Die Münchner S-Bahn steht vor der längsten Vollsperrung ihrer Geschichte: Vom 29. Juli bis 14. August bleibt die Stammstrecke München komplett gesperrt – 17 Tage ohne Durchgangsverkehr zwischen Ostbahnhof und Pasing. Betroffen sind täglich bis zu 850.000 Fahrgäste, die sich auf Umleitungen, Ersatzbusse und überfüllte U-Bahnen einstellen müssen. Die Deutsche Bahn spricht von einem „historischen Einschnitt“, doch Kritiker werfen dem Konzern vor, die Vorbereitungen auf die Mammutbaustelle verschlafen zu haben.

Für Pendler, Touristen und die lokale Wirtschaft wird die Sperrung der Stammstrecke München zum Stresstest. Während die Bahn Modernisierungsarbeiten an Weichen und Oberleitungen als Grund nennt, fürchten Händler Umsatzeinbußen und Bürgerinitiativen warnen vor einem Verkehrskollaps. Besonders prekär: Die Sperrung fällt in die Hauptreisezeit – und alternative Routen wie die U-Bahn-Linie U1 bis U8 sind bereits jetzt an ihrer Kapazitätsgrenze. Ob der Zeitplan hält oder sich die Arbeiten wie bei früheren Großbaustellen verzögern, bleibt abzuwarten.

Warum die Stammstrecke jetzt stillsteht

Seit Montagfrüh liegt der S-Bahn-Verkehr in München brach – und das wird vorerst so bleiben. Die vollständige Sperrung der Stammstrecke zwischen Ostbahnhof und Pasing trifft täglich rund 450.000 Fahrgäste, die nun auf Ersatzbusse oder Umwege über die Außenäste ausweichen müssen. Grund für die radikale Maßnahme ist ein akuter Sanierungsstau: Nach Jahrzehnten intensiver Nutzung zeigen Brücken, Gleise und Oberleitungen massive Abnutzungserscheinungen. Besonders kritisch sind die maroden Stahlträger der Isarbrücke, die laut Gutachten der Deutschen Bahn dringend verstärkt werden müssen, um die Stabilität langfristig zu gewährleisten.

Hinzu kommen technische Defekte, die sich in den letzten Monaten gehäuft haben. Allein im ersten Halbjahr 2024 registrierte die Bahn über 30 schwerwiegende Störungen auf dem Abschnitt – von Oberleitungsrissen bis zu Signalausfällen. Die wiederholten Notreparaturen führten zu immer längeren Verspätungen und Ausfällen, was den Fahrplan schließlich unkalkulierbar machte. Experten des Verkehrsministeriums hatten bereits im Frühjahr gewarnt, dass ein Weiterbetrieb ohne grundlegende Instandsetzung das Risiko eines größeren Infrastrukturversagens berge.

Die aktuelle Vollsperrung ist also kein spontaner Entschluss, sondern das Ergebnis monatelanger Planungen. Ursprünglich sollte die Sanierung etappenweise erfolgen, doch die dramatische Verschlechterung des Bauwerkszustands zwang die Verantwortlichen zum radikalen Schritt. Besonders problematisch: Viele Komponenten der Stammstrecke stammen noch aus den 1970er-Jahren und entsprechen nicht mehr den heutigen Sicherheitsstandards. Die Bahn rechnet damit, dass allein der Austausch der Oberleitungen und die Erneuerung der Weichentechnik mehrere Wochen in Anspruch nehmen werden – selbst wenn rund um die Uhr gearbeitet wird.

Für die Münchner bedeutet das vorerst: Geduld und Improvisationstalent. Während die Bauarbeiten auf Hochtouren laufen, müssen Pendler mit deutlich längeren Fahrzeiten rechnen – oder auf alternative Verkehrsmittel umsteigen.

Vollsperrung bis 14. August: Was genau repariert wird

Die vollständige Sperrung der Münchner Stammstrecke bis zum 14. August ist notwendig, um dringende Sanierungsarbeiten an der über 50 Jahre alten Infrastruktur durchzuführen. Im Fokus stehen vor allem die maroden Gleise zwischen Ostbahnhof und Pasing, die seit Jahrzehnten unter hoher Belastung leiden. Laut Angaben der Deutschen Bahn sind hier auf einer Strecke von 11 Kilometern rund 30.000 Schwellen und 24.000 Tonnen Schotter zu erneuern – ein Umfang, der im laufenden Betrieb nicht zu bewältigen wäre.

