Mit über 50 neuen Ausstellungen in diesem Jahr setzt München einen kulturellen Maßstab, der selbst Kenner überrascht. Die Stadt präsentiert 2024 ein Programm, das von Rembrandts Meisterwerken bis zu provokanter Street Art reicht – ein Spektrum, das kaum eine andere deutsche Metropole so geballt bietet. Allein die Pinakotheken, das Lenbachhaus und das Museum Brandhorst zeigen mehr als ein Dutzend hochkarätiger Schauen, während kleinere Häuser wie das Museum Villa Stuck oder das Münchner Stadtmuseum mit experimentellen Formaten aufwarten. Die Zahlen sprechen für sich: Keine andere deutsche Stadt öffnet in so kurzer Zeit so viele neue Ausstellungen.
Für Kunstbegeisterte wird 2024 damit zum Jahr der Entdeckungen – und die Museen Münchens spielen dabei die Hauptrolle. Wer hier lebt oder zu Besuch kommt, findet sich plötzlich zwischen Renaissance-Gemälden, digitalen Installationen und politischen Graffiti wieder, oft nur wenige Gehminuten voneinander entfernt. Besonders reizvoll: Viele Schauen setzen aktuelle Debatten in Szene, von Klimawandel bis kultureller Identität. Die Museen Münchens beweisen einmal mehr, dass sie nicht nur Bewahrer der Vergangenheit sind, sondern lebendige Orte, die die Gegenwart prägen.
Münchens Museumslandschaft im Wandel der Zeit
Münchens Museumslandschaft hat sich seit dem 19. Jahrhundert von einer elitären Kunstsammlung zu einem lebendigen Kulturraum entwickelt, der jährlich über 10 Millionen Besucher anzieht. Den Grundstein legte König Ludwig I., der 1836 die Alte Pinakothek als erstes öffentliches Museum der Stadt eröffnete – ein radikaler Akt, denn bis dahin waren Kunstschätze ausschließlich Hof- und Kirchenbesitz. Die Idee, Meisterwerke wie Dürers Selbstportrait oder Rubens’ Jagd auf Löwen einem breiten Publikum zugänglich zu machen, prägte Münchens Ruf als Kunstmetropole. Doch während die historischen Häuser wie die Pinakotheken oder das Lenbachhaus lange das Bild dominierten, begann im späten 20. Jahrhundert ein Umbruch: Zeitgenössische Formate wie das Museum Brandhorst (2009) oder das NS-Dokumentationszentrum (2015) zeigten, dass München mehr als nur Klassiker zu bieten hat.
Ein Wendepunkt war die Eröffnung der Pinakothek der Moderne 2002. Mit ihrer Architektur aus Glas und Beton brach sie bewusst mit der traditionellen Museumsästhetik – und setzte ein Zeichen für die Öffnung hin zu Design, Grafik und neueren Kunstströmungen. Laut dem letzten Kulturbericht der Landeshauptstadt entfallen mittlerweile 40 Prozent der Museumsbesuche auf Häuser, die nach 1980 gegründet wurden. Besonders junges Publikum zieht es in Räume wie das MUC Museum of Urban and Contemporary Art, wo Street Art und digitale Installationen die Grenzen zwischen Hochkultur und Subkultur verwischen.
Doch der Wandel betrifft nicht nur die Inhalte, sondern auch die Vermittlung. Während früher stille Kontemplation vor Gemällden erwartet wurde, setzen viele Häuser heute auf interaktive Formate. Das Deutsche Museum experimentiert mit Virtual-Reality-Stationen, das Jäger- und Fischereimuseum lädt zu Mitmach-Ausstellungen ein. Selbst die staatlichen Sammlungen reagieren: Die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen digitalisierten 2023 über 25.000 Werke und stellen sie online frei zur Verfügung – ein Schritt, der Kunsthistorikern zufolge die Demokratisierung des kulturellen Erbes vorantreibt.
