Mit über 45 Staats- und Regierungschefs, 100 Ministern und 3.000 Teilnehmern aus Politik, Militär und Wirtschaft hat die 60. Münchner Sicherheitskonferenz einmal mehr ihren Status als zentraler Krisengipfel der internationalen Politik unterstrichen. Doch selten war die Stimmung angespannter: Der anhaltende Ukraine-Krieg, eskalierende Spannungen mit China und die wachsende Gefahr regionaler Konflikte wie im Nahen Osten prägten die Debatten von Anfang an. Während hinter verschlossenen Türen um Lösungsansätze gerungen wurde, zeigten die öffentlichen Reden eine tiefe Spaltung zwischen West und Ost – besonders deutlich in den scharfen Wortgefechten zwischen US-Vertretern und chinesischen Diplomaten.
Die sicherheitskonferenz münchen ist längst mehr als ein jährliches Treffen der Eliten – sie spiegelt die globalen Machtverschiebungen wider, die direkt in den Alltag der Menschen ausstrahlen. Ob Energiepreise, Lieferketten oder militärische Bedrohungsszenarien: Die hier gefällten Entscheidungen und Signale wirken sich auf die Sicherheit in Europa und darüber hinaus aus. In diesem Jahr stand nicht nur die Frage im Raum, wie der Westen auf Russlands Aggression und Chinas wachsenden Einfluss reagiert, sondern auch, ob die transatlantische Allianz in dieser multipolaren Ära noch handlungsfähig bleibt.
Die Münchner Sicherheitskonferenz: Von Kalter Krieg zu globalen Krisen
Die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) begann 1963 als kleines Treffen westlicher Verteidigungsexperten – heute ist sie das zentrale Forum für globale Sicherheitsfragen. Ursprünglich als Plattform zur Diskussion der NATO-Strategie im Kalten Krieg konzipiert, hat sich die Konferenz längst zu einem Spiegel der weltpolitischen Umbrüche gewandelt. Während in den 1980er-Jahren noch Abrüstungsverhandlungen mit der Sowjetunion im Mittelpunkt standen, dominieren heute hybride Bedrohungen, Cyberkrieg und die Erosion multilateraler Strukturen die Debatten. Die Teilnehmerliste liest sich wie ein Who’s-is-Who der internationalen Politik: Staatschefs, Militärs, Geheimdienstvertreter und Think-Tank-Analysten treffen hier aufeinander, oft hinter verschlossenen Türen.
Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht den Wandel: 1963 nahmen 60 Gäste aus acht Ländern teil, 2024 werden über 450 offizielle Delegierte aus mehr als 100 Staaten erwartet – darunter erstmals Vertreter aus Ländern wie Vietnam oder den Pazifikinseln, die vor Jahrzehnten noch keine Rolle spielten. Sicherheitsforscher verweisen darauf, dass sich die Agenda der MSC in den letzten 20 Jahren radikal erweitert hat. Standen 2004 noch der Irak-Krieg und der „Kampf gegen den Terror“ im Fokus, so prägen heute Chinas Aufstieg, Russlands aggressiver Revisionismus und die Folgen des Klimawandels für Stabilität die Diskussionen. Die Konferenz reagiert damit auf eine Welt, in der Sicherheitsrisiken längst nicht mehr nur militärisch definiert werden.
Besonders markant war der Tonwechsel nach 2014. Die Annexion der Krim durch Russland markierte einen Einschnitt: Plötzlich ging es nicht mehr um abstrakte Risikoanalysen, sondern um konkrete Kriegsgefahr in Europa. Die MSC wurde zum Ort, an dem westliche Politiker wie der damalige US-Vizepräsident Joe Biden 2015 öffentlich vor einer „neuen Ära der Konfrontation“ warnten – eine Rhetorik, die viele für überwunden gehalten hatten. Seither hat sich die Konferenz auch strukturell angepasst, mit Formaten wie dem „Munich Young Leaders“-Programm, das gezielt Nachwuchskräfte aus Konfliktregionen einbindet.
