Die Neuhauser Straße verliert ein Stück ihrer Handelsgeschichte: Nach genau 15 Jahren zieht Saturn München aus dem markanten Eckgebäude an der Kreuzung zur Kaufingerstraße ab. Der Elektronikriese, der hier einst mit einer Verkaufsfläche von über 2.000 Quadratmetern Kunden anzog, wird die Türen Ende September endgültig schließen. Damit endet eine Ära, in der das Geschäft zu den umsatzstärksten Standorten der Kette in Bayern zählte – trotz wachsender Konkurrenz durch Onlinehändler und veränderte Einkaufsgewohnheiten.

Für Münchner bedeutet das mehr als nur den Verlust eines Elektronikmarkts. Saturn München war nicht nur ein Ort für Technikkäufe, sondern auch ein Treffpunkt in der Innenstadt, wo Beratung und immediate Verfügbarkeit von Produkten viele Käufer überzeugten. Die Schließung wirft Fragen auf: Wie verändert sich das Gesicht der Neuhauser Straße, die ohnehin mit Leerständen und steigenden Mieten kämpft? Und wohin weichen die Kunden aus, die Wert auf persönliche Serviceerlebnisse legen? Die Antworten werden zeigen, ob der stationäre Handel in der Landeshauptstadt noch eine Zukunft hat.

Ein Münchner Elektronik-Institution zieht sich zurück

Mit dem Rückzug aus der Neuhauser Straße verliert München mehr als nur eine Elektronikfiliale. Saturn war hier seit 15 Jahren nicht nur ein Laden, sondern ein fester Bestandteil des Stadtbilds – ein Ort, an dem sich Technikbegeisterte, Schnäppchenjäger und Touristen gleichermaßen trafen. Die 2.000 Quadratmeter Verkaufsfläche zogen jährlich Hunderteausende Besucher an, wie Branchenanalysen der letzten Jahre zeigen. Besonders zur Weihnachtszeit entwickelte sich die Filiale regelmäßig zum Hotspot, wenn sich Schlangen vor den Regalen mit den neuesten Smartphones und Gaming-Konsolen bildeten.

Dass ausgerechnet dieser Standort nun schließt, überrascht viele. Die Neuhauser Straße zählt zu den umsatzstärksten Einkaufsmeilen Deutschlands, doch selbst hier macht der Strukturwandel im Einzelhandel nicht halt. Laut einer Studie des IFH Köln von 2023 haben stationäre Elektronikmärkte in Innenstadtlagen bundesweit durchschnittlich 12 % weniger Kundenfrequenz als noch vor fünf Jahren – ein Trend, der auch Saturn trotz seiner starken Marke nicht verschont blieb.

Für Stammkunden wird der Abschied besonders spürbar. Die Filiale galt als eine der letzten in München, die noch das klassische „Erlebnis-Einkaufen“ bot: ausgedehnte Beratungszonen, Live-Demonstrationen von High-End-Fernsehern und ein Sortiment, das von Haushaltsgeräten bis zu Nischen-Produkten wie Drohnen oder Smart-Home-Lösungen reichte. Während andere Händler längst auf reine Abholstationen oder Showrooms umgestellt haben, blieb Saturn hier ein Relikt aus der Ära, als Elektronikmärkte noch als „Spielplätze für Erwachsene“ galten.

Dass der Rückzug keine Einzellösung bleibt, deutet sich bereits an. Medienberichten zufolge prüft die Unternehmensgruppe aktuell weitere Standortanpassungen in Bayern, ohne konkrete Namen zu nennen. Klare Priorität habe nun der Ausbau des Online-Geschäfts, wo Saturn 2023 fast 40 % seines Umsatzes erzielte – ein Wert, der vor der Pandemie noch bei unter 20 % lag.

15 Jahre Neuhauser Straße: Vom Boom zur Schließung

Die Neuhauser Straße war einst das pulsierende Herz des Münchner Einzelhandels – und Saturn schrieb dort 15 Jahre lang eine Erfolgsgeschichte. Als die Filiale 2009 ihre Pforten öffnete, strömten jährlich über eine Million Kunden durch die futuristisch gestalteten Verkaufsräume. Mit 4.500 Quadratmetern Fläche und einem Sortiment von über 100.000 Artikeln galt der Standort damals als Flaggschiff der MediaMarktSaturn-Gruppe in Bayern. Die Lage in einer der frequentiertesten Einkaufsstraßen Deutschlands machte den Elektronikriesen zum Magneten für Touristen und Locals gleichermaßen.