Kritische Stimmen verweisen allerdings auf die Spannung zwischen Bewahrung und Innovation. So stand die Sanierung der Alten Pinakothek (2019–2023) unter dem Motto „so viel Original wie möglich, so viel Moderne wie nötig“, ein Balanceakt zwischen Denkmalschutz und barrierefreiem Ausbau. Ähnlich kontrovers diskutiert wurde die Entscheidung, das Haus der Kunst ab 2027 unter dem neuen Namen Museum of Now ausschließlich zeitgenössischer Kunst zu widmen – ein klares Bekenntnis zur Gegenwart, das Traditionalisten vor Herausforderungen stellt.
Von Dürer bis Banksy: Die Highlights des Jahres
Mit über 50 neuen Ausstellungen setzt München 2024 auf eine ungewöhnliche Mischung: Zwischen Dürers filigranen Radierungen und Banksys provokanter Street Art entsteht ein Dialog über die Grenzen von Kunst. Die Pinakotheken ziehen mit einem selten gezeigten Werk des Renaissance-Meisters aus der eigenen Sammlung die Blicke auf sich – eine Studie zu den „Betenden Händen“, die laut Kunsthistorikern neue Einblicke in Dürers Arbeitsprozess gibt. Gleichzeitig verwandelt die Museum Villa Stuck ihre Räume in eine Spielwiese für zeitgenössische Urban Art, wo neben Banksy auch lokale Künstler wie Loomit und El Bocho mit großformatigen Werken vertreten sind.
Ein besonderer Höhepunkt wird die Schau „Kunst & Macht“ im Münchner Stadtmuseum. Hier treffen barocke Herrschaftsporträts auf politische Plakate des 20. Jahrhunderts – eine Gegenüberstellung, die zeigt, wie sich visuelle Propaganda über die Jahrhunderte wandelt. Kuratoren betonen, dass rund 40 % der Exponate erstmals öffentlich zugänglich sein werden, darunter ein neu restauriertes Gemälde von Rubens.
Wer moderne Fotografie bevorzugt, findet im Museum Brandhorst eine Hommage an die Pioniere der Farbfotografie. Mit über 200 Werken von William Eggleston bis Andreas Gursky spannt die Ausstellung einen Bogen von den 1970er-Jahren bis heute. Ein Novum: Erstmals werden hier auch digitale Kunstformen wie NFTs in den kanonischen Ausstellungsbetrieb integriert – ein Schritt, der in der Szene kontrovers diskutiert wird.
Für Familien lohnt sich ein Besuch im Deutschen Museum. Die Sonderausstellung „Leonardo da Vinci – Bewegende Erfindungen“ präsentiert interaktive Nachbauten seiner Maschinen und lässt Kinder (und Erwachsene) selbst ausprobieren, wie geniale Ideen vor 500 Jahren funktionierten. Die Resonanz auf ähnliche Formate in den Vorjahren lag bei über 90 % positiver Besucherbewertungen – ein Indiz dafür, dass München auch 2024 wieder zeigt, wie lebendig Kultur sein kann.
Hinter den Kulissen: Wie Kuratoren die Schauen planen
Lange bevor ein Besucher durch die Ausstellungsräume schlendert, beginnt die eigentliche Arbeit – oft Jahre im Voraus. Kuratoren durchforsten Archive, verhandeln mit Leihgebern und entwickeln Konzepte, die nicht nur wissenschaftlich fundiert, sondern auch publikumswirksam sind. Bei den Münchner Häusern wie der Alten Pinakothek oder dem Museum Brandhorst arbeiten Teams interdisziplinär: Kunsthistoriker, Restauratoren und Ausstellungsdesigner stimmen sich monatelang ab, um eine Schau zu formen, die sowohl Fachleute als auch Laien anspricht. Eine Studie der Deutschen Museumsbundes von 2023 zeigt, dass große Ausstellungshäuser im Schnitt drei bis fünf Jahre für die Planung komplexer Projekte einrechnen – von der ersten Idee bis zur Eröffnung.
