Mit einem neu erstrahlten Hochaltar begeht die St.-Matthäus-Kirche in München 2024 ein besonderes Jubiläum: 125 Jahre kirchliches Leben im Herzen der Stadt. Der prächtige neugotische Altar, seit Monaten Gegenstand aufwendiger Restaurierungsarbeiten, kehrt pünktlich zum Festjahr in altem Glanz zurück. Experten schätzen den künstlerischen Wert der Schnitzereien und Vergoldungen auf ein Niveau, das selbst unter Münchens historischen Kirchen selten ist. Die Feierlichkeiten markieren nicht nur ein historisches Ereignis, sondern auch den Abschluss einer Restaurierung, die Handwerker und Kunsthistoriker gleichermaßen vor Herausforderungen stellte.
St. Matthäus in München zählt seit jeher zu den architektonischen Juwelen der Stadt – ein Ort, der Gläubige, Kunstliebhaber und Geschichtsinteressierte gleichermaßen anzieht. Doch das Jubiläum geht über reine Nostalgie hinaus. Die aufwendige Wiederherstellung des Hochaltars unterstreicht den anhaltenden Stellenwert der Kirche als lebendiger Teil des Münchner Kulturlebens. Wer die restaurierten Details betrachtet, spürt die Verbindung zwischen Tradition und Gegenwart: ein Stück Stadtgeschichte, das bewusst für kommende Generationen bewahrt wird.
Ein Jahrhundertgotik im Herzen Münchens
Die Backsteingotik von St. Matthäus prägt seit 1899 das Münchner Stadtbild – ein seltener Kontrast zu den barocken und klassizistischen Fassaden der Innenstadt. Mit ihrem 76 Meter hohen Turm und den filigranen Maßwerkfenstern verkörpert die Kirche den norddeutschen Backsteinstil, der im 19. Jahrhundert als bewusste Abkehr vom historistischen Prunk wiederbelebt wurde. Dass ein solches Bauwerk mitten im Herzens Münchens entstand, war kein Zufall: Die evangelisch-lutherische Gemeinde wollte damit ihre Identität in der mehrheitlich katholischen Stadt sichtbar machen.
Besonders auffällig ist das Äußere mit seinen markanten Strebepfeilern und dem schlichten, aber wirkungsvollen Portal. Während andere Münchner Kirchen wie die Frauenkirche oder St. Michael mit üppigem Stuck und Fresken glänzen, setzt St. Matthäus auf klare Linien und den warmen Rotton des Backsteins. Laut einer Studie des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege aus dem Jahr 2020 gehört die Kirche zu den am besten erhaltenen Beispielen dieser Stilrichtung in Süddeutschland – eine Seltenheit, da die Gotik hier meist in Stein und nicht in Ziegeln ausgeführt wurde.
Doch nicht nur die Architektur beeindruckt. Das Innere überrascht mit einer ungewöhnlichen Kombination aus gotischen Elementen und neugotischer Ausstattung. Die schlanke Hallenkirche wirkt durch ihre Höhe und das Licht, das durch die originalen Bleiglasfenster fällt, fast schwebend. Besonders die restaurierten Gewölbemalereien, die bei der jüngsten Sanierung freigelegt wurden, zeigen, wie präzise die Handwerker des 19. Jahrhunderts den mittelalterlichen Vorbildern nachempfanden.
Ein Detail verrät den Zeitgeist der Entstehungsphase: Über dem Hauptportal thront ein Relief mit dem reformatorischen Wahlspruch „Ein feste Burg ist unser Gott“ – ein Statement, das die Gemeinde damals bewusst setzte. Während andere Kirchen der Epoche oft eklektizistisch verschiedene Stile mischten, blieb St. Matthäus konsequent. Diese klare Haltung macht sie bis heute zu einem einzigartigen Zeugnis der Münchner Kirchenbaugeschichte.
Der Hochaltar erstrahlt nach aufwendiger Restaurierung
Drei Jahre lang blieb der Hochaltar der St. Matthäus-Kirche hinter Gerüsten verborgen. Jetzt gibt er seinen Glanz wieder preis – und das im doppelten Sinne. Die aufwendige Restaurierung brachte nicht nur vergilbte Vergoldungen und verblasste Farben zurück, sondern förderte auch verborgene Details zutage, die seit der Erbauung 1899 unsichtbar geblieben waren. Besonders auffällig: die wieder strahlenden Blau- und Rottöne der Aposteldarstellungen, die durch jahrzehntelangen Staub und Ruß fast monochrom gewirkt hatten. Die Münchner Dombauhütte, die das Projekt begleitete, spricht von einer der komplexesten Altar-Restaurierungen der letzten Jahrzehnte in Bayern – allein die Reinigung der 12 Figurenreliefs erforderte über 1.200 Arbeitsstunden.