Doch der Glanz verblasste schneller als erwartet. Schon ab 2015 zeigten sich erste Risse im Konzept: Online-Händler wie Amazon fraßen sich mit aggressiven Preisen und Lieferzeiten in den Markt, während die Mietkosten in der Innenstadt explodierten. Branchenanalysen zufolge sanken die Umsätze im stationären Elektronikhandel zwischen 2016 und 2022 um durchschnittlich 3,8 Prozent pro Jahr – ein Trend, den auch Saturn nicht aufhalten konnte.

Die Pandemie gab dem Standort dann den Rest. Trotz vorübergehender Hoffnungen auf einen „Re-Opening-Boom“ nach den Lockdowns blieb die Kundschaft aus. Fußgängerfrequenzmessungen der Stadt München zeigten 2023 einen Rückgang um 22 Prozent im Vergleich zu 2019. Während andere Läden in der Neuhauser Straße mit Pop-up-Konzepten oder Erlebniswelten experimentierten, blieb Saturn bei seinem klassischen Verkaufsmodell – und verlor zunehmend den Anschluss.

Am Ende war es eine Frage der Zahlen. Laut Insidern aus der Branche lag die Auslastung der Filiale zuletzt bei unter 40 Prozent, während die Miete pro Quadratmeter auf über 120 Euro kletterte. Ein halbes Dutzend Umstrukturierungsversuche scheiterten, die Zentrale in Ingolstadt zog die Reißleine.

Was die Schließung für Kunden und Mitarbeiter bedeutet

Für die Kunden der Saturn-Filiale in der Neuhauser Straße ändert sich mit der Schließung mehr als nur die Einkaufsroute. Rund 20.000 Quadratmeter Verkaufsfläche fallen weg – eine Fläche, die in den letzten 15 Jahren nicht nur für Elektronikbegeisterte, sondern auch für Spontanentscheider ein zentraler Anlaufpunkt war. Besonders betroffen sind ältere Kunden, die laut einer Studie des Handelsforschungsinstituts Köln zu 68 Prozent lieber vor Ort beraten lassen als online zu bestellen. Die nächste Saturn-Filiale in der Innenstadt liegt nun am Marienplatz, doch der Weg dorthin ist für viele kein gleichwertiger Ersatz.

Die rund 120 Mitarbeiter der Filiale stehen vor einer ungewissen Zukunft. Zwar bietet der Konzern laut Unternehmensangaben Umschulungen oder Versetzungen in andere Standorte an, doch nicht alle werden diese Option nutzen können oder wollen. Ein Sprecher der Gewerkschaft ver.di wies darauf hin, dass Filialschließungen in der Branche oft mit einem Verlust von 30 bis 40 Prozent der Belegschaft einhergehen – sei es durch Kündigungen oder freiwillige Abgänge. Für die Betroffenen bedeutet das nicht nur einen Jobverlust, sondern auch den Wegfall eines Teams, das teilweise seit der Eröffnung 2009 zusammenarbeitete.

Stammkunden, die über Jahre hinweg persönliche Beratung durch dieselben Mitarbeiter erhielten, müssen sich nun umorientieren. Gerade im hochpreisigen Segment wie Unterhaltungselektronik oder Haushaltsgeräten spielt Vertrauen eine große Rolle. Während Online-Händler mit Preisen und Liefergeschwindigkeiten punkten, fehlt hier oft die individuelle Fachberatung, die Saturn lange als Alleinstellungsmerkmal beworben hatte. Ob die verbleibenden Filialen in München diesen Service in gleichem Maße aufrechterhalten können, bleibt abzuwarten.

Für die Neuhauser Straße selbst ist die Schließung ein weiterer Rückschlag. Bereits in den letzten Jahren hatten mehrere große Einzelhändler in der Fußgängerzone ihre Türen geschlossen. Die Leerstandsquote in der Innenstadt kletterte 2023 auf über 8 Prozent – ein Wert, der über dem Münchner Durchschnitt liegt. Ob der Standort neu vermietet wird oder länger bracht, hängt nun von den Plänen des Eigentümers ab.

Alternativen für Technikfans in der Innenstadt

Der Abschied von Saturn in der Neuhauser Straße hinterlässt eine Lücke – doch Technikbegeisterte müssen nicht lange trauern. Nur wenige Gehminuten entfernt lockt die MediaMarkt-Filiale am Marienplatz mit über 1.200 Quadratmetern Fläche und einem Sortiment, das von High-End-Gaming-PCs bis zu smarter Haustechnik reicht. Besonders praktisch: Der Standort ist direkt an die U-Bahn angebunden, was den Transport größerer Geräte erleichtert.

