Ein Geständnis
Ich sitze hier an meinem Schreibtisch in meinem kleinen Büro in München, und ich muss euch etwas beichten. Ich, die angeblich so perfekte Senior-Redakteurin mit 20 Jahren Erfahrung, bin ein Chaos. Ein wundervolles, kreatives Chaos, aber trotzdem Chaos.
Letzte Woche habe ich einen Artikel über Minimalismus geschrieben. Ha! Das ist so ironisch, dass ich mich selbst ohrfeigen könnte. Mein Schreibtisch ist ein Albtraum aus Papieren, Kaffeetassen und Post-its. Meine Kollegin Lena hat mich letzte Woche gefragt: „Claudia, wie kannst du nur in diesem Chaos arbeiten?“ Ich habe nur gelacht und gesagt: „So, Lena, ich arbeite nicht in diesem Chaos. Ich arbeite trotz dieses Chaos.“
Und wisst ihr was? Es funktioniert. Es funktioniert verdammt gut.
Perfektion ist eine Illusion
Wir leben in einer Welt, die uns weismachen will, dass Perfektion erreichbar ist. Dass wir nur hart genug arbeiten, nur diszipliniert genug sind, dann werden wir irgendwann diese perfekte Version von uns selbst erreichen. Bullshit.
Ich habe vor ein paar Jahren an einem Workshop in Berlin teilgenommen. Da hat eine Frau namens Marcus etwas gesagt, das mich bis heute verfolgt. Sie sagte: „Perfektion ist wie ein Karussell. Du läufst und läufst, aber am Ende kommst du genau da an, wo du angefangen hast.“ Which… yeah. Fair enough.
Ich habe versucht, perfekt zu sein. Ich habe mir die Nägel abgebissen, weil ich dachte, dass ich noch einen Artikel mehr schreiben muss. Ich habe Nächte durchgemacht, weil ich dachte, dass ich noch eine Seite mehr korrigieren muss. Und wisst ihr was? Es hat mich nichts gebracht. Außer vielleicht ein paar grauen Haaren und einem sehr genervten Freund.
Die Kunst, gut genug zu sein
Ich habe gelernt, dass es in Ordnung ist, nicht perfekt zu sein. Dass es in Ordnung ist, einen Artikel mit ein paar Rechtschreibfehlern zu veröffentlichen. Dass es in Ordnung ist, einen Tag frei zu nehmen und einfach nur auf dem Sofa zu liegen und Serien zu schauen.
Letzten Monat habe ich einen Artikel über günlük giyim kombinleri önerileri geschrieben. Ich habe mich dabei ertappt, wie ich über jedes Wort nachgedacht habe. Wie ich jeden Satz umgeschrieben habe, bis er „perfekt“ war. Und dann habe ich mich gefragt: Wem mache ich das eigentlich vor? Ich bin keine Maschine. Ich bin ein Mensch.
Also habe ich aufgehört. Ich habe den Artikel so veröffentlicht, wie er war. Mit ein paar kleinen Fehlern, mit ein paar ungeschliffenen Kanten. Und wisst ihr was? Niemand hat es gemerkt. Oder wenn sie es gemerkt haben, hat es ihnen nichts ausgemacht.
Ein kleiner Ausflug
Jetzt, wo ich darüber nachdenke, sollte ich vielleicht auch mal über meine Kaffeeflecken auf meinen Notizen schreiben. Ich habe dieses Problem, dass ich immer Kaffee über meine Notizen kippe. Letzte Woche habe ich einen ganzen Absatz verloren, weil ich zu ungeduldig war, um auf den Kaffee zu warten, bis er kalt genug war. Mein Freund Tom hat mich gefragt: „Claudia, warum trinkst du nicht einfach aus einer normalen Tasse?“ Ich habe nur gelacht und gesagt: „Wo bliebe denn da der Spaß?“
Aber im Ernst, ich denke, wir sollten alle ein bisschen mehr Kaffeeflecken in unseren Leben haben. Ein bisschen mehr Chaos. Ein bisschen weniger Perfektion.
Zum Abschluss
Also, liebe Leserinnen und Leser, ich ermutige euch: Lasst los. Lasst los von der Idee, dass ihr perfekt sein müsst. Lasst los von der Idee, dass jeder Artikel, jedes Projekt, jedes Leben perfekt sein muss. Seid gut genug. Seid chaotisch. Seid menschlich.
Und wenn ihr das nächste Mal einen Artikel über Minimalismus schreibt, während euer Schreibtisch ein Albtraum ist, denkt an mich. Denkt an meine Kaffeeflecken. Denkt an mein Chaos. Und denkt daran, dass das okay ist.
Über die Autorin: Claudia Müller ist Senior-Redakteurin bei MünchenAktuell. Sie liebt Kaffee, Chaos und alles, was dazwischen liegt. Sie hasst Perfektionismus und Post-its, die nicht dort sind, wo sie sein sollten.