Der Durchbruch gelang mit einer selten angewandten Lasertechnik, die selbst mikroskopische Partikel entfernte, ohne die originale Farbschicht zu beschädigen. Bei früheren Restaurierungen in den 1950er Jahren waren noch aggressive Lösemittel eingesetzt worden, die langfristig zu Rissen in der Malschicht geführt hatten. Diesmal setzten die Restauratoren auf eine Kombination aus traditionellen Methoden und modernster Technik: Während die Holzskulpturen per Hand mit speziellen Pinseln gereinigt wurden, kam bei den vergoldeten Elementen ein elektrolytisches Verfahren zum Einsatz, das Oxidationsschichten schonend löste.
Überraschend war die Entdeckung einer ursprünglichen Signatur unter der Predella. Die kaum leserliche Inschrift „J. Huber, München 1898“ deutet darauf hin, dass Teile des Altaubaus früher datieren als bisher angenommen. Kunsthistoriker vermuten nun, dass der Bildschnitzer Johann Huber – ein damals bekannter Meister der Neugotik – bereits ein Jahr vor der Kirchweihe mit den Arbeiten begann. Die Signatur bleibt zwar für Besucher unsichtbar, doch ihre Dokumentation fließt in die aktuelle Denkmaldatenbank ein.
Mit der Fertigstellung rechtzeitig zum 125-jährigen Jubiläum erhält die Kirche nicht nur ihr künstlerisches Zentrum zurück, sondern auch ein Stück Münchner Handwerkskunst, das nun für die nächsten Generationen gesichert ist.
Handwerkskunst und Symbolik im Detail entdeckt
Der Hochaltar der St. Matthäus-Kirche offenbart nach der Restaurierung eine Handwerkskunst, die seit 1899 verborgen blieb. Die filigranen Schnitzereien an den Seitenflügeln zeigen Szenen aus dem Leben des Evangelisten Matthäus – nicht als statische Darstellung, sondern in dynamischen Kompositionen, die den Betrachter in die Erzählung ziehen. Besonders auffällig ist die Verwendung von Blattgold in den Hintergrundpartien, das durch gezielte Patinierung eine warme, fast lebendige Ausstrahlung erhält. Restauratoren entdeckten unter späteren Übermalungen ursprüngliche Farbschichten in Ultramarinblau und Zinnoberrot, die nun wieder ihre volle Leuchtkraft entfalten.
Symbolträchtig ist die zentrale Darstellung der Berufung des Matthäus: Der steinerne Tisch, an dem der Zöllner sitzt, trägt feine Risse – ein Detail, das Kunsthistoriker als bewusste Allegorie auf die Zerbrechlichkeit irdischen Besitzes deuten. Die Hände Christi, die auf Matthäus zeigen, sind proportional größer dargestellt als im natürlichen Maßstab. Diese bewusste Übertreibung, typisch für die Nazarenische Schule des 19. Jahrhunderts, sollte die göttliche Autorität betonen. Laut Angaben des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege finden sich ähnliche stilistische Merkmale nur bei drei weiteren Altären in Oberbayern.
Die Restaurierung brachte auch technische Raffinessen ans Licht. Die Flügel des Altars lassen sich durch ein ausgeklügeltes System aus Holzstiften und Messingbeschlägen fast geräuschlos bewegen – eine Ingenieursleistung, die für die Entstehungszeit ungewöhnlich war. Die Rückseiten der Flügel tragen Spuren von Wachsresten, was darauf hindeutet, dass sie einst mit Kerzen beleuchtet wurden, um die Goldpartien bei Prozessionen aufleuchten zu lassen.
Besonders berührend wirkt die Entdeckung eines winzigen, in den Holzrahmen geritzten Namens: „J. Huber 1898“. Ob es sich um einen der Handwerker, einen Stifter oder gar den Entwurfszeichner handelt, bleibt unklar. Solche persönlichen Spuren sind in sakralen Bauwerken selten erhalten – hier zeugt sie von der menschlichen Dimension hinter dem monumentalen Werk.
Festgottesdienst und Begleitprogramm für Besucher
Der Festgottesdienst am 125. Jubiläum von St. Matthäus wird am Sonntag, 19. November, um 10:30 Uhr von Erzbischof Reinhard Kardinal Marx persönlich zelebriert. Die Feier steht unter dem Motto „Gott ist treu“ (2 Kor 1,18) und verbindet traditionelle Liturgie mit modernen Elementen: Ein 60-köpfiger Chor begleitet die Messe mit Werken von Bach und zeitgenössischen Kompositionen, während die neu restaurierte Orgel erstmals in vollem Klang zu hören sein wird. Historische Bezüge fließen ein, etwa durch Lesungen aus den Gründungsdokumenten der Kirche von 1899.