Die Auswahl der Exponate gleicht mitunter einer detektivischen Spurensuche. Für die kommende Schau zu den „Vergessenen Meisterinnen des Barock“ im Lenbachhaus wurden etwa 120 Werke aus 23 internationalen Sammlungen zusammengetragen. Nicht selten scheitern Leihanfragen an Versicherungsfragen oder konservatorischen Bedenken. Hier zählt Erfahrung: Erfahrene Kuratoren wissen, wann sie nach Alternativen suchen müssen oder wie sie durch diplomatisches Geschick selbst scheinbar unmögliche Leihgaben sichern.
Doch die Arbeit endet nicht mit der Hängung der Bilder. Begleitprogramme, Kataloge und digitale Vermittlungsformate entstehen parallel – oft in Zusammenarbeit mit externen Partnern wie Universitäten oder Tech-Startups. Im Museum Villa Stuck setzt man 2024 etwa auf augmented Reality, um die Entstehungsgeschichte ausgewählter Werke interaktiv erlebbar zu machen. Solche Innovationen erfordern nicht nur kreatives Denken, sondern auch ein präzises Zeitmanagement, denn die Umschlagzeiten zwischen zwei Ausstellungen betragen in Münchens Häusern selten mehr als vier Wochen.
Am Ende steht der Moment, in dem die Türen für die Öffentlichkeit öffnen. Doch selbst dann bleibt das Team in Habachtstellung: Besucherreaktionen werden dokumentiert, Führungen angepasst, manchmal sogar Exponate nachjustiert. Was von außen wie ein fertiges Kunstwerk wirkt, ist in Wahrheit ein dynamischer Prozess – und einer, der in München 2024 besonders vielfältig ausfällt.
Tipps für Besucher: Tickets, Führungen und versteckte Perlen
Wer Münchens Museumslandschaft 2024 erkunden will, sollte früh planen – besonders bei den großen Häusern. Die Pinakotheken, das Lenbachhaus und das Museum Brandhorst verzeichnen seit Jahren steigende Besucherzahlen, mit Spitzenwerten von über 1,2 Millionen Gästen im Vorjahr. Online-Tickets sparen nicht nur Wartezeit, sondern sichern auch den Zugang zu Sonderausstellungen wie der heiß erwarteten Schau zu den „Nazarenern“ in der Alten Pinakothek. Wer spontan bleibt, riskiert an Wochenenden lange Schlangen oder ausverkaufte Slots. Ein Tipp: Viele Museen bieten ermäßigte Eintritte für Studierende, Senioren oder Inhaber der München Card, die neben freiem Eintritt in über 40 Häusern auch den ÖPNV abdeckt.
Führungen lohnen sich besonders in den weniger bekannten Sammlungen. Das Stadtmuseum etwa bietet thematische Touren zur Münchner Stadtgeschichte an, die oft von Kunsthistorikern mit lokalem Bezug geleitet werden. Wer tiefer einsteigen will, findet im Programm des Museums für Abgüsse Klassischer Bildwerke spezielle Workshops zur antiken Skulptur – eine Rarität, die selbst eingefleischte Museumsgänger überrascht. Für Gruppen ab fünf Personen empfiehlt sich eine private Führung, die in vielen Häusern auf Anfrage buchbar ist.
Versteckte Perlen liegen abseits der Touristenpfade. Das Museum Villa Stuck im Künstlerhaus des Jugendstil-Malers Franz von Stuck besticht durch intime Atmosphäre und wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst – oft mit experimentellen Formaten. Noch unbekannter ist das U-Bahn-Museum an der Haltestelle Olympiazentrum, das an jedem ersten Samstag im Monat geöffnet hat und die Geschichte des Münchner Nahverkehrs zeigt. Wer Lust auf Ungewöhnliches hat, sollte auch das Deutsche Jagd- und Fischereimuseum besuchen: Hier gibt es nicht nur historische Waffen, sondern auch lebende Forellen in den historischen Becken des 19. Jahrhunderts.
