Fünf Jahrzehnte Gasteig – das ist nicht nur ein halbes Jahrhundert Kulturgeschichte, sondern ein Stück Münchner Identität. Seit 1985 prägt der markante Backsteinbau am Rosenheimer Platz das städtische Leben, doch die Wurzeln des Projekts reichen noch weiter zurück. Als einer der größten und vielseitigsten Kulturkomplexe Deutschlands hat der Gasteig Millionen von Besuchern angezogen, von Klassik-Liebhabern bis zu Jazz-Enthusiasten. Doch ein Ort sticht besonders hervor: die Tonhalle München, deren Akustik und Programm seit jeher Maßstäbe setzen. Jetzt wird das Jubiläum mit einem besonderen Highlight gefeiert – einem exklusiven Beethoven-Zyklus, der die Verbindung zwischen Tradition und Moderne auf den Punkt bringt.
Für die Tonhalle München ist dieser Zyklus mehr als nur eine Konzertreihe. Er steht symbolisch für die Rolle des Gasteigs als lebendiger Treffpunkt von Kunst und Gesellschaft. Wer heute durch die Foyers schlendert oder im Großen Saal Platz nimmt, spürt noch immer den Pioniergeist der 1970er-Jahre, als das Projekt gegen Widerstände durchgesetzt wurde. Doch das Jubiläum kommt zu einer Zeit des Umbruchs: Während der Gasteig sich für die Sanierung rüstet, zeigt die Tonhalle mit Beethoven, wie Kultur Brücken baut – zwischen Generationen, Genres und sogar Baustellen. Ein klangvolles Versprechen für die nächsten 50 Jahre.
Ein halbes Jahrhundert Gasteig: Münchens kulturelles Herzstück
Seit einem halben Jahrhundert prägt der Gasteig das kulturelle Leben Münchens wie kaum ein anderer Ort. 1985 als „Kulturzentrum am Gasteig“ eröffnet, entwickelte sich der markante Backsteinbau am rechten Isarufer schnell zum pulsierenden Herzstück der Stadt – ein Ort, an dem Musik, Theater, Bildung und gesellschaftlicher Austausch aufeinandertreffen. Mit über 1,5 Millionen Besuchern jährlich (Stand 2023) gehört der Gasteig zu den meistfrequentierten Kulturzentren Europas. Hier fanden nicht nur legendäre Konzerte der Münchner Philharmoniker oder des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks statt, sondern auch experimentelle Theaterprojekte, literarische Salons und politische Diskussionsrunden, die München weit über die Stadtgrenzen hinaus strahlen ließen.
Die Tonhalle München, als zentraler Akteur im Gasteig, schrieb dabei von Anfang an Geschichte. Ihr Klangkörper, bekannt für seine herausragende Akustik, wurde zur Heimat für internationale Stars wie Anne-Sophie Mutter oder Daniel Barenboim, aber auch zur Bühne für Nachwuchskünstler, die hier erste große Auftritte wagten. Besonders prägend war die enge Verbindung zur klassischen Moderne: Uraufführungen von Werken etwa von Hans Werner Henze oder Aribert Reimann fanden im Gasteig ein aufgeschlossenes Publikum. Kulturwissenschaftler betonen, wie selten es gelingt, einen Ort zu schaffen, der sowohl Tradition als auch Avantgarde vereint – der Gasteig beweist seit 50 Jahren, dass beides kein Widerspruch sein muss.
Doch der Gasteig war immer mehr als nur ein Konzertsaal. Seine Bibliothek, die Stadtbücherei am Gasteig, wurde mit einem Bestand von über 500.000 Medien zur wichtigsten Wissensdrehscheibe der Stadt. Die Volkshochschule München nutzte die Räume für tausende Kurse – von Sprachkursen bis zu philosophischen Seminaren. Selbst die Architektur des Gebäudes, entworfen von den Münchner Architekten Raue, Rollenberg, Patt und Partner, spiegelt diesen pluralistischen Ansatz wider: Offene Flächen, transparente Foyers und die charakteristische Backsteinfassade luden von jeher zum Verweilen ein, lange bevor „Dritter Ort“ zum Schlagwort wurde.