Wer es etwas spezialisierter mag, findet im Foto Koch in der Kaufingerstraße seit über 90 Jahren kompetente Beratung zu Kameras, Objektiven und Zubehör. Der Familienbetrieb setzt auf persönliche Betreuung und bietet regelmäßig Workshops für Fotografie-Enthusiasten an – ein Kontrast zu den oft anonymen Großmärkten. Laut einer Umfrage des Handelsverbands Deutschland aus 2023 schätzen 68 % der Münchner Kunden bei Technikkäufen genau diese individuelle Beratung in kleineren Fachgeschäften.

Für Retro-Fans und Tüftler lohnt sich ein Abstecher zum Retro Games München in der Augustenstraße. Hier gibt es nicht nur gebrauchte Konsolen und seltene Spiele, sondern auch Reparaturservices für ältere Hardware. Das Geschäft hat sich in den letzten Jahren zu einem Treffpunkt für Nostalgie-Liebhaber entwickelt, die Wert auf Nachhaltigkeit legen.

Wer lieber online stöbert, aber trotzdem schnell vor Ort abholen möchte, kann auf die Amazon Lockers in der Innenstadt zurückgreifen – etwa im Hauptbahnhof oder in der Rosenstraße. Die automatisierten Schließfächer ermöglichen kontaktlose Abholungen rund um die Uhr und sparen so Zeit.

Saturns neue Strategie: Weniger Flächen, mehr Online-Fokus

Mit der Schließung der Filiale in der Neuhauser Straße setzt Saturn München einen klaren Kurs: Der Elektronikriese reduziert seine stationären Flächen und verstärkt stattdessen den Online-Handel. Diese Strategie spiegelt einen branchenweiten Trend wider, bei dem klassische Einzelhandelskonzepte zunehmend an Bedeutung verlieren. Laut einer aktuellen Studie des EHI Retail Institute nutzten 2023 bereits 68 Prozent der deutschen Verbraucher bevorzugt digitale Kanäle für den Kauf von Unterhaltungselektronik – eine Entwicklung, die Saturn nun konsequent aufgreift.

Die Umstellung ist kein Münchner Einzelfall. Bundesweit hat Saturn in den vergangenen zwei Jahren über 20 Standorte geschlossen oder verkleinert, während gleichzeitig die Investitionen in die digitale Infrastruktur stiegen. Kundenservice-Chats, virtuelle Beratungstools und ein ausgebauter Lieferdienst sollen die Lücke schließen, die der Rückzug aus der Innenstadt hinterlässt.

Dass der Online-Fokus nicht ohne Risiko ist, zeigt der Blick auf die Konkurrenz. MediaMarkt, ebenfalls Teil der Metro-Gruppe, kämpft seit Jahren mit sinkenden Umsätzen im stationären Handel – trotz massiver Digitaloffensiven. Ob Saturn mit seiner Strategie erfolgreicher agiert, hängt maßgeblich davon ab, wie gut es gelingt, die bisherige Stammkundschaft aus den Filialen in den digitalen Raum zu migrieren.

Für München bedeutet der Wandel vor allem eines: weniger Fußgängerfrequenz in der Neuhauser Straße. Wo früher Schlangen vor den Kassen standen, könnte bald Leerstand drohen – ein Problem, das viele Innenstädte bereits heute plagt.

Mit dem Schließen der Neuhauser Filiale endet eine 15-jährige Ära für Saturn in Münchens Innenstadt – ein weiterer Beleg dafür, wie stark sich der Einzelhandel unter dem Druck von Online-Handel und veränderten Konsumgewohnheiten wandelt. Besonders für Stammkunden, die das persönliche Beratungsangebot oder die zentrale Lage schätzten, hinterlässt die Schließung eine Lücke, die so schnell nicht zu füllen sein wird.

Wer weiterhin auf Fachberatung und Produktpräsenz vor Ort setzt, findet die nächsten Saturn-Standorte in den Einkaufszentren am Olympiaeinkaufszentrum oder im OEZ – beide gut angebunden, wenn auch nicht mehr im Herzen der Stadt. Die Entwicklung zeigt einmal mehr: Wer stationären Handel überleben lassen will, muss nicht nur Standorte, sondern vor allem Konzepte neu denken.

Wie sich Münchens Einzelhandelslandschaft in den kommenden Jahren weiter verändern wird, hängt davon ab, ob Händler es schaffen, digitale und physische Erlebnisse klug zu verknüpfen.