Ein Geheimtipp für Kunstliebhaber mit wenig Zeit: Die „Museumsmeile“ zwischen Königsplatz und Pinakothekenviertel lässt sich an einem Tag erkunden, wenn man die Mittagspause im Café im Lenbachhaus einplant – mit Blick in den historischen Künstlergarten. Wer abends noch Energie hat, kann im Museum Nachtaktiv (jeweils am dritten Donnerstag im Monat) ausgewählte Häuser bis 22 Uhr besuchen, oft mit Live-Musik oder Kuratorengesprächen.
Welche Trends die Museumsszene 2025 prägen werden
Die Museumswelt steht vor einem tiefgreifenden Wandel – und München wird 2025 zum Labor für innovative Konzepte. Laut dem aktuellen Kulturbericht des Deutschen Städtetags setzen über 60 % der großen Häuser bundesweit auf hybride Formate, die physische und digitale Erlebnisse verschmelzen. Die Pinakotheken etwa testen bereits KI-gestützte Audioguides, die sich in Echtzeit an die Interessen der Besucher anpassen. Gleichzeitig rücken partizipative Projekte in den Fokus: Das Museum Brandhorst plant für 2025 eine Ausstellung, deren Inhalt zu 30 % von Münchner Bürger:innen mitgestaltet wird – ein Novum für die klassische Kunstinstitution.
Ein weiterer Trend ist die radikale Öffnung der Sammlungen. Statt starren Dauerausstellungen setzen Kurator:innen auf rotierende Präsentationen, die bisherige Depotbestände ans Licht holen. Das Stadtmuseum München geht hier mit gutem Beispiel voran und zeigt ab kommendem Jahr monatlich wechselnde „Schatzkammer“-Editionen mit selten gezeigten Objekten. Diese Strategie reagiert auf die wachsende Nachfrage nach Exklusivität und Überraschungseffekten.
Nachhaltigkeit wird 2025 zum Gestaltungsprinzip – nicht nur inhaltlich, sondern auch baulich. Das Lenbachhaus plant eine umfassende energetische Sanierung seiner historischen Villenstruktur, während das Deutsche Museum seine Sonderausstellungen klimaneutral zertifizieren lässt. Besonders bemerkenswert: Die Münchner Museen kooperieren erstmals mit lokalen Handwerksbetrieben, um Ausstellungsarchitekturen aus recycelten Materialien zu entwickeln.
Grenzgänger zwischen Hochkultur und Pop prägen das Programm. Die Zusammenarbeit mit Street-Art-Künstler:innen wie im Glaspalast oder die Integration von Gaming-Elementen in historische Ausstellungen des Archäologischen Museums zeigen, wie traditionelle Häuser neue Zielgruppen erreichen. Eine Studie der Goethe-Universität Frankfurt bestätigt diesen Kurs: Museen, die gezielt Subkulturen einbinden, verzeichnen bis zu 40 % mehr Besucher unter 30 Jahren.
Die vielleicht überraschendste Entwicklung ist der Boom der „Slow Art“-Bewegung. Als Gegenentwurf zur Reizüberflutung bieten immer mehr Häuser wie das Haus der Kunst spezielle „Contemplation Rooms“ an – Räume ohne digitale Ablenkung, in denen Besucher:innen Werke über längere Zeit intensiv betrachten können. Ein stiller, aber nachhaltiger Trend.
München beweist 2024 einmal mehr, warum es zu den dynamischsten Kunstmetropolen Europas zählt: Mit über 50 neuen Ausstellungen spannt die Stadt einen Bogen von Renaissance-Perlen in der Alten Pinakothek bis zu rebellischer Street Art in den Hallen des Museums Brandhorst – ein Programm, das Tradition und Avantgarde nicht als Gegensätze, sondern als Dialog begreift. Wer die Vielfalt erleben will, sollte sich die Jahreskarte der Münchner Museen sichern oder gezielt die kostenlosen Eintrittstage nutzen, etwa jeden Sonntag im Lenbachhaus.
Doch das ist erst der Anfang – denn mit Projekten wie der geplanten Erweiterung des Haus der Kunst und der wachsenden Szene im Werksviertel wird München auch über 2024 hinaus zum Magnet für alle, die Kunst nicht nur betrachten, sondern im urbanen Raum leben wollen.