Besonders kritisch ist der Zustand der Weichenanlagen, von denen einige seit den 1970er-Jahren im Einsatz sind. Fachleute warnen seit Jahren vor einem erhöhten Ausfallrisiko, da die mechanischen Komponenten durch Witterungseinflüsse und die hohe Taktfrequenz der S-Bahn stark korrodiert sind. Allein im vergangenen Jahr registrierte die Bahn über 1.200 Störungsmeldungen auf diesem Abschnitt – ein Rekordwert, der die Notwendigkeit der Großsanierung unterstreicht.

Parallel dazu werden die Oberleitungen modernisiert und die Signaltechnik auf den neuesten Stand gebracht. Die bestehenden Kabeltrassen, die teilweise noch aus der Bauzeit der Strecke stammen, entsprechen nicht mehr den aktuellen Sicherheitsstandards. Durch den Einbau digitaler Stellwerkstechnik soll künftig nicht nur die Pünktlichkeit steigen, sondern auch die Kapazität für zusätzliche Züge geschaffen werden.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Sanierung der Brückenbauwerke entlang der Strecke. Besonders die Donnersbergerbrücke, die täglich von über 1.000 Zügen überquert wird, weist Risse im Stahlbeton auf und muss verstärkt werden. Hier kommen spezielle Injektionsverfahren zum Einsatz, um die Standfestigkeit langfristig zu sichern – Arbeiten, die nur bei vollständiger Sperrung möglich sind.

Die Bahn betont, dass die Maßnahmen zwar kurzfristig zu massiven Einschränkungen führen, langfristig aber die Stabilität des gesamten S-Bahn-Netzes sichern. Vergleichbare Großprojekte in anderen Metropolen wie Berlin oder Hamburg zeigen, dass solche Komplettsanierungen die Störanfälligkeit um bis zu 40 Prozent reduzieren können.

Alternativen für Pendler: Ersatzbusse und Umleitungen

Die vollständige Sperrung der Stammstrecke trifft vor allem Pendler hart – doch es gibt Alternativen. Die Deutsche Bahn hat ein Ersatzkonzept mit Bussen und Umleitungen aufgestellt, das den Ausfall der S-Bahn-Linien S1 bis S8 abfedern soll. Zwischen Pasing und Ostbahnhof verkehren nun Ersatzbusse im 10-Minuten-Takt, unterstützt durch zusätzliche Regionalzüge, die über die Umfahrungsstrecke via Laim und Leuchtenbergring fahren. Verkehrsexperten schätzen, dass rund 60 Prozent der üblichen Fahrgastzahlen auf diese Weise transportiert werden können, auch wenn mit längeren Fahrzeiten zu rechnen ist.

Für Berufspendler aus dem Münchner Umland empfiehlt sich der Umstieg auf die Regionalexpress-Linien (RE) und Regionalbahnen (RB), die weiterhin über die Ausweichstrecken rollen. Besonders die RE-Linien Richtung Freising, Landshut und Rosenheim bieten zusätzliche Kapazitäten. Wer von Westen kommt, kann an den Bahnhöfen Pasing oder Laim in die Ersatzbusse umsteigen; aus östlicher Richtung sind der Ostbahnhof und Berg am Laim die wichtigsten Knotenpunkte.

Fahrradfahrer profitieren von erweiterten Mitnahmeoptionen in Regionalzügen – allerdings nur außerhalb der Stoßzeiten. Die MVG hat zudem ihre Tram- und Buslinien auf den betroffenen Achsen verdichtet, etwa die Linien 19 und N19 zwischen Stachus und Berg am Laim. Wer flexibel ist, sollte Fahrgemeinschaften oder Carsharing-Angebote nutzen, da die Straßen rund um die Ersatzhaltestellen mit mehr Individualverkehr rechnen müssen.

Ein Blick auf die Echtzeit-Apps der MVG oder DB Navigator lohnt sich: Dort werden aktuelle Verspätungen und Auslastungen der Ersatzverbindungen angezeigt. Pendler berichten in sozialen Medien bereits von vollen Bussen in den Morgenstunden – wer kann, sollte seine Abfahrtszeit um 15 bis 20 Minuten vorverlegen.

Folgen für den Nahverkehr: Welche Linien betroffen sind

Die vollständige Sperrung der Stammstrecke trifft den Münchner Nahverkehr mit voller Wucht. Betroffen sind alle S-Bahn-Linien, die normalerweise durch den Kernbereich zwischen Pasing und Ostbahnhof verkehren. Dazu zählen die Linien S1 bis S8, die zusammen täglich rund 850.000 Fahrgäste transportieren – ein Ausfall, der das gesamte Netz an seine Grenzen bringt. Besonders hart trifft es Pendler aus dem Umland, die auf die S1 (Freising/Airport), S2 (Petershausen) oder S4 (Ebersberg) angewiesen sind. Ohne Umleitungen oder Ersatzverkehr drohen hier massive Verspätungen und überfüllte Züge auf den Ausweichrouten.