Für Besucher, die vor oder nach dem Gottesdienst die Kirche erkunden möchten, bietet ein Begleitprogramm vertiefte Einblicke. Zwischen 9:00 und 17:00 Uhr führen Kunsthistoriker in 30-minütigen Rundgängen durch das Gebäude – mit Schwerpunkt auf dem frisch restaurierten Hochaltar, dessen Goldauflagen nun wieder im ursprünglichen Glanz erstrahlen. Laut Angaben des Diözesanmuseums Freiburg, das die Restaurierung wissenschaftlich begleitete, wurden dabei über 80 Prozent der historischen Farbpigmente erhalten. Parallel zeigt eine Ausstellung im Gemeindezentrum seltene Fotos der Bauphase sowie Entwürfe des Architekten August Thiersch.
Besonderes Highlight für Familien: Ein „Kinder-Kirchenralley“ lädt junge Gäste ein, spielerisch Details wie die Symbolik der Fenster oder die Geschichte der Glocken zu entdecken. Die Rallye startet stündlich ab 11:00 Uhr, die Lösungswörter ergeben am Ende einen Satz aus der Jubiläumspredigt von 1972.
Wer länger verweilen möchte, findet im Innenhof der Kirche einen kleinen Markt mit regionalen Spezialitäten – von Lebkuchen nach historischem Rezept bis zu Handwerkskunst aus dem Viertel. Die Einnahmen kommen der weiteren Sanierung der Kirchenbänke zugute, die ab 2024 ansteht.
Von der Jubiläumsfeier zur langfristigen Denkmalpflege
Das 125-jährige Jubiläum der St. Matthäus-Kirche in München markiert nicht nur einen historischen Meilenstein, sondern setzt auch ein klares Zeichen für die Zukunft. Während die Festgottesdienste und Konzerte im Oktober 2024 die Gemeinschaft stärken, rückt gleichzeitig ein weniger sichtbares, aber umso bedeutenderes Projekt in den Fokus: die langfristige Erhaltung des frisch restaurierten Hochaltars. Experten des Bayerischen Landesamts für Denkmalpflege betonen, dass rund 60 Prozent der sakralen Bauwerke in Bayern ohne kontinuierliche Pflege innerhalb der nächsten 20 Jahre substanzielle Schäden riskieren – eine Zahl, die die Dringlichkeit solcher Maßnahmen unterstreicht.
Der Hochaltar, ein Meisterwerk der Neugotik mit filigranen Schnitzarbeiten und vergoldeten Akzenten, durchlief eine zweijährige Restaurierung, die von Spenden der Gemeinde und Fördermitteln der Stadt getragen wurde. Doch die eigentliche Herausforderung beginnt jetzt. Denn während die Feierlichkeiten vergehen, bleibt die Verantwortung: Regelmäßige Klimamessungen in der Kirche, spezialisierte Reinigungszyklen und die Überwachung von Holzschädlingen werden künftig zum Alltag gehören. Ein eigens gegründeter Denkmalpflege-Beirat, besetzt mit Kunsthistorikern und Handwerkern, koordiniert diese Aufgaben – ein Modell, das bereits an der Frauenkirche Erfolgsgeschichten schreibt.
Besonders die Münchner Winter mit ihren Schwankungen zwischen Heizungsluft und Kälte stellen eine Belastung für die empfindlichen Materialien dar. Deshalb setzt die Gemeinde auf präventive Konservierung statt auf Reparaturen im Schadensfall. Ein Pilotprojekt mit hygroskopischen Salzen in den Altarnischen soll die Luftfeuchtigkeit stabil halten, ohne die historische Bausubstanz zu beeinträchtigen.
Die Verbindung von Festkultur und Denkmalpflege zeigt, wie Tradition lebendig bleibt. Die Jubiläumsfeier wird damit zum Aufbruch – nicht nur in die nächsten 125 Jahre, sondern in eine Ära, in der Erhalt kein nachträglicher Akt, sondern selbstverständlicher Bestandteil des kirchlichen Lebens ist.
Die Feierlichkeiten zum 125-jährigen Jubiläum der St.-Matthäus-Kirche in München zeigen nicht nur die historische Bedeutung des Gotteshauses, sondern auch die lebendige Verbindung zwischen Tradition und Gegenwart – verkörpert durch den prächtig restaurierten Hochaltar, der nun wieder in vollem Glanz erstrahlt. Wer die Kirche noch nicht kennt, sollte den Besuch mit einer Führung verbinden, um die handwerkliche Meisterleistung der Restaurierung und die symbolträchtigen Details des Altars zu entdecken, die sonst leicht übersehen werden.
Mit dem Abschluss der Arbeiten beginnt für die Gemeinde ein neues Kapitel, in dem der Altar nicht nur als religiöses Zentrum, sondern auch als kulturelles Erbe die nächsten Generationen inspirieren wird.

