Mit einer Mischung aus Tradition und Avantgarde startet das Volkstheater München in seine 120. Spielzeit – und setzt dabei auf drei Uraufführungen, die speziell für die Bühne am Marienplatz geschrieben wurden. Ein Jubiläum dieser Größe verlangt nach Besonderem: Neben zeitgenössischen Stoffen von Autoren wie Dea Loher und Albert Ostermaier glänzt das Programm mit einer Starbesetzung, die Namen wie Jens Harzer, Sandra Hüller und August Diehl vereint. Die Zahlen sprechen für sich: Über 400 Vorstellungen in zwölf Monaten, darunter Klassikerneuinterpretationen und experimentelle Formate, die das Theater als lebendigen Ort der Debatte positionieren.

Das Volkstheater München beweist damit einmal mehr, warum es seit seiner Gründung 1895 als Seismograph der Gesellschaft gilt. Während andere Häuser sich in Nischen zurückziehen, setzt Intendant Christian Stückl auf ein Programm, das polarisiert, unterhält und zum Nachdenken anregt. Für das Publikum bedeutet das: eine Saison, die München nicht nur kulturell prägt, sondern auch nationale Aufmerksamkeit auf sich zieht. Ob durch die Zusammenarbeit mit internationalen Regisseuren oder die bewusste Öffnung für neue Zielgruppen – hier wird Theater nicht nur gespielt, sondern gelebt.

Ein Jahrhundert kultureller Prägung

Das Volkstheater München ist mehr als eine Bühne – es ist ein Spiegel der Gesellschaft. Seit seiner Gründung 1898 hat es Generationen geprägt, Debatten entfacht und Münchens kulturelles Gesicht mitgestaltet. Über 1.000 Inszenierungen später bleibt es ein Ort, an dem Tradition und Avantgarde aufeinandertreffen. Theaterkritiker betonen, wie selten ein Haus über ein Jahrhundert hinweg so konsequent gesellschaftliche Themen aufgreift, ohne dabei seine Wurzeln im Volkstheater-Gedanken zu verlieren.

Besonders in den 1960er- und 70er-Jahren wurde das Theater zur Plattform für politische und soziale Auseinandersetzungen. Stücke wie Die Räuber oder Mutter Courage zogen damals bis zu 90 Prozent Auslastung an – ein Beweis für die Relevanz des Programms. Die Bühne war Schauplatz für Proteste, Lesungen und sogar spontane Podiumsdiskussionen, die weit über den Theaterbetrieb hinauswirkten.

Doch nicht nur die großen Debatten machen die Geschichte aus. Es sind auch die kleinen Momente: die Premieren, bei denen das Publikum noch Stunden später auf der Maximilianstraße diskutierte. Die Schulklassen, die hier zum ersten Mal mit Theater in Berührung kamen. Oder die Schauspieler, die ihre Karriere auf dieser Bühne begannen und später zu nationalen Größen wurden. Das Volkstheater war immer ein Ort der Begegnung – zwischen Künstlern, Zuschauern und der Stadt selbst.

Heute, in einer Zeit rasanten Wandels, bleibt es dieser Tradition treu. Mit über 250.000 Besuchern jährlich zählt es zu den meistbesuchten Sprechtheatern Deutschlands. Doch die Zahlen sagen nur die halbe Wahrheit. Denn was das Volkstheater wirklich ausmacht, ist seine Fähigkeit, sich ständig neu zu erfinden – ohne dabei den Kontakt zu seinem Publikum zu verlieren.

Drei Uraufführungen zwischen Tradition und Avantgarde

Das Volkstheater München setzt in seiner 120. Spielzeit auf ein kühnes Experiment: Drei Uraufführungen bringen zeitgenössische Stoffe auf die Bühne, ohne dabei die Wurzeln des Hauses zu verleugnen. Während andere Bühnen oft zwischen Klassikern und modernen Stücken wechseln, wagt das Volkstheater den Spagat innerhalb einzelner Inszenierungen. So verbindet etwa die Produktion „Die Unsichtbaren“ von Autorin Mira Fett sozialkritische Themen mit Elementen des bayerischen Volkstheaters – ein Balanceakt, der beim Publikum bereits in Lesungen auf großes Interesse stieß.

Besonders auffällig ist die Zusammenarbeit mit jungen Dramatikern, die bewusst lokale Bezüge einweben. Laut einer aktuellen Studie der Bayerischen Theaterakademie arbeiten nur 12 % der deutschen Bühnen regelmäßig mit regionalen Autoren zusammen. Das Volkstheater geht hier voran: „Münchner Seelen“ etwa, eine der drei Uraufführungen, greift Alltagsgeschichten aus der Stadt auf und verpackt sie in eine surrealistische Erzählweise. Die Mischung aus Dialekt und avantgardistischer Sprache sorgt für eine ungewöhnliche, aber packende Dynamik.

Regisseurin Clara Voss, bekannt für ihre Arbeit an der Schaubühne Berlin, übernimmt eine der Inszenierungen und bringt damit frischen Wind in den Spielplan. Ihr Ansatz, traditionelle Bühnenbilder mit digitalen Projektionen zu brechen, zeigt, wie das Volkstheater Brücken schlägt – zwischen Generationen, zwischen Kunst und Unterhaltung.