Auch die Regionalzüge spüren die Auswirkungen. Die Linien RB53 (Mühldorf–München) und RB54 (Rosenheim–München) müssen umgeleitet werden, was zu längeren Fahrzeiten führt. Fahrgastverbände warnen bereits vor Chaos an den Knotenpunkten wie Laim oder Donnersbergerbrücke, wo sich die Ersatzbusse und remaining S-Bahn-Verbindungen kreuzen.

Laut Angaben der Bayerischen Eisenbahngesellschaft werden die S7 (Wolfratshausen) und S20 (Unterföhring) teilweise über die Stammstrecke West umgeleitet, doch selbst diese Lösung bietet nur begrenzte Kapazitäten. Die S8 (Herrsching) fährt zwar weiter, aber mit reduzierter Taktung. Für viele bedeutet das: längere Wartezeiten oder der Griff zum Auto – mit allen Folgen für den ohnehin schon überlasteten Münchner Straßenverkehr.

Besonders kritisch wird die Situation in den Stoßzeiten. Zwischen 6 und 9 Uhr sowie am späten Nachmittag rechnen Experten mit einem Zusammenbruch des Ersatzkonzepts, da die Busse die hohe Nachfrage nicht bewältigen können. Wer kann, sollte auf Homeoffice ausweichen – oder sich auf geduldiges Warten einstellen.

Langfristige Pläne: Soll die Stammstrecke krisensicherer werden?

Die aktuelle Vollsperrung der Münchner Stammstrecke wirft Fragen nach langfristigen Lösungen auf. Seit Jahren gilt das Herzstück des S-Bahn-Netzes als anfällig – nicht nur wegen Baustellen, sondern auch durch extreme Wetterlagen oder technische Störungen. Ein Gutachten des Verbands Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) von 2022 zeigt: Über 60 Prozent der schwerwiegenden Verspätungen im deutschen S-Bahn-Verkehr gehen auf Engpässe in zentral gelegenen Tunnelstrecken zurück. München liegt damit im Bundestrend, doch die Folgen wiegen hier besonders schwer.

Experten fordern seit Langem eine Entlastung durch zusätzliche Tunnelröhren oder Umgehungsstrecken. Doch solche Projekte scheitern oft am Zeit- und Kostenfaktor. Allein die Planung für eine zweite Stammstrecke zog sich über Jahrzehnte hin – und selbst deren Fertigstellung 2026 wird die Kapazitätsprobleme nicht vollständig lösen.

Kurzfristig setzen die Verantwortlichen auf digitale Lösungen: Echtzeit-Datenanalyse soll Störungen schneller erkennen, Wartungsintervalle werden verkürzt. Ob das reicht, bleibt fraglich. Kritiker verweisen auf Städte wie Zürich, wo ein dichteres Streckennetz und redundante Systeme seit Jahren für stabilere Betriebsabläufe sorgen. München hinkt hier hinterher – und zahlt den Preis mit regelmäßigen Ausfällen.

Die Politik steht vor einem Dilemma. Investitionen in die Infrastruktur sind nötig, doch jeder Meter Tunnel treibt die Kosten in die Höhe. Gleichzeitig wächst der Druck: Pendler verlangen zu Recht verlässliche Verbindungen, und die Wirtschaft leidet unter den Ausfällen. Ohne konkrete Schritte droht die Stammstrecke auch künftig ein Sorgenkind zu bleiben.

Die vollständige Sperrung der Münchner Stammstrecke bis zum 14. August trifft Pendler hart – ohne Umleitungsmöglichkeiten über die Kernstrecke bleibt der S-Bahn-Verkehr im Großraum München an zentraler Stelle wochenlang lahmgelegt. Betroffene müssen sich auf längere Fahrzeiten, überfüllte Ersatzbusse und Umstiege an den Endhaltestellen einstellen, was besonders in den Stoßzeiten für Chaos sorgen wird.

Wer die nächsten Wochen überbrücken muss, sollte frühzeitig Alternativen prüfen: Die MVG-U-Bahnlinien, Radwege entlang der Isar oder – wo möglich – Homeoffice-Regelungen mit dem Arbeitgeber vereinbaren. Flexibilität und Geduld sind jetzt gefragt, denn Engpässe sind unvermeidbar.

Langfristig könnte die Sanierung zwar die Anfälligkeit der Strecke verringern, doch bis dahin bleibt München im Nahverkehrs-Notmodus – mit allen damit verbundenen Einschränkungen für Fahrgäste und Stadt.