringen.
Langfristig soll auch das Angebot erweitert werden. Diskutiert wird die Einführung neuer Linien, etwa eine direkte Verbindung vom Flughafen in den Nordosten der Stadt. Noch ist unklar, wie schnell diese Pläne umgesetzt werden – fest steht jedoch, dass München ohne eine moderne S-Bahn den wachsenden Fahrgastzahlen nicht gerecht werden kann.
Nach monatelangen Verzögerungen und wachsender Kritik rollen die 17 neuen S-Bahn-Züge endlich durch Münchens Netz – ein überfälliger Schritt, der Pendler:innen endlich Entlastung bringen soll. Die modernisierten Fahrzeuge mit mehr Sitzplätzen, Klimaanlagen und Echtzeit-Infodisplays könnten den Alltag auf den stark frequentierten Linien wie der S1 oder S8 spürbar verbessern, sofern sie zuverlässig im Einsatz bleiben.
Wer täglich mit der S-Bahn unterwegs ist, sollte die neuen Züge über die MVG-App oder digitale Anzeigen gezielt nutzen, besonders in Stoßzeiten, um von den Kapazitätserweiterungen zu profitieren. Ob die Investition langfristig die chronischen Verspätungen und Ausfälle lindert, wird sich erst zeigen, wenn die Flotte vollständig integriert ist und der Winterfahrplan 2024 die ersten Belastungstests besteht.