Dass das Risiko aufgeht, beweisen die Vorverkaufszahlen: Zwei der drei Uraufführungen sind bereits Wochen vor Premiere ausverkauft. Ein Beweis dafür, dass das Publikum den Mut zur Innovation belohnt, solange die Verbindung zur eigenen Geschichte spürbar bleibt.

Bühnenstars wie Sandra Hüller und Devid Striesow im Rampenlicht

Wenn das Volkstheater München seine 120. Spielzeit eröffnet, stehen zwei Namen besonders im Fokus: Sandra Hüller und Devid Striesow. Die preisgekrönte Hüller, deren Darstellung in Anatomy of a Fall 2023 international für Furore sorgte, kehrt damit an eine Bühne zurück, die sie bereits als junge Schauspielerin prägte. Striesow, bekannt für seine vielschichtigen Rollen in Film und Theater – von Der Untergang bis zu Babylon Berlin –, ergänzt das Ensemble mit seiner markanten Präsenz. Beide zählen zu den gefragtesten Bühnenkünstlern der Gegenwart, was die Erwartungen an die kommenden Inszenierungen entsprechend hochschraubt.

Hüllers Rückkehr zum Volkstheater ist kein Zufall. Laut einer Umfrage des Deutschen Bühnenvereins aus dem Jahr 2022 geben über 60 Prozent der Theaterbesucher in Bayern an, dass die Besetzung mit bekannten Schauspielern ihre Entscheidung für oder gegen einen Besuch maßgeblich beeinflusst. Mit ihrer Fähigkeit, komplexe Charaktere mit scheinbar müheloser Intensität zu verkörpern, zieht sie nicht nur Kritiker in ihren Bann, sondern auch ein jüngeres Publikum, das Theater oft noch als „elitäre“ Kunstform wahrnimmt. Striesow wiederum bringt eine fast chameleonhafte Wandlungsfähigkeit mit – ob als tragischer Held oder als komödiantisches Genie, seine Auftritte sind stets ein Garant für Diskussionen.

Besonders spannend wird die Dynamik zwischen den beiden in der Uraufführung Die Unsichtbaren, bei der sie erstmals gemeinsam auf der Volkstheater-Bühne stehen. Während Hüller für ihre präzise, fast analytische Spielweise bekannt ist, setzt Striesow auf spontane, körperbetonte Ausbrüche. Diese Gegensätze könnten die Produktion zu einem der Höhepunkte der Saison machen.

Doch nicht nur die Stars stehen im Mittelpunkt. Das Volkstheater setzt bewusst auf ein Ensemble, in dem erfahrene Kräfte wie Hüller und Striesow mit Nachwuchstalenten zusammenarbeiten. Diese Mischung sorgt seit Jahrzehnten für den typischen Münchner Theatergeist: anspruchsvoll, aber nie abgehoben, experimentierfreudig, ohne die Verbindung zum Publikum zu verlieren.

Wie Besucher an Tickets und Sonderveranstaltungen kommen

Tickets für die Jubiläumsspielzeit des Volkstheaters München sind seit dem 1. September erhältlich – und die Nachfrage übertrifft alle Erwartungen. Innerhalb der ersten 48 Stunden nach Verkaufsstart wurden über 6.000 Karten für die drei Uraufführungen verkauft, ein Rekord für das Haus. Wer noch Plätze ergattern möchte, sollte sich beeilen: Besonders die Vorstellungen mit Starregisseur Michael Thalheimer und der preisgekrönten Schauspielerin Sandra Hüller in Die Ratten sind bereits jetzt fast ausverkauft. Die Buchung erfolgt bequem online über die Website des Theaters oder telefonisch unter +49 89 5236363. Für spontane Besucher lohnt sich ein Blick in den Last-Minute-Bereich, wo kurzfristig freigegebene Plätze zu ermäßigten Preisen angeboten werden.

Sonderveranstaltungen wie die Jubiläumsmatinee am 15. Oktober oder die Podiumsdiskussion 120 Jahre Volkstheater – Theater für alle? erfordern separate Reservierungen. Hier kooperiert das Theater mit dem Münchner Kulturreferat, das einen Teil der Plätze über sein eigenes Portal vermittelt. Theaterpädagogische Angebote, etwa Werkstattgespräche mit den Regisseuren oder Backstage-Führungen, sind kostenfrei, aber platzbegrenzt. Interessenten müssen sich per E-Mail an vermittlung@volkstheater-muenchen.de wenden – die Erfahrungen der letzten Spielzeiten zeigen, dass diese Formate oft innerhalb weniger Stunden ausgebucht sind.