Mit dem Umzug in den Interimsstandort HP8 und der geplanten Rückkehr in den sanierten Gasteig ab 2027 beginnt nun ein neues Kapitel. Doch die letzten 50 Jahre bleiben unvergessen – als Ära, in der der Gasteig München nicht nur musikalisch, sondern auch gesellschaftlich prägte.
Beethovens Neunte im Fokus: Ein Zyklus mit internationalem Glanz
Mit Beethovens Neunter Sinfonie als krönendem Abschluss setzt die Tonhalle München im Jubiläumszyklus ein unüberhörbares Zeichen. Das Werk, das seit seiner Uraufführung 1824 als musikalische Hymne an die Menschheit gilt, wird hier nicht einfach aufgeführt – es wird zum Zentrum eines Dialogs zwischen Tradition und Moderne. Dirigiert von international gefeierten Maestros wie Daniel Harding und Manfred Honeck, erhält der Zyklus eine seltene Strahlkraft, die weit über Münchens Grenzen hinausreicht. Besonders die Einbindung des Chorwerks mit Solisten wie Dorothea Röschmann unterstreicht den universellen Anspruch der Komposition.
Die Programmgestaltung folgt einem klaren Konzept: Jede der neun Sinfonien wird mit einem zeitgenössischen Stück kontrastiert, das Beethovens radikale Innovationen spiegelt. So steht die Fünfte Sinfonie etwa neben György Ligetis atmosphärischer Atmosphères, während die Pastorale mit Kaija Saariahos Naturklängen korrespondiert. Musikwissenschaftler betonen, dass solche Gegenüberstellungen Beethovens revolutionären Geist besonders deutlich machen – eine These, die das Publikum in den ausverkauften Sälen mit stehenden Ovationen bestätigt.
Ein Highlight des Zyklus’ ist die Zusammenarbeit mit dem Orchestre Révolutionnaire et Romantique unter John Eliot Gardiner. Das Ensemble, bekannt für seine historisch informierte Aufführungspraxis, bringt die Sinfonien mit Originalinstrumenten zur Aufführung und entfaltet so eine Klangwelt, die dem 19. Jahrhundert verblüffend nah kommt. Allein die Nachfrage nach Karten für diese Konzerte überstieg die verfügbaren Plätze um über 40 Prozent – ein Beleg für die ungebrochene Faszination, die Beethovens Musik ausübt.
Dass der Zyklus gleichzeitig eine Hommage an den Gasteig als kulturellen Kristallisationspunkt darstellt, zeigt sich in den begleitenden Formaten: Workshops, Vorträge und eine Ausstellung im Foyer verbinden die Konzerte mit dem städtischen Leben. Selbst die Pause wird zum Erlebnis, wenn Besucher im neu gestalteten Foyer auf interaktiven Stationen Beethovens Skizzen studieren oder Dirigierversuche wagen können. So wird aus einem Konzertbesuch ein multifacetiertes Ereignis, das die Grenzen zwischen Bühne und Publikum verschwimmen lässt.
Künstlerische Highlights: Wer dirigiert, wer solistisch glänzt
Der Jubiläumszyklus setzt auf internationale Spitzenkräfte – und auf eine Münchner Institution. Am Pult steht mit Kent Nagano ein Dirigent, dessen Verbindung zur Tonhalle München bis in die 1990er Jahre zurückreicht. Der in Kalifornien geborene Maestro, der von 2006 bis 2013 als Generalmusikdirektor die Bayerische Staatsoper prägte, kehrt damit an einen Ort zurück, an dem er bereits als junger Dirigent Furore machte. Sein interpretatorischer Ansatz, der strukturelle Klarheit mit emotionaler Tiefe verbindet, verspricht besonders in Beethovens Spätwerk wie der Missa solemnis oder der Neunten Sinfonie neue Hörerlebnisse. Naganos Fähigkeit, Orchestermusiker zu höchster Präsenz zu motivieren, bestätigen auch aktuelle Kritiken: Eine Analyse der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aus dem Jahr 2023 hebt seine „unverwechselbare Balance zwischen analytischer Präzision und sinnlicher Wucht“ hervor – eine Kombination, die für den Zyklus ideal erscheint.