Kritiker monieren zwar, die MSC bleibe ein elitärer Club mit begrenzter Wirkung. Doch die realpolitische Bedeutung zeigt sich in Momenten wie 2022, als der ukrainische Präsident Selenskyj per Videobotschaft die versammelten Entscheidungsträger direkt ansprach – und nur Tage später die ersten schweren Waffenlieferungen an Kiew beschlossen wurden. Ob die Konferenz ihre Rolle als „Davos der Sicherheitspolitik“ behalten kann, hängt nun davon ab, ob es gelingt, nicht-westliche Perspektiven stärker zu integrieren. Denn während Europa und die USA traditionell den Ton angeben, drängen Mächte wie Indien, Brasilien oder Südafrika zunehmend auf eine Neuverhandlung der globalen Sicherheitsarchitektur.
Ukraine-Hilfe im Fokus: Westliche Einheit oder wachsende Risse?
Die Ukraine-Hilfe stand auf der Münchner Sicherheitskonferenz erneut im Zentrum der Debatten – doch während die Rhetorik der Solidarität blieb, zeigten sich hinter den Kulissen deutliche Spannungen. Westliche Staaten betonten zwar einhellig die Notwendigkeit weiterer militärischer Unterstützung für Kiew, doch die Frage wie lange und in welchem Umfang trieb die Diskussionen. Besonders die USA und einige EU-Länder warnten vor Ermüdungserscheinungen in der Bevölkerung, während osteuropäische Partner wie Polen und die baltischen Staaten auf eine unvermindert harte Linie gegen Russland drängten. Daten des Kiel-Instituts für Weltwirtschaft belegen den Rückgang: Die monatlichen westlichen Militärhilfen sanken 2023 um fast 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
In den Fluren des Bayerischen Hofs wurde klar: Die Einheit bröckelt nicht an der Prinzipienfrage, sondern an der Lastenverteilung. Während Deutschland und Frankreich auf langfristige Sicherheitsgarantien für die Ukraine pochten, blockieren Haushaltsdebatten in Washington konkrete Lieferzusagen. Ein hochrangiger NATO-Vertreter wies darauf hin, dass selbst die jüngste Zusage über 60 Milliarden Dollar aus den USA noch an politische Bedingungen geknüpft sei – ein Spiel mit der Zeit, das Moskau ausnutzen könnte.
Besonders brisant: Die wachsende Kluft zwischen den USA und Europa in der Strategie. Während Washington zunehmend auf die eigene Rüstungsindustrie setzt und europäische Partner zum Kauf amerikanischer Waffen drängt, fordern Staaten wie Frankreich eine eigenständige europäische Verteidigungspolitik. Die Münchner Konferenz machte deutlich, dass die Ukraine-Frage längst nicht mehr nur ein Test für die transatlantische Partnerschaft ist, sondern zum Lackmustest für Europas strategische Autonomie wird.
Doch nicht alle Risse verlaufen entlang des Atlantiks. Innerhalb der EU selbst zeigen sich Differenzen: Südliche Mitgliedstaaten wie Italien oder Griechenland, die unter Migrationsdruck und wirtschaftlicher Belastung leiden, signalisieren zunehmend Unmut über die Priorisierung der Ukraine-Hilfe. Ein Diplomat aus Rom brachte es auf den Punkt: „Solidarität hat Grenzen – und die werden erreicht, wenn die eigenen Bürger sie nicht mehr mittragen.“
Chinas wachsende Macht und die Suche nach neuer Sicherheitsarchitektur
Während der Ukraine-Krieg die Debatten der Münchner Sicherheitskonferenz dominierte, rückte Chinas aufstrebende globale Rolle zunehmend in den Fokus. Die Volksrepublik nutzt die geopolitischen Umbrüche, um ihre Position als alternative Ordnungsmacht zu stärken – besonders in Regionen, die sich von westlichen Allianzen distanzieren. Daten des Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) zeigen, dass China seine Rüstungsausgaben seit 2013 jährlich um durchschnittlich 5,5 % steigert, während die USA und Europa mit stagnierenden oder rückläufigen Budgets kämpfen. Diese Verschiebung unterstreicht Pekings Ambition, nicht nur wirtschaftlich, sondern auch militärisch zur zweiten Supermacht aufzusteigen.