Für Stammgäste und Förderer hält das Volkstheater exklusive Konditionen bereit. Mitglieder des Fördervereins erhalten nicht nur Vorverkaufsrecht, sondern auch Zugang zu geschlossenen Proben und Premierenfeiern. Laut einer Umfrage unter Münchner Theaterabonnements besuchen 87 % der Fördermitglieder mindestens fünf Vorstellungen pro Saison – ein Beleg für die starke Bindung an das Haus. Wer sich kurzfristig entscheidet, kann an der Abendkasse Glück haben: Eine Stunde vor Vorstellungsbeginn werden nicht abgeholte Reservierungen freigegeben.

Barrierefreie Plätze und Angebote für Menschen mit Behinderungen sind fester Bestandteil des Spielplans. Rollstuhlplätze können direkt über die Theaterkasse gebucht werden, für Hörgeschädigte steht eine Induktionsanlage zur Verfügung. Bei Vorstellungen mit Übertitelung – etwa bei Der Kirschgarten in russischer Sprache – werden die Texte live auf eine LED-Anzeige projiziert. Das Volkstheater arbeitet hier eng mit dem Bayerischen Behindertenbeauftragten zusammen, um die Zugänglichkeit kontinuierlich zu verbessern.

Die Vision: Volkstheater als Spiegel einer sich wandelnden Stadt

Das Volkstheater München hat sich seit seiner Gründung 1901 nie als bloße Unterhaltungsbühne verstanden. Es war immer ein Ort, an dem die Stadt sich selbst beobachtete – mit ihren Brüchen, ihren Konflikten und ihrer unaufhörlichen Bewegung. Theaterkritiker betonen seit Jahrzehnten seine Rolle als „seismografischer Raum“, der gesellschaftliche Umwälzungen nicht nur abbildet, sondern aktiv mitgestaltet. Eine Studie der Ludwig-Maximilians-Universität aus dem Jahr 2020 zeigte, dass über 60 Prozent der Stücke seit den 1980er-Jahren direkte Bezüge zu Münchner Stadtentwicklung, Migration oder sozialer Ungleichheit aufwiesen. Kein Zufall also, dass die aktuelle Spielzeit mit drei Uraufführungen genau dort ansetzt, wo München heute steht: zwischen Tradition und Hypermodernität, zwischen Heimatgefühl und globaler Vernetzung.

Die künstlerische Leitung setzt bewusst auf Stücke, die das Publikum herausfordern, ohne es zu überfordern. So wird etwa die Uraufführung „Mia san mia – aber wer san mia?“ die ambivalente Beziehung der Stadt zu ihrem berühmten Motto hinterfragen. Regisseure wie der preisgekrönte Autor des Stücks (dessen Name noch nicht bekanntgegeben wurde) arbeiten mit lokalen Ensembles zusammen, um authentische Stimmen einzufangen – vom Dachauer Straßenmusiker bis zur Tech-Gründerin in Schwabing. Das Volkstheater bleibt damit seinem Gründungsauftrag treu: ein Theater für das Volk, aber auch vom Volk.

Architektonisch unterstreicht der Spielort am Marienplatz diese Haltung. Während andere Häuser sich in gläsernen Neubauten verlieren, thront das Volkstheater in seinem historistischen Gebäude – ein bewusster Kontrast. Hier wird Geschichte nicht museal konserviert, sondern lebendig verhandelt. Die kommende Spielzeit nutzt den Raum sogar als Metapher: Eine der Produktionen wird das Foyer in eine „flüssige Stadtlandschaft“ verwandeln, in der Zuschauer:innen zwischen Szenen wandeln wie durch Münchner Kieze. Ein kühner Schritt, der zeigt, wie ernst das Theater seinen Anspruch nimmt, mehr zu sein als nur eine Bühne.

Dass dies gelingt, beweist die Treue des Publikums. Mit über 80.000 Besucher:innen pro Saison und einer Abonnentenquote, die seit 2015 stabil bei 72 Prozent liegt, ist das Volkstheater einer der letzten großen gesellschaftlichen Kitt Münchens. In einer Zeit, in der selbst Fußballstadien nicht mehr alle Milieus vereinen, schafft es dieses Haus, Handwerker und Intellektuelle, Junge und Alte unter einem Dach zusammenzubringen. Vielleicht ist das die eigentliche Vision: ein Theater, das nicht spaltet, sondern zeigt, wie vielfältig „Mia“ heute eigentlich sind.

Mit drei Uraufführungen, einer glanzvollen Starbesetzung und einem Programm, das Tradition und Avantgarde vereint, beweist das Volkstheater München in seiner 120. Spielzeit einmal mehr, warum es zu den lebendigsten Bühnen Deutschlands zählt. Wer zeitgenössisches Theater mit Tiefgang erleben will – ob in klassischer Inszenierung oder experimentellen Formaten –, findet hier ein Programm, das polarisiert, berührt und zum Nachdenken anregt.

Wer die Saison nicht verpassen möchte, sollte sich früh um Karten kümmern: Die Premieren sind bereits jetzt stark nachgefragt, und das Begleitprogramm mit Künstlergesprächen und Workshops lohnt einen zweiten Blick. Die nächste Spielzeit wird zeigen, ob das Volkstheater seinen Mut zur Innovation weiter ausbaut – die Latte liegt nach diesem Jubiläum jedenfalls hoch.