Als Solisten konnten Stars gewonnen werden, deren Namen allein schon für ausverkaufte Häuser sorgen. Die Pianistin Mitsuko Uchida, deren Beethoven-Interpretationen seit Jahrzehnten Maßstäbe setzen, übernimmt die Solopartien in den Klavierkonzerten Nr. 3 und 4. Uchidas Spiel – oft als „poetisch-radikal“ beschrieben – trifft hier auf ein Orchester, das sie bestens kennt: Seit ihrem Debüt mit den Münchner Philharmonikern 1983 ist sie regelmäßiger Gast in der Stadt. Ebenfalls mit dabei: Der Cellist Jean-Guihen Queyras, dessen Einspielung von Beethovens Cellosonaten 2020 mit dem Diapason d’Or ausgezeichnet wurde. Queyras’ klangliche Vielfalt und sein mutiges Tempo-Rubato werden besonders in der Tripelkonzert-Aufführung mit der Geigerin Carolin Widmann und dem Bratschisten Antoine Tamestit erwartet.
Ein besonderes Augenmerk liegt auf den vokalen Highlights. Für die Missa solemnis und die Neunte Sinfonie konnte der Chor des Bayerischen Rundfunks gewonnen werden – ein Ensemble, das unter der Leitung von Howard Arman zu den besten Konzertchören Europas zählt. Die Solopartien in der Neunten übernehmen mit Camilla Nylund (Sopran), Gerhild Romberger (Alt), Klaus Florian Vogt (Tenor) und René Pape (Bass) vier Sänger, deren Stimmen nicht nur technisch, sondern auch dramaturgisch perfekt aufeinander abgestimmt sind. Pape etwa, dessen Beethoven-Darbietungen in Berlin und Wien regelmäßig stehende Ovationen erhalten, bringt eine Bass-Kraft mit, die selbst in den leisesten Passagen der „Ode an die Freude“ Gänsehaut garantiert.
Neuland betritt die Tonhalle mit der Einbindung junger Talente: Im Rahmen des Zyklus debütiert die 2022 mit dem ARD-Wettbewerbspreis ausgezeichnete Geigerin Maria Dueñas in Beethovens Violinkonzert. Die 24-Jährige, die bereits mit Orchestern wie den Wiener Philharmonikern auftrat, steht damit in einer Reihe mit Legends wie Anne-Sophie Mutter, die 1977 – ebenfalls im Gasteig – ihren internationalen Durchbruch feierte.
Tickets, Termine, Tipps: So sichern Sie sich den exklusiven Konzertbesuch
Die Tickets für den Beethoven-Zyklus der Tonhalle München sind seit dem 15. Oktober im Verkauf – doch wer auf einen der begehrten Plätze hofft, sollte nicht zögern. Laut einer internen Auswertung der Münchner Konzertgesellschaft waren die Vorverkaufszahlen für vergleichbare Jubiläumskonzerte in den vergangenen fünf Jahren bereits nach drei Wochen zu 80 Prozent ausgeschöpft. Besonders die Abonnements für die komplette Reihe, die alle neun Sinfonien unter der Leitung von Chefdirigent Paavo Järvi umfasst, sind heiß begehrt. Wer flexibel bleiben möchte, kann auch Einzelkarten erwerben, allerdings zu leicht erhöhten Preisen zwischen 35 und 95 Euro.
Termintechnisch lohnt sich ein genauer Blick auf den Spielplan. Die Konzerte finden zwischen dem 12. und 23. November statt, wobei die Wochenendtermine – insbesondere die Aufführung der Neunten Sinfonie am Samstag, dem 23. November – traditionell am schnellsten vergriffen sind. Wer unter der Woche Zeit hat, könnte mit den Donnerstags- oder Freitagskonzerten bessere Chancen haben. Ein Tipp für Kurzentschlossene: Die Tonhalle hält meist eine kleine Anzahl an Tickets für den Abendkassenverkauf zurück, allerdings nur gegen Barzahlung.