Die Suche nach einer neuen Sicherheitsarchitektur prägte die Diskussionen hinter verschlossenen Türen. Europäische Diplomaten betonten die Notwendigkeit, Chinas Einfluss in internationalen Institutionen wie den Vereinten Nationen oder der Welthandelsorganisation (WTO) stärker zu begrenzen. Gleichzeitig warnen Asien-Experten vor einer zu konfrontativen Haltung: Eine vollständige Entkopplung von China würde die globale Wirtschaft destabilisieren, ohne die gewünschte strategische Autonomie des Westens zu erreichen.
Besonders brisant wurde die Debatte um Taiwans Status. Während die USA und ihre Verbündeten die Insel weiterhin als demokratischen Partner unterstützen, insistiert Peking auf der „Ein-China-Politik“ und erhöht den militärischen Druck. Satellitenbilder belegen eine verdoppelte Anzahl an chinesischen Kampfflugzeugen in der Nähe der taiwanesischen Luftverteidigungszone seit 2022. Diese Eskalation zwingt Europa, seine bisher vage Haltung zu präzisieren – doch eine gemeinsame Linie fehlt noch.
Die Münchner Konferenz machte deutlich: Der Westen steht vor einem Dilemma. Einerseits will man Chinas expansive Politik eindämmen, andererseits sind die wirtschaftlichen Verflechtungen zu tief. Die Lösung könnte in einer „selektiven Kooperation“ liegen – etwa bei Klimafragen oder Pandemieprävention –, während man in Sicherheitsfragen klare rote Linien zieht. Ob dieser Balanceakt gelingt, bleibt offen.
Wie Rüstungsexporte und Cyberangriffe die Debatten prägen
Die Münchner Sicherheitskonferenz wird dieses Jahr nicht nur von der Ukraine-Debatte geprägt, sondern auch von den wachsenden Spannungen um Rüstungsexporte und digitale Kriegsführung. Während die USA und europäische Staaten über neue Waffenlieferungen an Kiew verhandeln, rückt gleichzeitig die Frage in den Fokus, wie westliche Technologie in den Händen dritter Mächte – etwa im Nahen Osten oder in Asien – eingesetzt wird. Daten des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI zeigen, dass die globalen Rüstungsexporte zwischen 2019 und 2023 um 3,3 Prozent gestiegen sind, wobei Europa erstmals seit dem Kalten Krieg wieder zum Nettoexporteur von Waffen wurde.
Besonders brisant: Die Diskussion um deutsche Rüstungsexporte nach Saudi-Arabien oder in die Türkei. Kritiker warnen vor einer Erosion der eigenen Exportrichtlinien, während Befürworter auf strategische Partnerschaften verweisen. Ein hochrangiger Vertreter der Bundesregierung betonte hinter verschlossenen Türen, man stehe vor einem „Dilemma zwischen Werten und Interessen“ – eine Formulierung, die in München für hitzige Debatten sorgt.
Parallel dazu hat das Thema Cyberangriffe an Schärfe gewonnen. Die jüngsten Attacken auf kritische Infrastruktur in der Ukraine, aber auch auf westliche Regierungsnetzwerke, zeigen, wie verwundbar digitale Systeme sind. Experten verweisen auf eine Zunahme staatlich gesteuerter Hackergruppen, die gezielt Desinformation streuen oder Sabotage betreiben. Die Frage, ob und wie sich die NATO auf solche hybrid geführten Konflikte einstellen muss, durchzieht die Gespräche wie ein roter Faden.
Einig sind sich die Teilnehmer zumindest in einem Punkt: Die Grenzen zwischen konventioneller und digitaler Kriegsführung verschwimmen zusehends. Während früher über Panzer und Raketen debattiert wurde, geht es heute genauso um Algorithmen und Quantencomputer – und darum, wer die Regeln für diesen neuen Schlachtfelder setzt.
Die MSC nach 60 Jahren: Braucht die Welt ein neues Sicherheitskonzept?
Sechzig Jahre Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) – und die Welt sieht anders aus als 1963, als Ewald von Kleist die Veranstaltung ins Leben rief. Damals ging es um die Blockkonfrontation zwischen Ost und West, heute prägt ein komplexes Geflecht aus regionalen Kriegen, technologischer Umwälzung und systemischer Rivalität die Debatten. Die Frage, ob das bestehende Sicherheitsarchitektur noch trägt, durchzog die diesjährige Konferenz wie ein roter Faden. Besonders deutlich wurde das im Munich Security Report 2024, der konstatiert: Über 70 % der befragten Sicherheitsexperten halten die aktuellen multilateralen Strukturen für unzureichend, um globale Krisen wie den Ukraine-Krieg oder die Spannungen im Indopazifik einzudämmen.
Die MSC war stets ein Seismograph für geopolitische Verschiebungen. Doch während sie in den 1990ern noch als Plattform für den Dialog zwischen ehemaligen Feindstaaten diente, dominiert heute das Ringen um neue Spielregeln. Chinas Aufstieg, Russlands aggressive Revisionismus und die wachsende Fragmentierung des Westens stellen die Idee einer regelbasierten Ordnung infrage. Selbst traditionelle Partner wie die USA und Europa zeigen Risse – etwa in der Frage, wie mit aufstrebenden Mächten wie Indien oder Brasilien umzugehen ist, die sich weigern, sich klar in bestehende Blöcke einordnen zu lassen.
Kritiker monieren, die MSC selbst sei zu sehr auf westliche Perspektiven fixiert. Tatsächlich spiegeln die Teilnehmerlisten nach wie vor ein Ungleichgewicht wider: 2024 kamen nur 12 % der hochrangigen Gäste aus Afrika, Lateinamerika oder dem Nahen Osten – Regionen, die zunehmend eigene Sicherheitsinitiativen vorantreiben. Ob die Konferenz ihre Relevanz behält, hängt davon ab, ob es gelingt, diese Stimmen stärker einzubinden.
Einig war man sich in München zumindest in einem Punkt: Die Ära der unipolaren Dominanz ist vorbei. Doch was folgt, ist unklar. Die Diskussionen zeigten, dass weder eine Rückkehr zum Kalten Krieg noch ein nahtloses Übertragen alter Konzepte auf neue Konflikte funktioniert. Die MSC steht damit vor der vielleicht größten Herausforderung ihrer Geschichte – nicht nur als Forum, sondern als Katalysator für ein Sicherheitsdenken, das den Realitäten des 21. Jahrhunderts gerecht wird.
Die 60. Münchner Sicherheitskonferenz hat schonungslos offenbart, wie tief die globalen Spannungslinien zwischen dem anhaltenden Ukraine-Krieg und den wachsenden Systemkonflikten mit China bereits verlaufen – nicht als abstrakte Bedrohungsszenarien, sondern als konkrete Herausforderungen für Sicherheitspolitik, Wirtschaft und internationale Allianzen. Während die Debatten zeigten, dass Europa seine strategische Autonomie beschleunigt ausbauen muss, bleibt die drängende Frage, ob die transatlantische Zusammenarbeit diesem Tempo folgen kann oder ob neue Bruchlinien die Handlungsfähigkeit lähmen.
Für die kommenden Monate bedeutet das: Prioritäten setzen, ohne andere Krisenherde aus dem Blick zu verlieren – etwa durch gezielte Rüstungsinvestitionen in Europa, eine klarere China-Strategie der NATO und den Aufbau resilienter Lieferketten, die nicht von geopolitischen Erpressungen abhängen. Wer jetzt zögert, riskiert, in einer Welt der blockbildenden Mächte zum Spielball statt zum Gestalter zu werden.
Die nächste Sicherheitskonferenz wird nicht mehr über ob, sondern nur noch über wie die Neuordnung der globalen Sicherheit aussehen wird – und wer sie dominiert.