Für ein besonders exklusives Erlebnis bietet die Tonhalle Premium-Pakete an, die neben den besten Plätzen im Parkett auch einen Zugang zur Lounge mit Blick auf die Isar beinhalten. Diese Pakete, die ab 250 Euro pro Person beginnen, sind ausschließlich über das Patronatsbüro buchbar und umfassen zusätzlich ein Programmheft in limitierter Auflage sowie eine Einladung zur nachkonzertlichen Gesprächsrunde mit Musikern. Wer Wert auf Akustik legt, dem raten Kenner zu den Plätzen in den vorderen Reihen des ersten Ranges – hier kommt der Klang der historischen Steinway-Flügel besonders zur Geltung.
Wer keine Karte ergattern konnte, muss nicht verzweifeln. Die Tonhalle überträgt die Dritte Sinfonie („Eroica“) am 18. November live im BR-Klassik-Radio, und auf der Website wird es eine Aufzeichnung der Generalprobe geben. Ein kleiner Trost – und eine Gelegenheit, die besondere Atmosphäre des Gasteig-Saals zumindest akustisch mitzuerleben.
Nach dem Jubiläum: Was die Tonhalle für die nächsten Jahrzehnte plant
Fünfzig Jahre Gasteig markieren für die Tonhalle München nicht nur einen Rückblick, sondern vor allem einen ambitionierten Aufbruch. Mit dem Umzug in den geplanten Neubau am Werksviertel-Mitte steht das Orchester vor einer seiner größten Transformationen seit der Gründung. Die akustischen Möglichkeiten des neuen Saals – entwickelt nach aktuellen Standards der Konzertarchitektur – sollen die Klangqualität auf ein internationales Spitzenniveau heben. Studien zur Raumakustik moderner Konzerthäuser zeigen, dass gezielte Materialkombinationen und variable Wandflächen die Schallreflexion um bis zu 30 Prozent optimieren können. Für die Tonhalle bedeutet das: ein präziserer, wärmerer Klang, der sowohl dem sinfonischen Repertoire als auch kammermusikalischen Formaten gerecht wird.
Programmatisch setzt man auf eine Mischung aus Bewährtem und Experimentellem. Während die großen Zyklen – wie der aktuelle Beethoven-Marathon – fester Bestandteil bleiben, sollen künftig vermehrt crossmediale Projekte und Kooperationen mit digitalen Künstlern den Spielplan bereichern. Ein besonderer Fokus liegt auf der Nachwuchsförderung: Ab 2025 plant die Tonhalle eine eigene Akademie für junge Dirigenten und Solisten, die direkt mit dem Orchester zusammenarbeitet.
Auch das Publikum wird sich auf Veränderungen einstellen müssen. Die neuen Räumlichkeiten ermöglichen flexiblere Bestuhlungskonzepte, von klassischer Reihenanordnung bis zu loungeartigen Zonen für informellere Konzertformate. Zudem soll die digitale Präsenz ausgebaut werden: Live-Streams in 4K-Auflösung und interaktive Programmhefte gehören ebenso zur Strategie wie ein erweitertes Angebot an Workshops und Künstlergesprächen vor Ort.
Langfristig will sich die Tonhalle als kultureller Knotenpunkt in München etablieren – nicht nur musikalisch, sondern auch als Ort der Begegnung. Geplant sind regelmäßige Open-Air-Konzerte auf dem Vorplatz des Neubaus sowie Kooperationen mit lokalen Schulen und sozialen Einrichtungen, um neue Zielgruppen zu erreichen. Die Devise lautet: Tradition bewahren, ohne die Zukunft zu fürchten.
Fünfzig Jahre Gasteig sind nicht nur ein Jubiläum für die Münchner Kulturlandschaft, sondern ein lebendiges Zeugnis dafür, wie Musik Räume prägt und Generationen verbindet – und die Tonhalle München setzt mit ihrem exklusiven Beethoven-Zyklus genau dort an, wo der Gasteig einst begann: bei der radikal modernen Kraft klassischer Werke, die bis heute elektrisiert. Wer die Chance hat, sollte sich die Konzerte nicht entgehen lassen, denn selten bietet sich die Gelegenheit, Beethovens Sinfonien in dieser klanglichen Dichte und mit dem historischen Bewusstsein eines Ortes zu erleben, der selbst Musikgeschichte schreibt.
Dass der Gasteig bald ein neues Zuhause findet, macht diese Reihe umso bedeutender: Sie wird zur Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft – und beweist, dass große Kunst immer im Wandel ihre Bestimmung findet.

